10.06.1985

Kampfspiel als Kunstwerk

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den Schach-Star Garri Kasparow *
Einmal ist es tatsächlich so, daß der Wundermann wacklig steht. Gefährlich schlägt da der weit vorgedrungene f-Bauer seines Gegners Robert Hübner in Garri Kasparows lädiertes Deckungszentrum. Scharfe Attacke, mit Dame, Läufer und Turm, auf einen bedrängten Königsflügel.
Durch die Stuhlreihen in Saal 13 des Hamburger Congress Centrums pflanzt sich ein Raunen. Hingebungsvolle Diskussionen in den Räumen daneben, in denen die Analytiker ihren gesammelten Sachverstand unter die Schachfans streuen.
Zuversicht - endlich, endlich - nach diesem 18. Parforcezug in der fünften Partie eines Sechser-Matchs zwischen dem besten Spieler der Bundesrepublik und dem wohl besten der Welt. Nie zuvor, diagnostiziert vor zwei Fernsehgeräten mit den Diagrammen der Großmeister Helmut Pfleger, habe sich der sowjetische Superstar gegen den Deutschen in einer ähnlichen Notlage befunden.
Bauer f5 schlägt Bauer e6. Auf dem Brett ergibt sich nun eine Stellung, die sich auch in der Körperhaltung der Kontrahenten widerspiegelt. Spitzenschach, das Drama des Schweigens, gerät in solchen Situationen nicht selten zur Pantomime.
Robert Hübner, der 36jährige Dr. phil., dessen Leidensbereitschaft in der Branche bekannt ist, scheint sich ein Aufschnaufen zu gönnen. Bedächtig kneten seine Hände, die sich ansonsten häufig wie im Würgegriff um den eigenen Hals legen, die im Dauerstreß aufgequollene rote Nase.
Und selbst Kasparow zeigt jetzt ein bißchen Wirkung, wenngleich auf eine Weise, die ihm auch in der Defensive noch die übliche Überlegenheitsattitüde gestattet. So oft es schlecht um ihn steht, überfällt ihn die Macke, sich auf der Toilette waschen zu müssen. Also verläßt er, gegen die laufende Uhr, den Tisch - ein Fluchtreflex: Freilich, er flüchtet locker, mit wiegenden Hüften und hochgereckt das Kinn. Die ganze Person eine erklärte Willenskraft.
Am Ende bleibt Garri Kasparow, 22, der Mann aus Baku, ohne Niederlage. Viereinhalb zu eineinhalb (drei Siege und drei Remis) gegen einen Großmeister, der ja selbst im internationalen Profigeschäft zumindest dazugehört, unterstreichen im Schach seine Extraklasse.
Fit fühlt er sich nun, so erläutert er munter den Ertrag seines Hamburger Auftritts, im September den Weltmeister Anatolij Karpow vom Thron zu heben.
Exegeten, etwa Helmut Pfleger, rühmen seine "schöpferische Intuition". Risikobereit wie Tarzan im Dschungel, ist er immer wieder bemüht, von den konventionellen Eröffnungsrastern, etwa dem typisch "Sizilianischen" oder dem reinen "Damengambit", abzuweichen und theoretisches Neuland zu durchstreifen.
Vor allem aber wird ihm bestätigt, ein geradezu atemberaubendes Kampfschach zu kultivieren. Alle Ästhetik, alles Verständnis für das sogenannte königliche Spiel als Kunstwerk dienen ihm letzlich nur, das jeweilige Gegenüber niederzuhalten. "You'll kill him?" fragt ihn ein Journalist nach einer Hängepartie, und aus Kasparow sprudelt es förmlich heraus: "Oh yes, yes, yes, I'll kill him, naturally."
Garri Kasparow - um beim Bild zu bleiben - ein Killer, aber ein netter Killer. Er muß nicht wüten wie Bobby Fischer, und er läuft wohl auch kaum Gefahr, sich in einen derartigen Selbsthaß zu verlieren wie zum Beispiel in Hamburg sein Partner. Jener, ein ziemlich schwieriger Mensch, wünscht sich nach dem Match jedenfalls unverzüglich "ins Altersheim". Selbstbestrafungsgelüste für "lauter verunstaltete Werkstücke"; Hübnersche Düsternis.
Was Wunder, daß der Twen aus Aserbaidschan da absticht. Auch ohne diesen Kontrast, für den der erfolgreichste bundesdeutsche Großmeister zwanghaft sorgen muß, ist Kasparow eine Erscheinung, die im Schachhimmel fast revolutionär anmutet.
Wen immer man sich von den Größen etwa der letzten anderthalb Jahrzehnte in Erinnerung ruft: ob den legendären Paranoiker Fischer oder Viktor ("den Schrecklichen") Kortschnoi oder "Tolja" Karpow, der eher als Schemen denn als Körpergestalt auftritt - zu allen wirkt Garri Kasparow wie die krasse Gegenfigur.
Und er ist sich dessen bewußt. Kein Gespräch, in dem der Sohn eines deutschstämmigen Juden und einer Armenierin nicht darauf abhebt, sich selbst und sein Spiel ("mein Beruf") in den Rang des Normalen einzugruppieren.
Natürlich kann er auch schwärmen. Auch ihm gilt die meisterhafte Befassung mit Schach als "eine Möglichkeit, den menschlichen Intellekt bis zur höchsten Stufe reifen zu lassen". Aber dann nimmt er sich rasch wieder zurück, nennt das Spiel schlicht ein Spiel und insbesondere "eine Sportart", der man am besten dienen könne, wenn man sie von allen Mystifikationen freihalte.
In Hamburg präsentiert sich ein mit 22 Jahren merkwürdig erwachsener Mensch. Einer, der Philosophen liest, weil er erfahren hat, daß er dann "mehr Gelassenheit" lernt - einer, der die ihm gelegentlich vorgeworfene Hitzköpfigkeit aber wiederum nur behutsam bremst, weil er ja sein Wesen nicht manipulieren möchte. Nichts, keine Gebärde, keinerlei Verhalten, läßt in diesen beiden Wochen den Schluß zu, daß er den Pendelschlag in die Extreme nötig hätte. Weder einen ins Verstiegene noch einen ins Kauzige. Ein adretter junger Mann, der mit seinem schwarzen Kraushaar auch ein eleganter Italiener sein könnte.
Auffällig ist, allem voran, seine enorme Sportlichkeit. Kasparows Siege über Hübner sind auch Siege einer körperlichen Präsenz, zumal mit zunehmender Spielzeit, wenn er von seinen Waschungen aufs Podest zurückkehrt. Immer nutzt er da die kleine Erhöhung zu einem angedeuteten Hüpfer aus dem Fußgelenk. Leibesertüchtigung ist ihm wichtig,
und das nicht allein, um die als Energieträger gegen den Schachpartner einzusetzen. Fußball zum Beispiel mag er so sehr, daß er sich in Hamburg ernsthaft damit beschäftigt, beim HSV ein Training zu absolvieren. Das scheitert zwar an Terminen, aber es bleibt ihm wenigstens Zeit, sich in einschlägigen Geschäften mit allerlei Sportutensilien einzudecken.
Es ist halt so, wie der deutsche Turnvater Jahn schon gesagt hat (und dessen Schlüsselsatz auch der belesene Schachstar kennt): Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Nur in einer Verbindung aus beidem, dessen ist er sich sicher, wird er "auch menschlich weiter Gewinn erzielen".
Solide, fast biedere Grunderkenntnis eines jungen Genies, das sich ansonsten listig im vagen hält. Denn vieles ist möglich - "wahrscheinlich, daß ich Marxist bin", aber auch denkbar, "daß der Mensch einen göttlichen Funken mitgekriegt hat".
Egal, ob seine Talente nun ein Geschenk des Himmels sind oder aber eher anderen Quellen entstammen: Sie sind in erstaunlichem Maße vorhanden, auch außerhalb des Schachbretts, wenn er sich auf manchmal problematischem Gelände bewegt. Der Absolvent eines Fremdspracheninstituts interessiert sich für Politik, weil er weiß, daß er "mit den Zusammenhängen" zu leben hat. Er kann einschätzen, wie sehr er die in der westlichen Welt gewonnene Popularität auch seiner Rolle in der Heimat verdankt. Hin und wieder kokettiert er mit ihr, doch er will sich nicht für falsche Frontstellungen hergeben.
Jeder wisse, sagt der Fighter Garri Kasparow, daß er in der Sowjet-Union Gegner habe. Robust, in einer Unerschrockenheit, als käme er aus der benachbarten Schweiz, behält er die auch während seines Hamburger Aufenthalts im Visier. "Diesen Karpow" zum Beispiel und "diese Clique um ihn herum!". Nie jedoch attackiert er unmittelbar das System. Geschickt löst er seine Widersacher aus dem Gestrüpp - wie er im Schach eine Figur isoliert.
"Die Führung der UdSSR", läßt Kasparow wissen, habe "keine Zeit, sich mit solchen Unanständigkeiten zu befassen". Ein Satz, der so klug ist wie raffiniert und der ihm offenbar ausreicht, darüber hinaus seinen Spielraum zu wahren. Wo immer er auftritt - nur selten mit dem ihm beigegebenen obligatorischen "Schatten" -, ist er frei von Berührungsängsten.
Ob es überhaupt noch stimmt, daß der Kampf Kasparows gegen Karpow - das Ringen eines vermeintlichen Außenseiters gegen die hochgejubelte Stütze der Sowjetgesellschaft - von der "Führung" mit Argwohn betrachtet wird? In Hamburg jedenfalls verhält sich der Herausforderer so geschmeidig, daß er auch einem Gorbatschow durchaus gefallen könnte.
Garri Kasparow, eine Mischung aus Weltbürger, Diplomat und PR-Mann, der die sowjetische Qualitätsware Schach, vor allem aber sich selbst blendend verkauft. Dafür rackert er. 30:0 schlägt der Siegertyp auf einer Simultan-Veranstaltung Behinderte, 32:0 auf einer anderen Computer. Dafür schließt er "spontane Freundschaften", etwa mit dem HSV-Schachfan Felix Magath, dem er auf einem Prominententurnier gegenübersitzt.
Da, am Ende eines strapaziösen täglichen Marathons, geschieht es dann doch noch, daß der sichtlich Übermüdete selbst dreimal auf der Strecke bleibt (Seite 106). Wirklich besiegt wird der Siegertyp dagegen nur einmal; von einem Computer-Fachmann namens Frederic Friedel - nicht im Schach, in einem Videospiel.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 24/1985
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