21.10.1985

Ein beidfüßig schreibender Herr

Der Frankfurter Satiriker Robert Gernhardt über seinen Hamburger Kollegen Fritz „Joethe“ Raddatz *
Herbstzeit - Jagdzeit - auch im deutschen Blätterwald. Von der "Süddeutschen" bis hinunter zur "Bild"-Zeitung - allüberall wird fröhlich herumgeschossen, teils scharf, teils nur zum Jux, immer aber ist er im Visier, Fritz J. Raddatz, der Kulturplatzhirsch der "Zeit". Die letzte Frankfurter Buchmesse hatte zwar kein Motto, doch der Literaturprofessor und Feuilletonchef verhalf ihr wenigstens zu einem Thema: Fritz "Joethe" Raddatz.
Das Goethe-Zitat, mit welchem er seinen, von Chefredakteur Theo Sommer gegengelesenen, Buchmesse-Leitartikel beschloß, hat mittlerweile die Runde gemacht, nur sein Anfang sei nochmals ins Gedächtnis gerufen: "Man begann damals das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern. Die alten Schreberhäuslein wurden niedergelegt ..." So soll der olle Goethe laut Raddatz den Beginn der Frankfurter Buchmesse miterlebt und kommentiert haben.
Hat er natürlich nicht. Bei einem Wort wie "Bahnhof" hätte der Geheimrat vermutlich nur "Bahnhof" verstanden - ein durchaus heutiger Martin Meyer war denn auch der Autor des "Goethe"-Zitats; in der "Neuen Zürcher Zeitung" hatte Raddatz diesen parodistischen Brocken aufgeschnappt, um ihn flugs in der "Zeit" wieder auszuscheiden, seitdem ist die Kacke am Dampfen.
"Wir hurtigen Verwurstler und Erzeuger der Häppchen-Kultur" - so hatte Raddatz sich und sein Gewerbe Monate zuvor in der "Zeit" charakterisiert, anläßlich einer Botho-Strauß-Rezension; doch auch solch ahnungsvolle Selbstbezichtigung scheint ihn nicht mehr retten zu können.
Von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bis zum "Stern" erschallt der Ruf, er möge endlich zum Abschuß freigegeben werden. "In eigener Sache" legte ihm die eigene Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff im eigenen Blatt das eigenhändig geladene Gewehr vor die Füße: "Die Zeitung ist blamiert, die Redaktion zornig. Man kann nur hoffen, daß dieser Sturz in die Tiefe dem Autor für alle Zeiten vor Augen führen wird ..." - aber halt!
Genug des metaphernreichen Referierens und Räsonierens! Kein Wort mehr zum Geballer konkurrierender Feuilletonisten, zur Tatsache etwa, daß ausgerechnet der "Stern" sich zum Fürsprech des Geistigen Deutschlands aufwirft. Nur: Wenn die Herausgeberin der "Zeit" ihren Feuilletonchef erst jetzt in die Tiefe stürzen sieht, dann unterstellt sie die Tatsache, er sei jemals oben gewesen, sei es auf der Höhe der "Zeit" oder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte - was weiß ich. Und das wiederum wirft die Frage auf, ob die Herausgeberin der "Zeit" ihren Raddatz jemals gründlich gelesen hat.
Seit 1977 steht FJR an der Spitze des "Zeit"-Feuilletons, 1979 wurde ich erstmals auf ihn aufmerksam. Da erschien ein vier Seiten langes "Zeit"-Dossier aus seiner Feder in der Nummer 42 der "Zeit". Sein Thema: "Die deutsche Nachkriegsliteratur", sein Inhalt, laut Marcel Reich-Ranicki, "fahrlässig und böswillig", seine mutmaßlichen Folgen, laut Walter Boehlich: Natürlich müsse Raddatz jetzt seinen Hut nehmen.
Nahm der natürlich nicht, ich aber nahm mir die Zeit, den ganzen Schamott durchzulesen, las mich immer häufiger fest und beschloß schließlich, meine Lesefrüchte zu sammeln und vor Lesern auszubreiten. Das geschah in der gerade erst aus dem Ei geschlüpften "Titanic" und las sich beispielsweise so:
Raddatz: In einem langen Gespräch kommt Böll zu dem Schluß, daß allenfalls das Materialangebot der Kriegs- und Nachkriegsliteratur sich unterschiede ... "Ich": Zwar heißt das Verb "unterscheiden", der Konjunktiv Präsens also "unterscheide", aber Unterschiede müssen sein, einigen wir uns also auf "sich unterschieden würde".
Ein schlichtes Beispiel für schlampigen Umgang mit der Sprache, gewiß, aber doch nicht mehr als die Spitze eines Eisbergs von weiteren, sehr viel vertrackteren Unbeholfenheiten und Fahrlässigkeiten, von einem insgesamt wirren Sprachgebilde, das ich, so gut es ging, vermaß und mit der wohlfeilen, gegenwärtig wieder grassierenden Pointe krönte: "Schließlich ist Raddatz nicht irgendwer, sondern, doch, das ist er, Feuilletonchef der angesehensten Wochenzeitung ..."
Entgegen Boehlichs Unkenrufen blieb er das auch weiterhin, sorgte für so manchen Sturm im Limonadenglas - Wolf Biermann konnte davon ein Lied im SPIEGEL singen. So richtig merkte ich erst wieder auf, als der S. Fischer Verlag 1983 das 530 Seiten starke Buch des Fritz J. Raddatz herausbrachte: "Die Nachgeborenen. Leseerfahrungen mit zeitgenössischer Literatur".
Ein Buch? Gott befohlen! Eher eine Stilblütenwiese, in welcher ich nicht nur all die Sumpfdottern aus dem "Zeit"-Dossier fast vollständig - und selbstredend unkorrigiert - wiederfand, sondern darüber hinaus ein derartiges Dickicht von schiefen, unsinnigen und falschen Behauptungen, daß ich hier wenigstens eine einzige herausrupfen möchte:
"Das Buch 'Kopfgeburten' von Günter Graß setzt diese Prosastruktur fort ... Es ist gearbeitet wie das, was man in der Malerei eine Gouache nennt, es wirbelt Techniken und Methoden durcheinander ..." Hier spricht der Raddatz, ich aber rieb mir erst mal lediglich verwundert die Augen. War denn die "Gouache" nicht gleichfalls eine Maltechnik, der Ölmalerei verwandt, nur wasserlöslich? Wie aber konnte dann diese Technik andere Techniken durcheinanderwirbeln? So grübelte ich, bis plötzlich des Rätsels Lösung mir grell vor Augen sprang: Raddatz hatte natürlich die "Collage" gemeint, und ich, sein Leser, konnte noch von Glück reden, daß er nicht "Gulasch" gedacht und geschrieben hatte.
Wieder beförderte ich meine Raddatz-Lese zu Druck, zuerst seitenlang in der "Titanic", dann, erweitert, im Satire-Sammelband "Letzte Ölung", es fruchtete nichts. Fritz "Jarnichdrumkümmern" Raddatz hatte offenbar gerade
alle Hände voll zu tun: Mit der einen veröffentlichte er sein Prosawerk "Kuhauge", mit der anderen wehrte er die Angriffe jener ab, die ihm die Mitschuld an Uwe Johnsons dunklem Ende gaben, mit der dritten aber - die hat er gar nicht? Nun gut: Beidfüßig aber sorgte dieser rastlose Herr dafür, daß kaum eine Ausgabe der "Zeit" verging, ohne daß der kulturinteressierte Leser vor neue Rätsel gestellt wurde.
Kulturzeitschriften machen sich gerne den Spaß, in einer Neujahrs- oder Faschingsausgabe das gesicherte Bildungsgut heiter zu verrätseln: Unter Raddatz' Füßen wurde das "Zeit"-Feuilleton zu einer ganzjährigen Scherzausgabe, so hemmungslos trampelte er auf den tradierten Fakten herum. Zwei Beispiele nur:
Zu Proust fallen Raddatz "die Weißdornhecken von Colombray" ein - "les deux Eglises" ergänzt der wache Leser und landet unversehens in "Colombeyles-Deux-Eglises", dem privaten Wohnsitz von Charles de Gaulle, während Marcel Prousts imaginierter Ort doch "Combray" geheißen hatte.
"Denn am 9. Januar 1985 wäre Tucholsky 90 Jahre alt" - schreibt der Tucholsky-Herausgeber Raddatz in einem Editorial des "Zeit-Magazins". Ist der wirklich nur vierzig Jahre alt geworden? fragt sich der irritierte Leser, greift zum Lexikon, und siehe da: Raddatz hat sich um fünf Jahre vertan, Tucholsky nämlich wäre 1985 95 Jahre alt geworden.
"Aus der Hommage an den Mann mit den 5 PS (Tucholsky schrieb unter fünf Pseudonymen)" - schreibt der Tucholsky-Biograph Raddatz weiter ... Der Leser aber kann es sich an seinen fünf Fingern abzählen, daß es nur vier waren: Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser.
Und so fortan - zurück zum stürzenden Raddatz, zurück zur Gräfin, die diesen Sturz - ja, wie nun? -: verfolgt, bedauert, abwartet, sich darob immer noch verwundert? Denn auch all das eben Zitierte war ja bereits nachzulesen, und wenn ich jetzt wieder "in der 'Titanic'" sage, dann nur deswegen, weil ich wirklich nicht weiß, wer noch alles derart gewissenhaft Knall und Fall des FJR mitverfolgt hat, man kann ja nicht alles lesen, die "Zeit" ist wahrlich dick genug.
Was tun? Den Raddatz auf dem Altar der Kultur opfern? Ihn zum Selbstopfer drängen? Ich bin, nein, wir vom Frankfurter FJR-Fan-Club sind dagegen. Er hat uns mehr über Grammatik, Geographie, Bildende Kunst und - leider - auch Philologie beigebracht als so manches andere staubgründliche Feuilleton. Je windiger er daherschrieb, desto eindringlicher zwang er uns, jede, aber auch jede seiner Behauptungen zu prüfen, Atlanten, Lexika, Wörterbücher und Fremdwörterbücher zu bemühen: Wo die Könige Scheiß bauen, haben die Kärrner zu tun.
Was für ein Kultur-König, dieser Fritz J. R.! Im "Hamburger Abendblatt" wedelte er am 15. Oktober nun noch einmal huldvoll mit dem Zepter: "Der Fehler stimmt, ich habe mich verlesen. Der Schlenker ist mißglückt ... Der Herr Literaturprofessor kennt nicht 'mal seinen Goethe auswendig - wer kann das schon."
Genau! Wer kennt dem seinen Goethe schon auswendig! Sein Goethe, der doch immer mit dem Intercity von Frankfurt nach Weimar gedüst ist, weil die unselige Zonengrenze ja erst 1850 gebaut wurde - jawoll, dieser Raddatz und dieser Goethe sollen uns bitte schön noch so lange wie möglich erhalten bleiben. Aber ...
Sagen wir es geradeheraus: Was, wenn die "Zeit"-Herausgeber diesem Raddatz nicht nur diesen seinen Goethe wegnehmen, sondern auch seine Zähne ziehen? Seine Hirnschwurbel entfernen? Sein Querbeethecheln untersagen? Wenn sie ihm, Gewehr bei Fuß, zwei akademisch durchtrainierte Jungredakteure zur Seite stellen, die ab sofort jedwedes Raddatz-Manuskript ins Platt-Deutsche übersetzen ...? Tja ... Na ja ...
Nun denn: Auf diesen Raddatz könnte auch ich verzichten. Das wäre mein Raddatz nicht mehr. Dann mag er sich in Gottes Namen aus der "Zeit" trollen: Etwas Besseres als diesen Tod findet er überall.
Von Robert Gernhardt

DER SPIEGEL 43/1985
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