09.12.1985

Die Bremser ins rechte Licht gerückt

SPIEGEL-Reporter Peter Brügge über Jakob von Uexküll und den „Alternativen Nobelpreis“ *
Sogar ein Philatelist, lehrt uns der deutsche Schwede Jakob von Uexküll, kann sich gegen den technologischen Amoklauf auf dieser Erde ein bißchen wehren. Er jedenfalls, Sammler von Postwertzeichen, hat erfunden, was diese Woche, einen Tag vor den neuen Nobelpreisen, in Stockholm als jetzt schon anerkannte Alternative dazu verliehen wird: die Auszeichnung für eine wahre, welt- und umweltfreundliche Lebensart, zu englisch "Right Livelihood".
Was mit diesem Wort gemeint ist, vertrüge sich durchaus mit den Stiftungsgrundsätzen des Alfred Nobel, der in Wahrheit das hat honorieren wollen, was jeweils im Jahr zuvor "der Menschheit den größten Nutzen brachte".
Aber das Nobelpreis-Komitee war nicht bereit, mehr als Wohlwollen dafür zu erübrigen, daß nun vor aller Welt auch Ideen und Taten ausgelobt werden, die einzig dem vernünftigen Umgang mit dem Leben dienen - und mit dem Planeten, der es trägt. Jakob von Uexküll mußte da schon seine Alben plündern und das darin angesammelte kleine Vermögen verflüssigen. So nahm er Abschied von einem süßen Leben auf der Karibik-Insel Saint Vincent, bei dem er sich allerdings zunehmend merkwürdig vorgekommen war.
Mit der halben Million Dollar, die er vor sechseinhalb Jahren für seine gezackten Raritäten bekam, gründete er auf der steuerfreundlichen Isle of Man seine eigene, die "Right-Livelihood-Stiftung". Mittlerweile hat er an die 300 meist junge Mitmacher in Schweden und in den USA für sein schwer definierbares Losungswort von der richtigen Lebensart gewonnen. Sie zahlen und arbeiten dafür, bieten Büroräume an und Ideen. In diesem sechsten Stiftungsjahr können auch deshalb an die Preisträger von Stockholm insgesamt bereits 75000 Dollar ausgeschüttet werden.
An dem, was da seit 1980 ausgelobt wird, zeichnen sich die Konturen der vernünftigen Lebensart noch am deutlichsten ab. Sie gleichen einer Linie des Widerstands: Richtiges Leben besteht vordringlich in der Abwehr des falschen; in respektabler Subversion gegen den blindlings vollzogenen Vormarsch der Großtechnologie, den räuberischen Umgang mit Natur und Wissenschaft, Menschen und Macht. Wo sich der Fortschritt nur noch die Frage "Wie denn?" erlaube, sagt Uexküll, gelte es laut zurückzufragen: "Wozu denn?"
Angespornt und ins Licht gerückt werden folglich nicht die Beschleuniger sondern die Bremser dessen, was sich so Fortschritt nennt. Der, sagt Uexküll, werde binnen kurzem zu globalen Katastrophen führen, "sehr viel schneller noch, als selbst die Grünen sich das heute denken".
Hassan Fathy, einer seiner ersten Preisträger, hat die billige und menschenfreundliche Lehmbauweise Alt-Ägyptens wiederentdeckt und sie ohnmächtig gegen die Vorherrschaft von Wellblech und Stahlbeton propagiert. Das amerikanische Forscher-Ehepaar Amory und Hunter Lovins demonstrierte preiswürdige Modelle für eine dezentralisierte und "sanfte" Energieerzeugung. Ein Arbeits-Kollektiv aus dem britischen Rüstungskonzern "Lucas Aerospace" wagte sich mit einem selbstentworfenen Produktions-Programm für friedliche Zwecke an die Öffentlichkeit. Und Petra Kelly bekam den Preis als "Mitbegründerin der Grünen".
Heuer erstmals dürfen Sprecher einer Bürgerinitiative aus dem Ostblock, nämlich aus der Volksrepublik Ungarn, im Stockholmer Parlamentsgebäude diesen "Nobelpreis" der Alternativen annehmen. Unter dem Namen "Duna Kör" (Donau-Kreis) verteidigt sich diese Gruppe gegen den zwischen Wien und Budapest fest ausgehandelten Bau eines gigantischen Wasserkraftwerkes. Das würde seinen Strom nach Österreich liefern, aber in Ungarn die Donau-Landschaft verwüsten.
Bewahrung, Abwehr, Notwehr, dafür stehen 1985 auch alle weiteren Preisträger auf dem Podest: so die Abgesandten der indischen Bürgerrechts- und Naturschutzbewegung "Lokayan" ("Dialog mit dem Volk"); dann die beiden Gen-Forscher Pat Mooney (USA) und Cary Fowler (Kanada), bekannt für wissenschaftliche Konservierung des Erbguts zahlloser Nutzpflanzen, welche die Agrar-Industrie sonst von der Erde verschwinden ließe; schließlich der holländische Völkerrechtler Theo van Boven, ein unbequemer, durch Intervention lateinamerikanischer Staaten aus dem Dienst _(In ihrem Energiespar-Haus in Colorado. )
der Uno verdrängter Menschenrechts-Experte.
Van Boven bekommt den Preis ohne Geld. Die anderen drei Preise bringen je 25000 Dollar, verbunden mit der Auflage, diese Summe ausschließlich für die jeweilige gute Sache auszugeben. "Schwerer als das Geld", sagt Uexküll, "wiegt das Ansehen, das der Preis genießt, vor allem in der Dritten Welt." Auf "Lokayan" etwa fiel, sobald der Name im Zusammenhang mit dem Stichwort "alternativer Nobelpreis" in den Zeitungen aufgetaucht war, sogleich der höchste Staatspreis Indiens.
Der Verbreitung vernachlässigter Fertigkeiten zur Selbsthilfe und dem Ansehen alternativer Heilmethoden hat die Auslobung durch Uexkülls Stiftung ebenso gedient wie den Bestrebungen von "Consumer Interpol", einem Netzwerk zur Verhinderung von Giftmüll-Importen in Länder der Dritten Welt.
Nun, da einem solche Notwehr sogar zur Ehre gereichen kann, mehren sich entsprechende Meldungen, und es wird schwieriger, sie alle auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Unter 80 Projekten hatten die zehn kostenlos grübelnden Preisrichter von "Right Livelihood" heuer zu wählen. Thor Heyerdahl, der Entdeckungs-Reisende, die Greenpeace-Sprecherin Monika Griefahn und James George von der Abrüstungskommission der UN sitzen in diesem Kreis, der sich, der Kosten wegen, nur in Städten trifft, in denen einer der Preisrichter Gastgeber sein kann. Ganze 10000 Dollar darf jedes Jahr die Prüfung der Vorschläge kosten. Das ist gerade ein Hundertstel des Betrages, den die Nobelpreis-Stiftung für ihre Wahrheitssuche verwendet.
Uexküll selber macht seine Arbeit für "Right Livelihood" ohne Gehalt. Nach sechs Preisverteilungen enthält die Stiftungs-Kasse folglich immer noch 300000 Dollar. Genau besehen nährt sich der Stifter von den Geschäften, die er so nebenbei noch immer mit Postwertzeichen und seiner Witterung für diese macht. Sie hat er einmal durch Mitarbeit beim Hamburger Briefmarkenhändler Mohrmann erworben. An einer kostbaren Sammlung baut er erneut, diesmal mit den Marken Saudi-Arabiens.
Dieser jetzt Vierzigjährige, der gerne sein wahres Alter verschweigt, mutet nicht an wie eine Verkörperung ausgewogener Lebensweise. Er spricht wie gehetzt, verbreitet Unrast und findet das an sich selber störend. Ein Buddha wäre er lieber geworden als so ein großer Blonder voller Widersprüche. Er beginnt seinen Tag stets mit Transzendentaler Meditation und Yoga, raucht nicht, hat kein Auto und kein richtiges Zuhause und wird doch umgetrieben von einer Motorik, wie sie in Managern pulsiert.
"Immer nur reisen und lesen und lesen über den Zustand der Welt", so Uexküll - wie solle er sich da harmonisieren? Er klagt: "Mein Körper sagt mir, daß es genug ist." Zwei reich gewordenen Freunden hat er zu je einer eigenen Insel verholfen. Ein Beruhigungsmittel für ihn wäre so etwas nicht.
Hat einer sich so wie er eingelassen auf die Suche nach der eigentlich humanen Lebensform, dann treibt ihn das immer aufs neue zu Grenzwanderungen, denen sich ein in Oxford geschulter Intellekt widersetzt. Unweigerlich führt das auch in die befremdlichen Bereiche jener Naturmystik, in denen das Geschäft der "Geistheiler" blüht.
Von einer "Erlösung" des Erdballs durch "lebendige Energieströme" aus dem "menschlichen Bewußtsein", von hilfreicher Astrologie und von "spiritueller Energie" im Geld war bei der Preisverleihung in Stockholm schon die Rede. Und Uexküll, der das dort Gesagte jetzt als Sammelband herausgegeben hat, nimmt''s in Kauf und weiß doch nicht so recht, ob der Beigeschmack von Mystik und Magie seiner Sache aufhilft. _(Jakob von Uexküll (Hg.): "Der ) _(alternative Nobelpreis". ) _(Dianus-Trikont-Verlag, München; 256 ) _(Seiten; 29 Mark. )
Er selber ist ja, unerklärlicher Leibschmerzen wegen, zu philippinischen Wunderheilern gefahren. Und nun meint er sogar, ihnen werde unrecht getan von den Scheuklappenträgern der Maschinen-Medizin. Auf der Isle of Man pirschte er eine Weile mit einem kleinen Kernkraft-Knacker ("Nuke-Buster") durchs Seegras, wie ihn eine in Stockholm ausgezeichnete amerikanische Hippie-Kommune vermarktet. Die Kommunarden offerieren unter diesem Namen eine angeblich magische Mischung aus Geigerzähler und Fötusherz-Monitor, von der die Anzeige radioaktiver Strahlung selbst dort noch zu erwarten ist, wo keiner eine solche vermutet (etwa an einer gewöhnlichen Petroleumlampe).
Andere mögen so etwas Hokuspokus nennen. Uexküll hält sich dafür so offen wie möglich. Zur erstrebten wahreren Art von Leben gehört eben, wie er merkt, mehr als das laute Nein zum Weltbild der Naturzerstörer. Ein rundum anderes Weltverständnis tut not, und "spirituelle und geistige Erfahrungen", so Uexküll, dürfen dabei nicht mehr für "bedeutungslose Nebenprodukte chemischer Reaktionen" genommen werden.
Er, der sich selber kaum für Biologie interessiert hat, konnte sich dazu spät, aber ausgiebig aus dem Werk seines Großvaters bedienen. Das war der weltberühmte Biologe und Philosoph Jakob von Uexküll (1864 bis 1944). Der sah einen geistigen Plan hinter aller Natur und sperrte sich gegen die Ideen Darwins. Als ein baltischer Baron habe er wohl, so scherzte Konrad Lorenz, die Abstammung vom Affen nicht hinnehmen können.
Jakob der Enkel baut nun auf den alten Jakob, selbst wenn er sich dabei unerreichbar weit von den Nobelpreisträgern aus der Quantenphysik entfernt. "Wir sind", da ist er sicher, "keine Zufallsmechanismen in einem tauben, eisigen, gleichgültigen Universum, sondern lebendige Teilhaber an einem unteilbaren organischen Ganzen."
So sehen das zweifellos auch die meisten Grünen. Da Uexküll einen deutschen neben seinem schwedischen Paß besitzt, konnte er sich von ihnen ins Europa-Parlament delegieren lassen. Sonderlich eingenommen aber ist er von ihnen nicht.
Gemessen an seiner inneren Unruhe, ticken diese deutschen Gegenparlamentarier
nicht konsequent und schnell genug, basteln Strategien für die nächste oder übernächste Wahl, als sei die Weltunordnung von heute noch Jahrzehnte vom Abgrund entfernt. Er hingegen meint ihn schon vor Augen zu haben. Außerdem, findet er, wird bei den Grünen "zu viel geraucht".
In ihrem Energiespar-Haus in Colorado. Jakob von Uexküll (Hg.): "Der alternative Nobelpreis". Dianus-Trikont-Verlag, München; 256 Seiten; 29 Mark.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 50/1985
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