27.05.1985

ASYL-SCHWINDELIns Dekollete

Afrikanische Zuhälter mißbrauchen das westdeutsche Asylrecht: Über Ost-Berlin schleusen sie Prostituierte aus Ghana in die Bundesrepublik. *
Sobald es dunkel wird, treten in einem Asylantenheim in Stuttgart-Wangen schwarze Frauengestalten an die hellerleuchteten Fenster. Im Schrittempo fahren Autos auf das sandfarbene, dreistöckige Gebäude zu. Ein Blinkzeichen genügt, wenig später erscheint eine der Bewohnerinnen vor dem Tor und steigt zu dem Fahrer in den Wagen.
Schon für 30 bis 50 Mark bieten die Frauen, ausnahmslos Asylbewerberinnen
aus Ghana, bedürftigen Freiern ihre Dienste an. Vor allem ausländische Gastarbeiter greifen dankbar zu - in der Stuttgarter Innenstadt müßten sie mehr als das Doppelte zahlen.
Bis zu sechsmal pro Nacht bedienen die Afrikanerinnen ihre zumeist türkische und jugoslawische Kundschaft. "Manche Besucher", empört sich Jako Paterna, Pförtnerin im Asylantenheim, "steigen sogar über den Zaun."
Nicht nur in Stuttgart gelten Ausländerunterkünfte neuerdings unter Männern als Geheimtip. "Ghanaerinnen", bestätigt Bernd Aker, Asylexperte im Karlsruher Regierungspräsidium, "sind auf dem Markt der absolute Renner."
So tauchen auch im Sammellager des verschlafenen Neckarstädtchens Horb regelmäßig Fahrzeuge mit auswärtigem Kennzeichen auf, um eine der 42 dunkelhäutigen Bewohnerinnen abzuholen. Oft werden sie schon nach einer Stunde zurückgebracht, zuweilen erst nach ein paar Tagen.
Am Bodensee rund um die Konstanzer Jägerkaserne suchen neben schwäbischen Freiern immer wieder auch Schweizer Grenzgänger ihr Glück. Mancherorts, so in Hamburg und in Karlsruhe, führte der Zustrom der Afrikanerinnen schon zu Handgreiflichkeiten zwischen einheimischen Dirnen und den schwarzen Konkurrentinnen.
Wegen ihres "exotischen Reizes", weiß der Karlsruher Kripo-Chef Franz Burkart, werden beispielsweise die rund zwanzig Afrikanerinnen, die regelmäßig im Ostteil der Stadt rund um das zentrale Asylantenlager Dienst tun, von der Kundschaft bevorzugt. Mitunter, erzählt Burkart, reisten Freier eigens aus Heidelberg oder dem benachbarten Rheinland-Pfalz an.
In der offiziellen Flüchtlingsstatistik rangieren Ghanaer mittlerweile - nach Asylbewerbern aus Sri Lanka, der Türkei und Polen - auf dem vierten Platz. Allein in Berlin, dem Einfallstor für Flüchtlinge aus dem asiatischen und afrikanischen Raum, baten im März knapp 250 Staatsangehörige Ghanas um Asyl, viermal so viele wie vor einem Jahr.
Ihre Aussichten, als politisch Verfolgte anerkannt zu werden, sind äußerst gering. Nur in Ausnahmefällen, so wissen Experten vom Hamburger Institut für Afrika-Kunde, müssen Oppositionelle in Ghana damit rechnen, wegen ihrer politischen Überzeugung festgenommen oder mißhandelt zu werden. Ernst Pottmeyer, Vorsitzender Richter eines für Asylbewerber zuständigen Senats beim Oberverwaltungsgericht in Münster, machte die Erfahrung, daß Ghanaer "fast ausnahmslos Flüchtlinge aus sozialen Gründen" sind.
Auf eine Anerkennung als Asylanten kommt es den Mädchen aus Ghana und ihren Zuhältern allerdings gar nicht an. "Viele der Ghanaerinnen", beantwortete kürzlich der Berliner Senat eine Anfrage der Alternativen Liste, "waren bereits in ihrem Heimatland als Prostituierte tätig." In der Bundesrepublik möchten sie möglichst schnell viel Geld verdienen - ein Wunsch, der nach dem Ausländerrecht keinen Anspruch auf Aufenthalt begründet.
Ein Teil der Frauen ist von ghanaischen Schlepperorganisationen in der Heimat angeworben worden. Regelmäßig schwärmen Mädchenfänger aus der Hauptstadt Accra in die Dörfer aus. Mit dem Versprechen, ihnen zu Wohlstand
zu verhelfen, locken sie gutgläubige Frauen und Mädchen ins ferne Europa.
Da die Afrikanerinnen zumeist keine Papiere besitzen, liefern die Agenten neben dem Flugticket gleich gefälschte Pässe und Geburtsurkunden. Die Papiere sind auch hilfreich, wenn die Asylanträge schließlich nach monate- oder jahrelangem Verfahren abgelehnt werden. Dann arrangieren Zuhälter für ihre Mädchen häufig eine Scheinehe mit deutschen Staatsangehörigen, die abermals vor Ausweisung schützt.
Finanziert, so vermutet Wilhelm Fuchs vom Bundesgrenzschutz in Koblenz, wird der Mädchenhandel mit Rauschgiftgeschäften und illegalen Goldtransaktionen. Weil die Behörden in Accra bei der Ausreise in der Regel ein Rückflugticket verlangen, bringen die Schlepper ihre Opfer zunächst nur ins nahegelegene Nigeria. Von Lagos fliegen die Afrikanerinnen dann weiter nach Ost-Berlin, wo Landsleute die Neuankömmlinge in Empfang nehmen und sie durch die ohnehin laxen Kontrollen am Flughafen Schönefeld per S-Bahn nach West-Berlin schleusen.
"Manch eine", sagt Wolfgang Weikhardt vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge in Zirndorf, "weiß nicht einmal, in welchem Land sie sich befindet." Bis zur Verteilung auf Heime im Bundesgebiet, vor allem in Süddeutschland, leben die Ghanaerinnen in Berliner Sammelunterkünften, etwa in der Gurlittstraße im Stadtteil Steglitz oder im Schöneberger Hof am Grunewald.
Damit die vierwöchige Wartezeit in Berlin nicht ungenutzt verstreicht, halten die Frauen oder ihre Zuhälter schon dort nach Freiern Ausschau. Flüchtlingsexperte Aker: "Die fangen gleich am zweiten Tag mit der Arbeit an." Einige verschwinden bald in Berliner Bordellen und Saunaklubs, andere werden zu Preisen zwischen 3000 und 5000 Mark an einschlägige Etablissements in Hamburg oder Frankfurt verkauft.
Wer nicht spurt, wissen Polizeiexperten, läuft Gefahr, von ghanaischen Zuhältern mißhandelt zu werden. Nach bundesdeutschem Recht ist den Mädchenhändlern gleichwohl kaum beizukommen: Weil die Frauen Angst haben und oft nicht einmal die Namen ihrer Peiniger kennen, scheiden sie als Zeugen gegen ihre Landsleute aus.
Verstöße gegen das Ausländergesetz sind den afrikanischen Geschäftemachern nur in Ausnahmefällen nachzuweisen. Meistens fehlen den deutschen Behörden Beweise, die belegen, daß die Schlepper für ihre Dienste Geld kassiert haben.
Wie gut die afrikanischen Zuhälter über deutsche Gesetze informiert sind, zeigt die professionelle Vorbereitung der Asylverfahren. Gleich zu Beginn müssen die Frauen, die zumeist nur ihre afrikanische Muttersprache beherrschen, vorgefertigte Asylanträge in englischer Sprache unterschreiben.
Damit verschaffen die Zuhälter den Schein-Asylantinnen gleich einen dreifachen Vorteil. Zum einen können die Afrikanerinnen für zehn bis zwölf Monate, mit Beistand eines Anwalts auch noch länger, in der Bundesrepublik anschaffen. Zudem berechtigt der Asylantenstatus je nach Bundesland zum Bezug von monatlich 70 Mark Taschengeld oder knapp 300 Mark Sozialhilfe, schließlich schützt er die Frauen vor dem Eingreifen von Polizei und Ausländerbehörden.
Solange nämlich das Verfahren schwebt, dürfen die Ausländerämter Asylbewerberinnen, die der Prostitution nachgehen, nicht abschieben. Nur wenn sie eine "schwerwiegende Gefahr für die Sicherheit" sind, etwa, weil sie spioniert haben, können Asylbewerber abgeschoben werden.
Zwar dürfen Ausländer während ihres Asylverfahrens in der Bundesrepublik nicht arbeiten. Doch da die afrikanischen Prostituierten illegal anschaffen, erfahren die deutschen Behörden in der Regel nichts von Nebeneinkünften. Und wenn doch mal eine im Sperrgebiet oder ohne die vorgeschriebene Gesundheitsuntersuchung aufgegriffen wird, droht ihr zumeist nur ein Bußgeld. Und das, sagt Ausländerexperte Aker, werde in der Regel nicht bezahlt: "Die Mädchen sagen einfach, sie hätten kein Geld."
Dabei verdienen die Afrikanerinnen nicht schlecht auf dem Strich. Um ihre Finanzkraft zu beweisen, berichtet der Leiter der zentralen rheinland-pfälzischen Anlaufstelle für Asylbewerber in Ingelheim, Heinz Budinger, greifen die Damen auch schon mal "in ihr Dekollete und holen einen Packen Hunderter heraus".
Auch über die Vorschriften des Asylgesetzes, ihren Aufenthaltsort während des Verfahrens nicht zu verlassen, setzen sich viele der Afrikanerinnen hinweg - mit stillschweigender Duldung der Behörden. Daß in Bremen eine Ghanaerin aus Karlsruhe aufgegriffen wird, ist kein Ausnahmefall.
In der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber im saarländischen Lebach sind die Damen aus Ghana nur selten anzutreffen, immer dann, wenn die Sozialhilfe ausbezahlt wird. Sonst schaffen sie in Saarbrücken oder im deutschfranzösischen Grenzgebiet an.
Ihre Kolleginnen im rheinland-pfälzischen Ingelheim sind ebenfalls seltene Gäste im örtlichen Asylantenheim. Statt dessen wirken sie in Mainz, Wiesbaden oder Frankfurt. "Wir führen", erklärt Aker, "unsere Lager nun mal nicht als geschlossene Heime."
Selten nur gelingt es aufmerksamen Polizeibeamten, ortsfremde Asylbewerberinnen auszumachen und eindeutig zu identifizieren. Werden die Prostituierten ertappt, präsentieren sie häufig den Ausweis einer ortsansässigen Kollegin.
Der Schwindel fliegt nur in Ausnahmefällen auf - für viele Polizisten sehen alle Schwarzen gleich schwarz aus.

DER SPIEGEL 22/1985
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