24.06.1985

„Eigentlich müßte ich euch umbringen“

Juwelenraub in Baden-Baden: Die Anklage gegen den FDP-Politiker Hans-Otto Scholl *
Der Kunde, der sich im Juweliergeschäft Koch in den Baden-Badener Kurhaus-Kolonnaden wiederholt Broschen und Brillanten vorlegen ließ, gab sich als "Dr. Zimmermann" aus, wohnhaft in Bad Soden im Taunus, Drei-Linden-Straße 53.
Am 21. Dezember und an Heiligabend 1984, es war der vierte und fünfte Besuch des Kunden, wurden die Kaufverhandlungen konkreter. Der Schmuckliebhaber begutachtete eine Damenarmbanduhr des Fabrikats "Patek Philippe" und bat um Besorgung "eines Schmuckstücks in Blau". Dabei dürfe es sich um ein Collier, ein Armband oder auch um einen Ring handeln. Zwischen Weihnachten und Neujahr, versprach "Dr. Zimmermann", werde er wieder vorbeikommen.
Der Kunde hielt Wort. Am 28. Dezember, gegen 15.30 Uhr, betrat er erneut den Juwelenladen Koch. Dirk Greiling, 22, der allein anwesende Sohn des Firmeninhabers, bediente einen höflichen Mann mit "ziemlich großen Ohren" und einer "silbernen Brille", bekleidet mit "dunkelblauem Mantel", "dunklem Anzug", einem "weißen Schal" und "weißen Handschuhen" - eine "sehr, sehr ordentliche Erscheinung".
Zunächst, so Greiling, habe der Kunde nach einem Rubincollier, einem Rubinarmband und "einem Ring für meine Frau" gefragt. Dann plötzlich schrie der Kunde: "Überfall, Hände hoch!"
Greiling spürte einen "harten Gegenstand in der Hüfte", der bewaffnete Kunde zwang ihn, sich im Tresorraum auf den Boden zu legen.
In diesem Augenblick kam Corinna Monnecke, 19, Greilings Freundin, in das Juweliergeschäft. Mit Schnur, Paketklebeband und dem herausgerissenen Telephonkabel mußte sie ihren Freund an Händen und Füßen fesseln. Dann band ihr der gewalttätige Kunde selber Hände und Füße zusammen.
Aus Tresor, Verkaufsraum und Schaufenster raffte "Dr. Zimmermann" Schmuck und Edelsteine zusammen, griff sich 1980 Mark aus der Ladenkasse und packte Juwelen und Bargeld in eine dunkle Lederaktentasche.
Dann wurde der unheimliche Gast rabiat: "Eigentlich müßte ich euch umbringen", schrie er, "aber wenn ihr euch zehn Minuten ruhig verhaltet, passiert euch nichts. Andernfalls steht draußen mein Komplize, der euch umbringt!"
Der Räuber hielt Freundin Corinna einen Revolver "an die Nase, unter das Auge", schlug beiden, vermutlich mit dem Revolvergriff, je einmal auf den Hinterkopf und brachte ihnen blutende Platzwunden am Schädel bei.
Greiling: "Dann fiel ein Schuß, sehr laut." Das Geschoß drang in die holzverschalte Wand. Der Gangster flüchtete mit dem geraubten Schmuck - mit Armbändern, Broschen, Colliers, Edelsteinen, Manschettenknöpfen, Ohrgehängen und Ringen, Uhr und Uhrkette im Verkaufswert von 2639000 Mark.
Der Juwelenräuber, davon ist die Staatsanwaltschaft Baden-Baden überzeugt, war der ehemalige rheinland-pfälzische FDP-Landesvorsitzende Hans-Otto Scholl, der langjährige Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie.
Der FDP-Politiker fuhr am 28. Dezember mit Ehefrau, Schwiegermutter und Tochter im Mercedes 280 (LU-UK 200) von seinem Wohnort Ludwigshafen nach Baden-Baden. Er ließ sich in der Nähe der Kolonnadengeschäfte beim Kurhaus absetzen und verabredete mit der Familie, sich 20 Minuten später wieder zu treffen.
Aus den 20 Minuten wurde eine knappe Stunde. Denn Scholl hatte, nach Ansicht der Ermittler, viel zu tun: Um 15.47 Uhr löste Juwelierssohn Dirk Greiling die Alarmanlage aus, gegen 15.50 Uhr kaufte Scholl, 265 Meter vom Tatort entfernt, in einer Boutique ein altrosafarbenes Lederkostüm (Preis: 1527 Mark). An der Kasse erklärte er, er müsse erst seine Scheckkarte aus dem Auto holen.
Die Aktentasche mit dem geraubten Schmuck, so die Darstellung der Ankläger, ließ Scholl in der Boutique stehen.
Er ging 52 Meter weiter und besorgte sich in einem Ladengeschäft einen neuen Mantel und eine Lederweste (Gesamtpreis: 3529 Mark). Seinen alten graublauen Trenchcoat ließ er einpacken, den neuen Tuchmantel zog er an.
Gegen 16.15 Uhr war Scholl in der Boutique zurück, bekam nach Vorlage der Scheckkarte die Ware, nahm seine Aktentasche und kehrte 16.24 Uhr zur Familie zurück.
Minuten später geriet Scholl in eine Ringfahndung der Baden-Badener Polizei. Bei der Ausweiskontrolle gab er sich als Abgeordneter des rheinland-pfälzischen Landtags aus, dem er schon seit anderthalb Jahren nicht mehr angehörte. Der Freidemokrat durfte weiterfahren.
Während die Familie mit dem Wagen nach Ludwigshafen zurückreiste, mietete sich Scholl in "Brenner''s Park-Hotel" ein. Die Aktentasche mit der Millionenbeute gab er am Empfang ab.
Am Abend besuchte Scholl die Spielbank, verlangte am nächsten Morgen an der Portiersloge seine Tasche zurück und fuhr mit Taxi und Zug nach Hause.
Am 29. Dezember ließ sich Scholl in einem Mannheimer Haarstudio die Haare stutzen und mittelblond einfärben. Die veränderte Haartracht verwirrte später bei der Gegenüberstellung auch die beiden Überfallopfer.
Die Friseuse entdeckte bei Scholl "oberhalb der Stirn" eine "kleine, frisch aussehende Schnittwunde, wie wenn man sich beim Rasieren schneidet". Auf den mahnenden Ratschlag der Dame, sich künftig doch nicht mehr selber die Haare abzurasieren, erklärte Scholl, er habe eine Verabredung mit amerikanischen Geschäftsfreunden und müsse sich durch Kurzhaarschnitt anpassen.
Auch in den folgenden Tagen entwickelte Scholl eine hektische Betriebsamkeit. Zusammen mit seiner Freundin Rita Zimmermann reiste Scholl am 30. Dezember nach Zürich, stieg dort im
Hotel "Baur au Lac" ab. Am 3. Januar mietete er beim Schweizerischen Bankverein am Paradeplatz das Safe Nr. 6164, verstaute Akten und einen in Baden-Baden geraubten Herrenbrillantring von 6,825 Karat Wesselton/Top Crystal (Wert: 150000 Mark).
Bei einem Zürcher Diamantenhändler legte Scholl, wie die Ermittler herausfanden, am 4. Januar einen Smaragd 3,59 Karat (Wert: 25000 Mark) vor, gleichfalls ein Beutestück aus Baden-Baden. Den Edelstein behielt der Händler, den steinlosen Ring deponierte Scholl im Banksafe.
Tags darauf wurde Scholl, ohne Begleitung, am Grenzübergang Basel gesehen. Als er am Abend des 5. Januar in Ludwigshafen-Oggersheim vorfuhr, wurde er von Polizeibeamten festgenommen. Scholls erste Reaktion: "Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie müssen wohl total verrückt sein."
Scholl bestreitet die Tat bis heute. Was die Ermittler an belastenden Indizien zusammentrugen, sind für den FDP-Politiker, der seit 6. Januar in Einzelhaft sitzt, lauter "Unsinnigkeiten". Zwar bestätigte er, am Tatort Baden-Baden eingekauft und gewohnt zu haben, doch "weder mit dem Juwelenraub noch mit der dabei angewandten Gewalt" habe er irgend etwas zu tun.
Scholl deutet über seinen Ludwigshafener Anwalt Rüdiger Weidhaas an, das Opfer "ausgebuffter Ganoven" geworden zu sein, die seinen "guten Ruf als Schmuckwaren-Verkäufer genau kannten und für ihre dubiosen Zwecke raffiniert ausnutzten". Der brutale Überfall sei ihm "mit Hilfe eines Doppelgängers" angelastet worden.
Auch Erpressung, so der Anwalt, könne nicht ausgeschlossen werden. Als Nachbar von Bundeskanzler Helmut Kohl, dessen Bungalow an Scholls Ludwigshafener Grundstück grenzt, sei Scholl vielleicht "in die Fänge von Geheimdienstlern" geraten.
Die Staatsanwaltschaft hingegen hat in ihrer Anklageschrift etliche Details aufgelistet, die Scholls Täterschaft beweisen sollen. Die Opfer aus dem Juwelenladen haben ihn "sicher identifiziert", der Deckname "Dr. Zimmermann" ist identisch mit dem Namen seiner Freundin. Rita Zimmermann gab den Hinweis auf das Banksafe, in dem die beiden Ringe aus der Beute gefunden wurden. Die Schlüssel zum Safe stöberte die Kripo in Scholls Haftzelle auf.
Der Freidemokrat besaß seit Jahren einen Revolver vom Fabrikat Smith & Wesson. Aus einer solchen Waffe war der Schuß im Juweliergeschäft zweifelsfrei abgegeben worden. In seiner Ludwigshafener Wohnung fand die Polizei Munition, die "wenig gebräuchlichen Patronen eines Scharfrandgeschosses vom Kaliber 38 special Wad Cutter der finnischen Marke Lapua", und entsprechende Hülsen. Am Tatort lag eine Patrone "mit den gleichen Herstellungsmerkmalen".
Die Millionenbeute wurde, bis auf die Ringe, noch nicht gefunden. Doch die Staatsanwaltschaft ist sicher, daß Scholls "erdrückende Schuldenlast" den "Anstoß zu dem Verbrechen" gegeben hat. Scholl hatte 1980, weil er mit dem Vermögen des Pharmaverbandes zu eigenmächtig umgegangen war, seinen hochdotierten Job als Manager verloren. Er mußte sich im arbeitsgerichtlichen Vergleich verpflichten, 1631655,93 Mark nebst Zinsen innerhalb von einem Jahr zurückzuzahlen.
Zur Tilgung der Restschuld, die er verspätet beglich, mußte Scholl Banckredite aufnehmen, Freunde und Verwandte anpumpen und Brillanten gegen Bargeld versetzen. Der Baden-Badener Leitende Oberstaatsanwalt Reiner Haehling von Lanzenauer: "Immer wieder geht es in der Korrespondenz um Verzug, Mahnung, Tilgungsstreckung, Sicherheiten oder Umschuldung von einem Kreditinstitut zum nächsten."
Zum Zeitpunkt des Raubüberfalles stand Scholls Einkommen, so die Ankläger, "gegenüber den Bankschulden in Millionenhöhe in ungünstigem Verhältnis".
Der Liberale lebte aufwendig, unterhielt zwei Villen und zwei Frauen, fuhr teure Autos und tafelte in feinsten Restaurants. Dafür reichten auch drei Einnahmequellen nicht: monatlich 15000 Mark Beraterhonorar und Bürokostenzuschuß der Deutschen Lufthansa, 5696 Mark Pension vom Pharmaverband und 5400 Mark Übergangsgeld für ausgeschiedene Landtagsabgeordnete.
Die Dienstfahrt nach Baden-Baden, die für den FDP-Politiker im Gefängnis endete, kostete ihn jedoch nichts. Die Auslagen - Tagegeld, Kilometerpauschale und Übernachtungskosten - rechnete Scholl als Reisespesen mit der Deutschen Lufthansa ab, insgesamt 584,70 Mark. _(Rechts: Bungalow des Bundeskanzlers ) _(Kohl. )
Rechts: Bungalow des Bundeskanzlers Kohl.

DER SPIEGEL 26/1985
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