19.08.1985

ADELNit gar gutt

Ausgerechnet zur Augsburger 2000-Jahr-Feier macht eine neue historische Untersuchung das berühmte Geschlecht der Fugger madig. *
Daß die Stadt Augsburg anläßlich ihrer 2000-Jahr-Feier auch ihres berühmtesten Patriziergeschlechts, der Fugger, gedenken würde, war wohl unvermeidlich. Denn das Adelshaus, so würdigte die Kommune den einst reichsten Clan des Kontinents in Büchern und Broschüren, habe "gewaltige historische Verdienste" erworben.
Die "großen Kaufherren" der Fugger-Familie seien, so die Stadt, durch "Tüchtigkeit", "Zähigkeit" und "rationales Geschäftsgebaren" zu Ruhm und Reichtum gelangt, aber auch stets "auf dem Boden der bürgerlichen Solidität" geblieben.
Just in das Augsburger Jubiläum platzt nun eine Publikation, die das strahlende Bild der ruhmreichen Ahnherren arg verdüstert: Eine vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) angeregte und jetzt herausgegebene wissenschaftliche Untersuchung räumt in der Fugger-Geschichte gründlich mit "bisher sorgsam gepflegten Mythen" auf und zerpflückt "Legenden von der uneigennützigen Hochherzigkeit" der Patrizierfamilie.
Nach der von Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung des DGB ausrecherchierten Quellenlage stellen sich die historischen Fugger, die mit Jakob dem Reichen (1459 bis 1525) auf dem Höhepunkt waren, vielmehr fast ausschließlich als frühkapitalistische Ausbeuter und Plutokraten dar. _("Spurensicherung. Beiträge zur fast ) _(vergessenen Geschichte Augsburgs". ) _(AV-Verlag, Augsburg; 359 Seiten; 29,80 ) _(Mark. )
Die Legenden hatte, wissenschaftlich kaschiert, vor allem der 1967 verstorbene konservative Historiker und CSU-Anhänger Götz Freiherr von Pölnitz geflochten. Und kein Vermächtnis des Kaufleute-Clans war dafür besser geeignet als die berühmte Fuggerei, eine von Jakob dem Reichen gestiftete Armenwohnsiedlung in der Augsburger Jakobervorstadt, in der bedürftige Bürger heute noch zu einem symbolischen Mietzins (1,72 Mark im Jahr) hausen dürfen, wenn sie - außer arm - auch noch katholisch, fleißig, verheiratet und gut beleumdet sind.
Professor von Pölnitz stilisierte die Fuggerei zu einem "vorbildhaften Werk menschlich-christlicher Liebesgesinnung jenseits rechnender Vernunft", mit dem sich "die Fugger unauslöschlich in das Buch der Wohltäter der Menschheit eingeschrieben" hätten. "Sämtliche Stiftungen aller Erdteile", lehrte der Historiker, "sind irgendwo Früchte dieser hochherzigen Tat."
Die Autoren der DGB-Dokumentation halten der "peinlichen Verherrlichung" nun entgegen, daß das bahnbrechende Wohlfahrtswerk in Wahrheit ein mieser "Propagandatrick" gewesen sei: Der reiche Jakob habe, wie sie herausfanden, mit der Stiftung "nur eines versucht, nämlich das schwebende Verfahren wegen schwerer Vergehen gegen die Antimonopolgesetze zu unterlaufen".
Die Fuggerei war, so ein Fazit der neuen Fugger-Forschung, "gedacht als Gegenoffensive und Ablenkungsmanöver wegen ihrer Monopolstellung auf dem Gebiet der Finanzierung von Kriegen und Bürgerkriegen, wegen der Ausbeutung Zehntausender, wegen des Elends, das die Fugger unter den Augsburger Webern angerichtet hatten".
Der Trick muß schon damals durchschaubar gewesen sein. Die "menschlich-christliche Großtat" (von Pölnitz) kostete den Spender lediglich 25000 Gulden - in etwa die Summe, die er zur gleichen Zeit für den Erwerb eines Stirndiamanten aus dem Besitz des Sultans von Kairo anlegte. Das Wohnstift reichte gerade für 100 Familien - bei mehr als 100000 Beschäftigten in den weitgestreuten Fugger-Unternehmen und
3000 völlig verarmten Bewohnern Augsburgs, die das DGB-Autorenteam für das Jahr 1520 ermittelte.
Zu keiner Zeit und bei keinem Anlaß hatten die führenden Fugger, auch das scheint nunmehr festzustehen, ein Herz für das gemeine Volk. Vielmehr rühmten sie sich beispielsweise, mehr als alle anderen Herren oder Herrscher für die Niederschlagung von Bauernaufständen und Bergarbeitererhebungen getan zu haben. Allein für die endgültige Niederwerfung der Bauern im Jahre 1525 berappten sie 250000 Gulden, einen gedungenen Mord an dem Anführer aufständischer Tiroler Bauern und Bergarbeiter ließen sie sich 1500 Gulden kosten.
Gewiß befanden sich die Augsburger Geldregenten dabei im Einvernehmen mit Kaiser und Papst, für die ja auch noch mit Fugger-Finanzen die Reformation abzuschlagen war. Das ging häufig mit den Bauernkämpfen einher: Als Jakob Fugger 1525 erfuhr, daß "erst" 50000 Bauern niedergemacht worden seien, meinte er: "Wa oder wölche ort man nit haufen erschlagen hat, da sind sy noch nit gar gutt christen." Anton Fugger, Jakobs Nachfolger, ließ die Angehörigen der sozialreligiösen Täufergemeinde aus Augsburg ausweisen und im Fuggerschen Weißenhorn zusammentreiben, wo sie Opfer eines Blutbads wurden.
Gut katholisch sollten die Bürger und Bauern auch bleiben, weil die Fugger sonst eine erstklassige Einnahmequelle verloren hätten: Sie waren zu 50 Prozent an dem im 16. Jahrhundert florierenden Ablaßhandel beteiligt, mit dem die katholische Kirche die Seelenängste ihrer Gläubigen ausbeutete. Die Fugger verwalteten überdies das gesamte päpstliche Barvermögen in Deutschland, Ost- und Nordeuropa.
Zu den weltweiten Geschäften der Augsburger Frühkapitalisten zählten der Tuch- wie der Sklavenhandel, Banken wie Bergwerke in den Alpen. Zu ihren Geschäftspraktiken gehörten Preiswucher und Korruption, Monopolbildung und Spitzelwesen. Riesige Kriegskredite dienten zugleich der Pflege der politischen Landschaft: Mit den Zahlungen machten die Fugger sich die chronisch verschuldeten Habsburger-Kaiser gefügig bis abhängig.
Einen, Karl V. (1519 bis 1556), kauften sie sich bei den deutschen Kurfürsten vor der Kaiserwahl für den immensen Betrag von 543585 Gulden ein - er wurde ein dauerhafter Garant für neue Geschäfte und weiteren, krisensicheren Großgrundbesitz: Den Fuggern eigneten auf dem Höhepunkt ihrer Macht halb Schwaben und Altbayern und zeitweilig auch Teile des Elsasses und Tirols sowie ausgedehnte Latifundien in Ungarn, Böhmen, Sachsen und Polen.
Als feudale Großgrundbesitzer überdauerten sie denn auch spätere Zeiten, in denen sie ihre Stellung als Handelskapitalisten und Kriegsgewinnler einbüßten. Die Fugger verschoben, wie das ihr Hausbiograph von Pölnitz formulierte, "ihr Lebensideal aus dem Bereich stolzer, aber harter Arbeit in die Kategorie sublimen Genusses von Kunst und Freude an den Wissenschaften".
Der heutige Besitz der Fugger-Familie, eine gräfliche und eine fürstliche Linie, umfaßt immer noch Wälder, Grund und Boden, Schlösser und Möbelwerke, eine Bank und eine Brauerei. Das Vermögen des Hauses, das politischen Einfluß jetzt vornehmlich mit Hilfe der CSU ausübt, wird auf eine Milliarde Mark geschätzt.
Für die genaue Höhe des Fugger-Vermögens interessiert sich derzeit eine Zivilkammer des Landgerichts Memmingen, vor dem sich seit Jahren zwei Brüder aus dem Adelshaus streiten: Albert Graf Fugger von Glött, 52, und Karl Graf Arco von Zinneberg, 54. Es geht, kurios genug, um komplizierte Nacherben-Rechtsansprüche, die beide aus dem Testament ihres schon 1940 verstorbenen Großvaters Fürst Carl Ernst herleiten.
Doch zur Vermögenslage mochten sich die prozessierenden Brüder bislang nicht äußern. Der Kammervorsitzende, Richter Wilfried Hüttl, erhöhte gleichwohl den Streitwert des Verfahrens von fünf auf dreißig Millionen Mark und appellierte an die Streitparteien, sich endlich "gütlich zu einigen".
Die Grafen hätten, meinte der Richter, "eine Verpflichtung gegenüber der Öffentlichkeit": Sie seien schließlich "Nachkommen großer Männer", die "so viel getan haben für unser Land". _(Jakob der Reiche (1459 bis 1525); ) _(Gemälde von Albrecht Dürer. )
"Spurensicherung. Beiträge zur fast vergessenen Geschichte Augsburgs". AV-Verlag, Augsburg; 359 Seiten; 29,80 Mark. Jakob der Reiche (1459 bis 1525); Gemälde von Albrecht Dürer.

DER SPIEGEL 34/1985
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