19.08.1985

PORTUGALGranaten gegen Schiffe

Revolutionsheld Otelo de Carvalho muß sich als mutmaßlicher Terrorist vor Gericht verantworten. Der Prozeß gegen ihn wird schwieriger, die Anklage hat ihren Kronzeugen verloren. *
Wie Mafiabosse und Terroristen saßen die Angeklagten hinter kugelsicherem Glas. Wie Revolutionäre grüßten sie mit erhobener Faust. Wie ein Sieger trat der Hauptangeklagte lächelnd vor die Richter, nach 13 Monaten Untersuchungshaft voll ungebrochenem Optimismus. Otelo Saraiva de Carvalho, Kopf der "Nelkenrevolution" vom 25. April 1974. Für ihn stimmten Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude "Grandola, vila morena" an, die Hymne des Aufstandes gegen die Diktatur Caetanos und seines Vorgängers Salazar.
Otelo de Carvalho war nach 1974 einer der populärsten und mächtigsten Männer Portugals, Mitglied des Führungstriumvirats an der Staatsspitze und Chef der Sicherheitstruppe Copcon, unter deren Schutz Landarbeiter des südportugiesischen Alentejo Großgrundbesitzer vertrieben und Fabrikarbeiter des Industriegürtels um Lissabon Unternehmer enteigneten.
Die Erfüllung seines Wunsches, der "Fidel Castro Europas" zu werden, blieb ihm jedoch versagt - es hätte Bürgerkrieg bedeutet. Bei den Präsidentenwahlen 1976 konnte er noch 17 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, 1980 nur 1,5 Prozent. Mit zunehmender Normalisierung der Demokratie unter Staatspräsident Ramalho Eanes fand Otelo de Carvalho Anhänger nur noch unter den antikapitalistischen Revolutionären.
Am 22. Juli wurde das Verfahren gegen den 49jährigen Revolutionsführer und 73 weitere Angeklagte, von denen 22 flüchtig sind, eröffnet. Ihnen wird vorgeworfen, die linksradikalen "Volkskräfte 25. April" - Forcas Populares 25 de Abril, FP 25, genannt nach dem Datum der Revolution - unterstützt zu haben.
Nach wenigen Stunden vertagte sich das Gericht auf den 7. Oktober. Denn drei Tage vor Prozeßbeginn war der Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, der 34jährige Lastwagenfahrer Jose Manuel Barradas, durch sieben Schüsse schwer verwundet worden - die Täter entkamen. Vorletzte Woche starb der mutmaßliche Ex-Terrorist, der in seinem schriftlich protokollierten Geständnis ausführlich über Otelo de Carvalhos Teilnahme an Sitzungen der FP 25 berichtet haben soll.
Die Verteidiger der angeblichen Terroristen - Romeu Frances, ein Sympathisant der extremen Linken, und der ehemalige sozialistische Justizminister Saaldo Zenha - forderten nun, die schriftlichen
Erklärungen des toten Kronzeugen für nichtig zu erklären. Damit stünde die Anklage in Portugals erstem Terroristenprozeß ohne wirklichen Zeugen da.
Von der portugiesischen Öffentlichkeit wird dieses Verfahren gegen den politisch immer noch einflußreichen Ex-Revolutionär als ein Test für die Glaubwürdigkeit der Justiz betrachtet. In dem Prozeß, der bis zu einem Jahr dauern kann und für den extra ein neuer Gerichtssaal - Kosten 570000 Dollar - gebaut wurde, sollen mehr als 500 Zeugen gehört werden und 45 Verteidiger auftreten.
FP 25 werden mindestens zehn Morde, über 100 Bombenattentate und Banküberfälle zugeschrieben. Die Attentate richteten sich gegen Großgrundbesitzer, Unternehmer, Polizisten. Direkter Beteiligung an den Gewalttaten werden die Angeklagten aber nicht beschuldigt.
Seit 1980 bekämpft FP 25 auf mörderische Weise die "korrupte Gesellschaft" in Portugal. Ihre selbsternannten "Gerichte" verfügen über erstaunlich viele Informationen, haben Kenntnisse über saubere und schwarze Bilanzen, über das Privatleben und die Bankkonten mancher Unternehmer.
Im Januar flogen drei Granaten gegen Nato-Schiffe im Hafen von Lissabon, im Februar sprengte die Bewegung 18 Autos, die zur deutschen Flugbasis in Beja, Südportugal, gehörten. Zweimal explodierten Bomben vor der amerikanischen Botschaft in Lissabon. In Flugblättern rechtfertigten die FP-25-Terroristen ihre Taten: "Wir bekämpfen Imperialismus und Kapitalismus und wollen Portugal aus dem Machtbereich der Nato befreien."
Beinahe ungehindert konnten sie zuschlagen. Denn Portugals Polizei ist für den Kampf gegen subversive Gruppen nicht gerüstet. Die Sicherheitskräfte fordern einen Geheimdienst, doch die Politiker lehnten bislang ab - aus Furcht, mit der vor elf Jahren gestürzten Diktatur verglichen zu werden. "Nie mehr eine politische Polizei", hatten sie nach Caetanos Sturz geschworen und die berüchtigte "Pide", die politische Sicherheitspolizei der Diktatur, abgeschafft.
"Terroristen aus aller Welt, herzlich willkommen in Portugal", höhnte "O Diabo", die Zeitung der Diktatur-Nostalgiker.
Da schritten Regierung und Polizei vergangenen Juni zur Tat: Nach Razzien verhafteten sie 42 des Terrorismus Verdächtige, darunter Otelo de Carvalho, weil in seiner Wohnung 200 Seiten Aufzeichnungen gefunden wurden, in denen es um "Geldbeschaffung" gehe: Durch Banküberfälle der FP 25, vermutet die Staatsanwaltschaft, sei die legale, um Carvalho 1980 gegründete linksradikale Organisation Forca da Unidade Popular (Fup), "Volkseinheitskraft", finanziert worden. Fup ist für die Ermittler nur ein Deckmantel für die FP-25-Terroristen.
"Niemals habe ich eine terroristische Vereinigung gegründet, gefördert, noch werde ich je der Führer einer solchen Gruppe sein, wenn auch die Ideologie der FP 25 meinen eigenen Überzeugungen nahekommt", so widersprach Carvalho bei einem Fernsehinterview, das heimlich im Gefängnis aufgenommen worden war, der Anklage.
Der Revolutionsführer sitzt ausgerechnet in der berüchtigten Festung Caxias in Einzelhaft, aus der er nach dem geglückten Putsch 1974 über 100 politische Häftlinge der Diktatur befreit hatte - Demokraten, von denen heute viele in Amt und Würden sind.

DER SPIEGEL 34/1985
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