29.04.1985

„Alles wirkt wie unter Arrest“

Die Internierungslager des von Indonesien besetzten Osttimor Neun Jahre nach dem indonesischen Einmarsch ist die ehemalige portugiesische Pazifik-Kolonie Osttimor noch ein Unruheherd. Rund 150 000 Timoresen sind nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen bei Kämpfen gegen die Besatzer umgekommen oder verhungert. In den Bergen kämpfen noch immer Reste der linken Befreiungsbewegung Fretelin. Jahrelang war der Ostteil der Insel, von Jakarta zur 27. indonesischen Provinz erklärt, für Ausländer gesperrt. Vor kurzem haben die Indonesier erstmalig eine deutsche Bundestagsdelegation nach Timor einreisen lassen. Der Bundestagsabgeordnete Hans-Ulrich Klose (SPD) beschrieb seine Eindrücke für den SPIEGEL: *
Die Menschen "leiden an Krankheiten, Hunger, Unfreiheit und Verfolgung", schrieb Monsignore Carlos Belo, Bischof in Dili, Provinzhauptstadt der ehemaligen portugiesischen Pazifik-Kolonie Osttimor, und bat seinen Amtsvorgänger, der heute in Lissabon lebt, der freien Welt "die Augen zu öffnen für die Barbareien, deren die Indonesier fähig sind".
Monsignore Belo hat die Aussagen dieses Briefes später vermutlich, unter Druck, abgeschwächt. Im Gespräch wiederholt er seine Klagen: Die Timoresen würden von ihren indonesischen "Brüdern" brutal unterdrückt; er selbst habe die blutigen Kleider der Getöteten des Massakers von Viqueque gesehen. Laut Amnesty International töteten im Herbst 1983 die indonesischen Sicherheitskräfte 200 Timoresen.
Der indonesische Gouverneur von Osttimor, Mario Viegas Carrascalao, bestätigt den Bischof auf seine Weise: Nach dem Überfall der timoresischen Befreiungsbewegung Fretelin vom 16. August 1983 auf angeblich unbewaffnete indonesische Soldaten habe es Auseinandersetzungen in Viqueque gegeben. Ja, dabei seien viele Menschen getötet worden.
Der Gouverneur, ein europäisch erzogener Großgrundbesitzer auf Osttimor, weiß nicht, wie die Bevölkerung heute über den gewaltsamen Anschluß an Indonesien denkt: Die ältere Generation würde sich vermutlich dagegen, die jüngere Generation dafür aussprechen.
Wie viele Menschen sind seit 1975 in Osttimor getötet worden? Diese Frage beschäftigt internationale Organisationen immer wieder. Die Schätzungen schwanken zwischen einigen zehntausend und rund zweihunderttausend. Der Gouverneur spricht von 40 000 Menschen, die während der Auseinandersetzungen getötet worden sind. Diese Zahl erscheint grob untertrieben.
Die Bevölkerung Osttimors wurde für das Jahr 1975 im allgemeinen mit 650 000 angegeben. Angesichts des schnellen Bevölkerungswachstums hätte sich diese Zahl bis heute auf mindestens 740 000 erhöhen müssen. Tatsächlich leben in Osttimor aber nur noch 587 700 Menschen. Das ergibt eine Differenz von rund 150 000.
Ein lokales Beispiel: In dem östlich von Dili gelegenen Distrikt Liquica leben 34 000 Menschen. Im Jahre 1975 waren es, wie uns der Vorsitzende des örtlichen Distriktrates erklärte, 46 000. Es müßten heute über 50 000 sein. Was ist mit den anderen geschehen?
In den ersten Jahren nach der Invasion sollen Tausende von Timoresen verhungert sein. Heute versuchen die Indonesier allerdings, die Lebensbedingungen auf der Insel zu verbessern. Doch noch immer leidet die Hälfte der Bevölkerung an Krankheiten wie Malaria, Durchfall, Hautausschlag und Tuberkulose, weil sie nicht genug zu essen hat.
Verbessert hat sich die Situation in den Internierungslagern. Die Behörden haben uns ausnahmsweise erlaubt, das Lager auf der Insel Atauro zu besuchen. Dort lebten noch vor etwa drei Jahren über 4000 Gefangene; heute sind es noch genau 1266: Kinder, Männer, Frauen, Alte und Junge - der älteste Bewohner, mit dem wir gesprochen haben, war 80 Jahre alt und seit vier Jahren eingesperrt.
Warum die Leute dorthin gebracht werden? Weil sie Angehörige "in den Bergen" haben, bei den Freiheitskämpfern der Fretelin. Das genügt, um sie in Schutzhaft zu nehmen. Der Gouverneur spricht von "notwendiger Isolierung": Sippenhaft in klassischer Form.
Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes versucht, das Lagerleben wenigstens materiell erträglich zu machen. Doch die psychische Situation der Insassen ist katastrophal: Die Menschen leben stumpfsinnig vor sich hin. Sie tun nichts, sie wissen nichts. Keine Behörde gibt ihnen Auskunft, was mit ihnen geschehen soll, ob sie je in ihre Dörfer zurückkehren dürfen. Dürfen sie überhaupt? Der zivile Lagerbeamte auf Atauro spricht unheilvoll von "neuen" Dörfern, in denen die Gefangenen auch in Zukunft überwacht werden sollen.
Überhaupt wirkt die ganze Insel wie unter Arrest. Die Menschen lächeln nicht - ganz im Gegensatz zur indonesischen Hauptinsel Java, wo jeder Freundlichkeit ausstrahlt. Hier auf Osttimor sehen die Menschen hart, verbittert, feindselig, stumpf aus. Ein ganz anderer Menschenschlag, sagt unser offizieller Begleiter. Eine ganz andere Situation, hätte er wahrheitsgemäß hinzufügen müssen.
[Grafiktext]
INDONESIEN TIMOR früher portugiesisch Dili indonesisch Kupang Papua Neuguinea AUSTRALIEN
[GrafiktextEnde]
Von Hans-Ulrich Klose

DER SPIEGEL 18/1985
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