04.11.1985

„Die Bundesrepublik mischt sich massiv ein“

Afghanistans Präsident Babrak Karmal über die Lage in seinem Land und die Beziehungen zu Bonn SPIEGEL-Mitarbeiter Mostafa Danesch sprach in Kabul mit Präsident Karmal. Auszüge: *
SPIEGEL: Herr Präsident, die deutsch-afghanischen Beziehungen waren traditionell gut. Sie selbst haben die deutsche Amani-Schule in Kabul besucht. Nun sind nicht nur die Beziehungen nicht mehr gut, Ihre Regierung bezichtigt Diplomaten der Bundesrepublik sogar der Spionage. Was ist passiert?
KARMAL: Die Beziehungen zwischen den Völkern der Demokratischen Republik Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland sind nach wie vor gut. Leider besitzen wir aber Dokumente, die eindeutig belegen, daß sich die Regierenden der Bundesrepublik Deutschland massiv in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischen.
SPIEGEL: Wie denn?
KARMAL: In den vergangenen Jahren sind wiederholt Abgeordnete des Parlaments der Bundesrepublik und Angehörige der Bundeswehr unter flagranter Verletzung der Gesetze der Demokratischen Republik Afghanistan sowie unter Verletzung völkerrechtlicher Normen in Begleitung bewaffneter konterrevolutionärer Banden illegal nach Afghanistan eingedrungen. Namen wie Jürgen Todenhöfer oder Erik Kothny, Offizier der Bundeswehr, sind Ihnen sicher nicht unbekannt. Auch sogenannte Ärzte und Journalisten aus der Bundesrepublik beteiligen sich in unterschiedlicher Tarnung an den Sabotage- und Terrortätigkeiten gegen unser Volk und spionieren in Afghanistan.
SPIEGEL: Solche Aktivitäten können Sie nicht der Bundesregierung anlasten.
KARMAL: Einen Bundestagsabgeordneten, der die Gesetze eines anderen Landes und internationale Normen verletzt, kann man nicht als Privatperson bezeichnen. Die Bundesregierung hat außerdem weder diese Person zur Rechenschaft gezogen, noch diese illegalen Aktivitäten mißbilligt. Denken Sie doch nur eine Sekunde daran, wie die Bundesregierung reagieren würde, wenn ein ausländisches Land Elemente zur Sabotage und Spionage in die Bundesrepublik einschleuste. Auch Medien der Bundesrepublik arbeiten eng mit den afghanischen Banden zusammen.
SPIEGEL: Welche sollen das sein?
KARMAL: Seit kurzer Zeit verbreitet ein Radiosender, der sich "Stimme des freien Afghanistan" nennt, von München aus Verleumdungen gegen unser Land. Dieser von der CIA finanzierte psychologische Krieg gegen uns wird von der deutschen Regierung geduldet. Darüber hinaus hat Bundeskanzler Kohl während seiner letzten Reise nach Pakistan Ausbildungslager der Banden besucht und sich dabei nicht nur provokatorisch gegen unser Land geäußert, sondern auch noch den Banden 16 Millionen Mark Unterstützung zugesagt. Außerdem haben konterrevolutionäre Elemente seit 1979 dreimal die Botschaft der Demokratischen Republik Afghanistan in Bonn angegriffen, Dokumente und Geld gestohlen sowie Botschaftsangehörige verletzt. Die Bundesregierung erfüllt nicht einmal ihre Pflichten hinsichtlich der Sicherheit unserer diplomatischen Vertretung.
SPIEGEL: Sie beschuldigen die bundesdeutsche Botschaft in Kabul der Spionage.
KARMAL: Wir haben zuverlässige Beweise für die Spionagetätigkeit eines Mitgliedes der Botschaft.
SPIEGEL: Afghanistans Beziehungen zu anderen Staaten werden durch die Anwesenheit sowjetischer Truppen in Ihrem Land beeinträchtigt. Die Sowjet-Soldaten sind seit sechs Jahren da, wie lange werden sie noch bleiben?
KARMAL: Die Entsendung der begrenzten sowjetischen Truppenkontingente erfolgte aufgrund eines Hilfeersuchens der legalen afghanischen Regierung gegen die Einmischung und Aggression ausländischer Mächte und der reaktionären Kreise in der Region. Diese Aggressionen werden heute noch verstärkt. Sobald sie beendet werden und internationale Garantien vorliegen, daß sie nicht wiederholt werden, wird die Regierung Afghanistans mit der Sowjet-Union über die Rückkehr dieser Kontingente in ihre Heimat verhandeln.
SPIEGEL: Stört es Sie gar nicht, daß ein Großteil des Volkes gegen die Anwesenheit der sowjetischen Truppen ist?
KARMAL: Sie stellen mit Absicht die durch die Revolution gestürzte Ausbeuterklasse, die ihre feudalen Privilegien verloren hat und sich als Söldner in den Dienst der imperialistischen Mächte gestellt hat und uns vom Gebiet Pakistans und des Irans aus angreift, als das afghanische Volk dar. Großgrundbesitzer, die jahrhundertelang die Bauern ausbeuteten und über Leben und Tod ihrer Leibeigenen entscheiden konnten, werden nie zur Revolution stehen, die ihre Interessen gefährdet. Das Volk hingegen weiß sehr gut, daß soziale und wirtschaftliche Umwälzungen nur möglich sind, wenn die Aggression von außen unterbunden werden kann.
SPIEGEL: Wollen Sie denn bestreiten, daß es einen Widerstand der Afghanen gegen die Sowjets gibt?
KARMAL: Verwechseln Sie doch nicht das afghanische Volk mit einer verschwindenden Minderheit, bestehend aus Banden. Diese Minderheit ist gegen soziale Gerechtigkeit, gegen Gleichberechtigung von Mann und Frau. Sie wollen weiterhin das Volk in Armut und Dummheit halten, um es weiterhin ausbeuten zu können. Die überwältigende Mehrheit des Volkes steht auf unserer Seite, wie die Versammlungen von Vertretern aller Klassen und von fast viertausend Stammesführern, die wir unlängst in Kabul abgehalten haben, zeigen.
SPIEGEL: Die Mudschahidin sehen es genau umgekehrt, sie behaupten, daß Ihnen sogar die Armee davonläuft.
KARMAL: Wenn diese Denunziationen, die von den westlichen Sendern wie der Stimme Amerikas, der BBC und der Deutschen Welle verbreitet werden, wahr wären, dann müßte nicht nur die afghanische Armee schon zehnmal total vernichtet sein, dann wäre auch das ganze afghanische Volk schon zehnmal aus dem Land geflüchtet.
SPIEGEL: Tatsache ist, daß hunderttausend sowjetische Soldaten in Afghanistan sind, daß aber auf der anderen Seite keine amerikanischen, chinesischen oder pakistanischen Soldaten kämpfen.
KARMAL: Unsere Feinde versuchen ihre Aggression zu vertuschen, indem sie vortäuschen, nicht direkt in den unerklärten Krieg verwickelt zu sein. Die USA allein aber haben bisher die konterrevolutionären Banden mit mehr als zwei Milliarden Dollar unterstützt. Die Ausbildung, Bewaffnung und Entsendung der Banden nach Afghanistan wird unter direktem Kommando Washingtons organisiert.
Wir haben darüber hinaus schon viele nach Afghanistan eingedrungene Offiziere und Agenten aus arabischen Ländern, Iran und Pakistan verhaftet, was die tatsächliche Dimension der ausländischen Einmischung zeigt.
SPIEGEL: Herr Präsident, Tausende junger Afghanen werden zur Ausbildung in die Sowjet-Union geschickt. Bringt diese einseitige Orientierung Sie nicht in eine unauflösbare Abhängigkeit?
KARMAL: Abhängigkeit heißt für uns die Verschmelzung der Wirtschaft der Entwicklungsländer mit der imperialistischen Wirtschaft. Die kapitalistischen Monopole haben die wirtschaftlichen Lebensadern der Entwicklungsländer in der Hand und beuten so die Reichtümer dieser Länder aus. Sie verhindern das Heranwachsen nationaler Fachkräfte. Die Sowjet-Union dagegen stellt ihre großartigen wissenschaftlichen und technischen Erfahrungen unseren Studenten zur Verfügung und unterstützt damit die rasche wirtschaftliche und soziale Entwicklung unseres Landes.
SPIEGEL: Ihre Politik scheint unter Jugendlichen mehr Erfolg zu haben als unter der älteren Generation. Haben Sie die als hoffnungslos abgeschrieben?
KARMAL: Wir haben in unserer Politik keine Chinesische Mauer zwischen der älteren und der jüngeren Generation gezogen. 100 000 Mitglieder der Nationalen Vaterländischen Front sind ältere Menschen. Die Versammlung der Stammesführer aus den Grenzgebieten bestand fast nur aus älteren Menschen.
SPIEGEL: Es ist aber nicht hinwegzudiskutieren, daß der Widerstand Ihrer Gegner ungebrochen ist.
KARMAL: Wir haben nie behauptet, daß die Konterrevolution gänzlich vernichtet ist. Ich versichere Ihnen aber, daß unsere Revolution fest genug verankert ist, um die Konterrevolution zu isolieren und ihr vernichtende Schläge zu versetzen. Unsere Erfolge sind für jedermann offensichtlich.
SPIEGEL: Welche zum Beispiel?
KARMAL: Die Landreform konnten wir zum größten Teil durchführen. Viele hunderttausend Menschen haben lesen und schreiben gelernt. Wir haben die Löhne der Arbeiter verdoppelt, viele tausend Wohnungen für sie gebaut. Die Situation der Frauen hat sich grundlegend verbessert. Wir haben große Fortschritte im Gesundheitswesen erzielt. Gleichzeitig aber achten wir bei allen politischen Maßnahmen die Sitten und Gebräuche unseres Volkes.
SPIEGEL: Sie selbst gehen zum Beispiel in die Moschee beten. Ist dies Taktik zur Besänftigung der konservativen religiösen Kreise der Bevölkerung?
KARMAL: Wir achten die religiösen Gefühle und Gebräuche unseres Volkes. Die April-Revolution hat die Achtung des Islam garantiert.
SPIEGEL: Ist denn ein Konsens zwischen Ihrer Ideologie und den festgefügten Traditionen überhaupt möglich?
KARMAL: Unsere Ideologie ist jene der Arbeiterklasse zum Aufbau einer neuen Gesellschaft, die auf sozialer Gerechtigkeit basiert. Diese Ideologie steht in keiner Weise im Widerspruch zu den Sitten und Traditionen unseres Volkes. _(Im Dezember 1984 in einem ) _(Flüchtlingslager an der ) _(pakistanisch-afghanischen Grenze. )
Im Dezember 1984 in einem Flüchtlingslager an der pakistanisch-afghanischen Grenze.
Von Mostafa Danesch

DER SPIEGEL 45/1985
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