11.11.1985

NIEDERSACHSENKönig von Thüle

Der niedersächsische Agrar- und Umweltminister Gerhard Glup trägt dem Kabinett Albrecht Spott und Schelte ein. *
Daß Schweinemäster aus dem Oldenburgischen besser Platt als Hochdeutsch sprechen und Schwierigkeiten mit mehrsilbigen Fremdwörtern haben, ist nichts Ungewöhnliches. Wenn so einer mal von "colorierten" Kohlenwasserstoffen spricht, obwohl es, streng wissenschaftlich, "chloriert" heißen muß, stößt sich daran normalerweise niemand.
Und wenn ein schlauer Bauer die Abwässer aus seinem Badezimmer einfach durch ein getarntes Rohr in den Hausbach leitet oder im nahen Landschaftsschutzgebiet heimlich und ohne Genehmigung Büsche roden läßt, ereifern sich darüber gewöhnlich allenfalls ein paar Grüne - so sind sie halt, die Schlitzohren vom Lande.
Nur: Der Umwelt-Ignorant und Umwelt-Sünder aus dem Oldenburgischen ist nicht irgend jemand - Gerhard Glup heißt er, und seit bald zehn Jahren schon ist er, als Agrar- und Forstminister, verantwortlich für den Natur- und Umweltschutz in Niedersachsen, ein knorriges Unikum unter Westdeutschlands Öko-Politikern.
Selbst Parteifreunde rätseln bisweilen, was den Großbauern (300 Hektar Land, 3000 Schweine) eigentlich zum Minister qualifiziert - mal abgesehen von dem Umstand, daß Ministerpräsident Ernst Albrecht mit dessen Berufung 1976 den mächtigen Oldenburger Landesverband zufriedenstellen mußte, dem Glup lange vorstand. Denn in jener stramm katholischen Region um Vechta und Cloppenburg, in der seit gut sieben Jahrhunderten der Glupsche Hof steht, ist die Union mit Wahlergebnissen zwischen 70 und 95 Prozent stark wie eine Einheitspartei.
Angesichts seines politischen Gewichts nahm dem Landwirt aus dem Flecken Mittelsten-Thüle niemand übel, daß er, wie das Parteiorgan der Landes-CDU befand, nicht ein Mensch ist, der seine Umgebung "mit brillanter Rhetorik zu Beifallsstürmen hinreißt" - und daß er bisweilen in bizarren Bildern spricht. Originalton Glup: "Die Beseitigung von Giftmüll kostet genauso Geld wie das Stück Schokolade, das man sich auf der Zunge zergehen läßt."
Auch kuriose Auslandsauftritte minderten kaum den politischen Einfluß Glups. Mit der englischen Queen etwa, die ihn samt Ehefrau Leny empfing, konnte sich der "König von Thüle" (Parteimund) nur "mit Händen und Füßen"
unterhalten, wie hinterher das Ministerium verlautbarte.
Neuerdings aber, gut sechs Monate vor der nächsten Landtagswahl, wird Glup mehr und mehr zur politischen Belastung für Albrecht, dem ohnehin von seinem sozialdemokratischen Herausforderer Gerhard Schröder schwere Umweltversäumnisse angelastet werden. Am Donnerstag dieser Woche muß sich der Landtag mit einem gegen Glup gerichteten Rücktrittsantrag der SPD befassen, die ihm "Inkompetenz" vorwirft.
In früheren Jahren hatte Glup dank seines satten Wählerpolsters alle politischen Attacken - aus seiner Sicht stets "Rufmord" und "Pressekampagnen" - noch mühelos abwehren können.
Als Landschaftsschützer dem Naturschutzminister zum Beispiel vorwarfen, er habe das Flußtal der Soeste, die sich durch sein Anwesen schlängelt, illegal planieren und roden lassen, erklärte er einfach, er habe "nichts davon gewußt", daß das Gebiet gesetzlich geschützt war. Der Ministerpräsident sprang seinem "Ab-Forstminister" ("Die Welt") bei. Albrecht: "Wenn ein Minister mir sagt, daß er das nicht gewußt hat, ist mir das Antwort genug."
Als Unschuld vom Lande gab Glup sich auch, nachdem das Rohr entdeckt worden war, das des Ministers Kloake ungeklärt und illegal in den nahen Bach leitete. Noch während der Staatsanwalt ermittelte, verlieh Albrecht seinem Minister für Verdienste um den Naturschutz das Große Verdienstkreuz mit Stern. Später teilte die Staatsanwaltschaft mit, Glup sei für den Dreck im Bach nicht zu belangen, weil er seinen Hof verpachtet habe - an Gattin Leny. Die aber habe gleichfalls "von nichts gewußt".
Lockere Ministersprüche zum Thema Ökologie ("Naturschutzgebiet ist wie Enteignung") brachten zwar immer wieder mal Glups Gegner auf die Barrikaden, vergrößerten im übrigen aber nur sein Ansehen beim Landvolk.
Als die Grünen dem Minister zum Beispiel vorwarfen, er habe auch noch zwanzig Meter lange Bauwerke zum automatischen Abfischen ohne Genehmigung in die Soeste gestellt, konnte sich schon niemand mehr darüber aufregen. Im Gegenteil: Die unionstreue Lokalpresse rühmte nun erst recht Glup und seine "Oldenburger Urwüchsigkeit": "Ein Typ, der in der Politik selten geworden ist."
Auch ein paar umstrittene waidmännische Taten des Forstministers mehrten nur den Ruf des Unverwüstlichen. So mußten 4000 Wanderer bei einer Harzüberquerung einen weiten Umweg in Kauf nehmen, weil Glups Sohn zur selben Zeit im ursprünglich vorgesehenen Wandergebiet in Ruhe einen kapitalen Hirsch schießen wollte.
Am Buß- und Bettag letzten Jahres brachte Forstminister Glup mit einer Jagdeinladung das Kunststück fertig, sich den Vorwurf zuzuziehen, er habe gleichzeitig gegen zwei Gesetze verstoßen.
Zum einen schoß Glups Jagdgesellschaft - darunter Ernst Albrecht sowie die Kabinettskollegen Burkhard Ritz (Finanzen), Egbert Möcklinghoff (Inneres) und Walter Remmers (Justiz) - auf Fasanen, die durch Sichtblenden, sogenannte Brillen, behindert waren. Auf der Strecke blieben auch Tiere, die, wie die Staatsanwaltschaft ermittelte, erst am Jagdtag aus ihren Volieren freigelassen und den prominenten Jägern gleichsam vor die Flinten gesetzt worden waren - Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.
Zum anderen hatten die beiden Jagdherren, Glup und ein Nachbar, die Jagd auf einen "stillen Feiertag" gelegt, für den ein Landesgesetz lautstarke Betätigungen wie "Hetz-, Lapp- und Treibjagden" ausdrücklich verbietet. Zum Glück fiel dem Kabinett Albrecht ein, die Ballerei am Bußtag zu einer Suchjagd ohne Treiber mit dem Charakter eines "bewaffneten Spaziergangs" zu erklären - wieder mal war Waidmann Glup aus der Schußlinie.
Ob der Albrecht-Protege sich aus seiner allerjüngsten Affäre ebenso schadlos herauswinden kann, steht dahin. Diesmal wirft die Opposition dem Minister vor, daß seine Behörden mit dem Supergift Dioxin ähnlich leichtfertig umgehen wie er selber einst mit den Abwässern aus der bäuerlichen Badestube.
Ausgelöst worden war der jüngste Skandal im August, als in einer völlig verluderten Sondermülldeponie in Münchehagen, zwischen Weser und Steinhuder Meer, eine mysteriöse Flüssigkeit austrat. Untersuchungen ergaben mehr
als 600 Mikrogramm des Seveso-Dioxins 2.3.7.8-TCDD pro Liter - eine Konzentration, die laut Bundesgesundheitsamt den Wert, den ein Mensch ohne Gesundheitsschädigung verträgt, "um den Faktor eine Million" übersteigt.
Zum Vergleich: Die Fässer mit dem Erdreich aus Seveso, die 1983 wochenlang für Schreckensmeldungen sorgten, bargen nur zwei bis zehn Mikrogramm des Giftes pro Kilo. Gleichwohl versuchte Glup zu beruhigen: Die 60 Liter seien jetzt wirklich sicher deponiert, "ich glaube, bei der Feuerwehr".
Gedächtnisschwächen und Wissenslücken hatte Glup schon früher offenbart, zum Beispiel in einem vor bald drei Jahren eigens eingesetzten parlamentarischen Untersuchungsausschuß zum Thema Giftmüll - typische Glup-Auskunft: "Ich kann das aus dem Ärmel nicht beantworten." Aktenstudium und Zeugenbefragungen enthüllten, wie die Grünen resümierten, schon damals "unglaubliche Schlamperei" beim Umgang mit Giftmüll.
Daran hat sich offenbar kaum etwas geändert. Im Fall Münchehagen gab sich Glup, der die Tonschicht der Deponie zunächst als "völlig sicher" gerühmt hatte, nach dem Austritt der ölartigen Gifte völlig ratlos: "Uns ist der Austritt des Öls ein Rätsel."
Genaueres wissen allerdings auch Niedersachsens Umwelt-Organisationen nicht über die rund 2000 Kubikmeter dioxinhaltiger Flugasche aus Müllverbrennungsanlagen, die in der öffentlichen, aber privat bewirtschafteten Deponie Münchehagen vermutet werden: Details kennt, wegen unsauber geführter Bücher und mangelhafter Buchkontrolle, niemand.
In der zweiten öffentlichen Sondermüllkippe des Landes, in Hoheneggelsen bei Hildesheim, ist Dioxin, das für gewöhnlich in Milliardstel Gramm berechnet wird, offenbar massenhaft gelagert worden. Allein die inzwischen geschlossene Hamburger Chemiefirma Boehringer lieferte nach amtlichen Berechnungen 16 bis 33 Tonnen verschiedener Dioxine und Furane nach Hoheneggelsen.
Beide Dioxin-Kippen sind mittlerweile geschlossen - eine öffentliche Giftmüllentsorgung existiert in Niedersachsen seit Wochen nicht mehr. Und Bauer Glup, politisch für das Debakel verantwortlich, erweckt mehr denn je den Eindruck, daß ihm, so ein CDU-Mann aus der Parteispitze, "die ganze Sache übern Kopf gewachsen" ist.
Dabei hatte sich der Landwirt bei seinem Amtsantritt 1976 die Arbeit ganz anders vorgestellt. Landwirtschaftsminister, sagt er, habe er sein wollen - doch jetzt muß sich der Arme "zu 80 Prozent mit Umweltschutz rumschlagen".
"Ich bin", beklagt der Schweinemäster nun die Ungerechtigkeit der Welt, "doch nicht der Müllwerker der Nation."

DER SPIEGEL 46/1985
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