07.10.1985

„Sterben, bevor der Morgen graut“

Die großen Seuchen (III): Pest und Cholera *
Dem ersten bekannten Einsatz bakteriologischer Waffen folgte prompt die größte Katastrophe, von der die Menschheit jemals heimgesucht wurde.
Anno 1347 brach in Kaffa auf der Krim, dem späteren Feodosija, ein Konflikt zwischen genuesischen Handelsherren, die dort in befestigten Vierteln residierten, und den Tataren aus. Die Belagerer bereiteten sich eben zum Sturm auf die italienischen Festungen vor, als sie von einer verheerenden Seuche befallen wurden. Tausende der Tataren starben binnen Tagen. Voller Wut über diese Heimsuchung so kurz vor dem erhofften Sieg, schossen sie mit ihren Belagerungskatapulten statt Steinen Leichen ihrer dahingerafften Krieger über die Mauern in die Forts der Genueser.
Rasend schnell griff die Seuche auch unter den Italienern um sich. In Panik flohen die Überlebenden auf 13 Schiffen. Anfang Oktober lief die erste Genueser Galeere im sizilianischen Messina ein, voller Leichen und Sterbender, deren Körper bedeckt waren mit schwarzen Beulen, aus denen eine faulige, übelriechende Flüssigkeit rann.
Die ahnungslosen Einwohner von Messina empfingen die Händler und Matrosen wie immer, handelten ihnen ihre orientalischen Kostbarkeiten ab, begruben die Toten und pflegten die Kranken - bis, nach wenigen Tagen, die Seuche mit aller Macht auch über sie kam. Sofort zwangen sie die Galeere, den Hafen zu verlassen, "aber das Übel blieb zurück und verursachte ein ungeheures Sterben", so ein Chronist.
Die Genueser segelten weiter, überall, wo ihre Schiffe anlegten, folgte ihnen der Tod. Die Hafenstadt Catania wurde zur Gänze entvölkert, auf Sizilien starb eine halbe Million Menschen, die Seuche zog unaufhaltsam nordwärts.
"In diesen glutheißen Oktobertagen des Jahres 1347", so Siegfried Fischer-Fabian in "Der jüngste Tag", _(Erschienen im Droemer Knaur Verlag, ) _(München; 368 Seiten; 42 Mark. )
"begannen für Europa Jahrzehnte des Schreckens, die namenloses Elend über seine Menschen brachten und die Geschichte ihrer Länder veränderten."
Daß der Schwarze Tod des 14. Jahrhunderts "direkt die Weltgeschichte beeinflußte", folgern auch die Mediziner Erwin Schimitschek und Günther Werner in ihrer jetzt erscheinenden Untersuchung über die Auswirkungen der Pest auf Kultur und Geschichte. _(Titel: "Malaria, Fleckfieber, Pest". ) _(Hirzel Verlag, Stuttgart; 172 Seiten; ) _(29,50 Mark. )
Jedenfalls: Ganze Städte starben aus - in Lübeck 90 Prozent der Einwohner -, ganze Landstriche wurden entvölkert, der Reinhardswald an der Weser wucherte über den Ruinen von 30 Dörfern. Der Deutsche Ritterorden stellte mangels Menschen seine Besiedlung des Ostlandes ein. Durch Neusiedler, die über nationale und Sprachengrenzen hinweg in leer gewordene Gebiete zogen, vermischten sich die Europäer wie nie mehr seit der Völkerwanderung.
Die Kirche, die gegen den Schwarzen Tod trotz reichster Opfergaben der Gläubigen nicht helfen konnte, verlor
immer mehr ihren Einfluß, zuerst an gewalttätige Büßer, die geißelnden Flagellanten, später an neue Ideen. Kulturhistoriker meinen, die Pest habe so der Reformation den Weg bereitet.
Die Zünfte und Handelsherren mußten sich auf den Menschenmangel einstellen, Löhne erhöhen, neue Produktionsmethoden ersinnen, manchen Historikern gilt die Pest so als Wegbereiter des Kapitalismus. Judenmassaker - die Juden wurden als "Brunnenvergifter" denunziert -, auch Hexenwahn - die Pest wurde als Weib gesehen - waren Auswüchse der großen Seuche.
Die Passionsspiele von Oberammergau und das Kölnisch Wasser sollten die Pest vertreiben. Nicht nur prächtige Pestsäulen, wie etwa die am Wiener Graben, entstanden zum Dank für die vermutete Rettung vor der Seuche, auch die monumentale Karlskirche zu Wien und die prächtige Kirche "Santa Maria della Salute" in Venedig wurden als Pest-Denkmäler erbaut.
Kardinäle und Könige fielen der Pest anheim, ganze Geschlechter wurden ausgerottet, aber letztlich war die Seuche doch eine Krankheit der Armen, was auch Giovanni Boccaccio bei der Beschreibung der Pest zu Florenz in seinem "Decamerone" eindringlich bestätigte.
Denn diese galanten Erzählungen verdanken ihre Entstehung dem unfreiwilligen Exil von zehn vornehmen Florentiner Damen und Herren, die vor "dem tödlichen Pestübel, welches ... im gerechten Zorn über unseren sündlichen Wandel von Gott als Strafe über die Menschen verhängt" (Boccaccio), auf ein Landgut flüchteten, wo sie sich die Zeit damit vertrieben, einander Geschichten vorzutragen.
In Florenz, damals mit 100 000 Einwohnern eine der größten Städte Europas, wütete währenddessen die Seuche aufs furchtbarste unter den Massen, die zurückbleiben mußten. "Die Pest ließ die Herzen der Menschen gefrieren", schildert Boccaccio:
"Zu Anfang der Krankheit kamen bei Mann oder Weib an den Leisten oder in den Achselhöhlen gewisse Geschwulste zum Vorschein. Später bekamen viele Menschen auf den Armen, den Lenden und übrigen Teilen des Körpers schwarze und bräunliche Flecken ... Fast alle starben innerhalb dreier Tage, nachdem die beschriebenen Zeichen aufgetreten waren. In solchem Jammer und solcher Betrübnis der Stadt war auch das merkwürdige Ansehen der menschlichen wie der göttlichen Gesetze fast ganz gesunken und zerstört." Alle Ordnung, alle Werte brachen zusammen. Die Reichen flohen, Ärzte und Priester kümmerten sich nicht mehr um Kranke und Tote. Plünderer räumten Paläste aus, Arme besetzten verlassene Häuser der Reichen.
Innerhalb von knapp zwei Jahren verheerte die Pest Europa nach Norden bis Grönland hin, das danach völlig ausgestorben war, im Süden bis nach Nordafrika. Die Schotten versammelten, als sie hörten, daß England von der Seuche dezimiert wurde, ein Invasionsheer und holten sich damit die Pest an den Hals, die unter ihnen dann noch schlimmer wütete als unter den Engländern.
Nach Norwegen kam der Schwarze Tod
in einem Boot mit einer Ladung Wolle, das als Totenschiff vor Bergen strandete: Die Besatzung war bis zum letzten Mann an der Seuche gestorben.
In Avignon, wo Papst Clemens VII. residierte, starben neun Kardinäle, ganze Klostergemeinschaften wurden von der Pest dahingerafft, etwa bei den Franziskanern in Marseille, in Magdeburg oder im irischen Kilkenny.
Dort schrieb der Bettelmönch John Clyde, bis er starb, eine Chronik der Heimsuchung und hinterließ Pergament, "damit, wenn nur ein einziger Nachkomme Adams diese Pest überlebt, er die Arbeit weiterführen kann, die ich begann". Der Papst selbst überlebte, weil er sich auf Anraten seines Arztes strikt isolierte und stets zwischen zwei lodernden Feuern saß. Drei Erzbischöfe von Canterbury fielen nacheinander der Seuche zum Opfer.
"Die Menschen starben ohne Trauer, und sie heirateten ohne Freude", berichtete ein Chronist. Zu allem kam 1348 noch ein Erdbeben, das in Südeuropa Kirchen und Paläste einstürzen ließ. Es wurde nicht mehr geerntet und gesät, Vieh verendete, hungrige Wölfe fielen in die Städte ein - die Menschen glaubten, das Weltende sei gekommen.
Aber sie reagierten zwiespältig auf die Heimsuchung. Staatsarchivar Wiedmoser berichtete über die Pest in Tirol, wo "nur der dritte Teil diese Gottesgeißel überlebte", daß "namenlose Angst und Verzweiflung die ungezügeltsten Leidenschaften entfesselten":
"Während die einen im Schlamme sinnlicher Lust ertranken, ertöteten die anderen jede Sinnlichkeit, indem sie sich gegenseitig auf Friedhöfen und öffentlichen Plätzen geißelten und kasteiten."
Der Stadtrat von Rouen ordnete an, daß alles, was göttlichen Zorn auf die Stadt herabziehen könnte, verboten sei: Spielen, Fluchen und Trinken. Die Hersteller von Würfelspielen stellten die Produktion auf Rosenkränze um. In Wien empfahlen die Ärzte hingegen "ein Gläsel Wein" gegen die Pest.
Quacksalber empfahlen Weihrauch und Myrrhe, aber auch selbstgerührte Medizin aus Hühnerkot, Krötenlaich, Knabenurin und Spinneneiern oder "armenische Erde". Die Medizinische Fakultät der Universität von Paris sah das Übel von den Sternen kommen und empfahl gegen die Pest etwa, starke Gemütserregungen zu vermeiden.
In einer Dissertation an der Universität zu Halle wurde im Jahre 1722 "ohne Zweifel" festgestellt, "daß die primäre Ursache für die Entstehung der Pest mit der Luft verbunden ist", da ja "alle epidemischen Krankheiten aus der Luft entspringen". Auch machten "Furcht und Schrecken die Pest schlimmer und gefährlicher".
Knoblauch galt landauf, landab als vorbeugend gegen Seuchen aller Art, genossen oder als Kranz vor die Tür gehängt, um den Pesthauch draußen zu halten. "Hätten d'' Leut gessa Knoblauch und Bibernell, so wäre sie nit g''storba so schnell", reimten die Allgäuer.
Der französische Astrologe und Arzt Nostradamus, dem 1546 Frau und zwei Kinder an der Pest starben, mischte eine Arznei aus Zypressenholz, Veilchenwurzel, Nelken, Kalmus, Paradiesholz, Kolrosen, Bisam und grauer Ambra: "Es ist aber zu Zeiten der Pestilenz kein Geruch auf der Welt, der die böse und vergiftete Luft besser vertreibe."
In Nürnberg taten die Ratsherren das Richtige gegen die Pest - wohl ohne es zu ahnen: Sie verordneten den Bürgern ihrer Stadt bei hohen Strafen äußerste Sauberkeit, ließen regelmäßig die Straßen reinigen, räucherten die Behausungen von Pesttoten aus und verbrannten deren Habe, die Toten wurden so schnell wie möglich außerhalb der Stadtmauern begraben.
Dies, obwohl der Zusammenhang zwischen Hygiene und Krankheit noch unbekannt war und die Pest etwa widrigen Winden aus China, giftigen Dämpfen aus der Erde, vergifteten Astralischen Pfeilen, dem Hauch von Pest-Jungfern, Heuschreckenzügen oder ägyptischen Mumien zugeschrieben wurde.
Dabei hieß sie dort, wo sie ursprünglich herkam, in Innerasien, längst Ratten- oder Mäusepest, gab es in der Mongolei Mäuseamulette gegen die dort endemische Pest, die als grausame Plage schon in der Bibel beschrieben wird.
Um 1000 vor Christus wurden, wie das 1. Buch Samuel berichtet, die Philister von einer Seuche befallen, bei der Beulen auftraten, nachdem sie die Bundeslade der Kinder Israels geraubt hatten. Erst als sie die Lade zurückgaben und ein Schuldopfer brachten mit Bildern "eurer Beulen und eurer Mäuse, die euer Land verderbt haben" (so die Bibel), ließ die Krankheit nach.
Herodot berichtet von einer "Rattenpest", die im 7. Jahrhundert vor Christus _(Im Jubiläumsjahr 1984. Die erste ) _(Aufführung fand 1634 statt und geht ) _(zurück auf ein Gelübde, das im Pestjahr ) _(1633 abgelegt worden war. )
Jerusalem vor den Assyrern rettete, da 185 000 Mann der Belagerer "in einer Nacht gestorben" seien. Bei den Seuchen, die Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges heimsuchten, dürften, obwohl Thukydides sie als "Pest" schilderte, eher Fleckfieber und andere Krankheiten beteiligt gewesen sein.
Die erste große Pest in Europa kam im 6. Jahrhundert aus Ägypten und raffte, mehrere Jahrzehnte dauernd, Millionen von Menschen dahin, fast die Hälfte der Bewohner des Byzantinischen Reiches, das dadurch entscheidend geschwächt wurde. Die Pest, so der Historiker Prokopius, sei vom Himmel gekommen, wer etwas anderes glaube, sei ein Scharlatan.
Diese "Justinianische Pest" war trotz all ihrer Schrecken längst vergessen, ebenso Pestepidemien, die Kreuzfahrer unter Friedrich Barbarossa in Italien befallen hatten, als der Schwarze Tod so verheerend wie nie zuvor und nie wieder nachher im 14. Jahrhundert Europa heimsuchte.
Insgesamt forderte damals die Pest zwischen 1347, als sie in Sizilien begann, und 1352, als sie vorübergehend in Mittel- und Nordeuropa erlosch, etwa 25 Millionen Opfer, ein Viertel bis ein Drittel der damaligen Gesamtbevölkerung des Kontinents.
"In den Städten sah es aus wie im Vorhof der Hölle: streunende Hunde, welche die vor den Türen liegenden Leichname anfraßen; Büttel, die an die Tore das Pestkreuz malten; das Rattern der Totenkarren, der pestilenzartige Gestank, das ohrenbetäubende Glockengeläut, das Schreien und Weinen der Hinterbliebenen", so Fischer-Fabian in "Der jüngste Tag".
Fischer-Fabian weiter: "Von den noch Lebenden büßten einige in Sack und Asche ... andere frönten dem Tanz, der Wollust, der Völlerei und überließen sich den widernatürlichsten Lüsten ohne Scham und Scheu: der Sodomie, der Blutschande, den Bacchanalien in den Kirchen mit der Ausübung des Beischlafs auf dem Altar. Niemand von ihnen scherte sich um die Warnungen der Ärzte, denen (wie heute zu Aids) nur einfiel, daß Geilheit die Leiber zur Pestilenz tauglicher mache, jeder Geschlechtsverkehr "die Todenfackel entzünde".
Da Gott nicht half, lästerten ihn Teufelsbruderschaften "Vater unser, wenn du bist im Himmel, so nur durch Gewalt und Ungerechtigkeit". Da auch die häufig angerufenen Pestheiligen St. Rochus und St. Sebastian zu oft versagten, steigerten sich verzweifelte Gläubige in öffentliche Tanzwut - den sogenannten Veitstanz - hinein.
Und da allzuoft Priester sich davonmachten und Kranke ohne Tröstung, Sterbende ohne Letzte Ölung zurückließen, so daß Papst Clemens VII. eine Generalabsolution erteilen mußte, fanden Geißler oder "Flagellanten" reißend Zulauf, eine Bewegung, die in Deutschland entstand und sich rasch über halb Europa ausbreitete.
So wie Christus vor seinem Kreuzestod blutig geschlagen worden war, züchtigten sie sich selber mit Geißeln, in die Metallsplitter eingeflochten waren, auf den nackten Rücken. So wollten sie für die Missetaten der Menschen büßen, den Zorn Gottes besänftigen und seine Heimsuchung vertreiben.
Die Flagellanten organisierten sich selbst unter Laienmeistern in Bruderschaften von mehreren hundert Männern und zogen von Ort zu Ort, um sich vor ständig wachsendem Publikum öffentlich auszupeitschen. Organisierte Flagellanten durften sich nicht waschen oder die Bärte beschneiden, die Kleider nicht wechseln, nicht in Betten schlafen, auch keine Frau berühren.
Bald zogen sie zu Tausenden durch die Lande, zusammen mit Adeligen, Geistlichen und Frauen, obwohl kein Weib Mitglied werden durfte, und sangen "Nun hebet auf die Hände, daß Gott das große Sterben wende, Jesus, durch deine Wunden rot, behüt'' uns vor dem jähen Tod". Die Menschen empfingen die Geißler mit Glockengeläut, tauchten Tücher in deren Wunden, auf daß dies Büßerblut sie vor der Pestilenz bewahre.
Die Flagellanten, allein in Thüringen gab es über 6000, schlüpften immer mehr in die Rolle der Priester, nahmen die Beichte ab, erteilten Absolution, drohten in Predigten, "die Seelen mit endlosem Feuer einzuräuchern", falls man nicht ihnen folge; jenen, die auf sie hörten, aber verhießen sie Rettung vor der Pest.
Die Kirche wandte sich gegen sie - doch gaben die Geißler dem Volk, was es in seiner Not brauchte: Schuldige und Opfer.
An der Pest, so verbreiteten sie, seien verschworene "Brunnenvergifter" schuld, die das Ziel hätten, die Christenheit zu verderben: die Juden.
Die Juden, längst verhaßt, verfolgt, mit runden gelben Flecken auf ihrer Kleidung gezeichnet, die ein Geldstück symbolisierten - viele waren Geldverleiher, eines der letzten Gewerbe, das ihnen noch gestattet war -, diese Juden, die ja auch Christus gekreuzigt hatten, denen traute das gemeine Volk alles Böse zu, auch daß sie planmäßig die tödliche Seuche verbreiteten.
Im Herbst 1348 lieferte ein Foltergericht in Savoyen endlich den vorgeblichen Beweis, den es noch zum Massenmord brauchte. Nachdem man ihnen die Glieder gebrochen und die Hände zerquetscht hatte, gestanden elf angeklagte Juden, Brunnen und Quellen mit einem Gift verdorben zu haben, das ihnen in
Ledertaschen von Boten des maurischen Königs in Granada überbracht worden sei. Die Ungläubigen hätten es dort aus Spinnen, Kröten, Schlangen und dem Blut von Christenherzen gemischt.
Nun führten die Flagellanten als flammende Rächer der Christenheit Horden von Gefolgsleuten in die Gettos, die bald überall in Flammen aufgingen. In Frankreich und Deutschland "wurden die Juden mit einer Gründlichkeit abgeschlachtet, die nach der endgültigen Lösung des Judenproblems zu trachten schien", schreibt die Historikerin Barbara Tuchman in "Der ferne Spiegel".
In Basel verbrannte der Pöbel Hunderte Juden auf einer Rheininsel bei lebendigem Leib, in Greifswald wurden sie lebendig begraben, in Speyer warf man sie, in Weinfässer gestopft, in den Rhein. In Worms und Frankfurt verbrannten sich die Juden in ihren Häusern aus Angst vor den Mörderbanden selbst. In Mainz, der größten Judengemeinde Europas, griffen die Juden zur Selbstverteidigung und töteten 200 Angreifer, bevor 6000 von ihnen hingemetzelt wurden oder in ihren brennenden Häusern starben.
Überlebende flohen nach Osten, dort entstand dann das Jiddisch, die Umgangssprache der Juden aus Deutschland. Obwohl der Klerus, auch der Papst selbst, die Juden von aller Schuld an der Pest freisprach, da sie doch selber genauso unter der Seuche litten wie die Christen, obwohl Clemens VII. allen an Pogromen Beteiligten die Exkommunikation androhte, wütete das Mordbrennen weiter.
Zu günstig war die Gelegenheit, lästige Gläubiger loszuwerden, ihren Besitz zu rauben. "Wären die Juden arm und niemand ihnen etwas schuldig gewesen, wären sie wohl nicht verbrannt worden", bekannte ein Chronist.
Nur in Österreich und einigen rheinischen Gebieten gelang es der Obrigkeit, die jüdischen Bürger zu schützen. Als die Pest vorüber war, gab es in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland nur noch wenige Juden.
Auch die Christen waren dezimiert, in manchen Landstrichen, wie etwa in Brandenburg, war mehr als die Hälfte der Bewohner ausgerottet. Die Menschen hatten Hoffnung, Glaube und überkommene Wertvorstellungen verloren. Kaum je in der Geschichte hat es eine derartige Umwälzung gegeben, wie der Schwarze Tod sie über Europa brachte - zumal er immer wiederkehrte.
Zwar hatte die erste und schauerlichste Epidemie mancherlei Gegenmittel geboren. Venedig führte die Quarantäne ein - Seuchenverdächtige wurden für vierzig Tage ("quaranta") isoliert -, baute "Lazzaretti" für Kranke und stellte Gesunden "Pestbriefe" aus.
Die Habsburger schützten ihr Reich, in dem die Pest bis zum Ende des 17. Jahrhunderts besonders oft wütete, mit einer lückenlosen Militärgrenze, die zugleich Sanitätskordon war und, schließlich über 2000 Kilometer lang, Mitteleuropa "nachweislich" vor dem Eindringen der Pest bewahrte.
Schon 1562 war eine "Infektionsordnung der Reichshauptstadt Wien" erlassen worden, die als erstes alle Bürger aufrief, "ein gottgefälliges Leben zu führen", da Seuchen ein Strafgericht Gottes seien.
Doch dieser Erlaß hatte wenig geholfen, zumal das Leben der Herrschenden alles andere als gottgefällig war und der Hof beim ersten Anzeichen der Pest stets eiligst aus der Hauptstadt flüchtete, so daß das Volk den Fürsten von Schwarzenberg, der in der Stadt geblieben war und unermüdlich bei der Seuchenbekämpfung half, zum "Pestkönig von Wien" erkor.
Dies war die Zeit des lieben Augustin, eines Bänkelsängers und Bruders Leichtfuß, den bei der Pest von 1679 städtische Sielknechte als Schnapsleiche aufgelesen, auf den Karren geladen und in eine Grube mit Pesttoten geworfen hatten. Augustin schlief dort seinen Rausch aus, wurde anderntags wieder herausgeholt, "und hat ihm dieses Nachtlager auch nicht das wenigste geschadet", wie der Chronist Johann Konstantin Feigius staunend festhielt.
Der Kauz selber widmete der Seuche ein Totentanzlied, das ihn für alle Zeiten berühmt machte und so endet: _____" Jeden Tag war sonst ein Fest, Jetzt aber hab''n wir " _____" die Pest! Nur ein großes Leichennest, Das ist der Rest! " _____" O du lieber Augustin, Leg'' nur ins Grab dich hin, O " _____" du mein herzliebes Wien, Alles ist hin! "
Dem Galgenhumor des Bänkelsängers setzte der sprachgewaltige Prediger Abraham a Santa Clara seine Philippika "Mercks Wien" entgegen, in der er bilderreich
das Vordringen der Pest von Straße zu Straße registriert: "In der Herrengasse hat der Tod geherrscht, in der Himmelpfortgasse hat manchen der Tod in den Himmel geschickt, auf den Heideschuß hat der Tod nach den Christen geschossen, in der Jungfrauengasse hat der Tod galanisiert, in der Judengasse hat der Tod keinen Sabbath gehalten und am Judenplatz hat der Tod ziemlich geschachert, in der Landskrongasse hat der Tod das Zepter geführt."
Kontumaz, wie die Quarantäne in Österreich geheißen wurde, und 11 000 Gesundheitsinspektoren unter dem Kommando eines "Oberpestdirektors" sollten fortan die Pest fernhalten, obwohl, wie Daniel Defoe, der berühmteste britische Pest-Chronist jener Zeit, schrieb, doch nichts davor half, außer "Davonlaufen".
Defoe schalt vor allem die Quacksalber, die Anno 1665 bei der Pest in London ihr mieses Geschäft machten, "5 Pfund am Tag an ihren Arzneien verdienten", die doch nichts halfen:
"Die Leute waren wie verrückt hinter Marktschreiern und Quacksalbern und jedem kurpfuschenden alten Weib her, um Medizinen und Heilmittel zu bekommen, sie versorgten sich mit so großen Vorräten an Pillen, Tränken und sogenannten Abwehrmitteln, daß sie nicht nur ihr ganzes Geld dafür ausgaben, sondern sich, aus lauter Angst vor dem Gift der Ansteckung, schon vorher selbst vergifteten, auf diese Weise der Pest Vorschub leistend, statt ihr vorzubeugen.
Ganz unwissende Burschen, Kurpfuscher und Quacksalber, luden die Leute ein, bei ihnen Arzneien zu kaufen, und priesen sie mit solch blühenden Redensarten an wie: ''Unfehlbar wirkende Vorbeugepillen gegen die Pest'', ''Niemals versagendes Abwehrmittel gegen Ansteckung'', ''Unvergleichlicher Trank gegen die Pest, noch nie in Gebrauch gewesen'', ''Das einzig echte Pestwasser'' oder ''Das königliche Gegenmittel gegen jede Art von Infektionen''."
Da bot ein "Hervorragender Niederländischer Arzt" seine Dienste an, der "während der ganzen Zeit der großen Pest vorigen Jahres in Amsterdam weilte und eine Unzahl von Menschen geheilt hat, die tatsächlich von der Pest befallen waren".
Eine "Italienische Adelsfrau, eben aus Neapel zugereist, im Besitz eines erlesenen Geheimmittels, womit sie wunderbare Heilungen dortselbst bewirkte", ließ Handzettel verteilen, um Patienten zu locken. Eine "Dame aus altem Adel, die mit großem Erfolg bei der vorigen Pest in dieser Stadt, Anno 1636, praktiziert hat", wollte ihren Rat "nur dem weiblichen Geschlecht" erteilen.
Diese letzte große Pest raffte in London trotz behördlichen Verbots beispielsweise "ungebührlichen Zechens" 68 590 Menschen dahin, "und es kam vor", so Defoe, "daß Menschen, die schon im Fieberwahn und dem Ende nahe waren, zu den Gruben liefen, in Decken oder Bettücher gehüllt, und sich hinunterstürzten, um, wie sie sagten, sich selbst zu begraben".
Der Pest erlagen die Maler Tizian, Grünewald und Holbein d. J., sie entvölkerte Anfang des 18. Jahrhunderts Ostpreußen dermaßen, daß König Friedrich Wilhelm 20 000 aus Salzburg vertriebene Protestanten gegen eine Tagesdiät und vier Groschen in die verwaisten Pestdörfer lockte. Die Dichterin Agnes Miegel, deren salzburgische Vorfahren gleichfalls auf einem Pesthof gelandet waren, hat der Seuche in ihrer Ballade "Die Frauen von Nidden" ein literarisches Denkmal gesetzt: _____" Doch die Pest ist des Nachts gekommen, Mit den Elchen " _____" über das Haff geschwommen. " _____" Kein Tischler lebt, der den Sarg uns schreint, " _____" Nicht Sohn, noch Enkel, der uns beweint, Kein Pfarrer " _____" mehr, uns den Kelch zu geben, " _____" Nicht Knecht noch Magd ist mehr unten am Leben. "
Ärzte behandelten Seuchenkranke nur in Pestmasken - Kapuzen, Gesichtsmasken, in deren langem Schnabel aromatische Kräuter die Luft reinigen sollten, weshalb die Ärzte auch Schnabeldoktoren genannt wurden. Apotheker bedienten ihre Kunden nur durch ein kleines Pest-Fensterchen. Briefträger hatten einen Stab, an dessen Ende sich eine Eisenklemme befand, mit der Briefe übergeben wurden, um direkte Berührung zu vermeiden - Kontaktängste, wie sie heute bei Aids weltweit wiederkehren. Die Pest weckte oft auch Habgier: Reichen Verwandten schickte man einen Leichenträger ins Haus, damit er sie anstecke und man sie beerben könnte.
Schließlich kapitulierte der Schwarze Tod vor dem Fortschritt: Steinbauten verdrängten Ratten und Ungeziefer, die Hygiene nahm zu, und die Seuche zog sich dorthin zurück, woher sie gekommen war: in isolierte Gebiete in Asien, Afrika, aber auch Amerika, wo sie bei den Flöhen von Ratten oder wilden Nagetieren nach wie vor endemisch ist und zuweilen wieder hervorbricht:
1898 in Madagaskar, von wo ein Schiff ("Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord") sie nach Südafrika einschleppte, wo während des Burenkrieges Tausende an ihr starben. In Indien, wo alle Seuchen stets reichlich Nährboden finden, gab es in den ersten zwei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts noch 12 Millionen Pesttote, Millionen starben auch in China.
1942 trat sie im algerischen Oran auf, von Albert Camus in "Die Pest" meisterhaft beschrieben: "Aus dem Dunkel
des Ganges tauchte eine dicke Ratte auf, mit feuchtem Fell und unsicherem Gang. Das Tier blieb stehen, schien sein Gleichgewicht zu suchen, wendete sich gegen den Arzt, blieb wieder stehen, drehte sich mit einem leisen Schrei im Kreis und fiel schließlich zu Boden, wobei aus halbgeöffneten Lefzen Blut quoll.
"Vom vierten Tag an kamen die Ratten in Gruppen heraus und starben. Aus den Verschlägen, den Untergeschossen, den Kellern, den Kloaken taumelten sie ins Licht, drehten sich um sich selber und verendeten in der Nähe der Menschen. Nachts hörte man in den Gängen und den engen Gassen deutlich ihren leisen Todesschrei. Am Morgen fand man sie in den Straßengräben der Vorstädte ausgestreckt, ein bißchen Blut auf der spitzen Schnauze, die einen aufgedunsen und faulig, die anderen steif, mit gesträubten Schnauzhaaren."
"Sie wissen natürlich, was es ist", fragt bei Camus ein Arzt den anderen. "Ja, es ist kaum zu glauben. Aber es scheint wirklich, daß es die Pest ist, die doch seit Jahren aus den gemäßigten Zonen verschwunden ist."
Als Epidemie verschwunden war die Pest in entwickelten Ländern, nachdem 1894 zwei Wissenschaftler gleichzeitig am gleichen Ort den Erreger sowohl der Beulenwie der Lungenpest entdeckt hatten: Yersinia pestis, übertragen von Flöhen, die vornehmlich auf Ratten und anderen Nagern nisten.
Es geschah in Hongkong, als dort 1894 die Pest ausgebrochen war und der Japaner Schibasaburo Kitasato, ein Schüler Kochs, sowie der Schweizer Alexandre Yersin, ein Mitarbeiter Pasteurs, unabhängig voneinander den Erreger unter dem Mikroskop entdeckten.
Heute sind Naturherde von Pestbazillen bei wildlebenden Nagern noch in 14 Ländern verblieben, darunter auch in den Vereinigten Staaten, wo 1982 noch 35 Menschen an der Pest erkrankten.
Als die Pest im 18. Jahrhundert aus Europa verdrängt wurde - die letzte große Epidemie gab es 1720 in Marseille -, brach über den Kontinent ein anderer Schrecken aus dem Osten herein, der den Menschen nach einem zeitgenössischen Sprichwort nur die Wahl zwischen zwei Seuchen ließ - "zwischen Pest und Cholera".
Die Cholera asiatica, die, ebenso wie die Pest, Befallene binnen Stunden oder Tagen dahinraffte, war im fieberfeuchten Delta des Ganges und Brahmaputra bereits im grauen Altertum pandemisch. Schon der Inderkönig Aschoka errichtete ihr im dritten Jahrhundert vor Christus einen eisernen Monolithen. Den Hindus galt sie als Göttin der Zerstörung, Kali, der Tempel geweiht wurden.
Hippokrates, der legendäre griechische Arzt, schilderte sie und warnte vor verdorbenen Lebensmitteln als Krankheitsursache. Der arabische Arzt und Gelehrte Avicenna (Ibn Sina) machte um das Jahr 1000 schon schlechtes Wasser für die Seuche verantwortlich - was gläubige Hindus bis heute nicht anficht, die Cholera durch "heiliges" Gangeswasser immer wieder zu verbreiten, das sie als Heilmittel für Körper und Seele trinken, obwohl sie es vorher durch Fäkalien, Baden von Seuchenbefallenen aller Art und
halbverweste und verkohlte Leichen vergiftet haben.
Den Mongolen schon galt eine Versetzung in die "höllische Region" Bengalen als Todesurteil, lauerte dort doch "mordechim", der "schnelle Tod" auf Hindi (was die Franzosen, die der Seuche erstmals in ihrer indischen Besitzung Pondicherry begegneten, zu "mort de chien", durchaus zutreffend Tod durch Durchfall, verballhornten).
Religion und Gewinnsucht verbreiteten die Seuche, die Betroffene durch totale Entwässerung des Körpers umbringt: Hindu-Pilger streuten sie vom heiligen Ganges aus über den Subkontinent, Moslems trugen sie auf ihrer Hadsch bis Mekka weiter, wo oft Zehntausende Pilger von der Cholera dahingerafft wurden. Doch die Überlebenden ertrugen es mit Fatalismus, hatte doch Mohammed verkündet: "Wer an einer Seuche stirbt, ist ein Märtyrer." Von Mekka kam die Cholera über Ägypten in den Orient und nach Südosteuropa.
Für einen mörderischen Seuchenzug der Cholera um die ganze bewohnte Welt sorgten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Soldaten der Britisch-Ostindischen Handelskompanie. Sie schleppten die Erreger von Bengalen auf dem Landweg nach Afghanistan, per Schiff nach Südostasien, China und Japan sowie Oman und Afrika. Über Rußlands Südgrenze - die Soldaten des Zaren bekriegten damals Perser und Türken - durchquerte sie trotz aller drakonischen Sperren die Wolga entlang Rußland und kam mit den Regimentern des Zaren bis ins aufständische Polen.
"Die vom russischen Heer in unser Land eingeschleppte unselige Krankheit taucht immer sogleich dort auf, wo sich die moskowitischen Horden blicken lassen", klagte der polnische General Skrzyneski.
Sie raffte Freund und Feind dahin, aber auch Unbeteiligte: Nachdem die "Feldmarschallskrankheit" schon die Russenkommandeure Feldmarschall Diebitsch und Großfürst Konstantin getötet hatte, erlag ihr auch noch Prominenz des preußischen Observationsheeres, Gneisenau und Clausewitz. Von der Ostseeküste kam die Cholera per Schiff nach England. Irische Auswanderer brachten die Seuche nach Amerika, wo sie sich südwärts über den ganzen Kontinent verbreitete. Um 1830 gab es auf der ganzen bewohnten Welt nur einige wenige Flecken, wo nicht die Cholera wütete: das Innerste Afrikas, Inneraustralien und Feuerland.
Die Zahl der Erkrankten hielt sich im Vergleich zur Pest in Grenzen, von den Betroffenen aber starb mindestens die Hälfte - in Rußland etwa eine Million Menschen. Hartnäckig begleitete die Cholera den Krieg: Im Krimkrieg von 1854 raffte sie Zehntausende des französisch-britischen Expeditionskorps dahin, den Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 schossen zwei arg von der Cholera dezimierte Heere gegeneinander aus.
Die Cholera regte Dichter an: Puschkin schrieb, in Zwangsquarantäne auf dem väterlichen Landgut, "Eugen Onegin". Gogols "Tote Seelen" fußen auf Cholera-Geschehnissen, Alexander Herzen geißelte in einem leidenschaftlichen Flugblatt die vergebliche Seuchenbekämpfung des Innenministers Sakrewski:
"Sie haben, um von der eigenen Bestechlichkeit abzulenken, harmlose Grenzgänger und verzweifelte Bauern des Schleichhandels bezichtigt und zum Spießrutenlauf verdammt, sie haben die Suche nach Choleraverdächtigen bis zum Mord betrieben, die Beerdigung von Verstorbenen bis zur Leichenschändung entwürdigt, sie haben dies alles getan, ohne die Ausbreitung der Seuche auch nur im geringsten verhüten zu können!"
Heinrich Heine erlebte die Seuche 1832 in Paris, wo "sogar Masken, in karikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten". Doch dann erkrankten Leute noch während der Maskerade und, so Heine, "sind jene Toten so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe".
Der deutsche Arzt und Nobelpreisträger Robert Koch fand 1883 den "Kommabazillus", _(Unten: Lithographie aus dem 19. ) _(Jahrhundert; aus dem Text: "Ueber ) _(Flanell Binden einen wattirten ) _(Busenwärmer, ein Mieder aus Gummi ) _(Elasticum. Unterbeinkleider, am Fuß ) _(dreidoppelt mit Kräutersäckchen garnirt. ) _(Schuhe und Ueberschuhe mit Warmflaschen. ) _(In den drei Haarflechten hat sie ) _(Essigflaschen, Chlorkalktöpfe und ) _(Suppentassen stehen. Oben an der Spitze ) _(eine kleine Wind-Mühle, um die Luft zu ) _(reinigen. In d. Ohren Gehänge von ) _(Zwiebeln und kleinem Knoblauch." ) _(Oben: An der italienisch-französischen ) _(Grenze wird Reisegepäck desinfiziert. )
der die Cholera verursacht. Er war der Seuche bis nach Ägypten und, als er dort nur noch einen Seuchentoten vorfand, bis Indien nachgereist, wo er den Erreger zweifelsfrei nachwies.
Dies verhinderte freilich nicht, daß die Schmutzwasserseuche ausgerechnet in Kochs Heimat und dort wieder ausgerechnet in der stolzen Freien und Hansestadt Hamburg vor nur zwei Menschenaltern nochmals mit aller Gewalt zuschlug und 1892/93 fast 9000 Menschenleben forderte.
Dort starben am 20. August 1892 der schwedische Schiffszimmermann Anderson und ein "wegen Trunkenheit und Lärmens ins Polizeigefängnis zu Altona eingelieferter" Zigarrenarbeiter Weisbach (so die "Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte" von Anno 1896). Befund in beiden Fällen: asiatische Cholera.
Eingeschleppt wurde die Cholera, so vermuteten die mit der Untersuchung befaßten Mediziner, von russischen Auswanderern, die in Schuppen auf dem Amerikakai nahe dem Grasbrook auf die Verschiffung nach Übersee warteten - "fast sämtliche den unteren Volksklassen angehörend und in ihren Lebensgewohnheiten tief stehende Personen", wie sich das Gesundheitsamt mokiert.
Daß aber trotz des Wirkens einer "Cholera-Kommission" des Senats Ende August bereits über 500 Menschen täglich an der Seuche starben, mußten sich die Hamburger höchstselbst ankreiden. Denn nirgendwo wurde bisher schlagender bewiesen als damals in der Hansestadt, daß unreines Wasser für die Verbreitung der Seuche verantwortlich ist. Die Hamburger "Stadtwasserkunst" bestand damals darin, ungereinigtes Elbwasser in die Leitungen zu pumpen. In die Elbe flossen aber ungeklärt alle Abwässer der Stadt, die in jenem trockenen, heißen August durch den Gezeiten-Einfluß vor der Stadt auf und ab schwappten.
Wie sehr das infizierte Leitungswasser den Seuchenverlauf bestimmte, zeigte sich daran, daß die Cholera an den politischen Grenzen der Stadt haltmachte: Das preußische Altona, das gereinigtes Wasser in den Leitungen hatte, blieb unmittelbar neben den "stark durchseuchten" (Gesundheitsamt) Hamburger Stadtvierteln St. Pauli und Eimsbüttel von der Krankheit verschont. Auch die 345 Bewohner des Hamburger Hofes am Schulterblatt bekamen keine Cholera: Ihr Häuserkomplex war ans Altonaer Wassernetz angeschlossen.
Genauso war es im Osten der Stadt. Wandsbek, das sein Wasser vom Großensee bezog, blieb seuchenfrei. In beiden Städten erkrankten nur Menschen, die sich in Hamburg selbst angesteckt hatten. Und: In der Kaserne des 2. Infanterieregiments Nr. 76 erkrankte kein einziger Soldat - sie hatte eigene Brunnen.
Auch der Geheimrat Robert Koch, der von Berlin nach Hamburg geschickt wurde, machte eindeutig das Elbwasser für die Seuche verantwortlich. Die Cholera ließ nach, als die Bevölkerung durch Sprengwagen mit Brunnenwasser aus der Billbrauerei versorgt wurde und die Anweisung der Seuchenkommission befolgt wurde, Leitungswasser nur abgekocht zu verwenden.
Die Cholera kostete die Senats-Pfennigfuchser fast eine halbe Milliarde Mark - rund 20mal soviel wie eine Leitung mit einwandfreiem Wasser, die wurde erst nach der Seuche gebaut.
Immerhin verdankt Hamburg der Cholera eine unterdessen weltweit bekannte Einrichtung: Der Marinearzt Dr. Bernhard Nocht eröffnete 1900 mit Hilfe des Senats am Hafen sein "Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten", das heutige Hamburger Tropeninstitut.
Im nächsten Heft
Der Schreckenszug der Pocken um die Welt - Die "Kulturschande" Lepra - Das Gelbfieber bezwingt Napoleons Truppen in Haiti - Zeitbombe Malaria
Erschienen im Droemer Knaur Verlag, München; 368 Seiten; 42 Mark. Titel: "Malaria, Fleckfieber, Pest". Hirzel Verlag, Stuttgart; 172 Seiten; 29,50 Mark. Im Jubiläumsjahr 1984. Die erste Aufführung fand 1634 statt und geht zurück auf ein Gelübde, das im Pestjahr 1633 abgelegt worden war. Unten: Lithographie aus dem 19. Jahrhundert; aus dem Text: "Ueber Flanell Binden einen wattirten Busenwärmer, ein Mieder aus Gummi Elasticum. Unterbeinkleider, am Fuß dreidoppelt mit Kräutersäckchen garnirt. Schuhe und Ueberschuhe mit Warmflaschen. In den drei Haarflechten hat sie Essigflaschen, Chlorkalktöpfe und Suppentassen stehen. Oben an der Spitze eine kleine Wind-Mühle, um die Luft zu reinigen. In d. Ohren Gehänge von Zwiebeln und kleinem Knoblauch." Oben: An der italienisch-französischen Grenze wird Reisegepäck desinfiziert.

DER SPIEGEL 41/1985
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