21.10.1985

BANKENBesonders pingelig

Eine kommunistische Splitterpartei hat Probleme besonderer Art - keine Bank will ihr Geld. *
Stefan Engel ist kein Freund des Kreditgewerbes. Wie es sich für den Vorsitzenden der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD) gehört, attackiert der 31jährige frühere Schlosser "die Spitze des westdeutschen Monopolkapitals", wo er kann - die "Alleinherrschaft der Großbanken" müsse gebrochen werden.
Aber der Gegner kämpft, wie Engel verbittert erkennen muß, nicht mit offenem Visier, sondern "hintenherum". Das Monopolkapital entzieht sich der politischen Debatte und setzt schlicht seine Macht ein: Die Banken kündigten der maoistischen Splittergruppe aus Essen die Konten. Geld stinkt eben doch.
Seit Wochen müssen die Revolutionäre ohne ordentliche Bankverbindung auskommen. "Mit Blick auf die werbliche Verwendung unseres Namens durch Ihre Partei" hatte die Deutsche Bank der MLPD "mit sofortiger Wirkung" das Konto gestrichen. Es waren die Spendenaufrufe der Marxisten-Leninisten, die den Bankiers mißfielen: "Konto 210333102 bei der Deutschen Bank, Essen", stand da im Parteiorgan "Rote Fahne".
Die Kommunisten hatten zudem ihre umstürzlerischen Schriften mit der Kontonummer bei wichtigen Kunden der Deutschen Bank, etwa dem Chemiekonzern Bayer in Leverkusen, gestreut. "Da reagieren wir besonders pingelig", sagt Kundenbetreuer Wolfgang Alfuth von der Essener Bank-Filiale.
Den Rausschmiß bei der Deutschen Bank parierten die Kommunisten wie gute Kapitalisten: Sie gingen zur Konkurrenz, und zwar zu einem bekannt arbeiterfreundlichen Institut, der Bank für Gemeinwirtschaft des Deutschen
Gewerkschaftsbundes. Deren Essener Niederlassung teilte ihnen am 30. September die Kontonummer 1024803900 zu.
Schon nach drei Tagen hatten die Gewerkschaftbankiers neue Weisung aus der Frankfurter Zentrale. Sie baten den Kunden, "von der genannten Kontonummer keinen Gebrauch zu machen".
Dresdner Bank und Commerzbank wollten mit der Partei ebenfalls nichts zu tun haben. Bei den Stadtsparkassen ist die MLPD schon unten durch, seit die Stadt Gelsenkirchen im Frühjahr die dortigen Parteikonten wegen ausstehender Forderungen aus dem letzten Kommunalwahlkampf konfiszierte.
Ohne ein anständiges Bankkonto, so stellt sich nun für den Parteivorsitzenden Engel heraus, ist die ohnehin zähe Kleinarbeit beim Aufbau des Sozialismus über die Maßen erschwert. Jeden Monat müssen mehr als 30 Gehälter für festangestellte Parteikader überwiesen werden.
"Sollen wir nun die Lohntüte wiedereinführen?" fragt sich der Vorsitzende. Und wie soll die Partei die fälligen Beiträge an die Sozialversicherungen überweisen?
Hunderttausende von Mark gibt die MLPD allein für Papier aus. Ohne Banckonto, klagt Engel, könnten nicht einmal gewöhnliche Rechnungen beglichen werden. "Wir sind aufgeschmissen", sagt der Vorsitzende. Die Geschäftspartner würden schon mißtrauisch.
Nur mit den Spenden läuft alles noch ordentlich. Die rund 2000 Marxisten-Leninisten unterstützen ihre Partei nun per Postanweisung. Auch die Deutsche Bank nutzte den Service der Post. Weil die MLPD partout nicht ihr Restguthaben (3283,88 Mark) von dem blockierten Konto abheben wollte, ließen die Bankiers das Geld per Briefträger zustellen.

DER SPIEGEL 43/1985
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