09.12.1985

Herzeleid und Tratsch

Die „Lindenstraße“ der ARD soll die längste Serie der deutschen Fernsehgeschichte werden. Ob sie das wird? *
Handelt der Friedhofsarbeiter Joschi Bennarsch wirklich nur mit Lindenblütenhonig? Ist Ludwig Dressler tatsächlich ein so lieber Onkel Doktor, wie er auf der Bettkante des maserngefleckten Klausi Beimer aussieht?
Wird sich die kratzbürstige Else, die fiese Alte des Hausmeisters Kling, mit ihren Forderungen durchsetzen, daß die afrikanischen Rennmäuse nicht in die Wohnung und "die Monatsbinden nicht ins Klo" kommen?
Wer hat dem hohlwangigen Zollsekretär Sigi Kronmayr wohl ein Verfahren "wegen Verdachts auf Bestechlichkeit" angehängt, und warum kommt - letzten Sonntag, letzte Szene - Marion Beimer erst gegen Mitternacht heim, verheult und blutüberströmt?
Noch ist nicht abzusehen, wann es mit den Ewings ein Ende haben wird, was der "Denver-Clan" - Comeback diese Woche - noch alles aushecken darf und wie viele Pianisten noch mit steifem Daumen in der "Schwarzwaldklinik" von Professor Brinkmann einen Beweggrund suchen, da türmen die Öffentlich-Rechtlichen neuerlich Fragen auf Fragen und lassen das Fernsehvolk so ratlos zurück wie Richard Wagner seine Nornen: "Weißt du, wie das wird?"
Wie das wird mit dem Lindenblütenhonig, mit den anstößigen Hygieneartikeln und dem Wohl und Wehe von 38 fest für ein Jahr verpflichteten Schauspielern, weiß nicht einmal der Pfarrerssohn Hans W. Geissendörfer, 44, der all die Probleme aus dem Leben gegriffen und damit die "Lindenstraße" zum Leben erweckt hat, jenes "Novum in der deutschen Fernsehgeschichte", wie WDR-TV-Spiel-Chef Gunther Witte meint, das am vergangenen Sonntag in der ARD Premiere hatte.
Ein Spiel ohne Grenzen ist da ausgebrochen: Zehn halbstündige Folgen sind mittlerweile abgedreht, 52 fest eingeplant und dramaturgisch wenigstens grob skizziert, aber "500 oder 1000 oder noch viel mehr" sollen es werden, Geissendörfer hat sich da ganz schön verrannt.
Fürs erste freut sich der einstige Underground-Filmer, TV-Kriminalist _(Christian Kahrmann, Marie-Luise Marjan, ) _(Joachim Luger, Moritz A. Sachs (o.). )
("Lobster") und vierfache Bundesfilmpreisträger ("Der Zauberberg"), daß er die roten Fäden einer unendlichen Geschichte "spinnen und spinnen und spinnen kann", vielleicht bis ins nächste Jahrtausend.
Sonntag für Sonntag wird er von nun an in der 150 Meter langen Lindenstraße, für deren Potemkinsche Mietshäuser, Arztvilla und Eckkneipe der WDR in Köln-Bocklemünd fünf Tonnen Stahl, 50000 laufende Meter Bauholz und Kalksandstein für 1100 Quadratmeter Wandfläche verarbeitet hat, das Garn privater Geschicke weben und schließlich alle Generationen aus deutschem Mittelstand, das kesse Nymphchen, die verhärmte Jungfer, den verklemmten Medizinstudenten, den Tennis spielenden Weiberhelden, aber auch griechische Gastarbeiter und einen Flüchtling aus Vietnam zu einem Schicksalsknäuel verknüpfen - ein Spielball für die ganze Familie.
Ein "realistisches Abbild unserer Wirklichkeit im Sinne gegenwartsbezogener Fernsehspiele" hat Geissendörfer dabei nicht im Auge, wohl aber ein Milieu, das "glaubwürdig und überzeugend" ist und "ohne die Tünche verlogener Harmonisierung" auch "die Konflikte im normalen menschlichen Leben" offen zeigt.
Wer, wie Geissendörfer, "intelligent unterhalten will", der muß wohl die ewig joggende Familie Schildknecht Körner fressen, die Sprechstundenhilfe Elisabeth Flöter unter der Frisierhaube flennen und im Haus Nummer 3 immer mal wieder den Aufzug steckenbleiben lassen. Wer mit einem Millionenpublikum liebäugelt, braucht nur dem Volk aufs Maul und dem Nachbarn durchs Schlüsselloch zu schauen. Dem Horcher an der Wand fallen bekanntlich die besten Pointen in den Schoß.
Auch wenn die "Lindenstraße" nicht in Dallas oder im Schwarzwald, sondern in München spielt, so hat sie doch ihre stillen Örtchen für Tratsch und Herzeleid und auch ihre Gemeinplätze, auf denen sich die lauten, banalen Alltagsstorys so herrlich mundgerecht ausschlachten lassen.
Aber andererseits sind die Typen aus der Wohngemeinschaft, die Sarikakis aus Griechenland oder die runtergesoffene Fixerin Chris mit ihren durchlöcherten Netzstrümpfen allemal ein gutes, sehenswertes Stück lebensnäher als die Weißkittel und Trachtenmädel aus Rademanns zuckrigem Schwarzwald-Tann.
Für die ARD bildet das elektronische Straßentheater, das nach Meinung des WDR-Intendanten Friedrich Nowottny einmal "ein ureigenes Fernsehereignis werden könnte", den bislang aufwendigsten, 13,4 Millionen Mark teuren Versuch, dem zweiten Kanal verstärkt Serien-Abonnenten abzuwerben und den Mainzer Kollegen gleichzeitig vorzumachen, daß unterhaltsame Themen glaubwürdiger auf der Straße einer Millionenstadt liegen als auf dem Operationstisch im Glottertal.
Die sonst so zerstrittene Arbeitsgemeinschaft mobilisierte ihre vereinten Kräfte und einigte sich sogar auf eine finanzielle Aktion Gemeinsinn. "Zunächst", so Geissendörfer, "hatte ich allen Respekt, mit welcher Entschiedenheit die das Projekt anpackten."
Im Januar 1983 hatte der Regisseur den ARD-Fernsehspielchefs in Frankfurt ein erstes, zehnseitiges Expose vorgelegt, schon im Mai durfte er eine minuziöse Ausarbeitung nachreichen, in der nicht nur der Handlungsablauf der ersten 30 Folgen skizziert, sondern vor allem "eine völlig industrielle Produktionsmethode" detailliert durchkalkuliert war: Erstmals sollte die in angelsächsischen Ländern längst praktizierte Serien-Herstellung in großem Stil in den unbeweglichen bundesdeutschen Sendeanstalten ausprobiert werden. Und, o Wunder, die Sache lief gut an.
Geissendörfer arbeitete vom ersten Drehtag an (Mitte September) ausschließlich mit Video, "wo alles im Augenblick der Inszenierung passiert, einschließlich O-Ton, Schnitt und Überblendung". Eine halbstündige Folge wird, zum günstigen Minutenpreis von 7000 Mark, mittlerweile in vier Tagen gedreht und in der restlichen Woche bis zur Sendereife bearbeitet. Gleichzeitig laufen schon die Vorbereitungen zur Fortsetzung. Gleichsam durch die Stoppuhr hält die Produktion mit der wöchentlichen Sendefolge Schritt.
Bislang läuft auch das ungewöhnliche Zusammenspiel freier und anstaltsgebundener Kräfte vergleichsweise lautlos. Die "Geissendörfer Film- und Fernsehproduktion GmbH" entwickelte die Drehbücher und engagierte die Schauspieler nebst künstlerischem Stab; der
WDR, dem die ARD das Unternehmen übertrug, stellte die technische Einrichtung und arrangierte die Spielplätze.
So bauten 330 Mitarbeiter des Senders in 22000 Arbeitsstunden nicht nur die soliden Fassaden der Lindenstraße auf, sondern errichteten für Geissendörfer eigens eine 1500 Quadratmeter große Halle mit 13 kompletten Wohnungen, Gaststätte, Friseursalon und Arztpraxis, mit 112 laufenden Metern echter Bücher, 128 Bildern und 340 Lampen.
Bei Drehbeginn, als der WDR vor allem nur in Außenübertragungen erfahrene Techniker abstellte, "die bestimmt ein Fußballspiel richtig schneiden, nicht aber einen Familienkrach in der Wohnküche richtig ausleuchten konnten", platzte Geissendörfer mehrfach der Kragen, und im Funkhaus fingen die Juristen schon an zu forschen, ob die Qualitätsansprüche des Regisseurs wohl Rechtens seien. Doch mittlerweile rühmt sich Geissendörfer einer Mannschaft, die "wirklich top ist und auf die ich mich voll verlassen kann".
Irgendein zögerliches Stop and go können sich die Macher auf der "Lindenstraße" auch nicht leisten. Nachdem Geissendörfer und die Hörspiel-Schreiberin Barbara Piazza, langjährige Leiterin einer Sozialstation, die Geschichten für das erste Sendejahr wenigstens in Umrissen festgelegt haben, suchen sie bereits nach Nachfolgern, die ihre dramaturgische Linie ohne Bruch fortschreiben könnten: Durch einen aus dem "Entwicklungsetat" finanzierten Eignungstest sind inzwischen zwölf Autoren unter 40 Jahren auf ihre poetischen Gaben hin abgehorcht worden.
Gleichzeitig hat Geissendörfer, "um nicht betriebsblind zu werden und am Ende für Nuancen kein Auge mehr zu haben", das einstweilige Ende seiner Regie-Arbeit festgelegt: Er selbst will nur bis Ostern drehen und dann die Kollegin Ilse Hofmann drei Monate lang auf den Chefsessel lassen. Später, ab Herbst 1986, wenn das Ganze "nicht länger Pilotprojekt, sondern regelrecht etabliert ist", sollen auch andere Regisseure bestimmen dürfen, wo es in der "Lindenstraße" langgeht.
Doch - weißt du, wie das wird? Die ARD wäre nicht die ARD, hätte sie ihrer ehrgeizigen "Lindenstraße" nicht längst Steine in den Weg gelegt. Schon im "Vorfeld" hat Geissendörfer "einen Genickschuß bekommen", und "so stehen wir nun da und sagen Scheiße".
Ursprünglich sollte die Serie im November anfangen, donnerstags um 21 Uhr. Zeitsynchron spielten die ersten Geschichten im Oktober, und in der "Lindenstraße" war immer Donnerstag. Da verlegten die ARD-Planer das Langspiel auf Sonntag, 19.30 Uhr, und den Start auf Dezember. Nun mußte Geissendörfer sein Entree in die "Lindenstraße" dem Adventskalender anpassen.
Der an sich ganz günstige Sonntag-Termin mißfiel wiederum dem ZDF-Intendanten
Dieter Stolte, und weil die ARD mit ihm gerade um einen neuen Stundenplan feilschte und um mehr Mainzer Entgegenkommen bettelte, bediente sich Stolte einer "Erpressung" (Geissendörfer): Halte die ARD an 19.30 Uhr fest, wenn gelegentlich auch die ZDF-"Schwarzwaldklinik" aufmacht, dann ziehe er alle seine Zugeständnisse zurück. Prompt gab die ARD klein bei und schob die "Lindenstraße" ins Abseits, auf 18.40 Uhr.
Damit hat die ARD nun auch ihre "Sportschau" um 22 Minuten gekürzt - ein Foul, dessen Auswirkungen sie noch spüren dürfte. Halten sich jetzt auch noch die Zuschauer mehrheitlich von der neuen Serie fern und werden, wie es Geissendörfer vorschwebt, die Beimers und die Schildknechts demnächst auch über Aids, Arbeitslose und Wehrdienstverweigerer reden, dann könnte die hasenherzige ARD ihre "Lindenstraße" frühzeitig dichtmachen.
Geissendörfer träumt dennoch von einem Dauerlauf, wie ihn die englische "Coronation Street", sein Vorbild, längst hinter sich hat. Die Serie, 25 Jahre alt, geht an diesem Montag in ihre 2576. Folge.
Weißt du, wie schrecklich das würde?
Christian Kahrmann, Marie-Luise Marjan, Joachim Luger, Moritz A. Sachs (o.).

DER SPIEGEL 50/1985
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