21.10.1985

RUMÄNIENGegen Bakschisch

Wer ausreisen will, muß zahlen. Einer Rumänin, die einen Deutschen heiraten möchte, hilft auch kein Kopfgeld: Ihr Vater würde seinen Posten als Bürgermeister verlieren. *
Manuela Ancuta Circo, 22, darf ihr Elternhaus im rumänischen Deva seit Monaten nicht mehr allein verlassen.
Sie flog von der Fachhochschule in Timisoara, ihr Vater hat sie mit Hilfe eines Amtsarztes für unzurechnungsfähig erklären lassen und droht, sie in eine Nervenheilanstalt einzuweisen. Im April _(Vor der rumänischen Botschaft in Bonn. )
fuhr ein Unbekannter die junge Frau absichtlich mit dem Auto an, dabei brach sie sich die linke Hand.
Der Grund für den Terror: Die Rumänin hat sich in einen deutschstämmigen Landsmann verliebt, der inzwischen in der Bundesrepublik lebt, will ihn heiraten und deshalb das Land verlassen.
Doch das würde ihren Vater den Job kosten. Denn der ist Bürgermeister in Deva, einer Stadt von rund 100 000 Einwohnern, und nach den ungeschriebenen Regeln des rumänischen Sozialismus würde der ehemalige Arbeiter diesen Posten verlieren, wenn seine Tochter einen westlichen Ausländer ehelicht.
Weil der deutschstämmige Schwiegersohn Vater Circo offenbar nicht genehm war, hatte der Bürgermeister schon früher alles daran gesetzt, das Paar auseinanderzubringen. Manuelas Freund, Tiberius Bojinca, 23, gleichfalls aus Deva und Veterinärtechniker von Beruf, verlor ohne ersichtlichen Grund seinen Job und durfte nur noch als Hilfsarbeiter beschäftigt werden.
Als auch Drohungen die Liebschaft nicht beendeten, wurde der Rumänien-Deutsche nachts auf der Straße überfallen und mit einem Knüppel niedergeschlagen. Eine polizeiliche Fahndung nach dem Täter ergab nur, es habe sich um einen persönlichen Racheakt gehandelt.
Nachdem er im Rahmen der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik ausgereist war, stellte Bojinca bei den Bukarester Behörden den Antrag auf Heiratserlaubnis. Die lehnten prompt ab; weitere Nachfragen seien zwecklos, bekam Manuela Circo zu hören, sie dürfe das Land nicht verlassen.
Die Weichen für die amtliche Ablehnung hatte Rumäniens Parteichef Nicolae Ceausescu persönlich gestellt. In Ermangelung besserer Argumente beschwor der KP-Chef schon im Jahr 1976 das balkanische Mittelalter: _____" Da wir in humaner Gesinnung und im Geist des " _____" revolutionären Humanismus handeln, sind wir auch " _____" verpflichtet, die Meinung und die Zustimmung der Familien " _____" und Verwandten zu berücksichtigen, die in Übereinstimmung " _____" mit den traditionellen Gewohnheiten ein Mitspracherecht " _____" bei den Familiengründungen der jungen Leute haben. "
Im Klartext: Über die Frage, ob sich die - fast ausschließlich volljährigen - Heiratskandidaten aus Rumänien einen ausländischen Partner auserwählen dürfen oder nicht, sollen die Eltern, möglichst die ganze Sippe entscheiden.
Damit ist dem deutsch-rumänischen Paar die Heirat gleich doppelt verbaut: von dem um seinen Posten bangenden Brautvater und von der ausländerfeindlichen Partei. Bei einer seiner Nachfragen in der rumänischen Botschaft in Bonn wurde Tiberius Bojinca beschieden, seine Braut müsse schon deshalb in Rumänien bleiben, damit sie ihre Eltern im Alter versorgen könne.
Das Hero-und-Leander-Schicksal ist in dem sozialistischen Balkanstaat keine Ausnahme: Fast tausend Gesuche um Heirat mit einem Partner in der Bundesrepublik liegen den rumänischen Behörden nach deutschen Angaben vor.
Das Regime in Bukarest hat die Behandlung von Heiratsanträgen seiner Staatsbürger mit Ausländern in den letzten Jahren ständig verschärft.
Auch die Unterzeichnung der Schlußakte der KSZE durch Ceausescu brachte keine Wende. In den Artikel über die "Zusammenarbeit in humanitären und anderen Bereichen" wurde ausdrücklich ein Passus aufgenommen, nach dem Eheschließungen zweier Bürger verschiedener Staaten "wohlwollend und
auf der Grundlage humanitärer Überlegungen" zu regeln sind.
Doch das einzige, was in Härtefällen half, die Behörden in Bukarest milde zu stimmen, waren - nach alter Balkanart - Druck und Bakschisch. Mehrmals haben Staatsbesucher aus der Bundesrepublik den Rumänen Listen von Heiratswilligen vorgelegt und um positive Regelung gebeten, bevor über bessere Handelsbeziehungen gesprochen werden könne.
Ende 1982 gab der rumänische Staatsrat ein Dekret heraus: Bürger, die das Land verlassen wollen, müssen zuvor ihre Schulden begleichen - vor allem die gegenüber dem Staat. In die Berechnung des Kopfgeldes, so zeigte die Praxis, gingen sogar die staatlichen Ausgaben für Schulbildung ein - mit einem Satz von 3000 Dollar für jedes Jahr Studium an einer rumänischen Hochschule.
Für einen Urlaub im staatlich geführten Hotel wurde Ausreisewilligen nachträglich der höhere Tarif für Ausländer berechnet - zahlbar in Devisen.
Nach einer Bonner Demarche erklärte sich die Bukarester Führung zwar bereit, bei der Familienzusammenführung von Rumänien-Deutschen auf das staatliche Kopfgeld zu verzichten. Statt dessen reisten nun angebliche Privatpersonen aus Rumänien bei deutschen Familienangehörigen an und versprachen, gegen Bezahlung "einer hohen Summe" das langwierige Verfahren bis zur Ausreisegenehmigung abkürzen zu können. In Hermannstadt, im deutschsprachigen Rumänien, richtete sich sogar eine halboffizielle "Inkasso-Stelle" für die Bearbeitung von Ausreisen gegen Schmiergeld ein.
In den meisten Fällen hilft''s. Wer bis zu 10 000 Mark für einen Erwachsenen, 6000 Mark für einen Rentner und 4000 Mark für ein Kind ausgibt, kann in der Regel mit baldiger Aussiedlung der Gekauften rechnen. Wer zuwenig Bargeld hat, darf in Rumänien auch mit Wertgegenständen zahlen - West-Autos werden am liebsten genommen.
Doch für das Brautpaar aus Deva ist der staatlich geduldete Menschenhandel keine Lösung, es darf auch gegen Geld nicht zusammenkommen. In seiner verzweifelten Lage trat Bojinca kürzlich vor der rumänischen Botschaft in Bonn in den Hungerstreik. Auf Ceausescus Diplomaten machte das wenig Eindruck: Sie riefen die deutsche Polizei.
Vor der rumänischen Botschaft in Bonn.

DER SPIEGEL 43/1985
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