02.12.1985

„Warum gerade ich?“

SPIEGEL-Interview mit Nationalspieler Rudi Völler über Brutalität im deutschen Profi-Fußball Rudi Völler, 25, Werder Bremen, ist der beste Stürmer in der Bundesliga. In 138 Bundesligaspielen erzielte er 84 Tore, in 29 Länderspielen 15. *
SPIEGEL: Herr Völler, daß Sie schon wieder verletzt sind, haben Sie sich ja offenbar selbst zuzuschreiben. Nach Franz Beckenbauers Meinung sind Sie "einfach zu schnell" und deshalb treffen Ihre Gegner "öfter mal das Bein statt den Ball". Warum laufen Sie nicht langsamer, dann passiert Ihnen nichts?
VÖLLER: Das darf doch keine Entschuldigung für die Abwehrspieler sein. Ich weiß nicht, was ich mit Beckenbauers Bemerkung anfangen soll. Seine Reaktion hat mich ebenso enttäuscht wie die des gesamten FC Bayern.
SPIEGEL: Nach dem Tritt des Münchners Klaus Augenthaler am vorletzten Samstag sind Sie voraussichtlich sechs Wochen lang arbeitsunfähig. Bayern-Manager Uli Hoeneß sprach von einem "normalen Foul". Ist Hoeneß Zyniker oder Realist?
VÖLLER: Das Bemühen von Hoeneß, Augenthalers Foul zu verharmlosen, kann ich nur als zynisch bezeichnen. Augenthaler hätte vom Platz gemußt, und es wäre charaktervoll von Hoeneß gewesen, wenn er das zugegeben hätte.
SPIEGEL: Trainer Udo Lattek kommentierte rüde: "Wir spielen ja schließlich nicht Schach oder Tischtennis." Überrascht Sie dieser Mangel an Takt- oder Mitgefühl? Oder ist das auch normal in der Bundesliga?
VÖLLER: Sicher ist Fußball ein Kampfsport. Es soll auch nicht der Eindruck entstehen, daß ich schon anfange zu zetern, wenn mich ein Gegner nur mal berührt. Aber daß Lattek dieser Vergleich im Zusammenhang mit meiner Verletzung einfiel, ist ebenso ein Armutszeugnis wie die Aussage von Hoeneß.
SPIEGEL: In den Medien sind die Bayern noch einigermaßen gut weggekommen.
VÖLLER: Das hat mich maßlos empört. In der ARD-Sportschau hat der Eberhard Stanjek vom Bayerischen Rundfunk sogar davon gefaselt, ich sei nach Augenthalers Tritt womöglich dumm gefallen oder so. Ich weiß nicht, ob der Stanjek Bayern-Mitglied ist, kommentiert hat er jedenfalls wie der Vorsitzende vom Fan-Klub.
SPIEGEL: Münchner Journalisten wagen es nur selten, sich mit dem mächtigen Uli Hoeneß anzulegen. Das sollten Sie doch noch aus der Zeit wissen, als Sie für 1860 München gespielt haben.
VÖLLER: Daran fühle ich mich jetzt wieder erinnert. Wir Sechziger waren in den Medien immer die arroganten Deppen, die zuviel Geld verdient haben, und die Bayern waren die Supermänner. Daß die Bayern noch arroganter waren als wir und noch mehr Geld verdient haben, hat in München nie einer geschrieben.
SPIEGEL: Sogar der einstige Bayern-Vorstopper Schwarzenbeck, in den 70er Jahren einer der härtesten deutschen Abwehrspieler, kritisierte: Man dürfe auf dem Spielfeld nicht so "wüten wie Augenthaler, Lerby oder Pflügler". Sind die Bayern auch Deutscher Meister im Foulspiel?
VÖLLER: Wenn man so aggressiv und brutal spielen muß wie die Bayern gegen uns, um Deutscher Fußballmeister zu werden, dann verzichte ich lieber auf den Titel. Ich bin mir auch sicher, daß die Werder-Fans mehr Gefallen an einer Mannschaft haben, die vielleicht nur Zweiter oder Dritter wird, dafür aber anständig spielt.
SPIEGEL: Sören Lerby ...
VÖLLER: ... genau den meine ich, er ist der Schlimmste von allen. Lerby spielt mit Schaum vor dem Mund, tritt, macht Fouls und setzt auch noch sein Engelsgesicht auf, wenn der Gegner sich am Boden windet. Für diese Art von Berufsauffassung fehlt mir jedes Verständnis. Es ist jammerschade, daß die Bundesliga-Schiedsrichter ihn noch immer nicht durchschaut haben.
SPIEGEL: Sie sagten über Sören Lerby: "Manchmal denke ich, der hat vor dem Spiel Blut getrunken." Dachten Sie dabei an Doping?
VÖLLER: Das kann ich ihm nicht unterstellen, ich weiß nicht, wie er sich vor einem Spiel stimuliert. Ich sehe nur, daß er sich auf dem Platz sehr eigenartig benimmt.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß in der Bundesliga ein Zusammenhang besteht zwischen Brutalität und Doping? Schlucken Spieler aufputschende Mittel wie Captagon und verlieren dann eher die Selbstkontrolle?
VÖLLER: Das kann ich generell nicht beurteilen.
SPIEGEL: Beim Eishockey geht es jetzt einigermaßen friedlich zu, im Gegensatz zum Fußball. Obwohl die meisten Ärzte der Fußball-Bundesligaklubs für Dopingkontrollen wie neuerdings im Eishockey plädieren, hält es der DFB weiter mit dem Prinzip der drei Affen, die das Böse nicht sagen, nicht hören, nicht sehen.
VÖLLER: Dopingkontrollen in der Fußball-Bundesliga wären einen Versuch über einen längeren Zeitraum wert. Falls die Brutalität abnimmt, müßte man über Zusammenhänge nicht mehr länger spekulieren.
SPIEGEL: Bevor Augenthaler Sie zusammentrat, waren Sie in dieser Saison schon einmal fast zwei Monate lang nicht einsatzfähig, seinerzeit nach einem Foul des Bochumers Benatelli. Wie hoch war Ihr Verdienstausfall? Mußten Sie ihn selbst tragen?
VÖLLER: Sechs Wochen lang läuft das Gehalt weiter, dann zahlt die Berufsgenossenschaft. Den Verlust an Siegprämien kann jeder Spieler durch Abschluß einer privaten Zusatzversicherung ausgleichen.
SPIEGEL: Bei der Berufsgenossenschaft wurde in der vergangenen Woche die Möglichkeit erörtert, Augenthalers Arbeitgeber Bayern München regreßpflichtig zu machen.
VÖLLER: Die Berufsgenossenschaft hat da überhitzt reagiert. Wie will man denn einem Spieler, der seinen Gegner verletzt hat, grobe Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz nachweisen? Das geht doch gar nicht.
SPIEGEL: Warum verklagen Sie Augenthaler nicht wegen Körperverletzung?
VÖLLER: Ich kenne ihn zwar nicht gut, aber ich nehme ihm die Beteuerung ab, daß er mich nicht mit Absicht verletzt hat. Da bin ich halt gutgläubig.
SPIEGEL: Augenthaler hat durch sein Foul wahrscheinlich ein Bremer Tor verhindert. Ohne Trainer Lattek Böses unterstellen zu wollen, ist doch immerhin denkbar, daß er seinem Spieler Vorwürfe gemacht hätte, wenn der Sie hätte laufen lassen.
VÖLLER: Ich leugne ja das Dilemma gar nicht, in dem sich ein Abwehrspieler in einem solchen Moment befindet. Aber ich verlange von ihm, daß er geschickt genug ist, mich am Trikot festzuhalten, anstatt mir die Beine wegzutreten.
SPIEGEL: Empfinden Sie so etwas wie Haß, wenn Ihnen ein Gegner wehgetan hat? Sinnen Sie auf Rache?
VÖLLER: Ich denke nur: Gleich schlage ich dir 'n paar in die Schnauze. Das genügt mir schon, um mich abzureagieren. Die Fähigkeit, mich kontrollieren zu können, halte ich für eine meiner größten Stärken.
SPIEGEL: Das stehen Sie auch dann durch, wenn Sie während eines Spieles zum wiederholten Male gefoult werden?
VÖLLER: Ich könnte dem Abwehrspieler doch keinen größeren Gefallen tun, als ihm tatsächlich eine reinzuhauen. Dann müßte ich vom Platz, und er hätte gewonnen. Je unfairer einer gegen mich spielt, umso entschlossener versuche ich, ein Tor zu machen. Eine Klasseleistung von mir ist für meinen Gegner die wirkungsvollste Bestrafung.
SPIEGEL: Das klingt ja reichlich abgeklärt. Können Sie das nicht mal Ihrem Nationalelf-Kollegen Lothar Matthäus erzählen? Gegen Bremen ist er schon wieder vom Platz geflogen, weil er sich nach Pezzeys Foul revanchierte.
VÖLLER: Von den vielen Regelwidrigkeiten, die sich die Bayern gegen uns erlaubt haben, kann ich die von Matthäus noch am ehesten verstehen. Pezzey hatte ihm weh getan, und er hat sich im Affekt gerächt. Maradona handelte sich am vorletzten Wochenende in einer ähnlichen Situation auch einen Platzverweis ein. Es ist nicht leicht, die Ruhe zu bewahren, wenn man vor Schmerz und Wut schreien oder zuschlagen möchte.
SPIEGEL: Im internationalen Profi-Fußball soll es ja noch rauher zugehen. Das meint jedenfalls Uli Hoeneß, und er meint noch: "Da sind wir doch Waisenknaben."
VÖLLER: Noch einer von diesen dummen Sprüchen der Bayern, die nur von den tatsächlichen Vorkommnissen ablenken sollen. In meinen 29 Länderspielen bin ich nicht auf einen Gegner getroffen, der so getreten hat wie die Bayern. Anstatt ständig nach neuen Ausflüchten zu suchen, sollen sie doch endlich zugeben, warum sie so hingelangt haben: Bei einer Niederlage gegen uns hätten sie schon fünf Punkte Rückstand gehabt und damit die Titelverteidigung abschreiben können. Das war der einzige Grund.
SPIEGEL: Ihr Trainer Otto Rehhagel hat bereits vorgeschlagen, man solle Sie gesund pflegen und schnell nach Italien verkaufen, bevor Sie wieder einer zusammentritt. Wann gehen Sie?
VÖLLER: Verhandlungen führe ich erst im Frühjahr. Ich werde mir demnächst mal einige Spiele der italienischen Spitzenklubs anschauen, um mich über deren Spielstärke zu informieren.
SPIEGEL: Und Sie haben keine Angst, daß man in Italien eine ähnliche Treibjagd auf Sie machen könnte wie in der Bundesliga?
VÖLLER: Aber wirklich nicht. Die meisten der weltbesten Fußballer spielen in der italienischen Liga. Da mitzumachen, ist für mich der ganz große Reiz. Platini oder Maradona oder Rummenigge werden in Italien auch nicht öfter verletzt als ich hier.
SPIEGEL: Die Gegenwart ist um einiges düsterer als womöglich die Zukunft im sonnigen Süden. Was können Sie tun, um Ihre Verletzung auszukurieren?
VÖLLER: Wenig. Ein Adduktorenmuskel des linken Oberschenkels ist angerissen, der Riß muß zunächst vernarben. Dann werde ich bei zwei Fitmachern in Frankfurt mit einem gezielten Aufbauprogramm beginnen.
SPIEGEL: Nach Ihrer Verletzungspause hatten Sie ein glanzvolles Comeback: 2:1-Sieg in Mönchengladbach, Sie schossen ein Tor und gaben zum zweiten die Vorlage. Sie waren endlich wieder obenauf, doch schon drei Tage später erwischte es Sie in München erneut. Wie haben Sie das weggesteckt?
VÖLLER: Anfangs war ich tief deprimiert. Nachts konnte ich nicht schlafen, und wenn ich mich von einer Seite auf die andere wälzte, hatte ich irrsinnige Schmerzen. Und dann immer wieder dieselben Gedanken: Warum gerade ich? Womit habe ich das verdient?
SPIEGEL: Jeder Berufssportler lebt mit dem Risiko, schwer verletzt zu werden.
VÖLLER: Mit solchen Überlegungen habe ich mir über die erste Zeit hinweggeholfen. Ich habe mir eingehämmert: Du bist Stürmer, und Stürmer kriegen oft was auf die Socken. Sieben Jahre lang hattest du als Profi fast nur Glück, jetzt hat es dich halt gleich zweimal erwischt. Denke doch mal an den Klaus Fischer, der konnte nach einem Beinbruch beinahe ein Jahr nicht spielen.
SPIEGEL: Aber Ihnen ist nie der Gedanke gekommen, daß Sie sich womöglich den falschen Beruf ausgesucht haben? Von den Jahreseinkünften in Höhe eines Top-Managers natürlich einmal abgesehen.
VÖLLER: Nicht das Geld verschafft mir in meinem Beruf Glücksgefühle, sondern das entscheidende Tor, das ich in einem wichtigen Spiel schieße. Der Rausch dieses Augenblicks entschädigt mich für alle Verletzungen.
SPIEGEL: Ihre Spielweise werden Sie demnach nicht ändern?
VÖLLER: Ich werde wieder in die Zweikämpfe reingehen, auch wenn es wehtut. Denn Erfolg habe ich nur, wenn ich dazu bereit bin.

DER SPIEGEL 49/1985
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