29.04.1985

PERSHING-UNFALLSchock im Unterland

Wie es zum Raketenbrand von Heilbronn kam, schildert ein von Minister Wörner präsentierter Bericht. Die tieferen Ursachen - forcierte Entwicklung und überstürzte Stationierung - läßt er unerwähnt. *
Schinkenseelen" standen bereit, ein mit Kümmel, Salz und Schinken belegtes Backwerk des württembergischen Unterlands am Neckar. Dazu Wein, Heilbronner Trollinger, der auch auf dem Hang wächst, der anmutig hinaufsteigt zur "Waldheide", wo die amerikanische Armee eine ihrer drei festen Raketenstellungen mit "Pershing 2" hat - 4,2 Kilometer Luftlinie vom Rathaus der Stadt Heilbronn mit ihren 111 000 Einwohnern entfernt (und zwölf Kilometer nah am nächstgelegenen Atomkraftwerk Neckarwestheim).
Schinkenseelen und Trollinger: eine aus dem Bonner Verteidigungsetat bezahlte Aufmerksamkeit für 130 Gemeindevertreter, Kreis- und Landtagsabgeordnete und Bürgermeister aus Heilbronn, Neckarsulm und Umgebung. Von Manfred Wörner geladen, versammelten sie sich letzten Donnerstag im Heilbronner Rathaus, um vom Verteidigungsminister und dem US-Armeeminister James Ambrose "rückhaltlose Aufklärung" zu bekommen über den Schock, der im Januar das Unterland erschütterte und seitdem nicht mehr ruhen läßt.
Beim Heraushieven aus ihrem Stahlcontainer hatte sich die erste Antriebsstufe einer noch nicht zusammengebauten Pershing ohne erkennbaren Grund entzündet. Jäh riß das Gehäuse des Raketenmotors seitlich auf. Aus der fast vier Tonnen schweren Treibladung im Innern schoß eine 2300 Grad heiße Feuerfontäne.
Drei amerikanische Soldaten verbrannten darin. Sechzehn weitere erlitten Verletzungen, vor allem im Gesicht. Mindestens fünf GIs muß plastische Chirurgie zu einem neuen Antlitz verhelfen.
Teile der Antriebsstufe und brennende Treibstoffbrocken, so steht es nun auch in dem offiziellen "Zwischenbericht", wurden 125 Meter weit von der Unfallstelle fortgeschleudert. Weniger als 250 Meter von dem fauchenden Brand entfernt aber lagen fertig montierte, mit Atomsprengköpfen versehene Pershings ohne Schutzmantel oder Abdeckung. Denn die neun Geschosse einer Raketenbatterie liegen dort, nur von Beton-Sichtblenden umgeben, Tag und Nacht in "Combat Alert" ("Kampfbereitschaft") auf ihren Abschußlafetten (siehe Graphik).
Der tödliche Flammenausbruch in dem Stützpunkt "rüttelte auch den letzten Schläfer wach", wie es in einem aus der Flut von Leserbriefen hieß, die in den folgenden Wochen durch die Spalten der Lokalzeitung "Heilbronner Stimme" brandete.
Bis zum Unfall nämlich hatten viele Bürger noch an die auch von CDU-Oberbürgermeister Weinmann verbreitete Mär geglaubt, es gäbe weder Atomsprengköpfe noch überhaupt Pershings da oben über der Stadt.
Um so heftiger traf sie die Erkenntnis, daß sich in ihrem Naherholungsgebiet, zwischen Galgenberg und Hurenbronnen, eins der drei wichtigsten sowjetischen Ziele befindet. Und sie schreckte der Gedanke, was geschehen könnte, wenn eine der atomar bestückten Bereitschaftsraketen zu brennen anfinge.
Ungeahntes tat sich. Die Gemeindevertretungen von Heilbronn, Neckarsulm und aller übrigen Umland-Orte faßten einstimmige Beschlüsse, die emphatisch die Beseitigung der Raketenbasis forderten. Auch die lokalen CDU-Politiker wollten "das Teufelszeug" weg haben - weg allerdings nur aus dem Ballungsraum Unterland in ein weniger dicht besiedeltes Gebiet.
Auch die U.S. Army war von dieser Reaktion und dem Unfall beeindruckt. Sie stoppte alle Raketenbewegungen außerhalb ihrer festen Stützpunkte. Auf der Waldheide igelte sie sich hinter Sichtsperren aus Lkw und Anhängern wie in einer Wagenburg ein. Bis auf die Raketen in Kampfbereitschaft war die Pershing-Brigade praktisch lahmgelegt.
Die Army brauchte dringend eine Erklärung für den Unfall. Sie brauchte Abhilfemaßnahmen, die besänftigend auf die Bevölkerung wirken. Nur so war die Bewegungsfreiheit der Pershings zurückzugewinnen.
Doch die Raketenexperten der Army, die im riesigen "Redstone-Arsenal" in Alabama nach der Unfallursache fahndeten, taten sich schwer. Am Ende blieb ihnen nur eine Deutung, die für Laienohren plausibler klingt, als sie ist: In der kalten und sehr trockenen Luft am Unfalltag soll sich das Gehäuse der Antriebsstufe mit statischer Elektrizität aufgeladen haben.
Wie bei einem Menschen in trockener Luft und auf Kunststoffboden, wenn er beim Anfassen einer Metallklinke einen kleinen Schlag bekommt, so soll es am und im Raketengehäuse zu einer Entladung gekommen sein - freilich einer extrem seltenen und eigenartigen: Sie habe den Treibstoff an einem Punkt im hinteren Drittel des Gehäuses entzündet.
Dieses Treibmittel ist bei Feststoffraketen eine kompakte, hartgummiartige Masse. Wie ein Pudding wird sie erst flüssig in eine Form gegossen und, wenn sie sich gefestigt hat, in den Raketenkörper gesetzt, so daß sie an der Gehäusewand dicht anliegt. Doch wie kann da eine elektrische Ladung hineinschlagen und den, noch dazu kalten, Brennstoff entzünden, der nach dem Willen seiner Schöpfer nur auf die gewaltige Energie des regulären Treibsatz-Zünders ansprechen soll?
Noch weniger als die Politiker, denen Wörner und Ambrose den Army-Bericht in Bonn und Heilbronn vortrugen, können sich vom SPIEGEL befragte Physiker und Chemiker darauf einen Reim machen - auch ein Fachmann des deutschen Raketentreibstoff-Produzenten "Bayernchemie" hat damit Mühe.
Denn der Report aus Alabama stellt den Raketenbrand als einen verrückten Zufall hin, den niemand habe voraussehen können.
Daß Festtreibstoff bei Kälte und trockener Luft gegen elektrostatische Entladungen empfindlich werde, heißt es, "war Raketenwissenschaftlern und der Raketenantriebs-Industrie bisher unbekannt". Das stimmt.
Doch hinter dieser Entdeckung verbirgt sich ein gravierendes Versäumnis: Den Chemikern und Ingenieuren, die den Treibstoff für die Pershing mischten, mußte dieses "Phänomen" unbekannt bleiben, weil sie den Treibstoff vor dem Unfall nie auf seine Elektro-Empfindlichkeit unter verschiedenen Bedingungen getestet hatten.
Sie ließen zwar eine Raketenstufe aus dreieinhalb Metern Höhe auf eine Betonfläche fallen, ohne daß sie sich entzündete.
Sie setzten einen Treibsatz im Transportbehälter einem Dieselfeuer aus - erst nach 33 Minuten begann die Stufe zu brennen. Sie lagerten einen anderen in einem Kühlhaus bei bis zu 21 Grad Kälte. Doch ob der Treibstoff auch bei elektrostatischen Entladungen "zündunwillig" bleibt, ist während der Entwicklung der Waffe zu keiner Zeit ausprobiert worden.
"Das elektrische System und der Zündungskreis der Pershing 2 wurden simulierten Blitzschlägen bis zu einer Höhe von zwei Millionen Volt ausgesetzt, ohne daß negative Wirkungen entstanden", berichtet die Army. Der Treibstoff dagegen wurde von Blitzen offenbar verschont. Deshalb blieb dieser Wurm im System unentdeckt. (Auch bei "Bayernchemie" ist Treibstoff bisher nur bei Normaltemperaturen auf statische Elektrizität geprüft worden.)
Gibt es Abhilfe? Die auch den US-Experten noch unerklärliche Entzündbarkeit der Pershing bei Kälte wird bleiben. Gegen sie ist nichts zu machen, solange ihre Ursache im dunkeln liegt. Bleibt nur das Bemühen, so der Bericht, "jegliche elektrostatische Aufladung der Flugkörperstufen zu verhindern".
Die Pershing-Komponenten und ihre Behälter sollen gründlicher als bisher und in jeder Situation geerdet werden, damit etwelche Elektrizität sogleich abfließt. Zudem sollen die Raketen einen Schutzanstrich bekommen, der eine Aufladung gar nicht erst zuläßt: Nachbesserungen an einer Waffe, die dennoch ein unausgereifter, anfälliger Entwicklungs-Schnellschuß bleibt.
"Wir waren entschlossen, diese Pershing 2 vor Jahresende 1983 zu stationieren, egal, ob die Hölle oder die Sintflut über uns kommt, egal, ob es Testresultate gibt oder nicht - wir wollten diese Rakete stationieren." Mit diesen wuchtigen Worten hat der Army-Brigadier Donald Whalen im US-Fernsehen den Druck geschildert, unter dem das Pershing-Programm von Anfang an stand.
Das Pentagon wollte die ersten Raketen ohne Rücksicht auf ihre Entwicklungsreife überpünktlich nach Deutschland bringen, nicht nur, um den Sowjets Dampf zu machen. Noch wichtiger war Weinbergers Mannen, der Friedensbewegung, ehe sie noch mächtiger werden konnte, zu zeigen, daß sie die Stationierung nicht verhindern kann.
Vorher unbekannte Phänomene häuften sich bei dieser Hast schon lange vor dem Brand auf der Waldheide: Die Entwicklungs- und Erprobungszeit wurde mit einem kühnen Strich von den üblichen 74 Monaten auf 52 gekürzt. Die Serienproduktion der Rakete wurde im April 1982 beschlossen, ehe die neue Pershing auch nur einen einzigen Flugtest absolviert hatte. Die Zahl dieser Tests wurde von 28 zunächst auf 18 vermindert. Von diesen 18 Tests vor dem Stationierungsbeginn Ende November 1983 schlugen fünf völlig fehl, mindestens vier weitere zeigten schwere Mängel im Steuerungssystem der Waffen.
Als die ersten Raketen schon in den deutschen Winter geliefert waren, kamen Army und Hersteller im sonnigen Florida auf den Gedanken, auch einmal auszuprobieren, wie ihre Schleuder mit Minustemperaturen zurechtkommt. Eine Pershing 2 wurde auf Cape Canaveral in einem Tiefkühlraum bis auf 20 Grad unter Null gefrostet und dann hinaus in die Sonne gerollt - mit Isoliermaterial umwickelt, damit sie bis zum Start kalt bleibt. Die Army meldete Erfolg, bis herauskam, daß der Frost den Steuergeräten geschadet hatte: Der Endanflug ging daneben.
Erst die zweite kalte Reise, August 1984, verlief ohne auffällige Störung. Mindestens 36 Pershings waren zu diesem Datum bereits in der Bundesrepublik. Zum Zeitpunkt des Raketenbrands, Januar 1985, waren es schon 63. Denn ohne daß die deutsche Öffentlichkeit davon erfuhr, hat das Pentagon sein Stationierungsprogramm noch einmal beschleunigt. Ursprünglich sollte die Aufstellung der 108 Pershing 2 drei Jahre dauern und Ende 1986 abgeschlossen sein.
Aber schon im März vorigen Jahres hatte Brigadegeneral James C. Cercy, im Pentagon für Army-Waffensysteme zuständig, in geschlossener Sitzung vor dem Streitkräfte-Ausschuß des US-Repräsentantenhauses erklärt, man wolle 108 Raketen schon Ende 1985 in Süddeutschland stehen haben. Motiv: Vollendete Tatsachen zu schaffen, ehe wieder von Moratorien geredet wird (wie Italiens Premier Craxi dies im Oktober 1983 tat).
Schon die Produktionsprobleme der Herstellerwerke Martin Marietta und Hercules (Produzent der Triebwerke) bremsten diesen Plan. "Die Army riß den Herstellern die Pershing-Komponenten geradezu vom Produktionsband und flog sie nach Deutschland, wie sie kamen", berichtet der Washingtoner Militärfachmann William Arkin. Zugleich aber beschwerte sich Armee-Stabschef John Wickham Jr. bei internen Auseinandersetzungen über mangelnde Qualitätskontrolle bei Martin Marietta und Hercules.
Dann, am 11. Januar, brannte die Motorstufe mit der Nummer "P/S 12037". Die Stationierung stockte, die Pershings verschwanden von den schwäbischen Straßen. Und so, wie Manfred Wörners verwirrte Zuhörer in Heilbronn ihn verstanden, sollte dieser Aufstellungs- und Übungsstopp auch noch einige Zeit fortdauern, bis die Nachbesserungen an allen Pershings abgeschlossen seien. So klang es aus dem Fernseher. So stand es in den Zeitungen.
Aber die Army sieht das anders und handelt, ohne sich um den deutschen Verteidigungsminister zu scheren, wie es ihr beliebt. Noch in der Nacht zum Donnerstag, vor Wörners Heilbronner Erklärungen, verließ eine Pershing-Batterie erstmals seit dem Unfall die Wiley-Kaserne in Neu-Ulm und besetzte ein Waldstück auf der Blaubeurer Alb. Die Stellung im dichten Gehölz, nicht weit von einem Campingplatz, ist mit Nato-Draht und MG-Nestern abgesichert.
Ehe Wörner sie verkünden konnte, war die Schonfrist schon vorbei. _(Vor Röntgenbildern der ausgebrannten ) _(Pershing-Stufe. )
[Grafiktext]
Feuer im Raketen-Camp Skizze des Pershing-2-Stützpunkts "Waldheide" bei Heilbronn Zelt für Raketen-Endmontage Komplex mit neun zum Alarmstart bereiten Pershing-2-Raketen Unfallstelle (Entfernung zur nächsten startbereiten Rakete etwa 250 Meter) Unterkünfte Bunkerstellungen für weitere Pershings startbereite Pershing-2 Betonmauer
[GrafiktextEnde]
Vor Röntgenbildern der ausgebrannten Pershing-Stufe.

DER SPIEGEL 18/1985
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