22.07.1985

Zu wabbelig

Nach vielen tödlichen Fecht-Unfällen setzt der Weltverband endlich auf mehr Sicherheit - durch bruchfestere Klingen und stichfeste Kleidung aus bundesdeutscher Forschung. *
Bewußtlos lag der sowjetische Fecht-Weltmeister Alexander Smirnow auf der Planche. Die Waffe seines bundesdeutschen Gegners Matthias Behr war abgebrochen, der spitze Degenrest durch die Maske in Smirnows Schädel gedrungen. Der Russe starb zehn Tage später.
Dem tödlichen Unfall bei der Fecht-Weltmeisterschaft 1982 in Rom waren seit 1962 mindestens vier weitere Todesfälle vorangegangen. Zahlreiche Fechter hatten sich teils lebensbedrohende Verletzungen zugezogen. Aber der Weltverband FIE führte selbst dann noch keine höheren Sicherheits-Standards ein, als 1983 ein Brite und 1984 der Bremer Daniel Greggerson, 17, ebenfalls wegen Klingenbruch starben.
"Es gibt keine absolut bruchsichere Klinge, die den außerordentlichen Belastungen im Fechten durch Druck und Verbiegungen standhält", sagte Dr. Wulf Preising, der Präsident des Rheinischen Fechterbundes. Preising koordinierte für den Deutschen Fechter-Bund alle Projekte für mehr Sicherheit und arbeitete in der Sicherheits-Kommission der FIE mit.
Im Weltverband blockierten sich nationale Verbände gegenseitig, vor allem Italiener und Franzosen, deren Länder als wichtigste Waffenhersteller im Fechtsport gelten. In der Bundesrepublik montieren Firmen wie Allstar nur Waffen mit importierten Klingen zusammen.
Deshalb unternahmen die Deutschen einen Alleingang. Das Bundesinnenministerium finanzierte einen 120000 Mark teuren Forschungsauftrag. "Wir arbeiteten", so Preising, "auf zwei Ebenen: Bessere Klingen und passiven Schutz durch festere Fechtkleidung."
Aus der Kunstfaser Kevlar, die auch zur Herstellung schußfester Westen dient, schneiderten die Fechtausstatter Uhlmann und Allstar neue Unterziehwesten und Hosen für Fechter, die auch noch den Bauch bedecken. Sie halten 80 Kilopond pro Quadratzentimeter aus, 40 mal mehr, als herkömmliche Kampfkleidung. "Das Problem bestand darin", erläuterte Preising, "daß Kevlar zwar die Antriebsenergie von Geschossen dämpft, abgebrochene Klingen aber Fäden durchtrennen können."
Durch Schichtung überwanden die Wissenschaftler das Hindernis. Schon bei den Olympischen Spielen in Los Angeles schützten sich die Deutschen mit dem risikomindernden Material. Weil die FIE die Schutzkleidung nicht offiziell einführte, bewogen die Deutschen ihre Ausrüster, nur noch kevlarverstärkte Fecht-Kluften zu verkaufen.
Bei den Klingen "experimentierten wir zuerst mit Fiberglas", berichtete Freising. Die Weichklingen klangen sogar noch metallisch, denn sie mußten mit Metallband umwunden werden, damit sie im Gefecht nicht ausfransten. Aber die Kunststoff-Floretts erwiesen sich "zum Fechten als zu weich und wabbelig", und schlimmer, "sie brachen auch".
Als die Forscher dann herkömmliche Klingen gründlich analysierten, stellten sie fest, daß ihr Stahl an einem hohen Kohlenstoff-Anteil litt. Beim harten Aufeinanderprall wurde das Metall spröde, bildeten sich mikroskopische Kerben, an denen die Floretts dann auch brachen.
Arbed Saarstahl, später auch Krupp hatten unterdes einen kohlenstoffärmeren Stahl unter den Namen Maraging entwickelt. Daraus schmiedete der französische Hersteller Forges de la Grotte eine Klinge mit "erheblich längerer Lebensdauer" (Preising).
Neuerdings fertigt auch die Schmiede Wedi in Remscheid Klingen aus Maraging-Stahl. Fechter aus Bonn und Tauberbischofsheim erprobten 20 Stück. Es ist wenigstens dreimal bruchsicherer, als Klingen bisher. Preising: "Wir versuchen jetzt, ein einfaches Verfahren zu entwickeln, das bevorstehende Brüche anzeigt", damit Klingen künftig ausrangiert werden können, bevor ein Unfall passiert.
Ein neues Florett kostet ungefähr 130 Mark, 55 Mark mehr als ein altes. Auch deshalb zeigte sich das Ausland uninteressiert. Besonders Klingen aus dem Ostblock nannten Fechter "Streichhölzer". Aber Athleten aus kommunistischen Ländern bringen billige Klingen mit und verkaufen sie für 15 bis 18 Mark.
Während beim Olympia 1984 in Los Angeles, das der Ostblock boykottierte, kein nennenswerter Fechtunfall vorkam, ereigneten sich vier bei den Weltmeisterschaften, die am Sonntag in Barcelona
endeten - alle mit Ostblock-Waffen. Der Franzose Philippe Conscience schwebte in Lebensgefahr; eine abgebrochene Klinge des Polen Boguslaw Zych war ihm in den Bauch gedrungen und hatte eine Schlagader durchtrennt.
"Uns kotzt das wirklich an", schimpfte Cornelia Hanisch, Weltmeisterin in der Einzel- und Mannschaftswertung, "wie die FIE zusieht und nichts unternimmt." Die Fechter berieten schon über einen gemeinsamen Protest. Da handelte der Weltverband endlich und beschloß, von 1986 an Sicherheitsklingen und Kevlar-Kleidung einzuführen.
Der deutsche Präsident des Weltrats für Sport und Sportwissenschaft, Professor August Kirsch, hat schon das Internationale Olympische Komitee eingeschaltet: IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch gab seine informelle Zusage, eine Tonne Maraging-Stahl aufzukaufen und zur Erprobung an die internationalen Waffenschmiede abzugeben.

DER SPIEGEL 30/1985
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