02.12.1985

Stiller Kanal

Ein Fernsehkrimi schildert beklemmende Überwachungstechniken mit Mikro-Elektronik. *
Bettnässer" - so schäbig schmäht der heimliche Beobachter sein Opfer. Und so risikolos: Dem Observateur (Armin Mueller-Stahl) begegnet das Opfer nur auf dem Bildschirm. Dennoch beflügelt ihn die Potenz des Voyeurs.
Mit Bildern vom Höhenrausch eines kriminellen Spezialisten für das Belauern anderer per Mikrophon und Videokamera kommt das Fernsehspiel "Hautnah" des 37jährigen Autors Norbert Ehry in die Gänge. Der Krimi, den die ARD am kommenden Sonntag (20.45 Uhr) ausstrahlt, schildert die beklemmenden Verwendungsmöglichkeiten elektronischer Überwachungstechniken.
Still und leise wird ein Kanal für TV-Kabel in Häuserwände gebohrt, millimetergroße Objektive überwachen Kontore. Kameraköpfe von der Größe einer Zahnpastatube liefern auch im Halbdunkel noch perfekte TV-Bilder, die über winzige Antennen und schuhkartongroße Verstärker in eine Art TV-Studio gesendet werden. Überwacht wird in dem TV-Spiel ein Frankfurter Bordellkönig, die Nummer eins im Bahnhofsviertel, aber inzwischen nur noch störendes Überbleibsel. Denn nun, da es ums ganz große Geschäft der Sanierung geht, sind ehrbare Bordellkönige so zeitgemäß wie der Mercedes der Nitribitt. Der Krimi "Hautnah" ist reine Fiktion und dennoch authentisch.
Für Realitätsnähe sorgt nicht nur der Schauplatz, sondern auch eine bunte Riege von Experten, die dem Autor Ehry und dem Regisseur Peter Schulze-Rohr mit kleinen Tips zur Seite gestanden haben.
Den technischen Hintergrund des Video-Wanzenwerks lieferte die Story des Elektronik-Ingenieurs Bernd Schmidt, der im Dienst des Bundeskriminalamts zu Anfang der achtziger Jahre ein perfektes Überwachungssystem ersann und konstruierte, bevor er, von Gewissensskrupeln geplagt, die totalitären Überwachungsmöglichkeiten dem SPIEGEL (2/1983) offenbarte. Schmidt quittierte den Polizeidienst, wandte sich zwischenzeitlich den sanften Ideen des Bhagwan zu. Bei "Hautnah" wirkten er sowie ein bei Interessierten bestens eingeführter Hamburger Mikro-Elektronik-Händler beratend mit - sehr zur Verwunderung des TV-Teams.
Denn nahezu alle in "Hautnah" vorgeführten Überwachungsmethoden der Mikro-Elektronik sind nicht nur möglich, legal und alltäglich, sie sind fast alle inzwischen schon wieder überholt. Gelegentlich, sagt Regisseur Schulze-Rohr, hat das Team auf Überwachungstechniken "der vorigen Generation" zurückgreifen müssen, um den Zuschauer nicht allzusehr zu verblüffen - denn längst schon kennen legale und illegale Videoschnüffler etwa ein mobiles Überwachungssystem, bei dem Optik und Sender in einer Autoantenne Platz finden. Dem Kameraauge genügt ein Guckloch von nur zwei Millimeter Durchmesser.
"Hautnah" ist, von dem Literaturfilmer Schulze-Rohr ("Collin") oft allzu episch erzählt, ein Stück über einen Machtkampf im Frankfurter Bahnhofsviertel: Großspekulanten brauchen Beweise für die Zusammenarbeit zwischen _(Mit Armin Mueller-Stahl. )
der Stadt und dem Bordellkönig, an dessen Stelle sie treten wollen. Der bleibt auf der Strecke - und auch der kleinkriminelle Schnüffler und seine Freunde werden geopfert.
Da scheint, auch im wirklichen Leben, was dran zu sein. Autor Ehry und Regisseur Schulze-Rohr haben das Drehbuch dem Frankfurter Hotelier Hersch Beker gezeigt, ohne (und vor allem gegen) den im Frankfurter Absteigenquartier nichts läuft. Beker, sagt Schulze-Rohr, hat ein bißchen darüber geschmunzelt, wie Filmkünstler sich die Geschäfte im Milieu vorstellen.
Unbehelligt und wie unter einer schützenden Hand aber hat das Team im Bahnhofsviertel dann filmen können. Nie stand (wie bei ähnlichen Aufträgen anderswo) ein breitschultriger Herr beharrlich vor der Kamera, "nicht mal der dritte Beleuchter" wurde auch nur einmal schräg angeredet.
Das Milieu muß ein Dreh-Paradies gewesen sein. Einmal kam dem Team ein Spezialobjektiv abhanden. Das erzählten die Fernsehleute ihren neuen Freunden. Tags darauf lag das teure Stück, von unbekannter Gönnerhand herbeigeschafft, beim Hotelportier.
Mit Armin Mueller-Stahl.

DER SPIEGEL 49/1985
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