22.07.1985

BERGEN-BELSENSchande genug

Der Name Anne Frank stößt dort, wo die Fünfzehnjährige umgekommen ist, auf „Zorn und Widerstand“ - Schwierigkeiten einer deutschen Kleinstadt, mit der Vergangenheit fertig zu werden. *
Diese Stimme", schrieb ein Biograph über das Tagebuch der Anne Frank, "überdauerte das Geschrei der Mörder."
Doch dort, wo die Fünfzehnjährige umkam, in der Heidjergegend zwischen Aller und Hermann-Löns-Denkmal, halten sich die Leute fest die Ohren zu. "Die Mehrheit", sagt ein FDP-Ratsherr im Heideort Bergen, "will nicht Tag für Tag mit dem Thema konfrontiert werden."
Dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Wilhelm Hohls ist klar, daß "die Unverbesserlichen das Geschehen in Bergen bestimmen möchten". Er muß es wissen. Denn Hohls beantragte für seine Partei die Umbenennung der Belsener Straße in "Anne-Frank-Straße" - zur Erinnerung an das jüdische Mädchen aus Amsterdam, das im März 1945 im benachbarten Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus, Entkräftung und wohl auch an Trauer gestorben war.
Die Bürger von Bergen aber, ein überwiegend konservativer Schlag, über den Anne-Frank-Biograph Ernst Schnabel ("Spur eines Kindes") schon vor drei Jahrzehnten hörte, er werde da "auf eine Mauer" stoßen, mauern auch heute noch. "Ich habe mich sogar fragen lassen müssen", erzählt Bundesverdienstkreuz-Träger Hohls bitter, "ob es Anne Frank überhaupt gegeben hat."
Überraschen konnte es die Sozialdemokraten nicht, daß etwa eine Leserbriefschreiberin im "Bergener Stadt-Anzeiger" sich "bestens" bei ihnen "bedankte", mit einem "Kainsmal gebrandmarkt" zu werden. Denn daß es "Schande genug" sei, den Namen der Stadt "auf ewig" mit dem KZ belastet zu sehen, wie besagter FDP-Ratsherr grollte, bekamen sie schon öfter zu hören.
1961 hatten die Sozialdemokraten den Namen Anne Frank für eine Grundschule mit ins Gespräch gebracht. Die wurde dann aber auf den "verdienten Vertreter der deutschen Minderheit in Polen" Eugen Naumann getauft. 1982 sollte eine Sonderschule nach dem von den Nazis verschleppten Mädchen benannt werden. Die CDU aber war für Hermann Löns. Man einigte sich auf "Käthe-Kollwitz-Schule".
Ihren Versuch zur Benennung einer Straße, "um das Gedächtnis wachzuhalten", unternahm die SPD-Fraktion am 8. Mai, kurz nach dem Reagan-Besuch am KZ-Mahnmal. Aber Bergen, so drückte es ein Schulrektor aus, "will kein Symbol sein". Man fühlte sich, so eine ältere Dame, sowieso "ohnmächtig", als mit Kriegsjubiläum und Reagan-Besuch ihre Stadt wieder mal als Symbol für Nazi-Greuel "herhalten" mußte - "ob wir das wollten, hat keiner gefragt".
Einige schoben in einer nur mäßig besuchten öffentlichen Aussprache, zu der Hohls "alle Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt" eingeladen hatte, erst einmal allerlei Ausreden vor. Ein paar Frauen beharrten darauf, daß "wir unsere Belsener Straße behalten wollen", weil die seit Jahrhunderten so heiße. Ein anderer stänkerte, warum sich die SPD nicht lieber um den "Iran kümmert". Auch vom "gesunden Unbehagen" gegen politische Straßen-Umbenennungen war in Bergen die Rede.
Deutlicher wurde schon das Anzeigenblatt "Bergener Stadt-Anzeiger". Die Sozialdemokraten hätten es geschafft, schrieb der Verleger, ein CDU-Ratsherr, "Zorn und Widerstand" unter die Bürger zu bringen. Schließlich seien die Einwohner der Stadt über das Maß
der Kollektivschuld hinaus "schwer belastet" worden, sie hätten eine "überdimensionale Schuldzuweisung" und Schlimmeres "über sich ergehen lassen müssen".
"Unser Volk", las sich das Echo auf eine "Bürgerbefragung" im Stadt-Anzeiger, sei schon mit so viel "Lügen und Schmähungen überschüttet" worden, daß sich jeder hüten solle, die "Sudelei" zu vermehren. Wem der Name Anne Frank so viel bedeute, der möge damit sein Haus zieren, "aber bitte auf eigene Kosten".
Auf Auslandsbesuchen, so erzählten Bergener Bürger, sei man als Mörder beschimpft worden. Die Engländer hätten aus Rache 1945 ja "beinahe" den ganzen Ort abgebrannt. Nach der Befreiung der KZ-Häftlinge, unter denen es "sicher auch Kriminelle, vielleicht auch Feldpostmarder" gegeben habe, sei Bergen evakuiert und zur "Plünderung freigegeben" worden.
Schließlich druckte der Stadt-Anzeiger auch noch "historische Aufsätze" nach Art des "völlig unbelasteten Juristen" Ernst von Briesen, der von 1919 bis 1945 in Bergen als Amtsrichter wirkte. Dieser "Kronzeuge" (Stadt-Anzeiger) hatte höchstpersönlich bei Lager-Besuchen "aus der Entlausungsanstalt (Brausebäder) Lachen und Juchen von Frauenstimmen" gehört: Die Insassen "machten einen durchaus normalen Eindruck, weder gequält noch verängstigt", und "die Kinder spielten" - was Herrn von Briesen veranlaßte, die Wahrheit über das KZ als "Greuelpropaganda" einzustufen.
Ein anderer Kronzeuge des Stadt-Anzeigers, der Hauptmann i. R. Werner Nadolski, nannte die als authentisch geltende Zahl von 50000 Toten im KZ um etwa das Zehnfache zu hoch. Er selbst, so Nadolski, habe schließlich die "Abgangslisten" des Lagerkommandanten gesehen. Offen sei nur, wie viele nach der Übernahme des Lagers durch die Engländer starben, "als diese für die Versorgung der Insassen verantwortlich waren". Auf diese Weise hoffte der Hauptmann i.R., "den Teufelskreis der Lügen, in dem die westliche Welt ihre Seele verloren hat", zu sprengen.
Da war sie, die Bergen-Belsen-Lüge.
Vergangene Woche schien der Stadtrat zu begreifen, daß nicht Anne Frank und das KZ, sondern deren kollektive Verunglimpfung zum Thema von Bergen geworden war. Alle Parteien einigten sich auf einen Kompromiß. Der Verwaltungsausschuß wurde beauftragt, "einen geeigneten Ort in Bergen zu finden, der als Stätte mahnenden Gedenkens den Namen Anne Frank tragen soll".
Aber Bürgermeister Helmut Wegner (CDU) machte gleich wieder deutlich, mit wem er es hält: Die KZ-Insassen hätten Traumatisches erlebt, doch für viele Bürger sei auch die als "ungerechtfertigt empfundene Schuldzuweisung" ein Trauma.

DER SPIEGEL 30/1985
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1985
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BERGEN-BELSEN:
Schande genug

  • Surfvideo aus China: Ritt auf der Gezeitenwelle
  • David Cameron im Interview: "Bereue ich es? Ja!"
  • Klippenspringerin Anna Bader: "Da oben bin ich unantastbar"
  • Buhrufe in Luxemburg: Boris Johnson schwänzt Pressekonferenz