27.05.1985

GESTORBENHermann Schridde

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Hermann Schridde, 47. Er war eine Art Beckenbauer des Pferdesports: Wie der Fußball-Kaiser galt er in seiner aktiven Zeit als eleganter Techniker und besaß - materiell unabhängig - in seinem Trainerjob die nötige Distanz gegenüber den Reitern und deren Reibereien untereinander. Daß Schridde, wie Kollege Alwin Schockemöhle neidlos eingestand, "einer der stilistisch besten Reiter der Welt, sicherlich der beste deutsche nach dem Krieg" war, verdankte der Bauernsohn aus der Gegend von Celle seiner gründlichen Ausbildung: Er lernte nicht nur das Springen, sondern im Gegensatz zu heutigen jungen Reitern auch die Dressur bis zur Klasse S. Dies befähigte ihn zu einem ungewöhnlich sicheren Gefühl für Tempo, Distanz zwischen den Hindernissen und das, "was sich in einem Pferd abspielt" (Schridde). Die Erfolgsbilanz des Reiters war beachtlich: 1960 wurde er als 22jähriger Deutscher Meister, später siegte er im Deutschen Spring-Derby in Hamburg auf "Dozent", seinem besten Pferd. 1964, bei den Olympischen Spielen in Tokio, war Schridde bester deutscher Reiter: Silber in der Einzelwertung und Gold in der Mannschaft. In Mexiko glückte ihm ein solcher Triumph nicht mehr. Im Gegenteil: Mit "Dozent" machte er im Mannschaftsspringen 70 Fehlerpunkte, es reichte aber dennoch für Bronze. 1972, nachdem er sich erneut für die Spiele qualifiziert hatte, trat Schridde überraschend zurück: "Ich hatte einfach keinen Spaß mehr an der Reiterei." Der Bauernsohn wandte sich seiner anderen großen Leidenschaft zu, der Fliegerei. Er gründete in Meißendorf bei Celle die damals einzige private Fallschirmspringer-Schule der Bundesrepublik. 1980 ließ sich Schridde überreden, zur Reiterei zurückzukehren, und übernahm gegen ein Monatsgehalt von 4200 Mark brutto plus 28 Mark Tagesspesen das Amt des Bundestrainers der Springreiter. Schridde hatte bald Erfolg: Die Mannschaft schaffte den Europa-Titel. Erst in jüngster Zeit gingen deutsche Reiter immer öfter leer aus. Schridde: "Uns bläst der Wind ins Gesicht." Doch weder Erfolg noch Mißerfolg konnten den Trainer je dazu bringen, von seiner souveränen Linie abzugehen: "Unsere Reiter sind doch keine dummen Jungs. Denen kann ich nicht sagen: Ich befehle und ihr gehorcht. Wir diskutieren alle Probleme, und ich versuche, mit dem zu überzeugen, was ich an Erfahrung einbringen kann." Dies war nicht wenig. Hermann Schridde stürzte vorletzten Samstag mit einem Sportflugzeug unweit des Fallschirmspringerplatzes Meißendorf-Brunsiek ab und starb in den Trümmern der Maschine.

DER SPIEGEL 22/1985
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