06.01.1986

Im Führerbunker der Subkultur

Markus Peichl über „Sexbeat“ von Diedrich Diederichsen Der Österreicher Markus Peichl, 27, ist Chefredakteur des neuen Hamburger Monatsmagazins „Tempo“, das erstmals Ende Januar herauskommen wird. *
Als Pop-Feuilletonist, linker Linkenhasser, bemühter Buchhalter der Subkultur, Szene-Papst von eigenen Gnaden und jetzt - endlich - auch als Buchautor hat sich Diedrich Diederichsen in Deutschland einen Namen gemacht.
Ich habe nie so recht verstanden, wie er zu seinem Ruf als lebender Mythos der deutschen Subkultur kam. Wieso es reicht, Hippies und Altlinken ein bißchen an die Wade zu pinkeln, um berühmt zu werden. Wieso Leute vor Aufregung nicht weiterflippern können, wenn er im Hamburger Szene-Lokal "Subito" neben ihnen steht.
Weshalb eine Öko-Lady einen Nervenzusammenbruch bekommt, wenn ein Wohngemeinschaftsmithäftling einen Diederichsen-Aufsatz gut findet. Weshalb man sich auch noch beim hundertstenmal darüber empören kann, wenn Diederichsen mal wieder etwas schlecht findet, was die anderen gut finden. Und umgekehrt. Und noch einmal umgekehrt.
"Where's my nervous wreck?", fragte Laurie Anderson, die amerikanische Performance-Künstlerin, damals, als sie in einem Wiener TV-Studio verzweifelt nach ihrem Interviewer suchte. Der Interviewer war Diederichsen. Er hatte sich in einer Pause aus dem Staub gemacht, weil er sich hoffnungslos in seinen dümmlich-naiven Fragen verstrickt hatte, die Antworten der Anderson nicht verstand, hilflos der harmlosen Maschinerie eines Fernsehstudios ausgeliefert schien oder auch bloß seinen Gedanken.
Die Hand um seine Schulter gelegt, brachte Laurie Anderson ihn ins Studio zurück, tätschelte ihn, redete ihm gut zu. "You are a journalist, aren't you?", fragte sie besorgt.
Ich war damals Zaungast und wunderte mich. So also sieht ein Journalist aus, der die Pop-Größen reihenweise zerlegt und auf den Thron hebt, der Mythen aufbaut und zerstört, der den Durchblick hat, den es zu bewundern gilt - all das, was man ihm zu dieser Zeit andichtete.
Es war die Zeit, als die Musikzeitschrift "Sounds", bei der Diederichsen Redakteur war, ihre Leserschaft endlich auf den kleinstmöglichen Kreis sektiererischer Popmusik-Theoretiker reduziert hatte und schließlich das Zeitliche segnete. Danach betätigte sich Diederichsen als freier Schreiber.
Es kam zu einer wahren Inflation an Diederichsen-Texten. Sämtliche Stadtzeitschriften des Landes verbreiteten seine Thesen zu aktuellen Pop-Trends und seinen Small-Talk vom Fußballplatz; "Konkret" druckte seine Beiträge zum Thema Hackethal, der SPIEGEL zum Thema James Dean, und in "Capital" durfte er den Unternehmer-Boys mit zweijähriger Verspätung erklären, was von den Sloane Rangers, einem britischen Lifestyle-Phänomen, zu halten ist - letzteres freilich unter anderem Namen, denn "für Geld mache ich so ziemlich alles".
Irgendwann ging Diederichsen dann als Texter zur Düsseldorfer Werbeagentur GGK, irgendwann erklärte er, endlich zum Stalinismus konvertiert zu sein, und irgendwann hörte ich auf, seine Aufsätze zu lesen, da ich es satt hatte, aus zehn Versuchen das eine Meisterwerk herauszufinden, zu dem er allemal fähig ist. Man muß dabei neunmal absoluten Mist lesen, und das ist mir einfach zuviel.
Auf "Sexbeat" freute ich mich. Wenn Diederichsen, dieses ewige Genie im Startloch, ein Buch herausbrachte wollte ich gespannt sein. Vor allem, weil man mir versprach, daß "Sexbeat" "die Geschichte der Subkultur von 1972 bis heute" erzählt, meiner Subkultur also, der "ersten Subkultur, die ohne den Fortschritt auskommen mußte" (Klappentext).
Weder vom Erzählen noch von Geschichte kann die Rede sein. "Sexbeat" ist eine Aneinanderreihung von Anekdötchen und Name-Dropping, angereichert mit Platitüden und Attitüden. Beruhigende Lebensregeln für deutsche Kleinstädter wie "niemand braucht zu glauben, New York sei groß" und putzigwahre Belehrungen wie "die einzige Alternative zum Kapitalismus ist nämlich der Sozialismus", werden durch nicht einmal selbstentschuldigend gemeinte Weisheiten wie "was macht es aus, dumm zu sein, solange man jung ist" untermauert.
Die Geschichte, die historischen Gemeinsamkeiten jener Generation, die in den Jahren 1955 bis 1960 geboren und in den 70er Jahren erwachsen geworden ist, wird hier nicht geschrieben. Einige persönliche Erlebnisse des Autors, nicht mal spannend oder amüsant erzählt, sondern schulaufsatzmäßig abgehandelt - Thema "Mein erster LSD-Trip", "Meine Erlebnisse in Szene-Lokalen", aber auch das eine oder andere mit Soziologie-Anspruch: "Dürfen Oberschüler mit Mittelschülerinnen schlafen" - müssen zur Beweisführung für ein krauses Konglomerat aus den unterschiedlichsten Theorien herhalten, von denen manche gar nicht falsch ist. Gerade das macht dieses Buch im Oberlehrer-Jargon so ärgerlich: es stehen ein paar kluge Dinge drin, aber sie geraten dem Autor in seinem Philosophen-Anspruch zur publizistischen Selbst-Demontage.
Die Grundthese, auf der "Sexbeat" aufbaut, ist weder neu noch aufregend: Irgendwann Mitte der siebziger Jahre war jedem halbwegs denkenden Menschen klar, daß die ganze Auflehnung und Studentenrevolte ziemlich in die Hose gegangen war. Alles, was sich in der linken Denksphäre bewegte - von der Sozialdemokratie bis zur RAF - hatte sich hoffnungslos in Sackgassen verrannt oder war zumindest
auf dem Weg dorthin. Das begriff auch Diederichsen, und er fand sogar den Grund: Das System, in dem wir groß geworden sind, ist das gemeinste und perfideste von allen. Es verkehrt jeden Ansatz zur Verbesserung oder Veränderung in sein Gegenteil, es vereinnahmt jeden Versuch der Auflehnung. "Zum Verzweifeln", meint Diederichsen. "Ultimative Permissivität ... Und trotzdem immer noch die ganze restriktive, kapitalistische Scheiße, der weniger denn je beizukommen war ..."
In einer solchen Gesellschaft tut sich die Subkultur schwer, konstatiert Diederichsen. Ihre Triebfeder, der "Imperativ des Weiter", laufe sich im Kapitalismus tot, ihre Maßstäbe "Hipness" und "Mehr" gerieten in einander ausschließende Konkurrenz.
Mit "weiter" umschreibt Diederichsen den Hang jeder Subkultur, sich durch die ständige Fortentwicklung von Formen, Inhalten und Moden von dem Durchschnitt abzugrenzen. Was "weiter" ist, bestimme die "Hipness", das unabdingbare Geschmacksattribut der achtziger Jahre.
Wenn alle Welt graue Hüte trägt, kann es verflucht "hip" sein, sich einen roten aufzusetzen. Andererseits, so erkennt Diederichsen, entscheidet über die Kraft einer Subkultur nicht nur die Qualität ihrer Innovationen, sondern auch die Anzahl der Menschen, die davon erreicht werden. Sollten sich rote Hüte als Trend durchsetzen, so hat die Subkultur ein "Mehr" bewirkt, und Qualität schlägt kurzfristig in Quantität um.
Allerdings sind rote Hüte dann nicht mehr "hip", denn schließlich hat sie nun jeder Dorftrottel auf. Das "Mehr" killt die "Hipness" und die Subkultur ist geleimt. Sie muß "weiter", etwas Neues suchen, gelbe, grüne, gepunktete Hüte erfinden.
Sie hat gesiegt, aber es geht ihr wie Pyrrhus: In Wahrheit sahnt nämlich das "System" ab, die Gesellschaft, diejenigen, "deren Spiel die Subkultur eigentlich nicht spielen wollte", wie Diederichsen es nennt.
Und so läuft das ununterbrochen und mittlerweile schon seit 1945 und es ist ja wirklich zum Verzweifeln - kaum ist was Neues da, kriegt man es auch schon im Supermarkt, kaum haben die Ökos eine Idee, steht sie auch schon im Parteiprogramm von CDU, SPD und FDP. Die tatsächliche Veränderung aber bleibt aus.
Jedes Produkt der Subkultur ist für die Konsumgesellschaft nützlich, jede Art von Subversion wird zum Systemerhalter. Und weil die Vermarktung immer besser funktioniert, kommt es zu einer Inflation von "Hipness", Mode und Trends. Die "Elite" wird ausgebeutet und geschwächt, die Subkultur gerät ins Schleudern, niemand weiß mehr, wie's "weiter" gehen kann, und im Grunde gibt's kein Entrinnen. Nur warum sich der Diederichsen darüber so aufregt, verstehe ich nicht.
Was er da in komplizierten, anklagenden Worten beschreibt, ist ein Prinzip, das Georg Simmel schon 1911 in seiner "Philosophischen Kultur" vorausgesagt hat: "Die ökonomische Aufwärtsentwicklung der unteren Schichten, bei dem Tempo, das sie in der Großstadt nimmt, wird den raschen Wechsel der Moden begünstigen, weil sie die Tieferstehenden so viel schneller zur Nachahmung der Höheren befähigt. Ein eigentümlicher Zirkel entsteht dadurch: Je rascher eine Mode wechselt, desto 'billiger' müssen die Dinge werden; und je billiger sie werden, zu desto rascherem Wechsel der Moden laden sie die Konsumenten ein und zwingen sie die Produzenten."
75 Jahre später erklärt uns nun Diedrich Diederichsen in "Sexbeat" seine Sicht der Dinge und gibt dabei eine unfreiwillige Karikatur eines Trend- und Modezombies im Simmelschen Sinn ab. Ökonomisch bedingte Entwicklungen, Oberschicht- und Unterschicht-Probleme interessieren ihn sowieso nicht.
Nachdem er die Tücken der Gesellschaft andeutungsweise durchleuchtet hat, beschreibt er, wie er ab 1975 im Führerbunker der Subkultur ein letztes Mal versucht hat, das Steuer herumzureißen, aufrichtig bestrebt, dem Intellekt und dem Geist zu geben, was dem Intellekt und dem Geist gebührt.
Er gebraucht für seine Schilderungen ausschließlich den Pluralis majestatis:
"wir haben", "wir sind", "wir konnten". Das ist die angemessene Grammatik angesichts des historischen Augenblicks, in dem Diederichsen erkannte, daß die "Kategorie des Anders" gefunden werden müsse, weil der "Imperativ des Weiter" gescheitert sei.
Der Leser erfährt von den Waffen, die der Oberbefehlshaber in seinem heroischen und natürlich schwer revolutionären Kampf eingesetzt hat: Historizität und Postmodernismus, Punk, bolschewistischer Chic, New Wave und Zitat-Pop - alles, was uns in den letzten zehn Jahren so begleitet hat.
Doch Diederichsens Anstrengungen, nicht "denen ihr Spiel zu spielen", zielen ins Leere: seine Epigonen erweisen sich als Rassisten, 1983 wird zum ersten Jahr des Niedergangs von allem, was wir erkämpft haben, zum "Sodom und Gomorrha", der "Triumph der herrschenden Klasse" zeichnet sich ab, auch das Modell einer "anderen" Subkultur wird durch die Mächtigen assimiliert, der Autor betreibt gegen Ende des Buches Autokannibalismus mit "mein-Gott-washaben-wir-da-angerichtet".
Die ihm folgende Generation der Yuppies schmäht er als übel, und sie seien die Früchte seiner Niederlage. Sie hätten Diederichsens Idee der subversiven Kraft von Pop und Trivialität in eine fatale Beliebigkeit umgemünzt, von jedem nach Belieben zu benutzen und zu mißbrauchen.
Anders als er würden sie nicht mit dem Bewußtsein der Revolution in etablierte Gewänder schlüpfen, sondern einfach so. Sie dächten genauso wie die verhaßten alten Hippies, nämlich ausschließlich in Gefühls- und Sinnstiftungskategorien, sähen aber gemeinerweise nicht so aus und hätten überdies ein geradezu gefährlich ungestörtes Verhältnis zu Begriffen wie Erfolg und Konsum. Und Diederichsen vermißt plötzlich - ganz im Öko-Jargon - die "gemeinsame soziale Sache".
Er wird alt, der Diederichsen, gegen Ende seines Schmökers. Tapfer bleibt er wie ein Politiker nach einer Wahlniederlage. "Wie jede Generation sind auch wir für das Schlamassel, das wir hinterlassen haben und durch das sich, fürchterlich orientierungslos und irrend, nunmehr die Jahrgänge '64 bis 70 durchzufressen haben, selbst verantwortlich."
Von Markus Peichl

DER SPIEGEL 2/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Im Führerbunker der Subkultur

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen