12.08.1985

HEXENMit Hülfe

Honorare an „Satanspriesterinnen“ müssen zurückgezahlt werden. *
Wenn eine Ehefrau ihren Ehemann loswerden wollte oder umgekehrt, war Ulla von Bernus aus dem oberhessischen Rotenburg gerne zu Diensten. Für Honorare von 150 bis 30000 Mark beschwor die selbsternannte "Satanspriesterin" nachts ihre Dämonen, sie möchten doch den verhaßten Partner beseitigen.
Die Geister, erklärte die Magierin, würden den Auftrag bei passender Gelegenheit erledigen: Einen Autofahrer steuern sie gegen einen Baum, einem Fußgänger lassen sie einen Ziegel auf den Kopf fallen.
Weil dabei kein irdisches Wesen Hand anlegte, glaubten sich die Hexenmeisterin und ihre Kundschaft auch vor weltlichen Gerichten, vor Geldstrafen und vor Zauber-Haft sicher - bis der ehemalige Fernsehpfarrer Adolf Sommerauer, der nach einem werbewirksamen TV-Auftritt der Satansfrau einen Aufschwung des Hexenkultes befürchtete, Ulla von Bernus wegen "Mord oder zumindest Verführung zum Mord" anzeigte.
Doch strafrechtlich, stellte die Staatsanwaltschaft im niederbayrischen Deggendorf Ende letzten Jahres fest, sei der Satanistin nicht beizukommen. Denn ihre Todesbeschwörungen seien nichts als ein "strafloses Wahndelikt".
Die Staatsanwaltschaft konnte sich auf eine gefestigte Meinung in Rechtsprechung und Lehre stützen. Das ehrwürdige Reichsgericht hatte schon im Jahre 1900 drei "Frauenspersonen", die den Mann der einen "vom Teufel holen lassen" wollten, vom Vorwurf des Mordversuchs freigesprochen. Die beabsichtigte Beseitigung "ausschließlich mit Hülfe des Teufels oder von Sympathiemitteln", so urteilte seinerzeit das Reichsgericht, läge "außerhalb der physischen als auch der psychischen Kausalität".
Neuere Strafrechtskommentatoren qualifizierten das Totbeten als "irrealen Versuch" oder "ungefährliche Dummheit" ab - straflos wie "die Kräuterabtreibung eines 80jährigen Mütterchens an sich selbst".
Zwar erhielten die Satansbraut Ulla von Bernus und ihre Standesgenossinnen damit einen strafrechtlichen Freibrief, doch ist die Justiz daran, der Hexenzunft wirtschaftlich beizukommen: Das Landgericht Kassel hat jetzt die Satansverbündete rechtskräftig verurteilt, einer Bremer Angestellten 3000 Mark zu erstatten. Die Kundin hatte im voraus für den Versuch gezahlt, ihr den verlorenen Freund zurückzuzaubern.
Die verlassene Frau hatte sich an die Hexe im Hessischen gewandt, die in Frauenzeitschriften außer den Dämonen für die Beseitigung unliebsamer Ehegatten auch gute Geister für die Rückkehr weggelaufener Partner anbot. Doch der Ex-Geliebte war nicht zu bewegen. Er blieb bei seiner Ehefrau. Die enttäuschte Angestellte verlangte daraufhin ihr Geld zurück.
Grundsätzlich stellte das Landgericht fest, es sei "von Anfang an objektiv unmöglich" gewesen, einen Menschen durch magische Kräfte herbeizubefehlen; der Vertrag sei deshalb "nichtig". Die Rückzahlung könne auch nicht deshalb verweigert werden, führten die Landrichter aus, weil die Kundin etwa selbst nicht an die Kräfte der Magierin glaubte. Die verlassene Frau sei vielmehr fest davon überzeugt gewesen, so das Urteil, daß Ulla von Bernus "zur Erfüllung des Vertrages in der Lage" gewesen sei.
In erster Instanz hatte das Amtsgericht Rotenburg die Klage der geprellten Kundin abgewiesen. Die Klägerin habe, so die Begründung, im Prozeß den Beweis "nicht zu führen vermocht", daß eine "magische Partnerverbindung, wie sie sich die Parteien vorgestellt haben, von Anfang unmöglich ist".
Die Kasseler Entscheidung stellt Scharlatane schlechter noch als Glücksspieler. Zwar können Zocker laut Bürgerlichem Gesetzbuch ihren Gewinn nicht einklagen, doch müssen sie ihn auch nicht zurückzahlen, wenn sie ihn schon einkassiert haben.
Das Urteil über den Nulltarif für Hokuspokus wird jetzt, erwartet die Bremer
Anwältin Margrit Berghaus, Rechtsvertreterin der angeschmierten Kundin, "eine Flut von Rückzahlungsforderungen bewirken".
Davor können sich die Hexenmeister auch nicht durch Berufung auf parapsychologische Gutachten schützen, die ihnen immer wieder ihre überirdischen Fähigkeiten bescheinigen. Solche Expertisen, selbst wenn sie von Lehrstuhlinhabern stammen, sind nach Auffassung des Bundesgerichtshofs als Beweismittel "völlig ungeeignet". Auch das Landgericht Kassel lehnte es ab, einen von der Totbeterin angebotenen Sachverständigen zu hören.
Die Richter stützten sich bei der Bewertung der magischen Kräfte der Satanspredigerin auf das Volksempfinden: Daß Ulla von Bernus über ihre teuflischen Verbündeten weder einen Partner ins Jenseits befördern noch zurückzaubern könne, sei "offenkundig", weil dies "einem größeren Kreis von Personen allgemein bekannt" sei.

DER SPIEGEL 33/1985
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