16.12.1985

Joschka, ein Traum in Grün

SPIEGEL-Redakteur Peter Roth über den Amtsantritt des Umweltministers Joschka Fischer *
Am Morgen, beim Frühstück in der Altbauwohnung im Frankfurter Nordend, klärt er mit Freundin Claudia die Kleiderfrage. Er wird sich feinmachen. Ein italienischer Fischgrät-Sakko, ein teures Hemd "in den aktuellen Herbstfarben", neue Jeans und schneeweiße Nike-Turnschuhe zu 149,90 Mark - das soll es sein an diesem Tag, auch wenn Claudia "Schicki-Micki" spottet. Aber er ist sicher: "Am Hemd darfst du bei der Vereidigung nicht sparen."
So juxt sich Joseph ("Joschka") Martin Fischer, 37, an den großen Augenblick seines Lebens ran, die Vereidigung als Minister für Umwelt und Energie des Landes Hessen. "Swingend" will er den Wiesbadener Plenarsaal betreten, "hi Holger", schließlich muß er "ja auch an die Jungwähler denken".
Nein, das will er so nicht wahrhaben, daß dieser Donnerstag ein historisches Datum sei - "ich fühle nix". Aber alles kommt ihm doch "sehr unwirklich" vor, "der erste grüne Minister auf diesem Planeten". Es amüsiert ihn, sagt er jedenfalls, irgendwie "''ne Gaudi".
Herr Staatsminister Fischer, da stellt er sich noch "immer jemand anderen vor". Vorsorglich hat er die schwarzen Stoppeln an Kinn und Wangen stehenlassen, als Insignien quasi seiner Sponti-Identität. Rasieren will er sich weiterhin nur montags, da werden sich der Ministerpräsident Holger Börner und die Kabinettskollegen eben dran gewöhnen müssen.
Auf der Fahrt über die Autobahn nach Wiesbaden wird der Antiautoritäre von einst gebieterisch. "Junge", herrscht er den Fahrer an, der mit 115 einen Laster überholt, "geh mal schnell runter auf hundert." Das kann er sich nun wirklich nicht mehr erlauben, und vollends ereilt ihn die neue Realität in der Landtagslobby, wo eine riesige Journalistenschar das "Phänomen aus Fellbach-Oeffingen" (Fischer über Fischer) ungeduldig und zunehmend motziger erwartet: "Der ziert sich schlimmer als die Queen."
Auf den Gängen des Fraktionstraktes lernt er den Ministereid auswendig - in Sorge, Börner könne ihn womöglich reinlegen und die ganze lange Eidesformel _("Ich schwöre, daß ich das mir ) _(übertragene Amt unparteiisch nach bestem ) _(Wissen und Können verwalten sowie ) _(Verfassung und Gesetz in demokratischem ) _(Geiste befolgen und verteidigen werde." )
in einem hersagen, "dann steh'' ich aber doof in der Bütt rum".
Wenn er noch Zeit hätte für eine Schelmerei, würde er am liebsten die Pressestelle der Grünen-Fraktion aufsuchen und so etwas machen wie zwei Tage zuvor. Da hat er dort gesessen und sich, wenn das Telephon klingelte, mit "Hier Priemel" vorgestellt. Dann erläuterte der "neue Mitarbeiter des Pressesprechers Georg Dick" den verdutzten Zeitungs- und Fernsehleuten die künftige "Abfallpolitik von Minister Fischer". Auf erstaunte Nachfragen bedauerte Priemel-Fischer: "Was, Sie kennen den Herrn Priemel nicht? Ein Jammer!"
Zwei Tage später äußert sich der Minister Fischer: "Herr Priemel ist bei uns zuständig für alle mysteriösen Dinge." Die Vereidigung ist komplikationslos verlaufen, die "Gottformel", so nennt er das "So wahr mir Gott helfe", hat er weggelassen, "ich kann doch nicht den Allmächtigen für meine niedrigen Zwecke instrumentalisieren".
Schlag 16 Uhr am 12. Dezember ist der ehemalige "Berufsdemonstrierer und hauptamtliche Hausbesetzer", der "Steinewerfer" und "Staatsgegner" (so CDU-Generalsekretär Manfred Kanther) zum "Herrn Staatsminister Joseph Fischer" (so der SPD-Ministerpräsident Holger Börner) erhoben. Ein Traum in Grün.
Im prunkvollen Kabinettssaal plumpst der neue Märchenprinz der Szene in einen tiefen Sessel, sitzend zur Linken des Regierungschefs. Das "Unternehmen Joseph" (Fischer) kann beginnen.
"Einst", sinniert der Minister, "war ich der Held der ausgebliebenen Revolution." Jetzt, beliebt er die Ironie fortzusetzen, "bin ich ein kleiner hessischer Umweltminister", der seltene Vögel schützen darf. Ein Trost nur für die 68er Generation, daß es einen gibt, der auf dem langen Marsch durch die Institutionen wirklich oben angekommen ist.
Logo, daß die Union im Lande diese neue Karriere, erst auf den Putz hauen, dann auf der Regierungsbank Platz nehmen, madig macht. Der Ruin des Landes, das beschwören die Christdemokraten an diesem Tag, sei mit Fischers Berufung unaufhaltsam - "ein historisches Datum" zumindest für die CDU.
Der ach so schwere, unwirkliche Ministergang, von dem Joschka selber noch nicht weiß, ob er "aufs Siegertreppchen führt oder zum Schafott" - die Union wüßte schon, wohin. Jedenfalls soll, ginge es nach der Opposition, die Amtszeit des Ministers Fischer keine hundert Tage dauern, geschweige denn sechs Jahre, wie es die Grünen gerne hätten.
Da kommt, zur rechten Zeit, publizistische Hilfe für den Neuling. Just zum Amtsantritt Fischers erscheint für die grüne Szene ein neues Magazin, das "Joseph" heißt. Albert Sellner, ein alter Mitstreiter aus Zeiten des "Revolutionären Kampfes", will "Joseph" zur neuen Kult-Zeitschrift machen - "neo, post und prä zugleich".
Eine "gewisse Kühnheit", sagt Joschka unter dem Blitzlichtgewitter der Weltpresse, sei "dem Unternehmen Joseph nicht abzusprechen" - welches Projekt gemeint ist, bleibt offen. Keinen Schritt
kann der Minister an seinem ersten Amtstag tun, ohne daß nicht eine Kamera auf ihn gerichtet wäre. Eine Klotür muß Fischer mit Gewalt zuschlagen.
Erst spät am Abend, nach einem alternativen Kulturprogramm beim Empfang der Landesregierung im Wiesbadener Schloß (dazu werden 200 von den Grünen spendierte Pizzen gereicht), findet er im Seitentrakt ein wirklich stilles Örtchen. Dort liest er die Post, ein Glückwunschtelegramm vom grünen Bundesvorstand und die Einladung zu Frank Elstners TV-Spektakel "Menschen ''85". Stars des Abends: Joschka Fischer, "Schimanski" Götz George und Boris Becker.
Von den grünen Landtagsabgeordneten aus Baden-Württemberg ist ein Care-Paket mit "minimaler Minister-Grundausstattung" angekommen - Unterhose, Socken, Hemd, Schlips, Pulli, richtige Straßenschuhe und teures Herrenduftwasser von Armani. "Als Macho nichts für mich", sagt er, "alles Weiberkram." Der Freitag naht, und also ist die Frage: "Holt mich mein Fahrer morgen ab?"
Tom Koenigs, Leiter des Ministerbüros, und Pressechef Georg Dick wollen "lieber mit der S-Bahn" fahren als im Opel Senator, Fischers Dienstwagen mit Katalysator. "Als Hesse", bedauert der Mercedes-Fan, "mußt du Opel fahren, außerdem sieht es popeliger aus."
Fischer weiß, was der Minister am Freitag Punkt elf als erstes zu unterzeichnen hat: ein "Dekret gegen die Hanauer Nuklearbetriebe". Die markige Übertreibung wird die Basis freuen. Tatsächlich ordnet er dann bloß eine "Untersuchung" der Kontaminierung von sechs Mitarbeitern der Landesanstalt für Umwelt bei der Atomfabrik Nukem an.
Der erste Dienst-Tag im zwölften Stock des Behördenhauses an der Dostojewskistraße 8 endet nicht mit Amtsgeschäften. Freundin Claudia hat aus Frankfurt das verwaschene Sweatshirt, die abgewetzten Jeans und die schmuddelige Lederjacke angeschleppt. Der Herr Staatsminister schlüpft in seine Lieblingsklamotten, läßt den Dienstwagen in der Garage und begibt sich mit wackeren Freunden zum Bahnhof - ab zur Demo nach Wackersdorf. _(Am Donnerstagabend letzter Woche beim ) _(Empfang der hessischen Landesregierung. )
"Ich schwöre, daß ich das mir übertragene Amt unparteiisch nach bestem Wissen und Können verwalten sowie Verfassung und Gesetz in demokratischem Geiste befolgen und verteidigen werde." Am Donnerstagabend letzter Woche beim Empfang der hessischen Landesregierung.
Von Peter Roth

DER SPIEGEL 51/1985
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