22.07.1985

„Er trieb sich auch dort herum, aber nicht da“

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Hans-Otto Scholl in Baden-Baden *
Diese Hauptverhandlung ist nicht nur bemüht, dem sommerlichen Bedürfnis nach Unterhaltung gerecht zu werden, sie stiftet nicht nur zu Gelächter, Empörung und Zweifeln an. Diese Hauptverhandlung will auch etwas für die Wissenschaft tun, und so beschert sie ihr den "doppelten Sigmund".
Für den Zeugen Dirk Greiling, 22, ist Dr. Hans-Otto Scholl, 52, der Mann, der ihn am frühen Nachmittag des 28. Dezember 1984 im Juweliergeschäft seines Vaters in Baden-Baden überfallen hat.
Der Zeuge Dirk Greiling wird zu dem Überfall befragt. Für ihn ist es selbstverständlich, nicht von einem noch nicht identifizierten "Täter" zu sprechen. Er spricht vom "Angeklagten", von Hans-Otto Scholl also, denn ihn hat er als den Mann identifiziert, der ihn überfiel und der mit Schmuck im Wert von 2,6 Millionen Mark entkam.
Dirk Greiling hat Hans-Otto Scholl bei der Gegenüberstellung im Januar 1985 wiedererkannt, obwohl dieser, so Dirk Greilings Erinnerung, damals seine Stimme verstellte und ungefähr so stand und ging "wie Donald Duck".
Dirk Greilings persönliche Überzeugung ist stark, so stark - daß es plötzlich dem Vorsitzenden Richter Günter Hertweck, 46, unterläuft, auch seinerseits hinsichtlich des Tathergangs vom "Angeklagten" zu sprechen. Und damit ist unverzüglich die fünfte Ablehnung gegen den Vorsitzenden Richter wegen Besorgnis der Befangenheit unumgänglich. Denn für ihn und alle Mitglieder des Gerichts darf es erst in der Urteilsberatung darum gehen, ob die persönliche Überzeugung des Zeugen Dirk Greiling das Gericht überzeugt oder nicht überzeugt, ob der Angeklagte Hans-Otto Scholl tatsächlich der Täter ist.
Diese Ablehnung wird nach fast dreistündiger Beratung verworfen, in einem Ton der Gewißheit - gegen den auch die Dauer der Beratung steht. Der Vorsitzende Richter Hertweck hat sich nicht zum ersten Mal so verhalten, daß Anlaß zur Besorgnis der Befangenheit gegeben sein könnte.
Bevor jedoch die fünfte Ablehnung verworfen wurde, hatte sich die Anklage zu dieser Ablehnung zu erklären. Und da widerfuhr es doch dem Leitenden Oberstaatsanwalt Dr. Reiner Haehling von Lanzenauer, 57, vorzutragen, dem Vorsitzenden sei nur ein "Verbrecher, äh, Versprecher" unterlaufen.
Das Versprechen eines Vorsitzenden, zumindest die wiederholte Fehlleistung eines Vorsitzenden, kann für den verständigsten Angeklagten sehr wohl ein Verbrechen wider die Unschuldsvermutung sein. Ankläger Haehling von Lanzenauer, von der Statur her gewiß kein Mann, der sich Sigmund Freuds Psychoanalyse und seinen Thesen über die Fehlleistung sonderlich verbunden fühlt (bitte, kein Vorwurf), suchte noch zu retten: "Sie sehen, wie leicht''s passiert."
Ach, was soll''s mit leicht ... Diese Hauptverhandlung hat der Wissenschaft den "doppelten Sigmund" beschert, den Versuch, eine Fehlleistung, die nach Sigmund Freud nun einmal dem Unbewußten zu entspringen pflegt, durch eine Fehlleistung zu rechtfertigen, die wiederum dem Unbewußten entspringt.
Im übrigen haben in dieser Hauptverhandlung nicht nur der Vorsitzende Richter und der Anklagevertreter Probleme mit ihrem Unbewußten. Den Journalisten geht es nicht besser. Die Unschuldsvermutung bis zum Urteil ist ein hohes Gut, ihre Bedeutung ist alltäglich auszubringen.
Aber da sitzt nun ein Mann wie Hans-Otto Scholl, ein Mann, der in der Politik eine (nicht unumstrittene, fürwahr, aber immerhin denn doch) erhebliche Rolle spielte; ein Mann, der zufällig neben dem Bundeskanzler wohnt, dem nachbarliche Fürsorge zuteil wurde, als er in persönliche Schwierigkeiten geraten war (in Gestalt eines lukrativen Beratervertrags bei der Lufthansa).
Dieser Mann läßt sich in seiner Hauptverhandlung in Baden-Baden gegen die ungeheuerliche Anklage ein, er habe ein Juweliergeschäft mit dem Revolver in der Hand überfallen und ausgeplündert - und er läßt sich so ein, daß der Journalist in seinem Bedürfnis und seiner Verpflichtung, die Unschuldsvermutung hochzuhalten, in einen Krampf gerät, der ihn zu Fehlleistungen geradezu nötigt.
Man könnte also, den "dreifachen Sigmund" produzierend, so beginnen, die Unschuldsvermutung vor Augen und im Herzen, doch nichtsdestotrotz: Da will doch Hans-Otto Scholl, der Angeklagte, ein promovierter Jurist und zugelassener Rechtsanwalt, ein FDP-Politiker, Nachbar des Bundeskanzlers, tatsächlich am 28. Dezember 1984 in Baden-Baden gewesen sein ...
Scholl-Verteidiger Egon J. Geis, Frankfurt, drückt das so aus: "Er (Hans-Otto Scholl) trieb sich auch dort herum, aber nicht da." Nicht da - soll heißen: nicht im Juweliergeschäft. In dem ist er früher schon, so sagt er, zweimal gewesen. Doch am 28. Dezember 1984 war er nicht dort. Er war nur in Baden-Baden, um ein Gespräch im Zusammenhang mit seinem Lufthansa-Beratervertrag zu führen; ein Gespräch, dessen Gesprächspartner er freilich nicht benennen kann, denn das würde den Ruf seiner Diskretion, seiner Vertrauenswürdigkeit unheilbar schädigen.
Die Rücksicht auf Diskretionszusagen ist ein hohes Gut, das Bestehen darauf, als vertrauenswürdig zu gelten, nahezu eine Tugend - doch können diese Rücksicht und das Bestehen einen nur noch schwer einfühlbaren Rang erreichen.
Hans-Otto Scholl läßt sich in Baden-Baden gegen eine Anklage ein, die tödlich ist, und er könnte sagen, wir wollen ja nicht den "dreifachen Sigmund" produzieren:
Ich habe davon gehört und gelesen, daß Menschen einer Tat beschuldigt wurden, mit der sie nichts, aber auch gar nichts zu tun hatten. Ich habe das gehört und gelesen, es hat mich beeindruckt, aber wenn ich nun, selbst in eine solche Situation geraten, darüber nachdenke, doch nur sehr oberflächlich bewegt. Ich habe mir gesagt, daß das sich gräßlich
anhört - aber ich habe halt doch gemeint, daß so etwas in Wahrheit nicht möglich ist.
Nun stehe ich vor Ihnen, es hat mich getroffen, es ist möglich, was ich in Wahrheit für unmöglich hielt, ich werde einer Tat beschuldigt, mit der ich nichts, aber auch gar nichts zu tun habe. Ich kann Ihnen nur, beschwörend, verzweifelt und am Rande dessen, was ich ertragen kann, sagen, daß es möglich ist, daß einer verdächtig scheint und jenseits aller pflichtgemäßen Unschuldsvermutungen längst überführt - und dennoch unschuldig ist.
So hätte sich der Angeklagte Hans-Otto Scholl einlassen können, und man wäre froh gewesen über diese Einlassung, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wir möchten doch nicht wahrhaben, daß jede, aber auch jede Tollheit menschenmöglich ist - man hätte versucht, eine solche Einlassung zu verstehen. Man hätte sogar hingenommen, wenn Hans-Otto Scholl abschließend gesagt hätte: Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich nun schweige; wenn ich nicht versuche, diese ungeheuerliche Anklage Punkt für Punkt zu widerlegen.
Doch die Einlassung von Hans-Otto Scholl läßt das nicht zu. Es muß davon gesprochen werden, daß seine Einlassung - eine Überforderung war. Er schrie nicht aus der Tiefe eines unfaßlichen Elends auf, als er sich einließ. Er hat wie ein Buchhalter versucht, auf ein belastendes Moment ein entlastendes zu setzen.
Nichts gegen Buchhalter, der SPIEGEL hat hervorragende, und was wäre er ohne sie, die Bücher müssen überall geführt werden. Doch es gibt Augenblicke, dem wird gerade jeder Buchhalter zustimmen, in denen die einzelnen Positionen nichts mehr sind, in denen es nur noch um die Summe geht.
Hans-Otto Scholl hat sich dahingehend eingelassen, es habe da einen gewissen Keßler gegeben, den habe er vertreten und der sitze derzeit ein. Da er einen Keßler, diesen Keßler kannte, habe er sich nichts gedacht, als sich ein weiterer Keßler an ihn wandte, er habe diesen Keßler sozusagen dem ihm bereits bekannten Keßler zugerechnet. Dieser, der zweite Keßler, habe ihm zwei Ringe übergeben. Diese Ringe habe er für diesen zweiten Keßler verkaufen sollen. Der zweite Keßler habe Geld für eine Kaution benötigt.
Diese Ringe will der Rechtsanwalt Hans-Otto Scholl in einen Safe in der Schweiz gelegt haben, bis sich eine Verkaufsmöglichkeit fand. Doch dann entpuppte sich ein gewisser Charles Robert Weber-Perez, ein Mann, mit dem er, Hans-Otto Scholl, seit längerem wegen des Verkaufs eines seiner Häuser und anderer Vermögenswerte verhandelt, als ein übler, allerübelster Charlie: Er drohte Hans-Otto Scholl an, ihn mit den Ringen im Safe in der Schweiz "hochgehen" zu lassen, wenn er ihm nicht gewisse Unterlagen übergebe.
Hans-Otto Scholl will das Opfer einer Verschwörung sein, die er nur andeutet. Doch minuziös schildert er seinen Tag in Baden-Baden am 28. Dezember 1984, einen Tag, an dem er in Baden-Baden war, um in Sachen der Lufthansa mit einem Mann aus Brüssel zu verhandeln. Einkäufe der Familie, Anrufe bei Personen, die er nicht erreichte, darunter, verteidigen Sie mal einen Kollegen Rechtsanwalt, wir sprachen schon darüber, ein nicht notierter Anruf beim Rechtsanwalt Geis, wer hätte gedacht, daß dessen Büro nicht perfekt organisiert ist. Der Buchhalter Scholl wehrt sich gegen eine Anklage - auf die man nur vom Gipfel des Weltgebäudes herab antworten kann, wenn es überhaupt eine Antwort gibt.
Da sitzen nicht nur das Gericht und die Anklage, sondern auch die Journalisten, die freilich möchten nicht den "dreifachen Sigmund" produzieren, und es sprengt ihnen den Hirnkasten und noch ein paar Körperlichkeiten (und Innereien) mehr. Unschuldig Verdächtigte können in einen "Alibiwahn" geraten, können versuchen, statt zu schreien, pingelig dagegenzurechnen. Es hat das gegeben, es gibt das, es wird das geben.
Wenn Hans-Otto Scholl schuldig sein sollte im Sinn der Anklage, der Oberstaatsanwalt Haehling von Lanzenauer ist ein gelassener Mann - und er ist dennoch fassungslos über die Einlassung des Angeklagten. Er "fällt fast vom Stuhl". Wir wollen das so übersetzen, wie wir es verstehen, denn dieser Oberstaatsanwalt ist (in dieser Sache zumindest) kein nach Blut lechzender Verfolger: Niemand möchte einen Menschen in einer Bedrängnis sehen, die ihn zu einer solchen Einlassung bringt.
Die Keßler-Brothers, der Herr namens Charles Robert Weber-Perez; die Finanzverhältnisse von Hans-Otto Scholl, geordnet und keineswegs ruiniert, wie die Anklage vorbringt (doch dem Gericht gehören außer einer Berufsrichterin und zwei Berufsrichtern eine Schöffin und ein Schöffe an, der Bankdirektor ist und der wohl über Soll und Haben etwas wissen dürfte) - doch Hans-Otto Scholl wird ein Übermaß der Anstrengung zuteil, die darauf hofft, daß nicht sein kann, was nicht sein darf.
Die Bürger der Bundesrepublik möchten nicht für möglich halten, daß ein Politiker sich mit der Kanone zu sanieren versucht. Daran, daß diese Damen und Herren andere Wege haben (die Entdeckung und Beschreibung dieser Wege nennt der amtierende Bundeskanzler "Kloakenjournalismus"), hat dieses Land (dieses, unser) ohnehin schwer genug zu tragen.
Der Zeuge Dirk Greiling wird gehört vom Gericht, von der Anklage und dem Anwalt, der seine Nebenklage vertritt, dem Rechtsanwalt Dr. Jörg-Erik Ammann, Bad Homburg. Und dann ist die Verteidigung an der Reihe, sie beginnt mit dem Rechtsanwalt Egon J. Geis. In seinem Roman "Die Iden des März" sagt Thornton Wilder in einem seiner erfundenen Dokumente, daß jeder Mensch sein ganzes Leben lang ein bestimmtes Alter hat. Cäsar etwa sei während aller seiner Lebensjahre ein Oberlehrer von 57 gewesen. Vom Rechtsanwalt Geis mag behauptet werden, er sei durchweg ein Filou von - nun, sagen wir 27 Jahren. Doch er ist ein erfahrener, bewährter Strafverteidiger. Er tut, was die Kunst einem Anwalt befiehlt, der dem Rechnung zu tragen hat, daß sich sein Mandant auch ihm gegenüber für völlig unschuldig erklärt.
Der Strafverteidiger Geis befragt den Zeugen und Nebenkläger Dirk Greiling, und er ist Mephisto in Vollendung. Er _(Mit Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Dr. ) _(Ammann (M.). )
möchte mit dem Zeugen etwas "erarbeiten", das Material nämlich, aus dem seine Aussagen fixiert worden sind. Er will den Zeugen "explorieren" und erklärt ihm, daß das ein Begriff "aus dem ärztlichen Bereich" ist. Verteidiger Geis macht fürchten und ist zugleich auf eine Weise freundlich, die das Gefühl auslöst, er könne jederzeit des trocknen Tones satt sein und "Ihr Mann ist tot und läßt Sie grüßen" sagen. Der Verteidiger Geis beherrscht die Technik der - zulässigen! - Einschüchterung und Ermutigung perfekt.
Er ist ein Zauberer, der über seinem Zylinder und um ihn herum agiert, man sieht und hört fasziniert zu, der Zauberer wird ein Kaninchen, eine Taube, eine Wolke von Tauben, einen Elefanten, nein, eine Herde von Elefanten aus seinem Zylinder holen - doch Stunde um Stunde vergeht. Und zuletzt ist da nur ein Zauberer, ein Zylinder - und nichts ist passiert. Kein Kaninchen, keine Tauben und schon gar kein Elefant.
Da gibt es Ungereimtheiten, Widersprüche, Aussagedefekte in Kleinigkeiten, doch wirklich nur in Kleinigkeiten. Die Polizei, die es in der Hand hätte, Zeugenschutz zu betreiben, protokolliert zugespitzt. Sie hat den Zeugen eine Aussage unterschreiben lassen, deren Schwächen, deren Ausrichtung auf eine lückenlose Anklage ihm nicht bewußt werden konnten. Der Zeuge Dirk Greiling, als er sagt, daß man einen Menschen wiedererkennt, der einen überfallen hat, der dicht daran schien, einen zu töten - er findet Verständnis und Zustimmung ungeachtet von Kleinigkeiten, die sich nicht recht reimen. Seine persönliche Überzeugung ist wahrhaftig, was seine Person angeht.
Der Zeuge Dirk Greiling wird vereidigt, obwohl er Geschädigter, obwohl er Nebenkläger ist, unmittelbar nach seiner Aussage und nicht erst am Ende der Beweisaufnahme. Das Gericht ist von seiner persönlichen Überzeugung überzeugt, gleichgültig ob es sich von dieser zuletzt, im Urteil, überzeugt erklärt. Die Verteidigung beantragt daraufhin eine Pause, verzichtet dann aber gescheiterweise darauf, eine weitere Ablehnung vorzubringen. Sie verzichtet darauf, aus der Vereidigung eine Zäsur zu machen - sie nimmt sie als das hin, was sie ist: als die Überzeugung des Gerichts, daß der Zeuge Dirk Greiling überzeugt seine Überzeugung bekundet hat.
Es ist unumgänglich, daß das Gericht diesen Zeugen vereidigt. Es hat eine Befragung des Zeugen zugelassen, in der die Verteidigung ohne die geringste Einschränkung fragen durfte - gelegentlich über die Grenze hinaus, die von der Fürsorge befohlen wird, die ein Gericht dem Zeugen schuldet. Dem Zeugen Dirk Greiling folgt seine Freundin Corinna Monecke, 20. Sie kam am 28. Dezember 1984 in den Überfall hinein in das Juweliergeschäft, in dem ihr Freund Dirk seinen Vater vertrat. In dieser Woche wird die Verteidigung die Zeugin befragen. Sie wird wohl zurückhaltender vorgehen als in der Befragung des Zeugen Dirk Greiling.
Der war vorsichtig, sagte "soweit ich mich erinnere", schränkte ein, daß er etwas nicht mehr genau sagen könne, und ließ mitunter auf seine Antwort warten. Die Zeugin Corinna Monecke ist schnell und impulsiv. Die beiden Tatzeugen sind, so unterschiedlich, wie sie aussagen, eine beklemmende, eindrucksvolle Mischung - denn sie beide sind sich in einem Punkt einig: Sie haben nicht den geringsten Zweifel daran, daß Hans-Otto Scholl, der Angeklagte, der Mann ist, von dem sie am 28. Dezember 1984 überwältigt wurden. Falls Hans-Otto Scholl denn doch der Täter sein sollte, ach ja, der "dreifache Sigmund", nein, es soll nicht sein, die Unschuldsvermutung ist unser höchstes Gut: Was mag ihn bestimmen? Der Gedanke, daß es für seine Familie besser ist, wenn er als ein hartnäckig bestreitender Angeklagter verurteilt wird, als ein Mann, über dessen zweifelhafte, umstrittene Verurteilung später Serien erscheinen, als ein auf ewig zweifelhafter Fall?
Diese Hauptverhandlung bemüht sich, dem sommerlichen Bedürfnis nach Unterhaltung gerecht zu werden, und sie bemüht sich auch, etwas für die Wissenschaft zu tun. Aber genaugenommen - hat sie einen bösartigen, gemeingefährlichen Charakter. Denn sie drängt auch die Überlegung auf, wie es denn um einen Hans-Otto Scholl stünde, der sich zu dem bekennt, was ihm die Anklage vorwirft.
Die Gesellschaft, diese Gesellschaft - sie nimmt eher einen Menschen hin, der wider alle Vernunft bestreitet. Ein Hans-Otto Scholl, der sagen würde, "Ja, ich war es": Er würde den Psychiatern überantwortet werden, und Ekel würde sich um ihn ausbreiten. Man würde von Schwäche sprechen, von Selbstmitleid und dem Versuch, sich mildere Bestrafung einzuhandeln, über nichts als miese, ehrlose Motive für das Bekenntnis.
Diese Gesellschaft, die Gesellschaft, die von "der Wende" schwätzt, würde einer tatsächlichen Einkehr und Umkehr fassungslos und empört gegenüberstehen. Tatsächliche Reue - auf sie gibt es kein Reaktionsmodell. Der Himmel erspare sie uns. Wir wollen "die Stirn", die steht, die sich von "Kloakenjournalismus" nicht irritieren läßt: Daß einer sich bekennt und umkehrt, wendet - Gott bewahre.
Wenn Hans-Otto Scholl schuldig sein sollte, wohin dann mit diesem Elend: Vielleicht ist es sogar gescheit, wenn er bestreitet, ein letztes, einziges Mal gescheit. Denn es gilt die Unschuldsvermutung, wir haben nur mitgeteilt, wie er sich eingelassen hat. Allerdings - sollte er schuldig sein, so hat er nur eine Chance, zu sich selbst zu kommen und dazu, Menschen zu gewinnen, die an seiner Seite stehen werden, uns eingeschlossen, unverlierbar und wirklich an seiner Seite, wenn er "die Wende" wagt, wenn er umkehrt in einer Situation, die menschenmöglich ist, solange der Mensch es wagt, sich zu ihr zu bekennen.
Hans-Otto Scholl besteht darauf, unschuldig zu sein, obwohl er mißdeutbare Fehler gemacht habe. Und so legt man den "dreifachen Sigmund" aufs Parkett, wie es die Unschuldsvermutung befiehlt. Zu unseren Freiheiten gehört auch die Freiheit, sich endgültig zu verfehlen. Hans-Otto Scholl wird nach allen Regeln der Kunst verteidigt. Zu diesen Regeln gehört auch die, daß es ein letzter Dienst sein kann, einem Menschen beizustehen, der sich allem zum Trotz dazu entschlossen hat, auf seiner Unschuld zu bestehen.
Mit Nebenklagevertreter Rechtsanwalt Dr. Ammann (M.).
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 30/1985
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