12.08.1985

USAPoppys Traum

Vizepräsident George Bush hat die besten Chancen, Ronald Reagans Nachfolger zu werden. *
Ronald Reagan saß an seinem Schreibtisch im Oval Office des Weißen Hauses und empfing, am vorigen Montag, ein paar ausgesuchte Journalisten zur ersten Pressekonferenz nach seiner Krebsoperation.
Er saß; denn langes Stehen - in diesem Fall eine halbe Stunde - fällt ihm schwer, nichts Ungewöhnliches für einen Rekonvaleszenten.
Die Reporter waren nicht mehr so sehr am Dickdarm des Staatschefs interessiert. Sie wollten Details über die Reagan-Nase. Auf ihr nämlich hatte die Nation eine kleine Wunde ausgemacht, und das Weiße Haus wollte tagelang die Ursache der Verletzung nicht verraten. Krebs oder nicht Krebs, das war die Frage.
Er habe da "einen Pickel" gehabt, erzählte Reagan schließlich den Journalisten, im Krankenhaus daran "herumgepult und gedrückt", und nun habe sich herausgestellt, daß dieser Pickel keineswegs nur ein Pickel gewesen sei, sondern ein weitverbreiteter Hautkrebs.
Da war es wieder, zum zweitenmal in drei Wochen, das häßliche Wort "Krebs"; und mochte der Präsident den Befund auch (vermutlich zu Recht) herunterspielen, einmal mehr sah die Nation Anlaß, an die Zeit nach Reagan zu denken.
"Bush in den Vordergrund gedrängt", überschrieb am nächsten Morgen der "Christian Science Monitor" einen Kommentar: Nicht Bush selbst, sondern "die Ereignisse" hätten dazu geführt, daß die amerikanischen Wähler jetzt den Vizepräsidenten George Bush gründlicher denn je als möglichen Reagan-Nachfolger beobachteten.
Bislang hatte Bush, 61, wie alle seine Vorgänger im wesentlichen eine Statistenrolle gespielt, war vor allem dadurch aufgefallen, daß er kaum je im Lande, sondern meist für seinen Präsidenten auf Auslandsreise war - insgesamt legte er mehr als eine Million Kilometer zurück und besuchte dabei über 60 Länder.
Seit Mitte vorigen Monats jedoch ist alles anders. Denn am 13. Juli übernahm Bush eine Rolle, die vor ihm noch nie ein Vizepräsident innegehabt hatte: Für sieben Stunden und 54 Minuten - während Ronald Reagan unter Vollnarkose im Bethesda Naval Hospital von einem krebsbehafteten Stück Dickdarm befreit wurde - war George Bush amtierender Präsident der Vereinigten Staaten.
Da wurden Erinnerungen wach an Schrecksekunden der Vergangenheit, in denen unerwartet ein Präsident dahinstarb oder aus dem Amt geschossen und
ein Vize als sein Nachfolger vereidigt wurde, der zuvor allenfalls ein Name gewesen war: Millard Fillmore etwa, Chester Arthur, Harry Truman oder auch Lyndon Johnson.
Nun wäre also George Bush als Aufrücker an der Reihe, sollte sich Ronald Reagan - womöglich krebsgeschwächt - zum vorzeitigen Rückzug auf seine Ranch in Kalifornien entschließen. Doch auch wenn der Chef durchhält, hat Bush Chancen: Im November 1988 könnte er ordentlich zum 41. Präsidenten der USA gewählt werden. Schließlich hat er ja, das war 1980, schon einmal behauptet: "Ich weiß, daß ich ein besserer Präsident wäre als Reagan."
Das allerdings war zu einer Zeit, als Reagan noch sein Rivale, nicht sein Chef war, als der studierte Ökonom George Bush das Wirtschaftsprogramm des Amateurs Ronald Reagan noch als "voodoo economics" verhöhnte, sich selbst als "gemäßigt" anpries und versuchte, die Wahl des "Extremisten", eben Reagan, zu verhindern.
Da galt der Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur George Bush den Moderaten und auch so manchen Liberalen nicht nur der Republikanischen Partei als letzte Rettung vor dem Rutsch nach rechts: ein attraktiver Politiker aus dem Nordosten des Landes, woher seit langem die Elite kam, Sohn eines wohlhabenden Bankiers und hochgeachteten Senators für den Bundesstaat Connecticut, Absolvent der besten Schulen und Universitäten (Yale), ordenbehängter Soldat im Zweiten Weltkrieg, erfolgreicher Ölkaufmann in Texas, mit 40 Millionär, vier Jahre Abgeordneter im Repräsentantenhaus, Uno-Botschafter, Vorsitzender der Republikanischen Partei, Missionschef in Peking, Direktor des Geheimdienstes CIA. Das war die Vita, die Bush selbst nur allzugern unter die Wähler streute.
Doch trotz der glatten Karriere blieben immer auch Zweifel, wie gut der Mann denn wirklich sei. Die Wähler im Süden und Westen sahen (und sehen) in ihm, obwohl er sich schon frühzeitig in Texas niedergelassen hatte, unverändert einen "Yankee"; sie hatten (und haben) genug von den Absolventen der elitären Universitäten an Amerikas Ostküste.
Daß er mal im Repräsentantenhaus gedient hat, mochte ein Plus sein; aber die zwei Wahlperioden stempelten ihn wiederum als Vertreter der Elite ab: Er war in einem neugeschaffenen, überaus wohlhabenden Wahlkreis der Texas-Metropole Houston gewählt worden. Zwei Versuche, für den Bundesstaat Texas in den Senat nach Washington zu ziehen, scheiterten.
In seine übrigen Positionen war "Poppy", wie ihn seine Freunde nennen, nur noch berufen, nie gewählt worden. Und er hatte seine Ämter zwar fleißig und gewissenhaft ausgefüllt, aber ohne Schwung und Vision.
Als er seinem Rivalen Ronald Reagan Anfang 1980 erstmals in einer Fernsehdebatte von Angesicht zu Angesicht gegenübersaß, hatte er eigentlich schon verspielt: Der an die Bühne gewöhnte Reagan ergriff sofort die Initiative und das Mikrophon, Bush wirkte hölzern, verklemmt. Reagan urteilte: "Der Mann schmilzt unter Druck sofort."
Bush gewann zwar ein paar Vorwahlen, doch Ronald Reagan war nicht mehr zu stoppen. Bush - so sein Biograph Nicholas King - wähnte seine politische Karriere am Ende.
Doch dann erkor Reagan - ähnlich wie es John F. Kennedy 1960 mit Johnson gemacht hatte - ausgerechnet seinen schärfsten Rivalen zu seinem "running mate", seinem Stellvertreter. Und fortan war Bush, als Kandidat wie später als Vizepräsident, nur noch Propagandist der Reagan-Politik.
Reagans Wirtschaftsprogramm, gestern noch "voodoo economics", pries er bald als "hervorragend, stark, aufregend". Derselbe George Bush, der zuvor gegen ein staatliches Verbot der Abtreibung und für eine in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung der Frau eingetreten war, wollte davon schon bald nichts mehr wissen.
Der Vize: "Ich unterstütze Mr. Reagan blindlings ... unseren wunderbaren Präsidenten", der Amerika "wieder zur Nummer eins" gemacht habe.
Der Präsident hörte solche Worte gern. Intellektuelle Schwächen seiner Mitarbeiter beunruhigen ihn weniger als mangelnde Loyalität.
Reagan zog Bush hinzu, wann immer Wichtiges zu entscheiden war. Jeden Donnerstag treffen sich beide allein zum Lunch - und Reagan, sagen Insider, schätzt den Rat seines in der Außenpolitik sehr viel erfahreneren Vize.
Reagans Gefolgsleute auf der äußersten Rechten freilich halten Bush unverändert für einen "Liberalen", der nichts anderes im Sinn habe, als das konservative Bollwerk Reagan zu unterwandern und sich selbst in die richtige Position für die Nachfolge zu manövrieren.
Der ultrarechte "Conservative Digest" etwa brachte eine Bush-Sondernummer heraus, in der Amerikas Vize als Gefahr für die USA hingestellt wurde. Quintessenz: "Wir müssen die Welt schon jetzt wissen lassen, daß George Bush als Erbe Ronald Reagans nicht akzeptabel ist."
Bush-Verbündete verwiesen auf seine durchaus respektable konservative Vergangenheit: Hatte er nicht im Kongreß gegen Handfeuerwaffen-Registrierung und staatliche Gesundheitsfürsorge ("Medicare") gestimmt, hatte er nicht gegen das Atomtestabkommen und so manche Vorlage zur Rassenintegration argumentiert? Hatten ihn nicht konservative Lobbyisten ausdrücklich belobigt und geehrt?
Da Ronald Reagan, ohnehin der älteste Präsident der US-Geschichte, nach seiner Wiederwahl nicht noch einmal kandidieren darf, rückte der Traum vom Präsidenten George Bush mit jedem Tag
ein Stück näher: Für den Vize begann die beschwerliche Gratwanderung zwischen Loyalität zum Chef und Profilierung als Kandidat.
Bush heuerte versierte Mitarbeiter an und ließ - erstes Anzeichen für eine Kandidatur - im Mai ein politisches Aktionskomitee mit dem anspruchsvollen Namen "Fonds für Amerikas Zukunft" gründen, dessen wichtigste Aufgabe darin besteht, so viele Dollar wie möglich zu sammeln - zur Unterstützung republikanischer Kandidaten bei den Kongreßwahlen 1986 und eines Präsidentschaftsbewerbers George Bush zwei Jahre später. Bush: "Für mich ist es nun an der Zeit, unser Team zu sammeln, die Fackel wieder zu entzünden und unseren Kreuzzug von neuem zu beginnen."
Schließlich wagte er sich, obwohl vorsichtig, auch mit eigenen Meinungen hervor: Reagans Steuerreform fand seine Billigung, aber: "Den einen oder anderen Akzent hätte ich vielleicht anders gesetzt."
Oder: In den vergangenen vier Jahren habe es möglicherweise Perioden gegeben, in denen die Sowjets "nicht wußten, ob wir wirklich an Abrüstung interessiert waren".
In einer Gallup-Umfrage unter Republikanern lag George Bush bei der Frage nach dem besten Reagan-Nachfolger mit 53 Prozent weit vor den übrigen potentiellen Bewerbern: dem früheren Senatsmehrheitsführer Howard Baker, dessen Nachfolger Robert Dole, dem rechten Abgeordneten Jack Kemp oder der streitbaren ehemaligen Uno-Botschafterin Jeane Kirkpatrick.
Die Umfrage war gerade ein paar Tage alt, da rückte, mit Reagans Erkrankung, Poppys Traum von der Präsidentschaft näher und ferner zugleich:
Erweist sich, daß der Krebs - entgegen den Prognosen der Ärzte - weiterwuchert, könnte Bush sehr wohl noch vor Ablauf der Amtszeit Ronald Reagans ins Oval Office einziehen, und die Nominierung zum Kandidaten der Partei für 1988 wäre ihm kaum zu nehmen.
Bleibt Reagan aber so gesund, wie er zu sein vorgibt, wird die Balance für Bush schwieriger: Drängt er sich, optisch wie verbal, zu sehr in den Vordergrund, werden seine Rivalen ihm vorwerfen, er suche aus der Krankheit des Präsidenten Kapital zu schlagen. Wenn er sich aber zurückhält, können seine Konkurrenten ihn leicht in den Schatten stellen.
Wie vorsichtig Bush manövrieren muß, zeigte sich schon, als feststand, daß Ronald Reagan sich einer Operation zu unterziehen hätte. Bush wurde vom Stabschef Donald Regan "mit aller Kraft an die Wand gedrückt" ("Time") - er durfte den Präsidenten erst als einer der letzten im Hospital besuchen, und auch dann noch wählte Regan das Bild von der Visite aus: ein Photo, auf dem nicht nur der Chef und sein Vize zu sehen sind, sondern, im Vordergrund, auch Donald Regan - der Aufpasser.

DER SPIEGEL 33/1985
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