16.09.1985

BÜCHERJenseits der Mauer

Ein im Konzentrationslager Theresienstadt gemaltes Kinderbuch für einen Dreijährigen hat jetzt einen deutschen Verlag gefunden. *
Es sollte nur das erste in einer langen Reihe von Büchern sein, die der Vater ihm malen wollte. Es war auch das letzte.
1944 bekam im Getto Theresienstadt Thomas Fritta von seinem Vater zum Geburtstag ein Buch geschenkt. Kurz
danach hat die SS ihn mit seiner Familie in Kerkerhaft genommen. Aus dem dreijährigen Thomas wurde der politische Häftling Nr. F 172 - der vermutlich jüngste politische Häftling in Europa. Sein Vater, der Prager Graphiker Bedrich Fritta, kam nach Auschwitz, wo er an Blutzersetzung starb.
1959, zu seinem 18. Geburtstag, erhielt der Sohn, einziger Überlebender der Familie, das Buch ein zweites Mal geschenkt: Sein Pflegevater, Leidensgefährte des Vaters, hatte das in Sackleinen eingebundene Buch, das in einem Mauerversteck vor dem Zugriff der SS bewahrt werden konnte, aufgehoben. Nun bringt es der Verlag Günther Neske mit einer Übersetzung der knappen tschechischen Texte vors deutsche Publikum. _(Bedrich Fritta: "Für Tommy zum dritten ) _(Geburtstag". Günther Neske Verlag, ) _(Pfullingen; 112 Seiten mit 51 ) _(Abbildungen; 38 Mark. )
Dokument der Verzweiflung: Da steht ein Knirps auf einer Kiste und sieht aus einer Maueröffnung nur auf andere Mauern und auf einen kahlen Baum. "Tommy schläft", heißt es auf einem anderen Blatt - hinter einer aufgespannten Decke im Massenquartier. Die Eltern werden gezeigt, von ihren Köpfen fällt ein Tränenschauer.
Doch auch Dokument der Hoffnung: Das Kind läuft über eine Blumenwiese. Es macht große Reisen - nach Afrika, Alaska, Asien und Amerika. Durchs Morgenland trottet es auf einer Schildkröte, in Charles-Lindbergh-Montur saust es durch die Lüfte. "Und wenn wir irgendwo hinkommen - irgendwo auf der Welt" (der Eiffelturm, Manhattan, die Weltkugel mit einem Fragezeichen), "dann kaufe ich dir auch Musik!" (das Kind zwischen Plattenspieler und Musikinstrumenten).
"Für Tommy zum dritten Geburtstag" ist gestaltet wie eine heitere und sinnliche Bildergalerie, mit der ein Vater einen Schutzwall gegen die entsetzliche Wirklichkeit, eine Fluchtburg vor dem unbeschreiblichen Elend des Lagers errichtete. Es ist Mutmachbuch und fröhliche Fibel, Märchenkulisse mit Rissen, durch die sich der KZ-Alltag drängt, aber auch mit Fenstern zu einer friedlichen und freien Welt.
Adressat und Hauptfigur dieses heimlich und unter größter Gefahr geschaffenen
Buches ist der dreijährige Tommy mit seinen Fragen, Wünschen, Bedürfnissen und seinen vom Vater behutsam auf Papier inszenierten Zukunftsaussichten, Hoffnungen eines längst hoffnungslosen Vaters durchziehen die Zeichnungen.
Daß Fritta, eigentlich hieß er Friedrich Taussig und war vor seiner Deportation 1941 Redakteur des "Prager Tageblatts", dieses Buch überhaupt machen konnte, daß er überhaupt an Arbeitsmaterial herankam, hatte mit der Organisation in der Gettostadt zu tun: Die jüdische Gettoleitung durfte mit Billigung der SS zur Planung verschiedener Bauvorhaben ein Zeichenbüro einrichten. Technische Skizzen anzufertigen allerdings war für die dort beschäftigten Lagerinsassen - neben Fritta gehörten dazu Leo Haas, Felix Bloch und Otto Ungar - auch Tarnung und Vorwand.
Bei Nacht oder wann immer es ihnen möglich war, dokumentierten die später so genannten "Maler von Theresienstadt" den Alltag im KZ. So schufen sie Skizzen, Zeichnungen und Bilderzyklen des Grauens: Die Ankunft der Häftlingstransporte; die entwürdigende Enge in den dreistöckigen Schlafquartieren; Männer, die sich in gestreifte Lagerdecken gehüllt zum Gebet versammeln; Frauen bei der Zwangsarbeit.
Mit einigen mutigen Helfern gelang es der Gruppe, Zeichnungen aus dem Lager zu schleusen. Sie entlarvten noch während des Krieges die Behauptungen der SS als Propagandalügen, im Lager herrschten gute Lebensbedingungen.
Im Juni 1944 wurde die Gruppe denunziert. Noch bevor die Maler zum Verhör geholt wurden, konnten sie einen großen Teil ihrer Zeichnungen sowie das Bilderbuch für Tommy einmauern. Sie gaben trotz zahlreicher Verhöre nichts preis und wurden mit ihren Familien in die gefürchtete "Kleine Festung" nahe bei der Stadt gebracht und dort voneinander getrennt eingekerkert, Thomas zusammen mit seiner Mutter und der späteren Pflegemutter, der Frau des Malers Leo Haas.
Haas überlebte mehrere Leidensstationen und wurde im Mai 1945 im Lager Ebensee von den Amerikanern befreit. Er reiste nach Theresienstadt, fand seine schwerkranke Frau und das verwaiste Kind. Dann suchte er alle Stellen auf, wo die Maler ihre Werke versteckt hatten, und konnte die Bildersammlung und das Buch aus der Mauer bergen. (150 Zeichnungen Frittas sind heute im jüdischen Museum in Prag ausgestellt.)
Thomas Fritta-Haas (er wurde später von seinen Pflegeeltern adoptiert) lebt heute mit seiner Familie in Mannheim. Er leidet an dem Trauma aller Überlebenden des Holocaust: "Die Tragik meines Daseins ist die Tragik eines Fossils, dem später niemand glaubt, was es erzählt: Dinge, die unbequem sind, die Angst, Unbehagen und schlechtes Gewissen hervorrufen."
Nachdenken über das Schicksal seiner leiblichen Eltern "mündet in heftigem Schmerz" wie "Amputationsbrennen". Als "Trost und Vermächtnis" sei ihm nur das Buch geblieben. Darin spüre er seinen Vater, "seine Tränen, seine Hoffnungen, seine Angst". _(Porträt von Peter Kien. )
Bedrich Fritta: "Für Tommy zum dritten Geburtstag". Günther Neske Verlag, Pfullingen; 112 Seiten mit 51 Abbildungen; 38 Mark. Porträt von Peter Kien.

DER SPIEGEL 38/1985
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