02.12.1985

VEREINEWahrhaftige Unterrichtung

In Bayern hat sich ein Verein „Bürger fragen Journalisten“ etabliert, der sich die Säuberung des Fernsehens vorgenommen hat. *
Frühmorgens um sechs geht es unter dem frohsinnigen Titel "Guten Morgen Deutschland" schon los mit einem "lebensbejahenden Frühstücksfernsehen". Anschließend wird die Hausfrau "unterhaltsam weitergebildet" und als "Mutter, Ehefrau und Partnerin aktiviert". Nachmittags erhalten Kinder und Jugendliche "viele Lebens-Impulse". Am Abend dürfen "bedeutende Persönlichkeiten" das "wirkliche Leben widerspiegeln".
Alles in allem "ein fröhliches Fernsehen", das "Mut macht zum Leben, zum Arbeiten", das "nicht zu Krawallen, sondern zu tätiger Nächstenliebe führt". Ein Programm, "dem man ansieht, daß es aus Bayern kommt", einem Land, das "die Alpen und die Donau hat", dazu "MBB und BMW und Siemens" und natürlich auch "mehr Schlösser und Burgen als jedes andere Bundesland".
Die wackere Television aus dem Süden hat nur einen Schönheitsfehler: Sie existiert vorerst nur auf dem Papier. Der Erlanger Buch- und Zeitschriften-Verleger Dr. med. Dietmar Straube, 44, hat mit der hymnischen Beschreibung das von ihm geplante Privatfernsehen "Impuls-TV" vorgestellt. Doch frühestens nächsten April wird Straubes Froh-Fernsehen über den Satelliten "Intelsat" auf die Bundesbürger niederkommen.
Bis dahin will Straube offenbar schon einmal bei der künftigen Konkurrenz, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nach dem Rechten sehen. Denn dort geht es nach seiner Ansicht drunter und drüber. "Missionarische Kampagnen" seien "an der Tagesordnung". Einzelne Bürger und ganze Wirtschaftszweige würden "eingeschüchtert" oder gleich "mundtot gemacht".
Um derlei "Machtmißbrauch" und "Meinungsmanipulation" abzuhelfen, hat Straube zusammen mit Gleichgesinnten den Verein "Bürger fragen Journalisten" gegründet. Zu seinen Gesinnungsfreunden zählen der Vorstandsvorsitzende des Vereins Hansjörg Klein, leitender Angestellter bei der Siemens-Tochter "Kraftwerk Union", der mittelfränkische CSU-Wahlmanager Wolfgang Henke oder der Ministerialbeauftragte des bayrischen Kultusministeriums für die Gymnasien in Mittelfranken, Dr. Wilhelm Wolf.
Das Vereinsemblem zeigt ein kleines rotes Rechteck, das von zwei mächtigen schwarzen Pfeilen zerquetscht wird, und symbolisiert so Stoßrichtung wie Ideologie des fränkischen Vereins.
Die selbsternannten TV-Kontrolleure verlangen für ihre Kritik "angemessene Sendezeiten", fordern einen "offenen Dialog" mit den attackierten Journalisten und wollen schließlich auch "Schadenersatzansprüche durchsetzen". Für ganz Uneinsichtige und Widerspenstige ist sogar der Aufbau einer Akademie vorgesehen, in der "fairer Journalismus" nach altfränkischer Art gelehrt werden soll.
Es geht schon los. Die Magazinsendung "Kennzeichen D", die sich unter dem Titel "Eitel Sonnenschein" die Berliner Akkumulatorenfabrik von Bundespostminister Schwarz-Schilling vorgeknöpft hatte, erhielt einen umfangreichen Fragenkatalog aus Mittelfranken. Die letzte der 18 Fragen war drohend in Majuskeln geschrieben: "WIE WOL-LEN SIE DEN ENTSTANDENEN SCHADEN WIEDER GUTMA-CHEN?"
Ähnlich längliche Fragebogen erhielten die Verantwortlichen für eine ZDF-Sendung über Pharma-Produkte mit dem Titel "Nebenwirkungen unbedenklich" sowie das Magazin "Report" aus Baden-Baden, dem "Der Eierskandal" in Baden-Württemberg eine Sendung wert gewesen war.
Im Fall von "Report" zündeten die Erlanger bereits einen zweiten Treibsatz:
Sie rückten Ende Oktober in die konservative "Welt am Sonntag" und in die rechtskatholische "Deutsche Tagespost" große Anzeigen ein, in denen sie sich direkt an den Moderator der Sendung wandten. "Lieber Franz Alt!", hieß es dort, "dies ist arrogant und publikumsverachtend."
Denn bei "Report" hatte den Kontrolleuren das Antwortschreiben des diensthabenden "Report"-Redakteurs Wolfgang Moser mißfallen. Der schrieb nämlich zurück: "Wer ein solches Zerrbild der Arbeit der öffentlich-rechtlichen Medien vertritt, dessen Anfragen sollte man eigentlich gleich in den Papierkorb werfen."
Der Redakteur, der mit seiner Schnodder-Antwort inzwischen Intendanz und Chefredaktion in Bewegung gebracht hat, hat wohl die Kameraden aus Erlangen falsch eingeschätzt. Hinter dem Verein verbergen sich nämlich Machtgruppierungen beträchtlichen Kalibers.
Schon der inzwischen zu einer "Mediengruppe Dr. Straube" hochfrisierte "Perimed"-Verlag in Erlangen mit seinen rund 100 Angestellten wirkt bei genauerem Hinsehen wie eine PR-Außenstelle der Pharma-Industrie.
Während die unlängst zusammen mit der "Frankfurter Allgemeinen" herausgebrachte Tageszeitung "Die Neue Ärztliche" vorläufig nach Auskunft von Insidern noch "ein ungeheures Draufzahlgeschäft" darstellt, florieren andere Verlagsprodukte mit Hilfe von Pharma-Geldern wie von selbst. Das auf Video-Kassetten vertriebene Informationsmagazin "Puls" zum Beispiel ist derart dick mit Medikamenten-Reklame bestückt, daß die gesamte Auflage von 14 000 Stück kostenlos an niedergelassene Ärzte verschickt werden kann.
Auch zu Printmedien der rechten Couleur halten die Erlanger innigen Kontakt. In einem von Verlegern als "lockere Einrichtung" gegründeten "Arbeitskreis Medien" trifft Vereinsvorsitzender Hansjörg Klein Edel-Kollegen wie den konservativen Eiferer Enno von Loewenstern ("Die Welt") oder den Münchner Yellowpress-Agenten Josef von Ferenczy oder den "Bunte"-Redakteur Hans-Hermann Tiedje oder den Medien-Journalisten Reginald Rudorf, der in seinem Klatschdienst "rundy" gegen "linkelnde" Journalisten hetzt.
Rudorf macht in der "Bunten" unter Adressenangabe Public Relations für den Erlanger Verein.
Wenn es mit Straubes Fernsehplänen klappt, für die er in den ersten beiden Jahren ein Minus von je 20 Millionen Mark hinnehmen will, dann wird das TV-Volk ab April noch gründlicher über die mittelfränkischen Aktivitäten ins Bild gesetzt. "Bürger fragen Journalisten" ist nämlich ein Programm-Bestandteil von "Impuls-TV" - Jeden Donnerstag von 20 bis 21.30 Uhr.

DER SPIEGEL 49/1985
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