20.05.1985

Gesegnet wie Hitler

SPIEGEL-Autor Wilhelm Bittorf über die „AirLand Battle“ in den Köpfen amerikanischer Offiziere *
Krieg in Mitteleuropa. Eine gepanzerte Brigade der US-Armee hat die erste Staffel der sowjetischen Streitkräfte durchstoßen, wie es ihr Auftrag verlangt und wie es die neue amerikanische Offensiv-Doktrin "AirLand Battle" ("Luft-Land-Schlacht") vorsieht. Das der Brigade gesetzte Ziel ist ein strategisch wichtiger Punkt im Aufmarschgebiet des Warschauer Pakts, also in der DDR oder in der CSSR.
Der US-Kampfverband prescht diesem Ziel entgegen. Er überrennt kleinere Feind-Einheiten, die ihm in die Quere kommen, umgeht aber stärkere Feindkräfte, damit sein kühner "deep attack" ("Angriff in die Tiefe") keine Verzögerung erleidet und nicht ausblutet.
Doch unversehens trifft der amerikanische Husarenritt auf ein ganzes motorisiertes Schützenregiment der Sowjets. Was nun? Muß sich der US-Verband planwidrig die Zeit nehmen, die Russen niederzumachen? Wird dem amerikanischen Vorstoß damit gar die Spitze gebrochen?
Weder, noch. Denn zum Erstaunen der GIs wollen die Russen gar nicht kämpfen. Das ganze Schützenregiment ist "mehr oder weniger willens, sich zu ergeben", heißt es in dem amerikanischen Szenario, um das es hier geht.
Für den Szenario-Verfasser kommt das nicht ganz unerwartet. Die Russen, betont er, hätten sich im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg in der Tat nicht bloß regimentsweise, sondern einige Male sogar in Divisionen, ja in ganzen Armeekorps ergeben. Warum sollten sie das nicht auch im nächsten Krieg wieder tun? Warum sollten Sowjetsoldaten ihre Schießprügel nicht wegwerfen, dann zumal, wenn sie sich Amerikanern gegenübersehen, denen der Ruf humanitären Verhaltens und guter Verpflegung vorauseilt?
Aber gerade darin liegt die Schwierigkeit für die vorwärtsstürmende Brigade der U.S. Army: Wie soll sie mit dem kapitulationswilligen Schützenregiment, wie mit Überläufern und Gefangenen umgehen, ohne daß der eigene Vormarsch dadurch fatal ins Stocken gerät? Anders gesagt: "Unser Brigadekommandeur hat ein Problem ... Er muß unverzüglich mit den EPWs fertig werden ..." ("EPW" steht für "Enemy Prisoners of War" gleich "feindliche Kriegsgefangene").
So liest man es im "professional journal of the U.S. Army", der Monatsschrift "Military Review", 64. Jahrgang, Heft 12, Dezember 1984. Sie wird von der höchsten Ausbildungsstätte des amerikanischen Berufsheers publiziert, dem "Command and General Staff College" in Fort Leavenworth/Kansas. Allen Heeresoffizieren vom Major aufwärts wird die Schrift der Generalstabsschule von der Army zugestellt, damit sie auch geistig auf der Höhe der Kriegskunst bleiben.
Nur wenige Journalisten und Militärwissenschaftler außerhalb der Army und der Nato-Streitkräfte werten die "Military Review" aus, obwohl die Druckschrift mehr über den Stand der martialischen Dinge verrät als die Auskünfte aller Nato-Verteidigungsministerien zusammen. Man nehme nur die Textankündigung der Redaktion (Chefredakteur: Oberstleutnant Dallas van Hoose jr.) für den Beitrag über die Gefangenenfrage: _____" Um zum Erfolg auf dem Schlachtfeld zu kommen, müssen " _____" zahlreiche Hindernisse überwunden werden. Eines, das " _____" besonders lästig werden kann, ist der Umgang mit " _____" feindlichen Kriegsgefangenen bei gleichzeitiger " _____" Fortführung der Operationen. Angemessene Pläne für die " _____" Behandlung großer Gefangenenzahlen müssen jetzt " _____" ausgearbeitet werden, damit dieses " _____" Problem den Erfolg auf dem AirLand-Schlachtfeld nicht " _____" gefährdet. "
Den daran sich anschließenden 14seitigen Artikel hat ein aus Texas stammender Major namens Mark D. Beto verfaßt, der vielfältige Qualifikationen aufweist. Beto ist Absolvent des "Russischen Instituts" der U.S. Army, wo man die östliche Gegenmacht studiert, den "Feind", dem das US-Militär den Krieg schon erklärt hat, der bloß noch nicht ausgebrochen ist.
Erst im vergangenen Jahr hat Major Beto auch das Führungs- und Generalstabscollege in Kansas hinter sich gebracht. Er hat schon in Vietnam gedient und war in Deutschland Verbindungsoffizier zu den Sowjetstreitkräften in der DDR - ein Vorgänger also des Majors Nicholson, der Ende März bei Ludwigslust von einem russischen Wachsoldaten erschossen worden ist. Gegenwärtig erfüllt Beto geheime Aufgaben in der "Defense Intelligence Agency", dem Nachrichtendienst des Pentagon, und ist für die Presse nicht zu sprechen.
Doch sein Text über die erwarteten Massen russischer Gefangener redet deutlich genug. Sogar dem militärischen Laien, der verwirrt ist vom Expertenstreit um AirLand Battle und vom Schamanentanz um "Star Wars", müßte Major Betos Aufsatz ein wenig klarer machen, was es mit den Strategien des Pentagon auf sich hat. _____" Bis zum Ende des Jahres 1941 gerieten fast vier " _____" Millionen sowjetische Soldaten in Gefangenschaft. Mehr " _____" als zwei Millionen wurden in nur fünf Schlachten " _____" gefangengenommen: 320 000 bei Bialystok/Minsk im Juli; " _____" 300 000 bei Smolensk im Juli; 103 000 bei Uman im August; " _____" 665 000 bei Kiew im September; und 665 000 bei " _____" Brjansk/Wjasma im Oktober. "
Major Beto ist fasziniert von den ersten Monaten des deutschen Überfalls auf die Sowjet-Union und von der Anfälligkeit der sowjetischen Truppen für Konfusion und Defätismus, wenn sie wie 1941 von einem verwegen und weiträumig operierenden Gegner angegriffen und, unzureichend geführt, von Treffen zu Treffen stets von neuem überrumpelt werden.
Der Texaner kann gar nicht genug "historische Präzedenzfälle", auch aus dem Ersten Weltkrieg, nennen für "Fahnenflucht en gros" und "wilde Flucht" bei den Russen. Immer wieder zitiert er geschlagene Hitler-Generale, die sich 1945 zu den Amerikanern retteten und den Army-Historikern mit unbelehrter Arroganz zu Protokoll gaben, ein wie leichtes Spiel man mit den Russen habe, wenn deren "ausgeprägter Herdeninstinkt" sie zur "Massenpanik" oder massenhaft zur Übergabe treibe.
Was aber hat das mit AirLand Battle zu tun? Dieses Geheimnis hat erfrischend unverblümt der Generalmajor John W. Woodmansee jr. enthüllt, früher stellvertretender Kommandeur des V. US-Korps in Frankfurt, heute Chef der 2. US-Panzerdivision in Fort Hood, Texas. Im Augustheft 1984 der "Review" beschreibt er die AirLand Battle als "Blitzkrieg-Technik". Den Bewegungskrieg der deutschen Truppen gegen Frankreich 1940 und die UdSSR 1941 bezeichnet Woodmansee eindeutig als Vorbild für das Zusammenwirken von Bodentruppen und Luftwaffe, auf dem das AirLand-Konzept beruht. Genaugenommen, meint der Panzergeneral bescheiden, hätten Hitlers Militärs die Air-Land Battle erfunden: "The blitzkrieg was truly an air-land battle."
So offen redet die Army erst in jüngster Zeit. Früher wurden die Maximen der AirLand-Doktrin auch in der "Review" so abstrakt und vieldeutig skizziert, wie das bei der Nato und in Bonn heute noch ängstlich bewahrter Brauch ist. Da hieß es nur, es gehe vor allem darum, "die "Initiative zu behalten", "Schläge in die Tiefe" zu führen, "schneller als der Feind zu reagieren" und dergleichen Hohlformeln mehr.
Die Streitfrage ist, was sich dahinter verbirgt und wieweit es abweicht von der bisherigen Nato-Konzeption, die sich defensiv darauf beschränkt, angreifende Ostblock-Truppen wieder aus dem deutschen Nato-Territorium hinauszuwerfen und den innerdeutschen Grenzverlauf zwischen den Blöcken wiederherzustellen - mehr nicht.
Keine "Angriffe in die Tiefe" von Nato-Bodentruppen über die Grenze hinweg. Keine Verfolgung und Vernichtung gegnerischer Verbände auf DDR-Gebiet oder noch weiter östlich, kein Versuch mithin, dem abgewehrten Angreifer im Gegenzug eine klare Niederlage zu bereiten. Was Bundeswehr-Generalinspekteur Wolfgang Altenburg dazu sagt, scheint unmißverständlich: Es gebe "keinerlei Planung der Nato, über die Grenzen hinweg zu reagieren".
Schon in ihren abstrakten Formeln fordert die AirLand-Doktrin dagegen _(Links: US-Offiziere beim Herbstmanöver ) _(1984; rechts: aus "Military Review" ) _(August 1984. )
den "erkennbaren Sieg" der eigenen Truppen: "Die Zerschlagung der kämpfenden Verbände des Feindes ist der einzig sichere Weg zum Sieg. Daher dienen offensive Operationen hauptsächlich dem Zweck, Feindkräfte zu vernichten", heißt es in der seit August 1982 gültigen US-Heeresdienstvorschrift "Field Manual 100-5".
Dasselbe Werk nennt "Israels Sinai-Feldzug 1967" und den "sowjetischen Vorstoß in die Mandschurei 1945" als "ausgezeichnete Beispiele für Angriffsplanungen der Zukunft". Beide Offensiven waren eindeutig keine Vergeltungsschläge, sondern Angriffshandlungen, die den Krieg (gegen Ägypten und Japan) eröffneten, ohne daß der Gegner auch nur den ersten Schuß abgefeuert hatte.
Doch was amerikanischen Offizieren heute vorschwebt, geht auch darüber weit hinaus. Im Mai 1984 bereits bekannte "Military Review", was vorher immer nur in vagen Anspielungen auf den deutschen "Blitzkrieg" anklang: daß "ein Fundament der AirLand Battle" die "vom deutschen Heer von 1917 bis 1945 angewandte Doktrin" sei. Und weiter in der Fachzeitschrift der US-Generalstabsschule unter der Überschrift "Die philosophische Grundlage der AirLand Battle": _____" Wir alle sind vertraut mit den überragenden " _____" taktischen und operativen Erfolgen der Deutschen, von der " _____" Zerschlagung der Italiener 1917 bei Caporetto über die " _____" spektakulären Westfront-Offensiven 1918 bis zu den " _____" blendenden Tagen (dazzling days) des Blitzkriegs 1939/41. " _____" Uns allen sind die äußeren Merkmale des Blitzkriegs " _____" bekannt, zu dem Überraschungsangriffe ebenso gehören wie " _____" die tiefe und mit hohem Tempo ablaufende Durchdringung " _____" des feindlichen Hinterlands. "
Nun gehe es darum, daß Amerikas Army-Offiziere die solchen Offensiv-Erfolgen "zugrundeliegende Philosophie" der deutschen Kriegsführung begreifen lernen und sich aneignen - wobei ihnen ein in Klammern hinzugefügter Hinweis über etwelche Bedenken, den Ausgang der deutschen Verwegenheiten betreffend, hinweghelfen soll: _____" (Daß die Deutschen schließlich beide Weltkriege " _____" verloren, ist der Fehler einer nationalen Führung, die " _____" zweimal versuchte, es fast mit der ganzen Welt zugleich " _____" aufzunehmen. Die Leistungen des deutschen Heeres auf der " _____" taktischen und operativen Ebene bleiben Gegenstand der " _____" Bewunderung.) "
Bewunderung empfindet auch Major Mark D. Beto in seinem "Review"-Artikel vor allem für die Kesselschlachten von 1941, bei denen die deutschen Angreifer riesige Sowjetverbände nicht durch physische, blutige Vernichtung schlugen, sondern "psychologisch": Die deutschen "Attacken in die Tiefe" lähmten die Führung und den Kampfeswillen der sowjetischen Truppen.
Deshalb ja die Millionen von Gefangenen binnen kurzer Zeit, die Menschenmassen, mit denen die Deutschen dann nicht zurechtkamen, weil sie sich auf das Problem - den Amerikanern zur Warnung - nicht vorbereitet hatten. Major Beto: _____" Bis zum Oktober 1941 hatte sich das " _____" (Gefangenen-)Problem so verschlimmert, daß Adolf Hitler " _____" klagte: "Früher sagten wir immer: ''Laßt uns Gefangene " _____" machen!'' Jetzt fragen wir uns: ''Was sollen wir mit all " _____" diesen Gefangenen machen?''" " _(Im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in ) _(Ostpreußen; links: Generalfeldmarschall ) _(Wilhelm Keitel; rechts: Hermann Göring. ) _____" Wir wollen hoffen, daß wir auf dem " _____" Air-Land-Schlachtfeld in ähnlicher Weise mit Erfolg " _____" gesegnet sind, aber imstande sein werden, diese Frage zu " _____" beantworten. "
"Gesegnet" wie Hitler? "Gesegnet" mit unübersehbaren Scharen sich ergebender Sowjetsoldaten, für die man halt nur beizeiten Vorkehrungen treffen müsse? Liest man recht?
Man liest recht. Und doch muß es erst einmal über die Maßen verrückt und unglaubwürdig erscheinen, wenn sich im höchstrangigen "professional journal" der U.S. Army die Hoffnung auf künftige Siege über die Sowjetmacht äußern kann. Denn es widerspricht von der Wurzel auf allem, was die Militärs der Nato, Amerikaner eingeschlossen, früher erklärt haben.
Mehr als drei Jahrzehnte lang ist immer nur die erdrückende Zahlenüberlegenheit des Sowjetblocks an Soldaten, Panzern, Kanonen und Raketen beschworen worden. Nur durch die Drohung mit dem Ersteinsatz selbstmörderischer Atomwaffen, so der oberste Glaubenssatz der Nato, sei zu verhindern, daß sich die russische Panzerwalze über Nacht mit erdbebengleichem Dröhnen und Knirschen in Bewegung setzt, um Westeuropa bis zur Kanalküste zu zermalmen. Auch das neueste Wörner-Weißbuch malt schwärzer denn je dieses Schreckbild.
Deshalb reagierte man, mit Ausnahme der Grünen, in Bonn mit einem gelassenen Zucken der Achsel auf die ersten Neuigkeiten vom AirLand-Battle-Konzept.
Angesichts der ost-westlichen Kräfteverhältnisse, meinten sie, konnte das kaum mehr sein als eine Sandkastenspielerei für Kommandeursschulen, allenfalls eine Direktive für eine energischere Taktik im Abwehrkampf und, siehe "Rogers-Plan", für verstärkte Luftangriffe auf die gegnerische Etappe. Aber Blitzkrieg-Vorstöße der Bodentruppen? Siegstrategie? So etwas konnten allenfalls die ewig alarmierten Gespensterseher aus der Friedensbewegung argwöhnen.
Doch die Sache ist komplizierter. Zwar haben sich die Kräfteverhältnisse in Europa in den letzten Jahren objektiv kaum verändert. Auch werden die Zahlen östlicher Überlegenheit nach wie vor von den Militärs übertrieben, wenn es gilt, den Parlamenten und Steuerbürgern immer neue Milliardenbewilligungen abzunötigen.
Der springende Punkt aber ist, daß die subjektive Einschätzung dieser Kräfteverhältnisse - und der eigenen Möglichkeiten - sich beim Offizierskorps der U.S. Army in einem Ausmaß gewandelt hat, von dem sich die Öffentlichkeit
keine Vorstellung macht. Die "Philosophie", zu der das amerikanische Heer sich intern bekehrt hat, ist, das sieht auch "Military Review" ganz deutlich, "der US-Militärtradition fremd" - so fremd wie die neuen US-Helme, die den Kopfschützern der deutschen Wehrmacht ähneln, so fremd wie die Teutonenworte "Auftragstaktik", "Schwerpunkt" oder "Einheitsprinzip", die durch die Spalten der "Review" poltern.
Denn die US-Militärtradition beruht nicht auf napoleonischem oder preußischem Feldherrngenie, dem es hin und wieder gelungen war, auch einen an Zahl überlegenen Feind durch überraschende Angriffe und taktisches Geschick zu schlagen. Amerikas Generale dagegen haben stets fest darauf vertraut, daß Gott am Ende auf der Seite der stärkeren Bataillone steht: Und tatsächlich haben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten bis 1945 alle ihre Gegner dank einer himmelhohen Materialüberlegenheit überwältigt.
Das änderte sich in der Konfrontation mit der Sowjet-Union und ihren "Surrogaten" (Pentagon-Jargon für Verbündete und Vasallen Moskaus). Nun gab es in Asien wie in Europa keine erdrückende US-Übermacht mehr, und es sah aus, als werde die Army nie mehr einen solchen Siegeszug erleben wie 1944/45 gegen das ausgeblutete, vom Kampf gegen die Sowjet-Union entkräftete Hitler-Deutschland: In Korea gab es ein Unentschieden, in Vietnam eine Demütigung.
Nicht nur das Selbstgefühl der traumatisierten Streitmacht war gestört. Auch im unerbittlichen Wettstreit um den größtmöglichen Anteil am Rüstungsetat - dem eigentlichen Lebenskampf heutiger Militärs - drohten der Army neue Einbußen gegenüber den dollargierigen Waffenbrüdern der Luftwaffe und der Marine mit ihrem durch Vietnam kaum getrübten Fernraketen-, Jet- und Dickschiff-Glamour. Wie sollte die ungeliebte Army sich dagegen behaupten? Wie sollte sie ihre Finanzforderungen durchsetzen und neue Waffensysteme rechtfertigen, wenn sie für den Ernstfall nicht mehr versprechen konnte als wackere Rückzugsgefechte, bis der Präsident die Atomwaffen freigibt?
Gründe genug für das ungestüm wiedererwachende Verlangen der Army-Häuptlinge, endlich wieder siegen zu wollen und siegen zu dürfen. Schon zwei Monate nach dem Amtsantritt Ronald Reagans setzte das Heereskommando für Ausbildung und Lehre ("Tradoc") die Sturmtrompete an und ließ einen ersten Probestoß erschallen: _____" Auf dem Gebiet der Nato, im Mittleren Osten und in " _____" Korea muß unsere defensive Strategie darüber hinausgehen, " _____" der anderen Seite nur den Sieg zu verwehren, und statt " _____" dessen einen definierbaren, deutlich erkennbaren (wenn " _____" auch möglicherweise begrenzten) Sieg für den Verteidiger " _____" anstreben. Dem Gegner muß klarwerden, daß es im Falle " _____" seines Angriffs keine Rückkehr zum Vorkriegszustand ... " _____" geben wird. "
Im Mai 1982 sodann präzisierte "Military Review" in einem Text, zu dem General Otis, der jetzige Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, ein Vorwort schrieb: "Das offensive Wesen dieses (AirLand-Battle-) Konzepts versteht den Bewegungskrieg ganz und gar als Angriff und darf nicht mit Gegenangriffen oder beweglicher Verteidigung verwechselt werden."
Wie aber gedachte man, Gott daran zu hindern, sich auf die Seite der gottlosen, doch zahlreicheren roten Bataillone zu stellen? Indem man sich auf historische Beispiele besann, die demonstrieren, daß von Angriffslust beseelte und gut geführte Truppen sehr wohl imstande sein können, einen an Zahl weit überlegenen Gegner zu schlagen und in die Auflösung zu treiben - besonders, wenn die Russen dieser Gegner sind.
Panzergeneral Woodmansee jr. in der "Review": Die "essentiellen Blitzkrieg-Elemente" dienten dem Zweck, "eine numerisch überlegene Streitmacht durch den raschen und chirurgischen Einsatz von Bewegung und Feuerkraft zu paralysieren und zu schlagen".
Die Überzeugung der Army-Strategen, daß ihr AirLand-Konzept zum Sieg über die außerhalb der UdSSR stehenden sowjetischen Streitkräfte in der DDR und in Osteuropa führen könne, stützt sich aber auch auf eine fast verächtliche Neubewertung der großen Masse der Sowjetsoldaten. Die Kremlführer, meint Major Beto in "Military Review", hätten ein "Zuverlässigkeitsproblem". Sie hegten verständliches Mißtrauen gegen ihre Truppen ebenso wie gegen ihre Bevölkerung: _____" Die sowjetische Militärgeschichte rechtfertigt ganz " _____" gewiß ein solches Mißtrauen, und das ist von ernster " _____" Vorbedeutung für die sowjetischen Streitkräfte auf dem " _____" modernen Schlachtfeld. Das Bedürfnis der Sowjetführung, " _____" die Truppe eng zu kontrollieren und zu überwachen, könnte " _____" unerfüllt bleiben, weil ihre Soldaten gezwungen sein " _____" werden, in Situationen zu kämpfen, in denen Feuerkraft " _____" und bewegliche Gefechtsführung den Einfluß von " _____" Kommandeuren und politischen Offizieren beschränken, wenn " _____" nicht beseitigen. " _____" Wie die Dienstvorschrift "Field Manual 100-5" " _____" unterstreicht, kommt es dabei " _____" dann entscheidend auf solche Imponderabilien wie " _____" Zuverlässigkeit und Motiviertheit an. "
Ekstatisch fast schildert Stephen W. Richey von der Militärakademie West Point in "Military Review", wie die Hitler-Truppen ihre Gegner anfangs demoralisierten: _____" Ihre Feinde brachen mehr unter psychischem Streß " _____" zusammen als durch physischen Verschleiß. Die " _____" Befehlssysteme versagten durch Verwirrung und Panik; " _____" damit löste sich der Zusammenhalt der feindlichen " _____" Einheiten auf. Dadurch, daß sie den Feind psychisch aus " _____" den Angeln hoben, machten sie ... (seine) physische " _____" Vernichtung unnötig. "
Kurzum: Wie die deutschen Panzerspitzen beim Angriff auf die Sowjet-Union sollen die Stoßkeile der U.S. Army und ihrer Verbündeten die ohnehin für zweifelhaft gehaltene Kampfmoral des Sowjetsoldaten und seiner noch lustloseren Bundesgenossen auseinandernehmen. Doch um diese Soldaten dazu zu bringen, möglichst wenig Widerstand zu leisten und frühzeitig aufzugeben, bedürfe es einer unentbehrlichen Voraussetzung, argumentiert Major Mark D. Beto vorausschauend: Man müsse sicherstellen, daß die Gefangenen, auch wenn sie in Massen anfallen, anständig behandelt und versorgt werden.
Die Reputation der USA auf diesem Gebiet müsse man "aufrechterhalten und Kapital daraus schlagen", meint Beto. Keinesfalls dürfe man die verheerenden Fehler der Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg wiederholen. Denn "der sich versteifende Widerstand der Sowjettruppen" im weiteren Kriegsverlauf sei auch nach Ansicht des deutschen Generalstabs "das Resultat der schlechten Behandlung der sowjetischen Gefangenen" gewesen.
Bleibt eine nicht ganz belanglose Frage: Was tun die Männer im Kreml oder im Kremlbunker, dieweil ihre Truppen in Deutschland, in der Tschechoslowakei, vielleicht auch schon in Polen desertieren im Vertrauen auf die diesmal von Amerika garantierte westliche Humanität?
Schauen sie zu, wie die Amerikaner und ihre Verbündeten, unterstützt von der über ihre Befreiung begeisterten Bevölkerung, das osteuropäische Vorfeld der Sowjet-Union aufrollen wie einen staubigen Teppich? Bestaunen sie gebannt und tatenlos die Wucht und Präzision, mit der ihre Gegner "die Initiative ergreifen, behalten und ausnutzen" (wie es die AirLand-Vorschrift verlangt)?
So ungefähr. Denn weder in den einschlägigen Army-Leitfäden noch in den vielen AirLand-Beiträgen in "Military Review" findet sich ein Hinweis, daß die Sowjetführung selbst beim psychischmoralischen Zusammenbruch ihrer Heeresverbände westlich der Oder - oder der Weichsel - über Reserven und unermeßliche Zerstörungspotentiale verfügt,
mit denen sie jeden "erkennbaren Sieg" des Westens unkenntlich machen kann.
Zwar wird die Existenz zumindest der taktischen atomaren und chemischen Waffen nicht geleugnet. Aber für die Army-Strategen zählen ernstlich nur die eigenen Höllenmaschinen: Sie könnten, in die Gefechtsführung "integriert" und zielbewußt angewandt, mit ihrer Schockwirkung das Ende feindlicher Gegenwehr "beschleunigen".
Die sowjetischen Vernichtungswerkzeuge dagegen vermögen es nicht, die Verbände der U.S. Army außer Gefecht zu setzen, wenn Offiziere und GIs sich nur an ihre Instruktionen halten. Das "Field Manual 100-5": _____" Die Einheiten werden überleben, wenn sie auf Angriffe " _____" mit Kern- und chemischen Waffen vorbereitet sind ... " _____" Die Einheit muß den Schock eines Angriffs mit Kern- " _____" oder C-Waffen überstehen und den Auftrag fortführen ... " _____" Wer ausgefallene Einheiten schnell wieder kampfbereit " _____" machen oder ersetzen kann, wird beim Fortgang der " _____" Schlacht im Vorteil sein. "
Die bisherige Nato-Doktrin, von der die Regierung in Bonn glaubt, sie gelte noch immer, war im Vergleich dazu das Werk seriöser, erwachsener, urteilsfähiger Menschen. Ihnen war klar, daß es auf einem "modernen Schlachtfeld" in Europa einen Sieg und Sieger nicht mehr gibt. Selbst wenn der Gegner angriffe, weil er dies verkennt, sollte das westliche Bündnis ganz bewußt nicht mehr tun, als ihm begreiflich zu machen, daß er nicht siegen kann.
Deshalb - und nicht nur, weil die Kräfte zu mehr nicht reichen - hat sich die Nato bisher auf das Ziel beschränkt, die heutige Grenze zwischen den Blöcken wiederherzustellen und dann möglichst rasch zum Waffenstillstand zu kommen. Nur so sind die Verheerungen auf dem Schlachtfeld Deutschland überhaupt unter Kontrolle zu halten. Denn jeder Versuch, im Gegenzug nach Osten vorzustoßen, um nun umgekehrt den Warschauer Pakt zu besiegen und die Sowjets in ihr eigenes Land zurückzuwerfen, müßte Mitteleuropa vollends in den Orkus stürzen.
Doch "Sieg" heißt die Losung von Major Beto bis Caspar Weinberger, "Sieg" als einer der guten alten amerikanischen Werte, die Ronald Reagan wiedererweckt hat.
"Sieg": Schon vom Gedanken daran wie berauscht, entwerfen die Army-Strategen wetteifernd Schlachtpläne, die mit der Wirklichkeit des nächsten Kriegs soviel zu tun haben wie ein Batman-Comicbook. Sie fabulieren von "lightning thrusts", von "Blitzvorstößen", als sei das bergige, bewaldete, vollgebaute Deutschland ein Manövergebiet in Texas. Denn die AirLand Battle ist so etwas geworden wie die irdische Version vom Krieg der Sterne: "Star Wars" für Bodentruppen.
Doch die Army-Führung glaubt daran, wie sie an die irrigen Vorstellungen glaubte, mit denen sie in Vietnam in ihr Unheil rannte. Und obwohl Manfred Wörner noch immer vorgibt, AirLand sei gar nicht für den Nato-Bereich gedacht, herrscht vom höchsten Army-General John Vessey, dem Vorsitzenden des US-Führungsstabs, an abwärts die Überzeugung, daß die Bundeswehr das amerikanische Siegkonzept übernehmen müsse - auch das deutsche Heer wird ja im Kriegsfall von einem Amerikaner befehligt.
"Von der Ausrüstung und Bewaffnung ist das Heer der Bundeswehr heute schon besser für den offensiven Kampf geeignet, als es die U.S. Army vielleicht jemals sein wird", erklärte ein Dozent an der Kriegsbildungsstätte "Army War College" in Carlisle/Pennsylvania dem SPIEGEL. "Die deutsche Generalität und das Offizierskorps können doch nur geschmeichelt sein, wenn wir der Wehrmacht vier Jahrzehnte danach das Kompliment machen, ihren Blitzkrieg-Kampfstil nachzuahmen."
Links: US-Offiziere beim Herbstmanöver 1984; rechts: aus "Military Review" August 1984. Im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Ostpreußen; links: Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel; rechts: Hermann Göring.
Von Wilhelm Bittorf

DER SPIEGEL 21/1985
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