04.11.1985

Im Kino-Dickicht von Chinatown

SPIEGEL-Redakteur Urs Jenny über Michael Cimino und seinen Film „Im Jahr des Drachen“ *
Es muß wohl sein, der Vietnamkrieg muß wohl, zumindest im amerikanischen Kino, nun immer noch mal gewonnen werden. Damals im Dschungel - so die Dolchstoßlegende, an die Michael Ciminos Filmheld Stanley White glaubt - ist man von feigen Politikern im Stich gelassen worden; diesmal, im Dickicht der Großstadt New York, will er sich von diesen Schlappsäcken, die ihm in den Arm fallen wollen, nicht um den Sieg bringen lassen. Er kriegt seinen Sieg, doch über wie viele Leichen muß er dafür gehen, dieser letzte Idiot, der den letzten amerikanischen Helden spielt. Sein Schlafzimmer schmückt, neben dem Kruzifix, eine John-Wayne-Statuette.
Es war ein bitterer Augenblick für John Wayne, den amerikanischen Helden, als er, schon sterbensmatt, bei seinem letzten öffentlichen Auftritt den Oscar für den besten Film des Jahres 1979 ausgerechnet Michael Cimino überreichen mußte - für "The Deer Hunter", einen Film, der mit düsterer Besessenheit in der Wunde Vietnam wühlte und mit einem Selbstmörder-Begräbnis, einem tristen Krüppel-Gesang der Hymne "God Bless America" endete.
Wieviel Heldenpathos dennoch in "The Deer Hunter" steckte, spürten damals wohl nur jene Linken, die, lauthals angeführt von Jane Fonda, gegen die "Pentagon-Optik" in Ciminos Blick zurück auf Vietnam protestierten und den Film als "rassistisch" beschimpften. Rassenspannungen, Minoritätenkonflikte sind Ciminos Obsession; und wie er von seinem irrationalen Thema nicht lassen kann, so halten seine Gegner am Vorwurf des Rassismus fest: Diesmal, bei "Im Jahr des Drachen", waren die Proteste in den USA so heftig, daß dem Film ein Nachspann angefügt wurde, der seine guten Absichten beteuert.
Der gebrochene Held aus "The Deer Hunter", ein Amerikaner ukrainischer Herkunft (von Robert De Niro gespielt), kehrt gewissermaßen - so sieht das Cimino selbst - im "Jahr des Drachen" wieder, älter, aber nicht klüger geworden: ein hochdekorierter Vietnam-Veteran mit kaputter Sexualität, rastlosem Jagdinstinkt und kamikazehaftem Patriotismus. Er heißt (mit grimmigem Furor gespielt von Mickey Rourke) eigentlich Stanislav Wyszynski, und der Name White, den er sich zugelegt hat, deutet schon an, wie fanatisch er sich mit den Idealen der Herrenrasse identifiziert: Eben weil er ein "dreckiger Polack" ist (seine eigenen Worte), muß er der sauberste aller Amerikaner sein.
White ist Polizist, Marke einsamer Wolf, gefürchteter Draufgänger, abkommandiert in die New Yorker Chinatown, um unter jugendlichen Straßenbanden Ruhe zu schaffen. Kinderkram also für einen, der immer aufs Ganze geht: White will die "Gelbe Mafia" in die Luft sprengen, die angeblich den Heroin-Großhandel zwischen Thailand, Hongkong und den USA beherrscht.
White ist arrogant, rüde, menschenverachtend; ein Chauvi mit der Überzeugung, daß es zum Besten einer widerspenstigen Frau sei, wenn man sie mal kurz vergewaltigt; ein fanatischer Jäger, der nicht von seiner Beute läßt, auch wenn seine Frau und sein treuester Helfer dabei tot auf der Strecke bleiben: Er benutzt - wie ihm der letzte Freund vorwirft, der ihm geblieben ist - Vietnam als Alibi für einen Rachefeldzug gegen alles, was Schlitzaugen hat.
Dennoch ist er ein Held, und der Film - so wütend, widersprüchlich und larmoyant, so abstoßend und faszinierend wie dieser Held - gönnt ihm eine Apotheose mit Mahler-Musik. Jenseits der Kolportage, der Lächerlichkeit und der dröhnenden Banalitäten hat "Im Jahr des Drachen" eine pathetische Kraft.
Auch Michael Cimino hatte mit diesem Film gegen einen verlorenen Krieg anzutreten, gegen ein Fiasko, das Geschichte gemacht hat. Er hat nach "The Deer Hunter", im Höhenrausch des Oscar-Ruhms, "Heaven's Gate" gedreht, den Monumental-Western, der wohl der größte amerikanische Film seit "The Birth of a Nation" werden sollte und am Ende von der Produktionsgesellschaft United Artists als 44-Millionen-Dollar-Verlust abgeschrieben wurde.
Einer der drei bei United Artists für dieses Desaster verantwortlichen Männer, der Produzent Steven Bach, hat inzwischen in einem Buch die Geschichte des Höhenrauschs und des Katzenjammers von "Heaven's Gate" erzählt, und Bachs Buch "Final Cut" ist vor allem ein Porträt von Michael Cimino, ein Porträt des Künstlers als Kamikaze.
Bach beschreibt einen arroganten, rüden, menschenverachtenden Monomanen mit hochstaplerhaften Zügen, einen zwanghaft mißtrauischen Geheimniskrämer, der unter falschem Namen herumreist, einen notorischen Lügner, der noch heute sein wirkliches Alter bestreitet
(er ist 46), einen Macht-Fetischisten, dem jede Erpressung recht ist, um einen bescheidenen Western, der ursprünglich 7,5 Millionen Dollar kosten sollte, zum Jahrhundert-Epos aufzublähen - und doch spricht Bach mit aller Bewunderung von Ciminos Künstlertum.
Warum, fragt sich Bach, ist "Heaven's Gate" trotz seiner Großartigkeit beim amerikanischen Publikum ein Total-Fiasko geworden? Seine Antwort: Ciminos "unterschwelliger Nihilismus", seine Morbidität, seine Todesbesessenheit.
"Im Jahr des Drachen" ist keine Wiedergutmachung für "Heaven's Gate", dafür sind die Klischees des Gangsterkinos zu starr, in denen sich Cimino als wirkungssicherer Profi bewähren durfte. Doch der Wille zur Größe herrscht auch hier, und es herrscht eine alptraumhafte Todesbesessenheit.
Ciminos Welt ist eine Welt düsterer Männerbeziehungen, denen die Frauen immer nur im Wege stehen. In "The Deer Hunter" findet eine Freundschaft ihren Höhepunkt in einem selbstmörderischen Duell nach Russisch-Roulette-Prinzip, im "Jahr des Drachen" reicht am Ende der Jäger White seinem Opfer, dem schönen jungen chinesischen Mafia-Boß, zärtlich die eigene Pistole, damit der sich ehrenvoll selbst den Schädel wegpusten kann. Ciminos Helden sind Männer, die einander nur mit großkalibrigen Geschossen penetrieren können, deshalb ist für sie der Krieg die schönste Form von Liebe.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 45/1985
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