19.08.1985

HOCHSCHULENAuf hohem Niveau

In Hannover arbeitet Ernst Albrecht an einem Lieblingsprojekt: einer Hochschule für Diplom-Journalisten von rechter Gesinnung. *
Über die "unerträgliche Einseitigkeit der Massenmedien" hat Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht schon oft beredt geklagt. Aus Zorn über den angeblich linkslastigen Norddeutschen Rundfunk und über "das heutige Überangebot an gesellschaftspolitischem Quark" wollte der stellvertretende CDU-Vorsitzende schon mal "das ganze Rundfunkwesen in Deutschland neu gestalten".
Die Neugestaltung erfordert eine neue Berufsausbildung; und daß dabei Albrechts gesellschaftspolitischer Quark nicht entfernt, sondern breitgetreten wird, liegt an den Umständen, unter denen die regierenden Christdemokraten in Hannover den rechten Mann, mehr aber die rechte Frau für drei neue Journalistik-Professuren suchen und finden.
Das "wichtigste politische Vorhaben der Legislaturperiode" (Albrecht) ist seit Anfang August mit der Ernennung des ersten Professors und der Berufung eines zweiten auf dem Weg. In Hannover bekommen vom Wintersemester an 20 Hochschulabsolventen ihre Ausbildung zu "Diplom-Journalisten". Die neue Medien-Schmiede werde "von der Fachwelt begrüßt", freute sich die Landesregierung.
Soll wohl so sein. Zwar äußerte der Senat der Universität Hannover sein "Befremden", "daß die Universität zu den Vorüberlegungen zum geplanten Studiengang nicht gehört worden ist". Zwar trieb Albrechts Staatskanzlei - und nicht das zuständige Wissenschaftsministerium - das Projekt voran. Doch fand der Ministerpräsident reichlich Zuspruch und Hilfe bei konservativen Wissenschaftlern und Medienleuten von außerhalb: ZDF-Intendant Dieter Stolte schmückte die Mitgliedsliste der eigens berufenen "Arbeitsgruppe Journalistik" ebenso wie sein Kollege vom Rias Berlin, Peter Schiwy, oder der Nürnberger Kommunikationswissenschaftler Franz Ronneberger.
Das Regiment allerdings führte ein anderer: Walter Schütz, Ministerialrat im Bonner Presse- und Informationsamt der Bundesregierung und "Graue Eminenz" der "Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft".
Eine Heimat für den Studiengang fand sich schnell: die kleine Hochschule für Musik und Theater in Hannover, mit 731 Studenten ein überschaubarer Platz. Dort herrscht, so ein Kenner der akademischen Szene, ein "strammes Klima", gerade der rechte Ort für die künftigen Berichterstatter, denen Albrecht für 1,42 Millionen Mark die ehemalige Staatskanzlei des Landes umbauen läßt.
Weiterer Vorteil: An der Musikhochschule störte kein Fachmann für Journalismus und verwandte Fragen. So mußte der Kanzler der Hochschule, Roland Scholl, öfter mal bei Schütz im Bundespresseamt zu Bonn Rat holen, als es daran ging, den Studienbeginn fürs Wintersemester vorzubereiten.
Wie der Studiengang aussehen sollte, darüber hatte Albrechts Staatskanzlei rechtzeitig ein Gutachten besorgt. Beate Schneider, Politikwissenschaftlerin an der Hamburger Universität der Bundeswehr und gute Bekannte des Albrecht-Beraters Schiwy, urteilte auf 25 Seiten im Sinne ihrer Auftraggeber: Sie lobte das von der CDU verabschiedete Rundfunkgesetz als "Motor einer neuen Medienpolitik" und prangerte "die Realitätsferne vieler Journalisten, ihren Hang zur Ideologisierung" ebenso scharf an wie das vermeintliche Übel, daß "eine realistische Einordnung in die Mechanismen der Marktwirtschaft zugunsten einseitiger ideologischer Kritik vernachlässigt wird".
Das könne in Hannover künftig alles anders sein. Mit dem neuen Studiengang solle "auch ein Beitrag geleistet werden zur Entideologisierung der öffentlichen Diskussion". Und: Es müsse "erforscht und vermittelt werden, wie der Bereich der Information unterhaltsamer gestaltet werden kann".
Quintessenz des Schneider-Gutachtens: Ein neunsemestriges Vollstudium sei für die künftigen Diplom-Journalisten empfehlenswert.
Ernst Albrecht und die Seinen entschieden anders - für ein viersemestriges Ergänzungsstudium -, im übrigen aber für Beate Schneider: Als erste der drei Professoren bekam sie jetzt die Stelle für "Journalistik mit dem Schwerpunkt der vergleichenden Medienlehre".
Eine Kollegin mit ähnlich guten Verbindungen zu den Studienplanern muß sich noch gedulden. Claudia Mast, Kommunikationswissenschaftlerin aus der Münchner Schule des erzkonservativen Otto B. Roegele, ist die Nummer Zwei auf der Vorschlagsliste der "Professur für Journalistik mit dem Schwerpunkt der Kommunikationswissenschaften". Der Ruf ging erst einmal an ihren Münchner Kollegen Klaus Schönbach, der sich freilich noch nicht entschieden hat, das Angebot zu akzeptieren oder lieber nach Amerika zu gehen. Claudia Mast, Angestellte bei Siemens und Lehrbeauftragte an der Münchner Uni, hält nicht nur dienstlich engen Kontakt zu Chefplaner Walter Schütz.
Für den letzten Lehrstuhl haben Albrechts Journalismus-Berater noch keine(n) Bewerber(in) ausgemacht - offenbar mangels einschlägiger Verbindungen. Ein Kandidat, so Wissenschaftsminister Johann-Tönjes Cassens im Landtag, für "eine praxisnahe journalistische Ausbildung" und das auch noch "auf hohem Niveau" ist mithin nicht in Sicht.

DER SPIEGEL 34/1985
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