05.08.1985

Gift-Wein macht die Handelswege sichtbar

„Das strengste Weingesetz der Welt“ verheißt Österreichs Kanzler Sinowatz, ein Reinheitsgebot für deutschen Wein wird hierzulande gefordert. Vorerst sind Staatsanwälte und Labors noch damit beschäftigt, den Wein-Skandal ganz aufzudecken. Mancher verbotene Handelsweg im Wein-Geschäft wird nun sichtbar. *
Der Autor Kuno Pieroth aus Burg Layen an der Nahe schrieb ein Buch über die "wahre Weinkultur". Als Deutschlands führendem Weinhändler geriet Pieroth die Weinkultur eher zur Ware: In der unendlichen Geschichte der tagtäglich länger werdenden Horrorliste von Weinen, die mit der Chemikalie Diethylenglykol vergiftet wurden, liegt Pieroth klar in Führung.
Der vorläufige Höhepunkt des Giftskandals in Deutschland wurde vorige Woche wiederum von einem Pieroth-Wein markiert, einem 1983er Bingerbrücker Römerberg Huxelrebe Auslese.
Die war, versucht Kuno Pieroth herunterzuspielen, als "Deputatwein" nur für das Management des Weinkonzerns auf Flaschen gezogen worden.
Doch immerhin wurde der edel etikettierte Tropfen mit der Preismünze der Landwirtschaftskammer ausgezeichnet. Bei der Bundesweinprämiierung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft wurde dem Wein gar allerhöchste Ehre zuteil: der Große Preis.
Die solcherart gewürdigte Kreszenz enthält 0,6 Gramm Diethylenglykol je Liter, erheblich mehr als zuträglich. Das Mainzer Gesundheitsministerium warnte letzte Woche vor dem Edeltröpfchen, die Staatsanwaltschaft stellte das Giftzeug sicher.
Glykol-verseuchter Wein hat als rein österreichische Spezialität gegolten, bis bei Pieroths Konzerntochter Niederthäler Hof auch deutsche Weine mit dem giftigen Stoff gefunden wurden. Als nächste flogen die Firmen Peter Lang und Walter Seidel in Alsheim auf. Vorigen Freitag war dann noch der Abfüller Richard Haas aus Rüdesheim bei Bad Kreuznach dran.
Adolf Menger vom Weingut Römerhof in Gau-Köngernheim, der Pieroth-Lieferant, verreiste eilends nach Kanada; Sohn Klaus-Adolf Menger liefert nun die verlegenen Statements vor den Fernsehkameras ab.
Von Rheinhessen schwappt die Affäre jetzt auch in den noblen Rheingau. In Japan wurde eine Riesling-Beerenauslese mit nahezu 0,2 Gramm Diethylenglykol beanstandet. Das Etikett weist sie, mit amtlicher Prüfungsnummer, als 1976er Mittelheimer Edelmann aus, Erzeugerabfüllung Altbürgermeister Hans Basting Nachfolger, Mittelheim bei Wiesbaden.
"Da kommt noch mehr", ist der Leitende Oberstaatsanwalt Werner Hempler in Mainz gewiß. Er findet es "hochinteressant, wie das Diethylenglykol plötzlich die Handelswege sichtbar macht".
Erkennbar wird nun für den fassungslosen Weintrinker, wie Weine gänzlich unterschiedlicher Herkunft zusammengeschüttet werden; erkennbar wird, daß sich die Weinströme ohne effektive Kontrolle über alle Grenzen ergießen.
Die Manipulateure haben dank der unheilvollen Kumpanei mit den Ministerialen leichtes Spiel. Bis zuletzt versuchten deutsche Beamte, die Panscher zu decken. Man könne doch nicht "wegen eines geringen Verdachts eine ganze Branche lahmlegen", wiegelte der Mainzer Wein-Staatssekretär Ferdinand Stark ab, als die Affäre aufkam.
Inzwischen durchziehen Ängste vor dem giftigen Fusel beinahe die ganze Welt. Verunsicherte Weinfreunde rennen mit allerlei Weh in die Praxen ihrer Hausärzte, Winzer und Händler beklagen einen "ungeheuren" Schaden.
Die schwer vorstellbare Menge von fast zehn Millionen Liter Glykol-Auslesen aus Österreich und Deutschland wurde beschlagnahmt. Auf der schwarzen Liste stehen mittlerweile 350 Weine, 29 Panscher sitzen in Österreich in Haft, in Deutschland sind die Staatsanwälte in und um Mainz überbeschäftigt. Der Verdacht Wiesbadener Staatsanwälte: "gemeingefährliche Vergiftung".
Nun auf einmal soll alles ganz anders werden. Österreichs Bundeskanzler, der Sozialist Fred Sinowatz, hat "das strengste Weingesetz der Welt" angekündigt. "Ganz strenge Bestimmungen" sollten "jetzt schon" dafür sorgen, verhieß der Kanzler, daß nur noch "reiner Wein exportiert wird".
Die Deutschen mochten da nicht nachstehen. "Sofort" versprach Bonns Bundesgesundheitsminister, der Christdemokrat Heiner Geißler, "eine Verbesserung der Überwachung". Seine Union legte flugs einen "Neun-Punkte-Katalog" vor. Geißlers Parteifreund Paul Hoffacker, Vorsitzender des Bundesausschusses für Gesundheit, nannte das große Ziel: "ein völlig neues Reinheitsgebot" für Wein.
Auch Dieter Ziegler (CDU), Weinbauminister im größten deutschen Rebenland Rheinland-Pfalz, will jetzt in aller Eile "Licht in den Dschungel der Weingesetzgebung" bringen. Jeder solle wissen, so gelobte der Winzermeister aus der Pfalz, "wo er dran ist".
So schnell, ruck, zuck, geht das auf einmal. Da haben die Roten in Österreich wie die Schwarzen in Deutschland den Weinpanschern jahrelang untätig zugeguckt. Sie haben gestaunt, wie die gehätschelte Branche stets mehr Wein verkaufte, als sie überhaupt erntete. Sie haben es hingenommen, wie die Zaubermeister von der Kellertreppe ungestört mit Leitungswasser, Rübensirup, Schwefelsäure oder gar bösen Giften wie "Baycovin" panschten. Und sie haben sich, als die Glykol-Affäre heraufzog, im Vertuschen und Verharmlosen geübt.
Die Chronik des Skandals ist voll feiner Namen in Wien, Bonn und Mainz. Der Ablauf könnte als Fallstudie für Verwaltungschaos dienen.
Im Januar bereits, wie sich inzwischen herausgestellt hat, analysierte die Landwirtschaftlich-Chemische Bundesanstalt in Wien 1983er Weine auf Diethylenglykol. Gefunden wurden Werte bis zu drei Gramm je Liter.
Ende März informierten die Chemiker das Wiener Bauernministerium. Drei Millionen Liter Glykol-Wein wurden beschlagnahmt. Erst als der Schmäh in Österreich durch anonyme Anzeigen öffentlich bekannt war, teilte Landwirtschaftsminister Günter Haiden die peinliche Affäre auf einer Pressekonferenz in Wien mit. Es war der 23. April.
Am 24. April informierte ein leitender Beamter des österreichischen Landwirtschaftsministeriums telephonisch einen Ministerialdirigenten im Bonner Landwirtschaftsministerium. Dieser Beamte behielt die Mitteilung für sich.
Inzwischen berichtete auch die deutsche Presse über Österreichs Weinskandal. Aus der Zeitung erfuhr Gesundheitsstaatssekretär Werner Chory in Bonn von dem Vorgang; das war am 25. April. Er veranlaßte nichts.
Am selben Tag bekam der Mainzer Ministerialrat Josef Koy von seinem Wiener Kollegen ein Telex zur Sache. Es endete: "In Unkenntnis der Zuständigkeitsbereiche in der Bundesrepublik darf höflich um Weiterleitung an die übrigen Bundesländer ersucht werden." Der Bitte wurde nicht entsprochen. Koy unterrichtete weder Bonn noch die Bundesländer, sogar den Kollegen im Mainzer Gesundheitsministerium sagte er nichts.
Bis zum 30. April immerhin erfuhr in Trier, beim chemischen Untersuchungsamt des Landes Rheinland-Pfalz, der Leitende Chemiedirektor Richard Woller per Telephon von seinen Kollegen in Wien und dann sogar vom Ministerialrat Koy, worum es ging. Woller ließ Proben von Austroweinen, routinemäßig im Februar und März gezogen, auf Diethylenglykol untersuchen. Bis zu drei Gramm je Liter wurden gefunden. Noch immer aber wußte das Mainzer Gesundheitsministerium von nichts.
Bereits im April hatten deutsche Importeure von sich aus österreichische Weine untersuchen lassen. Analysen, die beispielsweise Kuno Pieroth beim renommierten Institut Fresenius in Wiesbaden veranlaßte, erbrachten Werte bis zu 3,2 Gramm. Pieroth wie auch andere Händler nahmen sofort Kontakt zum Mainzer Weinbauministerium auf.
Am 7. Mai teilte Wien dem Mainzer Ministerialrat Koy telephonisch mit, es seien Weine mit Giftgehalten bis zu 2,9 Gramm gefunden worden. Koy erfuhr auch die Namen der deutschen Importeure.
Einen Tag später stellte Kuno Pieroth den Verkauf aller österreichischen Weine _(Im Chemischen Untersuchungsamt Krefeld. )
ein: "Das können wir uns nicht leisten." Wohl wahr.
Am 10. Mai wurde als Bundesdrucksache die Anfrage des CDU-Abgeordneten Günther Schartz veröffentlicht, der sich nach den Glykol-Importweinen erkundigt hatte. Heiner Geißlers Gesundheitsministerium, für das Weingesetz zuständig, antwortete dem Parteifreund am 15. Mai: Alles im Griff. Durch "verschärfte Kontrolle", heißt es wahrheitswidrig, werde länderübergreifend "in enger und intensiver Zusammenarbeit ein gezieltes Vorgehen" sichergestellt.
13. Mai: Telex des Bonner Gesundheitsministers an die Länderbehörden. Glykol komme in den gepanschten Weinen nur in so geringen Mengen vor, daß eine "gesundheitliche Gefährdung nicht zu befürchten" sei. Darum könne, hieß es, auf eine "aufwendige Untersuchung" verzichtet werden.
17. Mai: Das Chemische Untersuchungsamt Koblenz teilte mit, daß der Frankfurter Anwalt Rudolf Schindler, als Interessenvertreter von Großkellereien branchenbekannt, beim Bundesgesundheitsamt eine Stellungnahme zur Frage der Gesundheitsschädlichkeit von Diethylenglykol beantragt habe. Schindler wollte gern wissen, ob Ausnahmeanträge auf Freigabe von Wein bis zu 0,5 Gramm Diethylenglykol Aussicht auf Erfolg hätten.
Noch besser am 21. Mai der Mainzer Ministerialrat Koy. Für Weine mit mehr als ein Gramm Glykol je Liter, so Koys Frage an das Bundesgesundheitsamt, kämen Ausnahmegenehmigungen wohl nicht mehr in Betracht.
Am 29. Mai wurde der Nachfolger des ausscheidenden Mainzer Wein-Ministers Otto Meyer, der Winzer Dieter Ziegler, "beiläufig durch einen Kurzvermerk" (Ziegler) unterrichtet.
Zwei Tage später meldete das Chemische Untersuchungsamt Trier, von 71 Proben seien 35 positiv mit Werten bis zu vier Gramm. Es ging immerhin um 300000 Liter Faßwein und 100000 Flaschen. Gleichzeitig fand das Mainzer Untersuchungsamt mehr als eine Million Liter mit Glykol-Gehalten bis zu 8,7 Gramm.
Erstmals wurde der Befund nachrichtlich an das Mainzer Gesundheitsministerium weitergereicht. Der zuständige Beamte legte die Nachricht mit dem Vermerk "zdA", zu den Akten, achtlos ab. Wein, dachte sich wohl der Mann, gehöre zum Landwirtschaftsministerium.
Am 7. Juni wurden im Einzelhandel durch das Chemische Untersuchungsamt Speyer 9900 Flaschen sichergestellt; es fanden sich Glykol-Konzentrationen bis zu vier Gramm. Am gleichen Tag reklamierte Ministerialrat Koy telephonisch beim Bundesgesundheitsamt die erbetene Ausnahmegenehmigung für den Glykol-Wein. Das Chemische Untersuchungsamt Koblenz beanstandete an jenem 7. Juni 50000 Liter Faß- und 845000 Liter Flaschenweine aus Österreich.
Drei Wochen später, am 1. Juli, fragte Ministerialrat Koy aus Mainz das Bundesgesundheitsamt, ob der Giftstoff vielleicht vom Kontakt des Weins mit Kunststoffen herrühren könnte.
Erst am 4. Juli informierte ein Fernschreiben aus Bonn alle Bundesländer über die Giftwirkung des Glykols. Erstmals setzte der Bonner Staatssekretär Chory auch das Mainzer Gesundheitsministerium, in dem er drei Jahre lang beschäftigt war, auf den Verteiler.
Am 10. Juli schließlich alarmierte Bonns Gesundheitsminister mit einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit und warnte vor dem Genuß österreichischer Prädikatsweine.
Das war''s denn, ein Stück, wie es auch ein Satire-Schreiber nicht besser hätte erfinden können. Ein Stück, das überzeugend dokumentiert, wie eine abgehobene Bürokratie sich redlich müht, den Bürger uninformiert zu halten.
Das hat Tradition in der Weinwirtschaft. Auf den Flaschen steht selten zu lesen, was drin ist. Bunte Bilder und illusionäre Texte zieren die Etiketten. Anders als bei allen anderen Lebensmitteln fehlen die Stoffe, die für den Verbraucher von Belang sind: der Gehalt an Zucker etwa, die Menge schwefliger Säure oder der Alkoholgrad.
Das feinnervige Zusammenwirken von Weinbürokratie und Weinindustrie hat bisher verhindern können, daß solche Angaben zur Pflicht gemacht werden. Der Interessenfilz begünstigt seit jeher den Massenbetrug mit Wein.
Schon in den siebziger Jahren hatten Branchenkenner das Weinbauministerium in Mainz auf die dubiosen Austro-Weine hingewiesen. Bei den "Auslesen", die im Handel waggonweise zu Einkaufspreisen ab 1,50 Mark umgingen, konnte es rein von der Kalkulation her nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.
1981 liefen in der Bundesrepublik zehnmal mehr österreichische Prädikatsweine um, als die Behörden in Österreich amtlich registriert hatten.
"Seit vielen Jahren beklagen wir bei den zuständigen Fachministerien und Kontrollorganen", so der Vorstand des Verbands Rheinpfälzer Weinkellereien 1982, "daß nach unseren Marktbeobachtungen das Verhalten einer größeren Zahl von Betrieben der Weinbranche Anlaß gibt, Betrug in größerem Stil zu vermuten."
Das war deutlich genug. Doch unbeirrt ließ Mainz den Großteil der öffentlichen Fördermittel, 130 Millionen Mark, sieben Großabfüllern zukommen. Von denen waren vier auch damals schon in Weinskandale verwickelt. Gegen eins der begünstigten Unternehmen liefen nicht weniger als drei Dutzend Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft.
Immer wieder gab es Warnungen vor den Importweinen.
Deutsche Weine wurden, zum Teil gesetzeswidrig, mit billigen italienischen vermischt; die Behörden störte es nicht, daß die deutsche Weinproduktion nach und nach auf über eine Milliarde Liter stieg.
Die Behörden in Rheinland-Pfalz begünstigten den massenhaften Verschnitt sogar. Zum Wohl der Großabfüller verzichteten sie darauf, die laut EG-Vorschrift erforderlichen Begleitscheine der Weintransporte einzuführen.
Für solches Tun bekam Weinbauminister Otto Meyer allerhöchstes Lob. Ministerpräsident Bernhard Vogel über seinen Minister: "Ich danke ihm dafür, daß er über Jahre hinweg den Winzern vermehrte Bürokratie und für den deutschen Weinbau nutzlosen Formularkram erspart hat."
Die Folge des unbürokratischen Verhaltens: Spät- und Auslesen unterspülten den Markt, so die Klage der Verbände, "zu Niedrigpreisen, die kalkulatorisch unbegreiflich sind und jede kaufmännische Seriosität vermissen lassen".
Redliche Winzer waren außerstande, im Wettbewerb gegen die offenkundig verfälschte Ware mitzuhalten. Da griffen erst ein paar Schlaumeier an der Mosel und im Rheingau, dann viele andere aus schierer Not zum Flüssigzucker. Als nach Jahren die Staatsanwaltschaft zuschlug, traf sie 2500 Sirup-Sünder.
Verfahren wurden, so ein Aktenvermerk des damaligen Mainzer Weinbau-Ministerialdirigenten Fritz Renz, "nur langsam behandelt, um Ärgernisse vor der Wahl zu vermeiden".
Vor allem bei hochrangigen Sündern wurden allzu genaue Analysen nicht so gern gesehen, wie die Trierer Chemierätin Brigitte Holbach berichtet.
Ob jetzt wirklich alles besser wird, bleibt zu bezweifeln. Das jeweils beste aller Gesetze reklamieren ohnedies nahezu alle Weinbauländer für sich. Als 1971 das neue deutsche Weingesetz in Kraft trat, lobte die damalige Gesundheitsministerin Käte Strobel: "Das beste der Welt." Auch die Österreicher haben mit Selbstlob nie gegeizt.
Dennoch scheinen Gesetzesänderungen nun unabwendbar, das Weingeschäft verlangt es ja, vor allem in Österreich. Weinpanscher sollen strenger bestraft, das planen die Wiener, Prüfsiegel seltener vergeben werden. Von den Reben des Weinbauers bis in die Regale des Weinhändlers sollen die Beamten künftig alle Bewegungen der Ware sorgfältig kontrollieren.
Landeskenner bezweifeln die Wirkung solcher Maßnahmen. Gerade die Nachrichten der letzten Tage beweisen, wie locker die Panscher die Gesetze umgehen können, wie leicht sie die Kontrollen aushebeln.
Inzwischen fanden die österreichischen Fahnder das Diethylenglykol auch im Sekt und im Traubensaft. Sogar eine Fabrik von Kunstwein entdeckten die Beamten. Dort wurden rund 100000 Liter Chemie-Trunk monatlich produziert. Das Zeug sei nicht gesundheitsschädlich, beruhigte das Wiener Gesundheitsministerium, sondern nur ein "grober Betrug". Die Österreicher sind inzwischen bescheiden geworden.
Auf einmal wird manches offenbar, wonach jahrelang niemand gefragt hatte. Da gab es den Giftpanscher, dessen Flaschen noch im Mai eine "Goldmedaille" kassierten. Ein anderer schmückte seine Beerenauslesen eigenhändig mit glänzendem Lob: "Goldmedaille 1980".
Kenner ahnten den Schwindel, niemand hakte nach. Adolf Schwab aus Krems, einer der bekanntesten Verkoster in Österreich: "Ich hab'' mich immer gewundert, wo manche Betriebe für ihren Wein so eine ''Fette'' herbekommen. So allein in der Koje macht man sich halt seine Gedanken."
Nur nicht in den durch Parteibuchwirtschaft verfilzten Behörden und Ministerien des Alpenlands. Landwirtschaftsminister Günter Haiden, der den Skandal nach Bonner Muster durch Aussitzen bewältigt, mag auf keinen Fall zurücktreten: "Das wäre ja Fahnenflucht." Schließlich trügen ja nicht seine Kellereiinspektoren die Schuld, auch sei es nicht so, daß "der Minister der Fälscher wäre".
Gewiß nicht, nur die jahrelange Un-Tat hat böse Folgen. Österreichischer Wein wird wohl seit rund einem Jahrzehnt mit dem Gift Diethylenglykol verpanscht. Schon Weinjahrgänge von 1973, so stellt sich inzwischen heraus, waren mit dem Stoff versetzt.
Auf die innige Verquickung von Behörden und Lobby deutet Staatssekretär Gerulf Murer: "Schon 1982 wußten wir, daß gepanscht wird", sagt Haidens Gehilfe. Und er sagt auch: "Der Minister wollte ja strengere Exportgesetze. Doch da sind sie alle gelaufen gekommen. Hand in Hand." Da mochte der Minister nicht mehr.
"In den Vordergrund" will der Landwirtschaftsminister nun plötzlich "den Konsumentenschutz rücken". Auf einmal. Fast zehn Jahre lang ist Haiden bereits im Amt.
An die Branche appellierte der Minister: "Ich fordere die österreichische Weinwirtschaft auf, verfälschte Weine selbst aus dem Verkehr zu ziehen." Das zumindest wirkte: Etliche Panscher schütteten ihren Giftwein in den Gully.
Einer wurde auf frischer Tat ertappt, als er seine tödlichen Tropfen auf dem Acker abschlug. Die bösen Brüder Grill, wohl die ersten Panscher, versteckten ihre Restbestände eilig in einem ehemaligen Wehrmachtsstollen.
Eines haben die Panscher mit den Politikern gemeinsam: Auch sie fühlen sich unschuldig. Nur "Spuren" von dem Gift seien in ihrem Wein, so rechtfertigte sich einer, "Zukäufe" hätten die Ware
verunreinigt. Die Entschuldigungen der in Deutschland Ertappten klingen kaum anders.
Weinhändler Kuno Pieroth verschiebt die Schuld erst einmal nach Österreich und dann auf seinen Kellermeister. "Nur durch Berührung" könne das süße Gift in die Flaschen geraten sein. "Ohne Wissen der Geschäftsführung" habe der Kellermeister den Verschnitt vorgenommen.
Der Österreicher Otto Nadrasky, der angebliche Erfinder der Glykol-Methode, hat ebenfalls überhaupt keine Ahnung. "Das Superhirn", wie der Chemiker in Österreich nun genannt wird, weiß wenig. Von dem Gift, sagt Nadrasky, habe er nur aus dem Lexikon erfahren, daß es in Pflanzen "ganz natürlich" entstehe. Vielleicht wie bei der Tollkirsche.
Seine Idee habe er, gesteht "Superhirn" dem Staatsanwalt, aus Deutschland bezogen, lediglich die Methode habe er "verfeinert". Und im übrigen: "Es hat ja niemand eine Ahnung, was sonst noch alles im Wein herumschwirrt."
Eine Spur führt vermutlich wirklich in die Bundesrepublik. Lieferant von Diethylenglykol an die österreichischen Giftmischer war Shell Austria. Die österreichische Shell wiederum bezog das Mittel nach eigenen Angaben bei bekannten Konzernen: unter anderem bei der deutschen BASF, bei Hoechst und bei Hüls.
Es macht schon Sinn, was Österreichs Alt-Kanzler Bruno Kreisky zu der Affäre vermerkte: "Es kann mir doch niemand einreden, daß das nicht Tausenden Menschen bekannt war. Wieder haben sich die Interessenvertreter gedacht, wenn''s uns nur nutzt. Aber Moral interessiert uns eigentlich nicht."
Da kann allenfalls noch Stefan Laszlo, Diözesanbischof im burgenländischen Eisenstadt, weiterhelfen. Der Würdenträger forschte, wo die "Flut von Unheil" ihren eigentlichen Sitz hat und kam zu dem Ergebnis: "Im Innersten des Menschen."
Im Chemischen Untersuchungsamt Krefeld.

DER SPIEGEL 32/1985
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