04.11.1985

„Trost in der Stunde des Abschieds?“

Walter Jens über Hoimar v. Ditfurth: „So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ *
Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, daß wir noch einmal, und sei es um Haaresbreite, davonkommen könnten, muß als kühn bezeichnet werden": Auf 280 (von 430) Seiten verdeutlicht Hoimar von Ditfurth, in präziser und bildkräftiger Sprache, nüchtern, aber nicht ohne Pathos, wie groß die Gefahr des globalen Massensterbens ist, die uns bedroht, wie gering die Überlebenschance und - der entscheidende Punkt - wie paradox, angesichts der Aussicht auf einen von uns zu er-, aber nicht zu überlebenden universalen exitus, die Einsicht in die Ausmaße des näherkommenden, höchst säkularen: weil selbstverschuldeten Untergangs.
Die Menschheit stirbt aus, während (und weil) der Homo humanus sich im Angesicht des drohenden atomaren Holocausts, des Versiegens aller lebenswichtigen Ressourcen und der selbstmörderischen Ausbeutung von Wäldern und Flüssen mit Wachstumsplänen, Vernichtsstrategien und Fruchtbarkeits-Anweisungen beschäftigt. Die Wälder werden kahl; aber die Industrie investiert weiter: Am Tempolimit, heißt es, werde die deutsche Eiche gewiß nicht genesen.
Jeder Mensch, über dessen Haupt kein Brotkorb, wohl aber ein atomarer "little boy" hängt, ist durch die vorhandene Menge von Vernichtungskraft vielfach zu töten; aber die Rüstungs-Lobby setzt Bataillone von Wissenschaftlern in Brot, damit alle Welt gleich ein paar hundertmal getötet werden kann, durch atomare so gut wie durch biologische und chemische Waffen.
Die Menschheit droht binnen weniger Jahrzehnte an Überbevölkerung zu verrecken, in den Entwicklungsländern zuerst, aber der Heilige Vater zu Rom hält sich nicht, was vernünftig wäre, an Kolosser 1, 10 ("wir bitten ..., daß ihr fruchtbar seid in allen guten Werken"), sondern zieht es vor, den Farbigen, Empfängnisverhütung als sündig und irreligiös bezeichnend, in der Rolle des alttestamentlichen Gottes, "Seid fruchtbar und mehret euch", zu kommen, wobei er versäumt, die Diskrepanz zu erhellen, die zwischen den Befehlen an die Menschen, sich um ihre Nachkommenschaft zu kümmern, und jenem ersten Befehl Gottes besteht, der an die Fische und Vögel ergeht (1. Mose 1,22) - Tierarten, die heute vom Aussterben bedroht sind, da der Mensch sich die Erde untertan gemacht hat.
Ein apokalyptisches Bild also, das Ditfurth entwirft? Ich denke schon. Wer die Statistiken und Zahlenangaben des Buches mit dem gebotenen Maß an Phantasie studiert, muß die Gemälde des Hieronymus Bosch für vergleichsweise idyllische Genre-Zeichnungen halten.
Ein erschreckendes Buch. Ein Memento, das gerade wegen seiner über weite Strecken dominierenden Nüchternheit und Objektivität dem Leser Angst einflößt ... und ebendies ist Ditfurths Ziel.
Warum, lautet seine Kardinalfrage, so viel Blindheit ringsum - bei so genauem Wissen um das Ausmaß einer Gefahr, die wir befördern, obwohl wir ahnen, daß sie niemanden von uns verschonen wird? Warum diese angesichts der gegebenen Lange absurde Beschäftigung mit Quisquilien in der näherkommenden Todesstunde jener Species humana, deren Ende so gewiß ist wie der Untergang der 99,9 Prozent biologischer Arten, von deren Existenz und deren Aussterben wir wissen?
Warum, so Ditfurth mit ein bißchen Magie, in der Haltung des Kosmikers, warum kein Gedanke an den Gleichmut der Natur, die uns so gut wie alle anderen Lebewesen überdauern werde: ohne Trauer über den freiwilligen Exodus einer Gattung zu empfinden, die darauf abziele, sich selbst vergessen zu machen - der Mensch als Akteur in einer nur flüchtigen Episode der Naturgeschichte?
Ein bißchen angsterregend ist das schon, in der Tat, und es steht zu erwarten, daß man Ditfurth (der - horribile dictu! - zu allem Überfluß auch noch ein Linker, ein Pazifist ist) Angstmacherei vorwerfen wird.
Er wird's zu tragen wissen: Angst im Angesicht eines beschreibbaren Übels zu haben, begründete, kalkulierbare Angst, ist schließlich ein Zeichen von Humanität. Die griechischen Tragiker wußten, warum sie, abgesehen von der Beförderung des Mitleids mit der gottgeschlagenen Kreatur, vor allem auf die Provokation von Furcht, Angst und Schrecken abzielten. Nicht der Blinde in seiner Hybris und Phantasielosigkeit (Motto: nicht jede Kugel trifft), sondern der um seine Bedrohung angstvoll Wissende lebt im Horizont der Wahrheit und bewährt sich als Mensch.
Angst, mit Wissen und Besonnenheit gepaart, ist ein Erkenntnismittel, das freilich jene Ideologen nicht wahrhaben möchten, die Ditfurth im ersten, partiell auch noch im zweiten Teil seines Buchs Revue passieren läßt: die munteren Nach-Rüster und Apologeten der Abschreckung; die Phantasielosen, die davon träumen, die fünf Prozent Überlebenden würden selbstverständlich, wer denn auch sonst, die eigenen sein; die Berechner der Overkill-Kapazität, die Mord mit Wörtern wie "Sicherheit" und "Erstschlagsfähigkeit" mit "Verteidigungsbereitschaft" bezeichnen.
Und dann die Stilleren, wenngleich nicht weniger Wirksamen, im Troß der Apokalyptischen Reiter: die Naturausbeuter und Wachstumsfetischisten, die Brunnenvergifter, die, an den Pranger gestellt, so tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben; die Christen, die von Abschreckung reden, ohne auch nur eine Sekunde lang zu überlegen, wie eine solche Vokabel sich im Horizont des jesuanischen Gebots, die Feinde zu lieben, ausnehmen müßte; die Reinen und Feinen, die in den Sowjets die Inkarnation des Widergeistes sehen und darüber vergessen, daß von der Atom- und Wasserstoffbombe über die Interkontinentalraketen bis hin zu den Mehrfachsprengköpfen der friedliche Westen jeweils den ersten Schritt tat, der kriegerische Osten den zweiten.
Ein apokalyptisches Buch. Ein Traktat, der, Vernunft und Phantasie entbindend, angst machen soll. Und, nicht zuletzt, ein Narrenspiegel, der mit Scharfsinn, Ernst und Spaß an aufklärerischer Polemik säbelrasselnde Scharfmacher, Wachstums- und Fruchtbarkeits-Prediger,
Clowns des Kapitalismus in den Schaukasten stellt: Ein Großteil der Menschen verhungert, und die Schelme sprechen von den Selbstheilungskräften des Marktes.
Trotzdem, so überzeugend Ditfurths Anklage wirkt, weil sie unfanatisch, eher verhalten als schrill, eher traurig als rechthaberisch vorgetragen wird: Noch eindrucksvoller, auch origineller als die Abrechnung nehmen sich jene - ein bißchen zu kurz geratenen - Passagen aus, in denen der Autor Gegenvisionen benennt und Alternativkonzeptionen verdeutlicht - pragmatische Entwürfe, die auf jenem Gesetz der freiwilligen Selbstbeschränkung beruhen, die große Kunst in gleicher Weise wie humane Politik konstituiert: auf dem Willen, das Möglich-Machbare für illegitim zu erachten, sofern es der Gefährdung des Menschseins dienen könnte.
In Ditfurths Nomenklatur: Der Jäger und Ausbeuter von gestern, dem aggressive Praktiken die Existenz verbürgten, hat, da ihn weitere Siege heute umzubringen drohen, zum Partner zu werden, zu einem, der, wenn ihm sein Leben lieb ist, innezuhalten und Selbstbeschränkung zu lernen hat.
"Alle Guten sind genügsam." Der Satz aus dem "Westöstlichen Diwan" - Buch des Paradieses - könnte als Motto jenen Ditfurthschen Überlegungen voranstehen, in denen Schritt für Schritt die Notwendigkeit eines konsequenten Umdenkens auf allen Gebieten, von der Bevölkerungs- bis zur Militärpolitik, illustriert wird. Defensive statt Offensive, Begrenzung statt Expansion, Verteilung des Gewinns zugunsten der Armen statt Kapitalakkumulation in den Händen einer winzigen Minorität - solidarische Restriktion also: _____" Wenn sich die Oberfläche der Erde und mit ihr die " _____" Ausdehnung der notwendigen Anbauflächen nicht vergrößern " _____" läßt, dann bleibt ... (nur) noch der umgekehrte Weg: die " _____" Zahl der hungrigen Münder zu reduzieren. (Nur) auf diese " _____" Weise läßt sich das bedrohlich gewordene Mißverhältnis " _____" zwischen Hunger und Brot aus der Welt schaffen. "
Verzicht als Voraussetzung des Überlebens - Ditfurth zitiert die Prämisse möglicher Rettung, aber er glaubt nicht an ihre Befolgung.
"Es ist soweit": Wir werden, so der Autor, sehenden Auges - gewarnt, aber blind - zugrunde gehen, weil wir nicht gelernt haben, uns den sich immer rascher ändernden Umweltbedingungen anzupassen. Zugrunde gehen, weil die uns angeborenen Denkstrukturen und Anschauungsfähigkeiten, die Verstehens-Apparate und Begriffs-Kategorien zu plump sind.
Zugrunde gehen, weil jene intellektuelle Ausstattung, die einmal unser Überleben garantierte, heute nicht mehr ausreicht, um eine Balance zwischen innen und außen, dem moralisch zurückgebliebenen, aber technisch omnipotenten Ich und einer aus den Fugen geratenen Welt herzustellen.
Richtige Anpassung, die an einem bestimmten Punkt der Humanevolution "falsch", ja lebensgefährlich wird: Über diese These läßt sich diskutieren - um so mehr, als sie, vorgeformt schon in der griechischen Antike, während der Auseinandersetzung zwischen Tragödie und Sophistik, nicht neu ist. Größe als Fallhöhe; Verfügungsmacht als Fähigkeit, die sich am Ende gegen den Verfügenden kehrt: gut und schön. Nur muß man dergleichen als ein Naturgesetz akzeptieren? Sich damit abfinden, daß die Lebensdauer der Spezies Homo sapiens so begrenzt ist wie die Verweilspanne aller anderen Organismen und daß, da nun einmal irgendwann geschieden sein muß, dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hier und jetzt sein wird?
Amor fati, Schicksalsgläubigkeit, als Trostelement in der Stunde des Abschieds? Das Ende unserer Art als Finale, dem heiter und gelassen zuzusehen die Würde derjenigen ausmacht, die das große militärische oder ökologische Decrescendo am Ende der vom Fortschrittsglauben geprägten Jahrhunderte tapfer verfolgen, ein bißchen wie Luther, ein bißchen wie Nietzsche?
So trefflich der Anfang, so problematisch der Schluß. Die letzten hundert Seiten des Ditfurth-Traktats nehmen
sich dort als quasi-religiöser Abgesang aus, wo der Autor dem Faktum einen Sinn geben möchte, daß die Menschheit wahrscheinlich an ihr Ziel gekommen sei: an ihren jüngsten, von überindividuellen (uns also moralisch entlastenden) Zwängen vorherbestimmten Tag.
Da ist auf einmal, nach einem theologischen Salto mortale, anders als zu Beginn, von Alternativen so wenig die Rede wie von "Notausgängen", die "weit offen wie ein Scheunentor stehen". Da wird als exit allzu rasch das Jenseits bemüht: als Wirklichkeit hinter jener erlöschenden, höchst partikularen Kleinst-Realität, die, irgendwo und irgendwann, durch die Gattung Mensch bestimmt gewesen sei.
Weinberger, Reagan, die United Fruit Company und die Bank vom Heiligen Geist als Demiurgen des Weltgeistes, der, hier und jetzt, sein Opfer haben will?
Ich fürchte, da haben den Autor, diesen scharfsinnigen Analytiker und kenntnisreichen Beobachter, am Ende die guten Geister der Aufklärung verlassen - und die der Theologie obendrein; denn diesen Jüngsten Tag, den Ditfurth in seinem Buch in Szene setzt, hätte Martin Luther gewiß nicht herbeigesehnt - so wenig, wie der den Satz geprägt hat: "Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen." Luther zugeschrieben heißt es im Motto des Buchs, während am Schluß, nach dem durch die Wende vom Naturwissenschaftlich-Distinkten zum Vag-Theologischen bestimmten Perspektivenwechsel des Verfassers, der Satz für authentisch erklärt wird, abgeschlossen durch die Quintessenz: "So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen. Es ist soweit."
Am Anfang: "Es steht nicht gut um uns." Am Ende: "Es ist soweit." Hier: Ditfurth, der Warner. Dort: Ditfurth, der Beinahe-Pietist, dem die Katastrophe als "Erweckungs"(!)-Geschehen erscheint. Was ist da passiert, unterwegs?
Die Warnung des Vernünftigen, der auf verlorenem Posten aushält - preisgegeben! Der Jüngste Tag, der - biologischer Mystizismus, nicht christliches Dogma! - zwar unser aller Tod, aber keineswegs den Untergang des Kosmos einläute, in befremdlicher Weise idyllisiert! Das drohende Ende - als Heil verklärt: so wie auch der individuelle Tod plötzlich, eher griechisch als christlich, geschönt wird.
Nein, da halte ich mich lieber an Ditfurth, den Warner - und an Luther, der das Apfelbäumchen-Märlein durch den Satz konterkariert hat: "Es gibt niemanden, der nicht lieber alle anderen Übel zu erdulden wünschte, wenn er dadurch dem Übel des Todes entgehen könnte. Denn vor dem Tod haben sich auch die Heiligen gefürchtet; den hat auch Christus nur mit Furcht und blutigem Schweiß erlitten."
Apfelbäumchen im Zeichen des Weltuntergangs? Bitte nicht! Dann schon lieber, lutherisch-präzise, Bäume, die auf die Gegenwelt freundlicher Liebe verweisen, so wie sie das Hohelied Salomons beschwört: Unter dem Apffelbawm weckt ich dich.
Damit, denke ich, läßt sich leben. Und solidarisch-gelassen Widerpart bieten ohnehin.
Von Walter Jens

DER SPIEGEL 45/1985
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