06.01.1986

„Gegen den Ex-Kanzler brauche ich keine Dame“

SPIEGEL-Gespräch mit Schachweltmeister Garri Kasparow über seine Gegner, seine Pläne und seine Fähigkeiten *
SPIEGEL: Herr Kasparow, Sie sind mit 22 Jahren der jüngste Weltmeister der Schachgeschichte und wohl schon heute neben Bobby Fischer der populärste - neben jenem Fischer, der 1972 Weltmeister wurde, seither öffentlich keine einzige Partie mehr gespielt hat und im Untergrund verschwunden ist.
Angenommen, Fischer könnte und wollte zum Schach zurückkehren, Sie trügen ein 24-Partien-Match gegen ihn aus, und beide hätten ihre größte Spielstärke - wer würde gewinnen?
KASPAROW: Ich würde bei einem solchen Match sehr viel lernen und danach sicher stärker spielen als vorher. Es wäre eine Hohe Schule des Schachs, und es würde ein würdiger Kampf.
SPIEGEL: Mit knappem Ergebnis?
KASPAROW: Ja. Niemand weiß genau, ob der Fischer des Jahres 1972, in dem er Weltmeister wurde, etwas stärker war, als der Kasparow des Jahres 1985 ist.
SPIEGEL: In dem Buch "Weltmeister lehren Schach", das in Moskau erschienen und auch im Westen populär ist, schrieb der sowjetische Autor Jakob Estrin in der etwas blumigen Sprache, die ihm eigen ist: "Mancher Spieler, der Weltmeister geworden ist und den Schacholymp erklommen hat, stellt fest, daß es nicht mehr höher geht, und beginnt hinunterzusteigen." Laut Estrin ist es allen vier Weltmeistern vor Karpow so gegangen, Tal ebenso wie Petrossjan, Spasski und Fischer. Befürchten Sie, daß es nun auch mit Ihnen bergab geht?
KASPAROW: Ich sehe diese Gefahr nicht. Ich habe viel Energie, und ich habe große Aufgaben vor mir. Ich will für das Schach werben durch Partien, die Kunstwerke sind, durch Bücher, durch Veranstaltungen. Ich will das Spiel möglichst vielen Menschen in der ganzen Welt nahebringen, und auch in meinem eigenen Land habe ich viele Aufgaben vor mir. Ich sehe, um in Estrins Sprache zu reden, lauter neue Gipfel und keinen Abstieg vor mir.
SPIEGEL: Es heißt, daß Schachspieler im allgemeinen erst mit 30 oder 35 Jahren ihre größte Spielstärke erreichen. Wird das auch für Sie gelten?
KASPAROW: Da scheint mir eine Prognose schwer zu sein. Ich vermute, daß meine größte Stärke etwa mit 30 Jahren erreicht sein wird, nicht später.
SPIEGEL: Vielleicht werden Sie aber der Weltmeister mit der kürzesten "Amtszeit" von nur einem Vierteljahr? Besiegt haben Sie Karpow am 9. November 1985, für die Zeit vom 10. Februar bis 21. April 1986 hat der Weltschachbund - die Fide - einen Revanchekampf angesetzt, die Städte London und Leningrad haben sich beworben und ein Preisgeld von 1,8 Millionen beziehungsweise einer Million Schweizer Franken geboten. Einige Zeitungen meldeten, Sie wollten nicht antreten, die "Bild"-Zeitung zum Beispiel brachte die Schlagzeile: "Schach-Revolte! Kasparow läßt WM-Revanche platzen."
KASPAROW: Lassen Sie mich ein wenig ausholen ...
SPIEGEL: Wäre es nicht einfacher, zunächst die Frage zu beantworten: Wenn die Fide bei ihrem Termin bleibt, werden Sie dann zu dem Revanchekampf antreten - oder nicht, wie die Leser vieler Zeitungen annehmen müssen? Dann würde Karpow kampflos seinen Titel zurückerhalten.
KASPAROW: Ich sehe keinen Sinn darin, diese Frage mit Ja oder Nein zu beantworten. Ich bin sicher, daß sie sich mir gar nicht so stellen wird. Es wird keinen Revanchekampf geben, nicht weil ich ihn nicht will, sondern weil die ganze Schachwelt ihn nicht will.
SPIEGEL: Es gibt viele gewichtige Gründe, die gegen einen solchen Revanchekampf sprechen: moralische, weil Karpow nach einem Vierteljahrhundert der erste Weltmeister mit einem solchen Privileg ist, schachliche, medizinische.
Es mutet absurd an: Sie haben schon zwei Matchs mit zusammen 72 Partien gegen Karpow gespielt, nun sollen weitere 24 Partien in dem Revanchekampf hinzukommen. Das sind dann 96 Partien, und für Ende 1986/Anfang 1987 steht bereits der nächste Titelkampf auf dem Programm.
Aber es gibt umgekehrt auch einen Grund dafür, daß der Revanchekampf trotzdem stattfindet, allerdings nur einen einzigen: Die Fide hat es nun mal so beschlossen, deren Präsident Campomanes hat es sich von allen Gremien bestätigen lassen. _(Mit Redakteur Werner Harenberg im ) _(Hamburger SPIEGEL-Haus. Auf dem Brett ) _(eine Stellung aus der 16. WM-Partie, die ) _(Kasparow für seine bislang beste hält. )
KASPAROW: Mit der Belastung eines dritten Matchs innerhalb kurzer Zeit wird nicht nur die Gesundheit der Spieler gefährdet, die Campomanes angeblich so hoch schätzt. Es wird auch der gesamten Schachwelt Schaden zugefügt. Ich habe seit zweieinhalb Jahren an keinem Turnier mehr teilnehmen können. Neben den vielen Partien gegen Karpow habe ich nur ganze 18 Partien gegen andere Großmeister spielen können. Ich habe Einladungen zu großen Turnieren in Westeuropa und Amerika allesamt absagen müssen. Viele Veranstalter wollen nur dann Turniere ausrichten, wenn der neue Weltmeister teilnimmt. Aber der Weltmeister steht nicht der Schachwelt, sondern er steht den Herren Karpow und Campomanes zur Verfügung.
SPIEGEL: Sie haben die öffentliche Meinung auf Ihrer Seite, aber wird das genügen? Die Entscheidung liegt letztlich beim Sowjetischen Schachverband. Wenn der sagen würde, wir wünschen nicht, daß unsere beiden Spieler einen Revanchekampf austragen, so könnte er nicht stattfinden. Aber wird das der sowjetische Verband erklären?
KASPAROW: Das hoffe ich. Denn ein solcher Revanchekampf liegt auch nicht im Interesse unseres Verbandes. Eigentlich dürfte auch Karpow nicht sehr daran interessiert sein, denn er riskiert, ihn zu verlieren. Der einzige, der Nutzen von einem solchen Kampf hätte, wäre Fide-Präsident Campomanes.
SPIEGEL: Sind Sie bei Ihrer Meinung über Campomanes geblieben? Sie hatten vor einigen Wochen über ihn gesagt: "Campomanes ist ein Mann, der nichts vom Schach und von seinen Problemen versteht und alles tut fürs Geld."
KASPAROW: Das würde ich heute noch verstärken. Der Sowjetische Schachverband, der die Weltmeisterschaft in Moskau veranstaltete, mußte an Campomanes nur dafür, daß er bei der WM in Moskau herumsaß, 25000 Schweizer Franken Honorar zahlen. Und 200000 Dollar mußte er aus den Mitteln, die eigentlich für die WM bereitgestellt worden waren, an einen Fonds der Fide für Entwicklungshilfe zahlen. Dabei gibt es erhebliche Zweifel, ob das Geld überhaupt irgendeinem Entwicklungsland zugute gekommen ist.
SPIEGEL: Warum?
KASPAROW: Campomanes verfügt über die Einnahmen der Fide nach eigenem Gutdünken. Es gibt Meldungen und sogar einen Beleg dafür, daß er in einem Fall Fide-Gelder in Goldgruben in Südafrika angelegt hat.
SPIEGEL: Wir bleiben bei unserer Frage nach Ja oder Nein zu einem Revanchekampf. Am 6. Januar läuft eine Drei-Wochen-Frist ab, in der sich Karpow und Sie für einen der Orte, London oder Leningrad, entscheiden sollen. Werden Sie sich dazu äußern?
KASPAROW: Nein.
SPIEGEL: Nach all dem, was Sie mit der Fide und mit Campomanes erlebt haben, müssen Sie doch damit rechnen, daß sich ein weiteres Mal die Vernunft nicht durchsetzt. Und wir können uns partout nicht vorstellen, daß Sie den Titel dann Karpow kampflos überlassen.
KASPAROW: Wenn ich vor diese Entscheidung gestellt würde, so würde ich sie mir sehr genau überlegen. Aber die Schachwelt müßte nicht nur fürchten, daß es dann zwei Weltmeister gibt, mit Karpow einen von Campomanes'' Gnaden und mich als den anderen, den die Schachwelt für den besseren hält.
Der Weltschachbund müßte auch erhebliche, seine Existenz gefährdende Erschütterungen befürchten. Ich halte es für ausgeschlossen, daß es dahin kommt. Das kann dieser absurde Revanchekampf niemandem wert sein.
SPIEGEL: Es haben sich vier WM-Kandidaten qualifiziert, der Holländer Jan Timman und drei sowjetische Spieler. Kommt es nicht zum Revanchekampf oder gewinnen Sie ihn, so muß der Beste von ihnen ermittelt werden und mit dem Ex-Weltmeister Karpow um das Recht kämpfen, Sie zum Titelmatch herauszufordern.
KASPAROW: Was man auch von Karpow halten mag, er ist einfach eine Macht im Schach, und deshalb rechne ich mit ihm als meinem Gegner auch in den nächsten Titelkämpfen.
SPIEGEL: Warum gelang es Ihnen, ihn zu besiegen?
KASPAROW: Karpow ist sehr stark, wenn er ein klares Ziel vor sich hat und wenn die Stellung in einer Partie übersichtlich, also klar strukturiert ist. Weil ich enorm gearbeitet hatte, besaß ich ein größeres Arsenal an Mitteln, und es gelang mir, ihn auf Gebiete zu locken, auf denen ich stärker bin als er: komplizierte Stellungen zu schaffen, ihn zum Angriff herauszufordern. Die Folge war, daß ich in der zweiten Hälfte des Wettkampfes ein großes Übergewicht gehabt habe. Hätte ich nicht ein paar Fehler gemacht, wäre das Match schon vor der 24. Partie zu Ende gewesen.
SPIEGEL: Berühmt geworden ist ein Zug _(Es ist der 8. Zug d6-d5 von Schwarz ) _(in der Sizilianischen Verteidigung, nach ) _(1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cd4 4.Sd4: Sc6 ) _(5.Sb5 d6 6.c4 Sf6 7.Sb1-c3 a6 8.Sa3. )
, von dem der englische Großmeister Nunn spontan sagte: Der Zug kann nicht korrekt sein, den spielt Kasparow nur einmal, weil ihn Karpow beim zweitenmal sicher widerlegen kann. Es kam ganz anders, Sie machten ihn zweimal mit Erfolg, jetzt müssen viele Schachbücher umgeschrieben werden. Wie lange haben Sie gebraucht, um diesen Zug auszuarbeiten?
KASPAROW: Auf den Zug bin ich im April gekommen, im Juni und Juli habe ich ihn mit meinen Trainern analysiert. Zehn Tage haben wir wohl dazu gebraucht.
SPIEGEL: Sie haben vier Trainer. Nun haben sogar große Fußballvereine für 20 oder 25 Leute nur einen, höchstens zwei Trainer. Was macht ein Schachspieler mit vier Trainern?
KASPAROW: Es gibt im modernen Schach einen gewaltigen Informationsfluß. In England erscheint jedes Jahr ein Sammelwerk mit vier Bänden und insgesamt 7000 bis 8000 neuen Partien. Dazu kommen noch ungefähr 1500 Partien, die in der Sowjet-Union gespielt werden. Etwa jede fünfte ist von Belang und muß eingetragen, analysiert, klassifiziert werden. Nur weil ich mit meinen Trainern so intensiv arbeite, habe ich ein sehr großes Eröffnungsrepertoire.
Und dann muß man ja auch noch eigene Ideen entwickeln. Ich brauche jemanden, mit dem ich dies im Dialog tun kann. Obwohl ich vier Trainer habe, reicht unsere Zeit bei weitem nicht aus.
SPIEGEL: Wie oft tagen Sie?
KASPAROW: Ich habe mich für den Titelkampf in einem Interzonenturnier und in drei Matchs qualifiziert und zweimal gegen Karpow gespielt. Jedesmal sind wir vorher für 20 Tage zusammengekommen und haben jeden Tag mindestens sechs Stunden lang hart gearbeitet.
SPIEGEL: Karpow hat Ihnen mal vorgeworfen, Sie täuschten ihm vor, nervös zu sein, um ihn irrezuführen.
KASPAROW: Der Kerl soll mich nicht dauernd anstarren während der Partie, das ist doch sein Problem. Wer seinem Gegenüber zu lange ins Gesicht blickt, entdeckt immer irgend etwas. Viele sagen, mir stehe im Gesicht geschrieben, was ich denke. Aber ich habe im Laufe der Zeit gelernt, Karpow nicht zu zeigen, was in mir vorgeht, und ich habe in der Tat auch gelernt, ihm etwas anderes zu zeigen, als in mir vorgeht. Da hat er schon recht, aber warum kreidet er mir das an?
SPIEGEL: Manche Zeitungen und manche Spieler schreiben Ihnen starke
suggestive, zuweilen geradezu hypnotische Kräfte zu.
KASPAROW: Da wird etwas hineingeheimnist in Dinge, die ganz einfach zu erklären sind. Manche Leute wollen nicht wahrhaben, daß sie allein durch meine Spielstärke bezwungen werden.
SPIEGEL: Auch ein sonst so vernünftiger Mensch wie der frühere Weltmeister Spasski glaubt an parapsychologische Einflüsse. Sind Sie frei davon?
KASPAROW: Ich denke ja.
SPIEGEL: Ihr einziger Aberglaube ist das Vertrauen in die 13 als Ihre Glückszahl? Sie hatten uns im Mai, als Sie in Hamburg unser Gast waren, erzählt, daß Ihre Mutter und Sie möglichst Plätze, Reihen, Hotelzimmer und -stockwerke mit der Zahl 13 wählen, weil Sie ja der 13. Weltmeister werden wollten.
KASPAROW: Ja, und ich gewann mit 13 zu 11 Punkten, das geschah 13 Jahre nachdem Bobby Fischer Weltmeister geworden war, und vergessen Sie bitte nicht, daß 8 und 5 auch 13 sind: 1985.
Ein bißchen Aberglauben kann doch nicht schaden, nicht wahr? Das gefällt mir einfach. Ich glaube, daß es sehr vielen Menschen so geht. Erst gibt es die Ereignisse, dann beobachtet man die wiederkehrenden Anzeichen oder Ziffern. Und ich weiß eben, daß für mich 13 die Glückszahl ist. Das war so, das ist so, und ich glaube, daß es so bleibt.
SPIEGEL: Einer Ihrer Vorgänger, der Deutsche Emanuel Lasker, Weltmeister von 1894 bis 1921, hat mal erklärt, abgesehen von den 250000 besten Schachspielern könne er jedermann eine Dame vorgeben und würde trotzdem jede Partie gewinnen. Bobby Fischer hat mal verkündet, er könne jeder Frau der Welt einen Springer vorgeben und sie trotzdem besiegen. Würden Sie auch so weit gehen wie Lasker und Fischer?
KASPAROW: Lasker lebte in einer ganz anderen Zeit, inzwischen gibt es viel mehr gute Schachspieler. Ich würde keinem Klubspieler, den ich nicht kenne, eine Dame vorgeben. Fischer hat sicher übertrieben: Ein Springer ist zuviel.
SPIEGEL: Würden Sie jeder Frau der Welt einen Bauern vorgeben?
KASPAROW: Den zehn oder zwölf Frauen, die jetzt die besten der Welt sind, sicher nicht, wenn ich unbedingt gewinnen will, den anderen wohl schon.
SPIEGEL: Lassen Sie uns den Unterschied in der Spielstärke zwischen Ihnen und mehr oder minder begabten Amateuren an ein paar Beispielen präzisieren. Wir möchten Ihnen vier Partien vorspielen, ohne einen Namen zu nennen, und Sie bitten, uns von jeweils einem der beiden Spieler zu sagen, was Sie ihm vorgeben könnten, ohne fürchten zu müssen, die Partie zu verlieren.
KASPAROW (nachdem ihm vier Partien vorgespielt worden waren): Die erste Partie wirkt ihrem Stil nach sehr alt, wie aus dem vorigen Jahrhundert. Dem Spieler würde ich einen Springer vorgeben.
SPIEGEL: Das war Karl Marx, jedenfalls wird ihm die Partie zugeschrieben.
KASPAROW: Dem zweiten Spieler könnte ich eine Dame vorgeben.
SPIEGEL: Das war der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der diese Partie 1978 in einer Simultanveranstaltung gegen Robert Hübner, den besten deutschen Schachspieler, verlor.
KASPAROW: Den dritten Spieler habe ich erkannt, das war die Partie, die Felix Magath vom HSV im Juni als einer von 31 Gegnern gegen mich verlor. Ihm würde ich einen Springer vorgeben.
Den vierten Spieler habe ich auch erkannt, das war die Partie, die der Politiker Bahr bei der gleichen Veranstaltung gegen mich verlor. Gegen Bahr würde ich wie gegen Schmidt keine Dame brauchen.
SPIEGEL: Demnach würden Sie ein Match gegen den Ex-Kanzler Schmidt, wenn Sie gegen ihn sechs Partien ohne Dame spielen würden ...
KASPAROW: ... höchstwahrscheinlich 6:0 gewinnen.
SPIEGEL: Seit Sie Weltmeister sind, hat sich das öffentliche Interesse auch an Ihrem Privatleben erhöht. Es wird darüber geschrieben, mit welcher Dame Sie gesehen worden sind, darüber, daß Sie einen Mercedes bestellt haben, und darüber, daß Sie es zum Millionär bringen werden. Ärgert Sie das, nehmen Sie das hin, oder empfinden Sie es als angenehm, so im Blickpunkt zu stehen?
KASPAROW: Ich halte dieses Interesse für normal und finde nichts dabei. In meiner Einstellung zur eigenen Popularität hat es einige Phasen gegeben. Anfangs hat mir das natürlich mächtig gefallen, da habe ich diese Aufmerksamkeit geradezu genossen, die sich auf mich richtete. Dann fing ich an, mich darüber zu ärgern. Ich empfand sie als lästig, als unangenehm, da hätte ich eigentlich weglaufen, mich verkriechen wollen. Das kam auch daher, daß ich ein Ziel vor Augen hatte und mich nicht ablenken lassen wollte. Aber inzwischen habe ich gelernt, meine Popularität ganz gelassen hinzunehmen. Übrigens: Einen Mercedes habe ich nicht bestellt, ich bleibe bei meinem sowjetischen Auto vom Typ "Wolga 24".
SPIEGEL: Ist es mehr Dichtung oder mehr Wahrheit, was über Ihre Beziehungen zu der Moskauer Schauspielerin Marina Nejolowa geschrieben wurde?
KASPAROW: Es ist die Wahrheit.
SPIEGEL: Stört es Sie zu lesen, daß Sie als Schachweltmeister im Laufe von zwei, drei Jahren eine Million Mark verdienen können?
KASPAROW: Solche Artikel verstehe ich überhaupt nicht. Karpow hat als Weltmeister immerzu Geld verdient, und niemand hat darüber geschrieben. Warum interessieren sich nun der SPIEGEL und andere dafür, wieviel ich verdienen werde?
SPIEGEL: Was uns angeht, so haben wir zum erstenmal vor zwei, drei Jahren und seither des öfteren geschrieben, daß Karpow mindestens Rubel-, wahrscheinlich _(Mit Gennadij Timoschtschenko ) _((Nowosibirsk), Alexandr Nikitin ) _((Moskau), Jewgenij Wladimirow ) _((Alma-Ata). )
Devisenmillionär ist. Kürzlich haben wir auch darüber berichtet, daß ihm da mal eine Million abhanden gekommen sein soll.
KASPAROW (lacht): Er hat es ziemlich spät bemerkt.
SPIEGEL: Er muß zwei Jahre lang keine Zeit gehabt haben nachzuzählen. Nun wird ein deutsches Gericht klären müssen, wo das Geld - 446177,50 Dollar, rund eine Million Mark, von der Schachcomputer-Firma Novag in Hongkong - geblieben ist, ob Karpow doppelt kassieren will, oder ob sein westlicher Geldverwalter, der deutsche Fernsehjournalist Helmut Jungwirth, es veruntreut hat, oder ob die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte liegt.
KASPAROW: Als ich den Artikel über Karpows verschwundene Million las, fragte ich mich, wozu jemand im Ausland Geld auf Konten braucht, wenn er in der Heimat leben will.
Was mich angeht, so werde ich im Januar in Moskau mit den zuständigen Stellen einen offiziellen Vertrag über meine Tätigkeit für die Schachcomputerfirma Scisys abschließen, der die Sache bis ins Detail regelt. Ich bin durchaus dafür, für gute Leistungen gut bezahlt zu werden, aber ich will nur legal verdientes Geld haben.
SPIEGEL: Wird die Regelung im Prinzip so sein wie bei Preisgeldern aus Turnieren im Westen?
KASPAROW: Wahrscheinlich, aber ich bin ja der erste, der einen solchen Vertrag schließt.
SPIEGEL: Angenommen, Sie gewinnen bei einem Turnier im Westen 30000 Dollar, was geschieht damit?
KASPAROW: Davon würde ich 14000 Dollar abgeben und dafür 11000 Rubel erhalten.
SPIEGEL: Normale Rubel oder "Tscheki", für die man in Moskau und anderen Städten knappe Waren kaufen kann?
KASPAROW: Rubel. Die übrigen 16000 Dollar bleiben mir zur freien Verwendung. Ich kann dieses Geld im Westen verbrauchen, ich kann es auch in Zertifikate, in "Tscheki", einwechseln.
Es mag Ihnen oder anderen scheinen, daß ein ziemlich großer Teil der Devisen an den Staat geht. Aber das ist völlig in Ordnung, ich habe nichts dagegen einzuwenden. Ich selbst und meine Trainer werden ja vom Staat bezahlt. Und was mir bleibt, ist eine enorm hohe Summe.
SPIEGEL: Wieviel Steuern müssen Sie zahlen? Bei uns wäre es knapp oder gut die Hälfte Ihres Einkommens.
KASPAROW: Von der Summe, die mir bleibt, brauche ich nichts abzuführen.
SPIEGEL: Herr Kasparow, Sie haben viele Leute durch Ihre Offenheit beeindruckt. Über die hohe Intelligenz der Schachweltmeister, über ihr phänomenales Gedächtnis, über ihre starke Konzentrationsfähigkeit ist seit Jahrzehnten viel geschrieben worden, aber Ihre Vorgänger haben sich selbst kaum dazu geäußert. Wir hätten einige Fragen zu Ihrem Gedächtnis.
KASPAROW: Bitte.
SPIEGEL: Auf der anderen Seite des Tisches haben wir fünf Stellungen aus Partien aufgebaut. Können Sie uns sagen, wer sie gespielt hat?
KASPAROW (schaut sich die Stellungen auf den fünf Brettern an, jeweils nur wenige Sekunden): Die erste Partie spielte Karpow gegen Miles, Oslo 1984. Die zweite Partie spielte Botwinnik gegen Fischer, Warna 1962. Die dritte Partie spielte Hübner gegen (zögert) Ljubojevic, Linares 1985?
SPIEGEL: ... gegen Timman, alles andere stimmt.
KASPAROW: Die vierte Partie spielte Aljechin gegen Capablanca, Weltmeisterschaft in Buenos Aires, 1927. Die letzte Partie spielte Sokolow gegen Agsamow, Riga 1985.
SPIEGEL: Was schätzen Sie, wie viele Partien haben Sie im Kopf?
KASPAROW: Wenn Sie zählen, wie viele Wörter Ihrer Muttersprache Sie im Kopf haben, dann haben Sie in etwa die Zahl der Partien _(Der Durchschnittsdeutsche hat einen ) _(aktiven Wortschatz von 12000 bis 16000 ) _(Wörtern )
. Partien sind für mich das, was für die meisten Menschen die Wörter ihrer Muttersprache, was für Musiker Noten oder Partituren sind.
SPIEGEL: Nun zwei, drei Fragen zu Ihrem allgemeinen Gedächtnis. Über Bobby Fischer gibt es eine Story zu diesem Thema. Er rief mal in Island einen Großmeister an, aber der war nicht zu Hause, sondern lediglich dessen kleine Tochter. Fischer sprach nur englisch, sie nur isländisch. Sie sagte, wo ihre Eltern sind und wann sie wieder zu
Hause sein werden. Fischer rief danach einen anderen isländischen Schachspieler an und trug ihm auf isländisch vor, was er gehört und wovon er keine Silbe verstanden hatte. Der übersetzte es ihm und dann rief Fischer zu der Zeit, die das Mädchen genannt hatte, den anderen Großmeister an. Könnten Sie das auch?
KASPAROW: Wie viele Wörter waren das?
SPIEGEL: Wohl drei, vier Sätze.
KASPAROW. Kein Problem.
SPIEGEL: Das gilt für alle Sprachen der Welt?
KASPAROW: Isländisch wird Bezüge zu anderen skandinavischen Sprachen und zum Englischen haben. Wahrscheinlich wäre es mit einer Sprache aus einer völlig unbekannten Sprachengruppe schwieriger, mit Chinesisch zum Beispiel. Aber einen Versuch würde ich da auch wagen.
SPIEGEL: Ihr Lehrmeister Botwinnik hat mal geschrieben, Sie hätten ein Buch über Napoleon gelesen und von A bis Z auswendig gewußt. Hat der Meister da etwas übertrieben?
KASPAROW: Es ist einfach so: Was ich nicht brauchen kann, merke ich mir nicht. Wozu soll ich ein Buch auswendig lernen? Botwinnik wird gemeint haben, daß ich den Inhalt präsent hatte. Das gilt für viele Bücher. Ich lese 100 Seiten pro Stunde und habe keine Probleme, den Inhalt auch noch nach vielen Monaten präzise und vollständig mit meinen eigenen Worten zwei, drei Stunden lang wiederzugeben.
SPIEGEL: Wie ist es mit Gedichten?
KASPAROW: Ich kenne sehr viele. Wollen Sie einige hören?
SPIEGEL: Wie lange würde Ihr Vorrat reichen - einen Tag, zwei Tage?
KASPAROW: Das denke ich schon.
SPIEGEL: Der amerikanische Schachspieler Pillsbury hat um die Jahrhundertwende ein paar Gedächtniskunststücke vorgeführt. Wir möchten Sie um Ihre Meinung zu zweien bitten.
Bei dem einen Experiment ließ er auf 50 numerierte Zettel Sätze mit je fünf Wörtern schreiben. Die Zettel wurden in einen Zylinder geworfen, jemand las die Nummern vor, Pillsbury sagte die Sätze auf.
KASPAROW: Das würde ich nicht machen, das halte ich für schädlich. Ein Trainer hat mir und anderen Schuljungen vor vielen Jahren mal etwas Ähnliches vorgeführt. Wir haben 30 Hauptwörter aufgeschrieben und numeriert, er hat sie durchgelesen und uns erst zu den Nummern die Wörter, dann zu den Wörtern die Nummern gesagt. Dann hat er sich auch noch 150 Wörter eines Wörterbuchs eingeprägt und sie aufgesagt. Zehn Tage lang war er ein bißchen benommen.
SPIEGEL: Ein anderes Experiment von Pillsbury war, er prägte sich die folgenden Wörter zwei Minuten lang ein: Antiphlogistine, periosteum, takadiastase, plasmon, Threlkeld, streptococcus, staphylococcus, mirococcus, plasmodium, Mississippi, Freiheit, Philadelphia, Cincinnati, athletics, no war, Etchenberg, American, Russian, philosophy, Piet Potgelter''s Rost, Salamagundi, Oomisellecootsi, Bangmanvate, Schlechter''s Neck, Manzinyama, theosophy, catechism, ambrosia, Madjesoomalops. Dann legte er den Zettel beiseite und referierte sie aus dem Gedächtnis - erst vorwärts, dann rückwärts.
KASPAROW: Ich schlage Ihnen vor, dieses Experiment sozusagen ins Russische zu übertragen und zu unserem nächsten Treffen 30 beliebig zusammengestellte russische und künstliche Wörter mitzubringen, die untereinander überhaupt keinen Bezug haben, und dann machen wir das auch.
SPIEGEL: Herr Kasparow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Mit Redakteur Werner Harenberg im Hamburger SPIEGEL-Haus. Auf dem Brett eine Stellung aus der 16. WM-Partie, die Kasparow für seine bislang beste hält. Es ist der 8. Zug d6-d5 von Schwarz in der Sizilianischen Verteidigung, nach 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cd4 4.Sd4: Sc6 5.Sb5 d6 6.c4 Sf6 7.Sb1-c3 a6 8.Sa3. Mit Gennadij Timoschtschenko (Nowosibirsk), Alexandr Nikitin (Moskau), Jewgenij Wladimirow (Alma-Ata). Der Durchschnittsdeutsche hat einen aktiven Wortschatz von 12000 bis 16000 Wörtern
Von Werner Harenberg

DER SPIEGEL 2/1986
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