26.08.1985

„Die Republik büßt ihre Würde ein“

SPIEGEL-Report über das Österreich der Affären Der Glykolwein hat Österreich in Verruf gebracht. Doch die Weinpanscherei ist nur eine jener Affären, die das Land zur Skandalrepublik machen: Minister, die Steuern hinterziehen, Gewerkschaftsbosse, die in die Kasse greifen, Juristen, die Millionen nehmen, Schiffeversenken im Indischen Ozean - Wiener G'schichten '85. _____“ Wir lebten dem Genusse und freuten uns am Wein und „ _____“ jeder wollt am Schlusse ein kleiner Rothschild sein. „ _____“ Josef Weinheber in „Wien wörtlich“ „ _____“ Der Ruf Österreichs als kleines, aber angesehenes „ _____“ Land mit tüchtigen und anständigen Menschen ist bedroht. „ _____“ Kanzler Sinowatz in „Bild“ „ _____“ Ich habe mich mein Leben lang geschämt, ein „ _____“ Österreicher zu sein. „ _____“ Karl Kraus „ *
Friedrich Hebbel, aus dem schleswigholsteinischen Wesselburen stammender Wahlwiener, sah die Welt am österreichischen Wesen genesen. Anno 1862 reimte er: "Dies Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält, und waltet erst bei uns das Gleichgewicht, so wird''s auch in der anderen wieder Licht."
Kaum. Finster ist''s.
Österreich ist weltweit in Verruf geraten. Das schmalzige Wienerlied "Es wird a Wein sein, und wir werd''n nimmer sein" ist zur bösen Karikatur verkommen.
Klar, andere panschen auch Wein, immer schon, auch jene jetzt so selbstgerechten "ehrlichen, fleißigen kleinen Winzer" von Rhein und Mosel, die sich als unschuldige Opfer jener "Verbrecher" an Donau und Neusiedler See beweinen, von denen angeblich seit Hitler alles Unglück kommt.
Wie aber ist zu erklären, daß lange nach dem Auffliegen des Skandals im
eigenen Land hemmungslos österreichische Händler mit Wissen der Regierung noch Millionen Liter der Giftbrühe zu den Piefkes nach Deutschland schickten, die bekanntlich alles schlucken - und denen der Wiener "Kurier" noch Mitte Juli, als die ersten Panscher schon in die U-Haft einzogen, dummdreist "eine wahre Hexenjagd und Hetzkampagne ... auf österreichische Weine" ankreidete? Zu "unseren deutschen Brüdern" wurden die armen Schlucker erst, als sie scharenweise der österreichischen Heurigen-Gaudi fernblieben.
War die Wein-Vergiftung aber wirklich "der größte Skandal Österreichs seit der k.u.k. Monarchie", wie die deutsche Alternativzeitung "taz" wähnte? Oder war auch die "taz" jenem Wiener Schmäh verfallen, der Gemütlichkeit vorgaukelt, wo in Wahrheit "Der Herr Karl" des bissigen Helmut Qualtinger ungebrochen seinen Hausmeister-Faschismus auslebt? Hat weiland Johann Nestroy unbewußt vor dem österreichischen Nationalcharakter gewarnt: "Ich glaube von jedem Menschen das Schlechteste, selbst von mir, und ich habe mich noch selten getäuscht."
Felix Austria, jene selbsternannte "Insel der Seligen" der Kreisky-Ära, ist zum "glyklichen Österreich" ("Profil"), zur Skandal-Republik schlechthin geworden - nicht nur des Weines wegen.
Wahr, auch die Bundesrepublik, preiswert von Flick gekauft, muß mit Barzel und Wörner leben, seine "Neue Heimat", Pharma- und Versicherungsskandale bewältigen, ist mit einem Kanzler geschlagen, der sich nicht mehr erinnern kann, wieviel illegales Spendengeld er hausierte, nur weiß, daß es zuwenig war.
Bananenrepublik, das ist heute überall; fast aber tun einem schon jene exotischen Landstriche leid, die für den schlimmen Namen stehen.
Doch wenn, frei nach Hebbel, die große Welt der Korruption und Skandale im kleinen Österreich wahrhaftig ihre Probe hält - dann habe die Ehre!
Das Wiener "Profil", maßgeblich an der Aufdeckung von Dutzenden Affären im Lande beteiligt und deshalb als notorischer Nestbeschmutzer verschrien, schrieb, der weitverbreitete Glaube unter den Österreichern, daß andernorts die Korruption eh noch größer sei, sei falsch:
"In Wirklichkeit gibt es, gemessen an der Größe des Landes, keinen dem Allgemeines-Krankenhaus-Skandal vergleichbaren Korruptionsskandal. Und es scheint auch in keinem anderen Land einen Weinskandal vergleichbarer Größenordnung zu geben."
Die Wiener G''schichten anno ''85 haben''s in sich. Ein Riesenrad von Korruption und Skandalen dreht sich. Die Kloakenatmosphäre des Dritten Mannes mieft in halbseidene Klubs, in denen Neureiche fein werden wollen und zu Parvenüs geraten, wo Affären ausgebrütet werden, allesamt so miteinander verwoben, daß sie weder politisch noch juristisch zu bereinigen sind.
Es ist viel faul im Staate Österreich. Der Dunst, in dem diese endlosen Geschichten entstehen, modert durch die Gesellschaft von oben bis unten. In keinem anderen Land, das als demokratisch angesehen wird, ist die strukturelle Verflechtung zwischen Staat, Parteien und Wirtschaft enger als in Österreich, kommen Politiker direkter an die Futtertröge als in der Alpenrepublik, wo Großbanken und Großindustrie verstaatlicht sind und wo deren Manager nicht das Risiko privatkapitalistischer Unternehmer teilen, bloß nach deren Privilegien gieren.
Nirgendwo ist die Parteibuchverfilzung ärger. Über 1,5 Millionen von 7,5 Millionen Österreichern gehören einer Partei an, ein Rekord, und alle erhoffen sich davon materielle Vorteile: 86 Prozent der Österreicher, so eine Umfrage,
halten "Beziehungen zu Höhergestellten für wichtig bis sehr wichtig".
In solchem Klima wuchert Unkraut aller Art: Ein Finanzminister, der Steuern hinterzieht, ein Gewerkschaftsboß, der in die Kasse greift, Minister und mindere Funktionäre, die sich Gratis-Wohnungen oder Villen zu Spottpreisen ergaunern, ohne Belege Spesenmillionen verprassen, sich mit Kriminellen gemein machen und Pensionsberechtigungen ersitzen. Ein Verteidigungsminister, der einen SS-Kriegsverbrecher hofiert, ein Schiffeversenken im Indischen Ozean, das die halbe Regierung deckt. Ein Kanzler Fred Sinowatz, der immer mehr Mitarbeiter an den U-Richter verliert.
Eine "Sozialpartnerschaft der Korruption" diagnostiziert der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka für sein Land. "Was da in der Realität an Groteskem passiert, würde sich kein Kabarettist auf der Bühne zu zeigen trauen - man würde es ihm nicht glauben", wundert sich der Humorist Andreas Vitasek. Andre Heller findet: "Wir leben in einem Schundheft. Als Bürger kommt man mit dem Genieren nicht mehr nach."
Kein Simmel würde sich wohl trauen, einen Staatsanwalt zu erfinden, mit einer Richterin verheiratet und hoch angesehen, der einem notorischen Großbetrüger (und eifrigen Parteienspender) zehn Millionen Schilling (1,4 Millionen Mark) dafür abpreßt, daß er ein Betrugsverfahren gegen den international Gesuchten niederschlägt.
So geschehen in Wien an der Donau. Handelnde Personen: der Geschäftsmann Bela Rabelbauer, der allein in Österreich eine halbe Milliarde Schilling Steuern schuldet, und Staatsanwalt Lutz Moser, der die Bestechungs-Millionen, Edgar Wallace schau oba, in einem verwilderten Weinberg vergraben hatte.
Für Justizminister Harald Ofner ist''s "ein bedauerlicher Fall von Einzelkorruption". Seine Landsleute halten schon alles für möglich - wie denn auch nicht? Die Liste der laufenden Affären in der Republik reicht von A wie Androsch bis Z wie Zwentendorf:
Dauerbrenner ist die Affäre um Androsch, der wie kein anderer Politiker den Typus der neuen Klasse des geld- und privilegiengeilen Parteikarrieristen in der Zweiten Republik verkörpert.
Der "Bua aus dem Arbeiterbezirk Floridsdorf" in Wien, wie Genossen ihn rühmen, wurde mit 29 jüngster Abgeordneter und mit 32 jüngster Minister.
Als Kanzler Kreiskys Finanzminister und später sogar Vizekanzler glänzte der Diplomkaufmann Hannes Androsch gleichermaßen durch Vervielfachung der Staatsschulden und drakonisches Steuereintreiben wie als höchst erfolgreicher Mehrer eigenen Reichtums.
Der oberste Steuerkassierer der Nation war zugleich erfolgreicher Steuerverkürzer: Seine Steuerberatungskanzlei "Consultatio Revisions- und Treuhandges. m. b. H." gedieh unter der Personalunion des zuständigen Ministers und Mehrheitsinhabers (51 Prozent der Consultatio hielt Androsch selbst, 24 Prozent seine Frau, 25 Prozent der Prokurist und Diplomkaufmann Franz Bauer) so prächtig, daß sich ihr Umsatz binnen eines Jahrzehnts verzwanzigfachte.
Was Wunder, wo der Minister selbst eifrig Kunden aus der verstaatlichten Industrie keilte. Herausgeber Peter Michael Lingens in "Profil": "Eine Steuerberatungskanzlei zu gründen, wenn man Finanzminister geworden ist - ein Schwachsinniger würde in dieser Konstellation zum Millionär."
Auf die Frage, ob er Millionär sei, antwortete Androsch stereotyp mit "leider nein" - zu einer Zeit, da er und seine Frau über zwei Millionen Mark aus der Consultatio zogen. Er orderte in fünf Jahren beim Wiener Nobelschneider Knize 108 Maßanzüge für zusammen über 200000 Mark. Und er kam zu einer Zwei-Millionen-Mark-Villa in bester Lage, deren Finanzierung bis heute die Justiz beschäftigt.
Zuerst war''s ein spendabler Schwiegervater, Paul Schärf, Bruder des verstorbenen Bundespräsidenten Adolf Schärf, der die Anschaffung angeblich als "Erbvorschuß" mit Diskont-Krediten finanzierte. Als diese Version unhaltbar wurde, tauchte ein "Wahlonkel" auf, der Androsch mit Millionen aushalf, obwohl er "armutshalber" nicht mal 5000 Mark für das Begräbnis seiner Schwester auftreiben konnte.
Beide Nothelfer mußten sich mit Selbstanzeigen vor peinlichen Steuerverfahren retten. Zu der gleichen Notbremse griff auch noch Androsch-Kompagnon Bauer. Doch dem Minister half es wenig. Kanzler Kreisky entledigte sich des allzu smarten Stellvertreters, der für ihn längst zum "Kapitalisten" und "miesen Charakter" verkommen war und "Amtsmißbrauch begangen" hatte - so der Ex-Kanzler über seinen Ex-Minister Ende Juli in einem Interview.
Aber er machte ihn damit nicht ärmer: Androsch wurde, was er immer noch ist - Generaldirektor der größten österreichischen Bank, der verstaatlichten Creditanstalt, mit Jahreseinkünften von knapp einer Million Mark.
Ein Steuerstrafverfahren, vom Oppositions-Abgeordneten Michael Graff in Gang gebracht, verfolgt Androsch seit Jahren. Gerade als es ergebnislos einzuschlafen schien, gab ihm Androsch-Nachfolger Herbert Salcher durch eine Anzeige neuen Auftrieb. Salcher mußte dafür seinen Hut nehmen, die Ermittler wurden fündig: Sie deckten reihenweise Androsch-Schwarzkonten auf, bei denen plump manipuliert worden war, orteten zudem Überweisungen aus der Schweiz.
Doch der steuerversierte Diplomkaufmann verstand es, die Schwarzgelder so auf die Familie aufzuteilen, daß der Einzelbetrag jeweils unter der Grenze von 500000 Schilling blieb, von der an ein Strafverfahren zwingend ist. Das Geld aus der Schweiz erklärte er mit Bilderverkäufen.
Selbst für den Fall, daß noch mehr zutage kommen sollte, ist schon vorgesorgt. Genossen haben einen Gesetzentwurf vorgelegt, der die Strafgrenze im Einzelfall von einer halben auf eine Million Schilling hinaufsetzt - auch für laufende Verfahren.
Ex-Kanzler Kreisky zu dieser "Lex Androsch": "Wenn das Finanzstrafgesetz aus diesem Grund und in dieser
Weise geändert werden soll, dann wäre das der schwerste Schlag gegen die Demokratie und den Rechtsstaat. Dann würde sich die Politik zur Prostituierten gewisser Cliquen machen."
Für den "bisher größten" - was sicher falsch ist -, "vor allem aber den plumpesten Korruptionsfall in unserer Zweiten Republik", so die Zeitschrift "Basta", steht Karl Sekanina. Der Bautenminister und gewerkschaftliche Multifunktionär mußte im Februar alle seine Funktionen abgeben, nachdem herausgekommen war, daß er als Obmann der Metallarbeitergewerkschaft der Mitgliederkasse 437000 Schilling (etwa 63000 Mark) entnommen hatte, um sich und seinem Sohn je einen neuen BMW zu genehmigen.
Als der Griff in die Kasse ruchbar wurde, zahlte Sekanina den "Vorschuß" zurück - und bediente sich mit 400000 Schilling aus dem Topf der sozialistischen Fraktion seiner Gewerkschaft. Als die Genossen auch dies nicht goutieren mochten, trat der schwergewichtige "Karli", der auch mal Präsident des Österreichischen Fußballbundes war, in Raten zurück - seinem Kanzler Sinowatz grollend: "Den depperten Frischenschlager behält er, und mich läßt er einfach gehen!"
Erst nach dem Abtreten wurde offenbar, was im Genossenkreis längst herum war. Der Karli hatte auch anderweitig Dreck am Stecken: eine zum halben Preis aus Gewerkschaftsfilz erworbene Villa in Wien und dubiose Milliarden-Aufträge an gute Freunde.
Der laut Sekanina "depperte Frischenschlager", Verteidigungsminister aus den Reihen der in Österreich noch immer braun angehauchten Freiheitlichen Partei, hatte seiner Heimat negative Schlagzeilen von China bis Simbabwe beschert, als er im Januar den von Italien gnadenhalber entlassenen Kriegsverbrecher Walter Reder persönlich als "letzten österreichischen Kriegsgefangenen" vom Flughafen abholte und in ein Militärhospital brachte. Frischenschlager: "Ganz Österreich ist froh."
Der Minister Willibald Pahr, parteilos, von Kreisky dennoch zum Außenminister-Darsteller erkoren, war schon ex, als seine Affäre ruchbar wurde: eine Haus-Erneuerung in Wien, gratis oder zu Diskontpreisen von Baufirmen besorgt, die vom Außenministerium mit lukrativen Aufträgen bedacht worden waren wie Renovierung der Botschaftsgebäude in Budapest und Paris.
Exzellenz Pahr repräsentiert derweil Österreich weiterhin als Botschafter in Bonn und ist auch immer noch Wiens Kandidat für den Posten eines Generalsekretärs der Uno-Welttourismusorganisation WTO; die Wiener lassen halt keinen der Ihrigen verkommen - und was wissen die dort bei der Uno schon!
Der amtierende Außenminister Leopold Gratz, in eine Reihe von Affären verstrickt, wollte gar zu billig wohnen. Der frühere Wiener Bürgermeister mietete sich in einem gemeindeeigenen Gründerzeitpalais im 1. Wiener Bezirk ein - auf 224 Quadratmetern zu einem Mietzins von 1818 Schilling, gerade eine Mark pro Quadratmeter. Weil er aber "wegen der Außenpolitik und nicht wegen privater Dinge in der Zeitung stehen will", meldete sich Gratz, einen Tag nachdem "Wochenpresse"-Redakteur Gerald Freihofner die "Diskont-Unterkunft" enthüllt hatte, dort wieder ab.
Die G''schichten aus dem Wienerwald summieren sich zu einer schier unendlichen Kette von Affären. Niederösterreichs ÖVP-Landeshauptmann Siegfried Ludwig verhinderte eine Strafverfolgung wegen ungeklärter Parteienspenden und Verstrickung in eine Wohnbauaffäre mit Milliardenpleite sowie dubiosen Immobiliengeschäften: Er verschanzte sich hinter parlamentarischer Immunität.
Sein Kollege in Salzburg, Wilfried Haslauer, gleichfalls von der ÖVP, nahm Geld von Flick. Flick-Buchhalter Rudolf Diehl notierte "wg. Haslauer" zweimal 41420 Mark - je 300000 Schilling -, aber Haslauer beteuert, nur einmal 200000 Schilling bekommen zu haben, und bedankte sich brieflich "für die hochherzige Unterstützung unserer Gesinnungsgemeinschaft". Der Verbleib der restlichen 400000 ist ungeklärt.
Der burgenländische Provinzfürst Theodor Kery, zur Abwechslung wieder mal ein Sozi, dekretierte noch Ende Juli tollkühn: "Es gibt keinen Weinskandal." Durch seine Frau, die heimlich eine Photographin ins Haus bestellte, weil sie sich fürchtete, wurde der Landeschef als leidenschaftlicher Aufrüster bekannt: 36 Schußwaffen, auch Maschinenpistolen, für die der Politiker nicht die erforderliche Sondergenehmigung hatte, lagerten in Kerys Villa.
Ein Schießkeller im Haus diente der Erprobung des Kriegsspielzeugs. Kery will aber noch höher hinaus: Seinen Chauffeur bedachte er mit 100000 Schilling (14000 Mark) aus der Sportförderung des Landes, auf daß der fliegen lerne - Trinkgeld allenfalls, verglichen mit den Milliarden, die der zweifellos größte Korruptionsskandal der Alpenrepublik die Steuerzahler kostete.
Bei der AKH-Affäre, die weit über Österreichs Grenzen reicht, konnte ein vielfach verschachtelter Korruptionsklüngel sich aus einem Topf bedienen, der bisher mit etwa sechs Milliarden Mark gefüllt wurde.
Binnen zehn Jahren sollte das neue Allgemeine Krankenhaus in der Hauptstadt
fertig werden, ganze hundert Millionen Mark waren dafür veranschlagt. Das inzwischen in seiner Konzeption total überholte Spital, das zum Wohl der Patienten am besten gesprengt werden sollte, ist immer noch nicht fertig, vielleicht 1992. Sechs Milliarden Mark hat es bis heute gekostet. Davon flossen über 300 Millionen Mark an Schmier- und Schwarzgeldern in tausend dunkle Kanäle. Empfänger oder Beteiligte, soweit nicht angeklagt und bereits abgeurteilt, verbergen sich unter Firmen-Anonyma wie Abo und Akpe, Consultatio und Ökodata, Agiplan und Techmed, Medconsult und Odelga - und wer dabei mitkassierte, ist Sprengstoff für die Republik.
Als die AKH-Affäre aufflog, mochten viele Österreicher nicht dran glauben, daß es so etwas in ihrem Lande gibt. Heute können sie sich kaum noch darüber aufregen, es ist viel zu abstrakt.
Als Affäre, die wirksam ins Fernsehbild gebracht werden kann, ist ihnen der Konflikt um den Bau des umstrittenen Donaukraftwerks Hainburg nach einem unkorrekten Genehmigungsverfahren anschaulicher. Im Kampf gegen den Aberwitz, ein solches Monstrum in den letzten großen Auwald Europas setzen zu wollen, wurde die alpenländische grüne Bewegung geboren.
Ein anderes Kraftwerk hatte Österreich schon früher weltweit ins Gerede gebracht: der Atommeiler Zwentendorf. Für 1,2 Milliarden Mark gebaut, ging das Atomkraftwerk an der Donau nie ans Netz. Es vergammelt als "teuerste Ruine aller Zeiten" ("Der Tagesspiegel"), seit Ende 1978 in einer Volksabstimmung 50,47 Prozent der Österreicher gegen die Kernkraft votierten. Das wollen E-Lobby und Regierung nun nicht mehr wahrhaben: Eine neue Volksabstimmung soll das Ergebnis korrigieren und Österreich vielleicht doch noch am Atomzeitalter teilhaben lassen - mit unterdessen überholter Technik und zusätzlichen Kosten in doppelter Höhe der ursprünglichen Investition.
Affären ohne Ende wie in Schnitzlers "Reigen", eine in die andere übergreifend, man möcht'' sich fast von Nestroy trösten lassen: "Es ist alles nit wahr, es ist alles nit wahr" - doch es ist alles wahr und noch viel mehr.
Das neutrale Österreich verramscht munter Waffen in Krisenherde - etwa Panzer und Kanonen auf Umwegen in den Irak - und kauft für seine eigene Luftverteidigung (zu der es sich laut Staatsvertrag verpflichtet fühlt) ein paar Schrottflugzeuge aus Schweden.
Doch der Skandal der Skandale, "eine österreichische Staatsaffäre, neben der Skandale a la Flick langweilig wirken" ("Die Zeit"), rankt sich um den buntesten Hund von Wien. Dessen Lebenslauf, längst zum Vorleben geraten, würde die Phantasie jedes Krimi-Autoren überfordern.
Dieser Udo Proksch ist, so der Ex-Mann seiner Ex-Frau Erika Pluhar, Andre Heller, "ein chaotischer, charismatischer Querdenker, dem jeden Tag eine andere Verrücktheit einfällt".
Und ob. Der Besitzer der "k. u. k. Hofzuckerbäckerei Ch. Demels Söhne" war Schweinehirt und Filmschauspieler, heiratete die Wagner-Urenkelin Daphne und brachte die Frau des Philippinen-Diktators, Imelda Marcos, nach Wien, um ihr ein Krankenhaus zu verkaufen und ihr dafür den Friedensnobelpreis zu verschaffen (beides mißlang).
Er, der als Student Leichen gewaschen hatte, kreierte für die Gemeinde Wien ein "Leichentuch erster Klasse" und warb für das Senkrecht-Begräbnis als "Stehplatz für die Ewigkeit". Er wollte, Disneyland brutal, ein "Land des Krieges" bauen, in dem Männer beim Soldatenspielen einander verkrüppeln könnten - selber schaffte er das beinahe beim Fallschirmspringen oder als er einmal von ungarischen Geheimdienstlern halb zu Tode geprügelt und über die Grenze heim nach Österreich geworfen wurde.
Als Osthändler und Hochtechnologie-Zwischenhändler des sogenannten Wiener Ringes steht er mehrmals auf der entsprechenden "Schwarzen Liste" Washingtons - und pflegte persönlichen Umgang mit Nikita Chruschtschow. Helmut Schmidt, damals Verteidigungsminister, lernte er, wie er beiläufig erwähnt, bei Otto Wolff von Amerongen kennen. Der umtriebige Udo machte aber auch Geschäfte mit König Hussein oder Idi Amin - "Ich habe ihm eine Sackfabrik verkauft", sagt er selber, Waffen seien es gewesen, meinen seine Gegner.
Da ihm Proksch zu prosaisch war, legte er sich noch den Künstlernamen Serge Kirchhofer zu. Für sein Alias bekam er auch, gegen alle Regel, einen Paß.
Waffennarr Proksch, der stets mit einer geladenen Neun-Millimeter-Pistole herumläuft, ist für seine Freunde einer, "dessen Leben wir gern führen würden, aber wir trauen uns nicht" (so sein Anwalt Damian).
Er gründete, unermüdlich, immer wieder Firmen, mal eine Zeitschrift, die den katholischen Laien-Verein Opus Dei mitfinanzierte, mal einen "Nachrichtendienst", der bis zu hundert Mitarbeiter hatte (Presseausweis vom Wiener Polizeipräsidenten), aber nie eine Zeile veröffentlichte. Oft gingen die Unternehmen pleite - meist zum Schaden der häufig wechselnden Kompagnons.
"Udo Proksch gehört zu den Leuten, die zwar andauernd im Gerede sind, denen man aber nichts nachweisen kann", schrieb die Wiener Kolumnistin Sigrid Löffler. "Er ist Händler mit einer Vorliebe für den Zwischenhandel zwischen Zwischenhändlern."
Dieses Hobby brachte ihn letztlich auch in jene Bredouille, in der er und seine "Haberer" aus der großen Politik jetzt stecken. Der Mann, der sich gern in Napoleon-Habitus photographieren läßt und früher auch einmal, nur so, "Europa in die Tasche stecken wollte", kann heute zumindest die Zweite Republik ins Wanken bringen.
Napola-Zögling Proksch lernte nach dem Krieg Landwirtschaft, schürfte im Pütt Kohlen, studierte angewandte Kunst und entwarf für den Plastik- und Brillenfabrikanten Wilhelm Anger die "Viennaline"- und "Carrera"-Brillen. Er trieb sich zwischen Hollywood und Afghanistan herum; 1957 blieb er nach Weltjugendfestspielen in Moskau hängen, studierte dort an der Filmakademie Eisenstein, sagt er. Österreichs Abwehr sieht ihn seither "in Verbindung zu Personen, die wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit vorgemerkt sind".
Proksch verkaufte für die Firma Anger Plastikfabriken vor allem in die Sowjet-Union, aber auch allerlei andere selbstentworfene Industrieanlagen in die Dritte Welt. Oftmals funktionierten die nicht, doch nützliche Kontakte zu zuständigen Ministern sorgten für meist reibungslosen Absatz. Vom österreichischen Staat kassierte die Firma Exportförderungsbeiträge - und zeigte sich mit großzügigen Parteienspenden erkenntlich.
Als Geldbriefträger lernte Proksch jene kennen, die in der Alpenrepublik das Sagen haben, zu Zeiten der ÖVP-Regierung Klaus meist Schwarze, unter Kreisky dann die Roten.
Uraltfreund ist Leopold Gratz, früher Bürgermeister von Wien, zur Zeit Außenminister. Für ihn besorgte Proksch mal einen feinen englischen "Daimler" zum halben Preis, später ein stilvolles Ambiente für den Aufsteiger und dessen Genossen.
1972 nämlich kaufte der Udo-in-allen-Gassen die traditionsreiche Hofzuckerbäckerei Demel, die zu Wien gehört wie der Stephansdom und das Riesenrad. Nicht er persönlich, denn an einen gemeinen Herrn Proksch hätte der fast bankrotte letzte Besitzer, Baron Federico Berzeviczy-Pallavicini, wohl kaum veräußert.
Nach außen hin bemühte sich seine damalige Lebensgefährtin, die Altgräfin Cecily ("Kik") Salm-Reifferscheidt, um die Rettung des Demel. Die Gesellschaft, von der die 18 Millionen Schilling für den Kauf kamen, war in der Schweiz registriert. Für zehn Prozent ließ sich Proksch selber eintragen.
Als der neue Herr der alten Institution, aus der sich einst sogar der Kaiser sein Naschwerk liefern ließ, die Demel-Auslage zum 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution mit einem blutenden russischen Herzen und dem brennenden Winterpalast aus Zuckerguß schmückte, regte das den greisen Dichter Alexander Lernet-Holenia, angeblich illegitimer Habsburg-Sproß, so sehr auf, daß er ins Demel spuckte.
Hausherr Proksch, der den Demel unter Freunden fortan "mei Hütt''n" nannte, etablierte die Plebs im Tortenpalast. 1973 gründeten er und Gratz dort den "Club 45", eine "gesellschaftliche Vereinigung mit dem Zweck, untereinander Kontakt zu pflegen" ( 2 der Statuten).
Mitglieder wurden vor allem Politiker, Manager, Beamte, Künstler und Journalisten der 45er Generation - jener, die nach dem Krieg anfing, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen. Bald gehörten dem Männerbund, der da im k.u.k.-Ambiente dinierte, trank und intrigierte, rund 250 Herren an, die nicht nur Macht innehatten, sondern vor allem zu ihr verhalfen: Nach 1975 wurde in Österreich kaum einer Minister, der nicht zu den 45ern zählte.
Im Club trafen sich die Regierenden (die Hälfte der Minister waren zahlende Mitglieder) mit Machern vom Fernsehen, dem Direktor des Burgtheaters oder dem Polizeipräsidenten. Über die "Rote Loge", wie der Club bald genannt wurde, avancierte der leicht tolpatschige Proksch-Freund und Brigadier Karl Lütgendorf
zum Verteidigungsminister Kreiskys.
Der Demel und sein Club wurden - Präsident der 45er war schließlich Bürgermeister Gratz - mit öffentlichen Mitteln subventioniert. Proksch ging''s prächtig. Er kaufte sich und seiner Gräfin, mit der er unterdessen zwei Kinder hatte, das Schloß Paasdorf in Niederösterreich und machte eifriger Geschäfte denn je - in immer zwielichtigerem Milieu. Die Heeresabwehr verdächtigte ihn, "1973 und 1974 über eine Firma in Liechtenstein Kriegsausrüstung in den Nahen Osten verkauft zu haben".
Tatsächlich arbeitete ein Syrer, der enge Beziehungen zu Verteidigungsminister Tlas hatte, damals bei Proksch. Über illegale Waffengeschäfte mit Tlas stürzte auch Proksch-Freund Lütgendorf, der später unter mysteriösen Umständen erschossen im Wald aufgefunden wurde.
Vor den Wahlen im Jahre 1979 organisierte Proksch zusammen mit dem sozialistischen Parteianwalt Heinz Damian und allerlei Schweizer Geschäftspartnern eine Kampagne für den sozialistischen Kanzler, die fünf bis sechs Millionen Schilling, also fast eine Million Mark, kostete und in den Zeitungen unter "Geschichten vom Dr. Kreisky" lief.
Darin warb der Initiator gleich doppelt - als Proksch und als Kirchhofer, beide Male "Unternehmer" - für den "erfolgreichen" Kreisky. Prominente aus Kultur und Business bekundeten gleichfalls ihre Sympathie für den Dr. Kreisky: Christiane Hörbiger ("ein Glücksfall"), Curd Jürgens ("der vorbildlichste europäische Staatsmann"). Proksch-Partner Peter Daimler (Motto: "Was brauche ich eine Kriminalität, solange es eine Handelsspanne gibt") textete in seiner Anzeige als "Industriekonsulent" dankbar: "Kreisky ist mit Österreich gewachsen. Und wir mit Kreisky."
Als die oppositionelle ÖVP nach Kreiskys glänzendem Wahlsieg wissen wollte, woher denn die Millionen für die Inserate gekommen seien, wußte keiner was. Kreisky: "I kann mir net den Kopf zerbrechen, wer gibt."
Proksch phantasierte, es seien wohl Auslandsösterreicher in der Schweiz gewesen: "Ich glaube, daß dort eine Angst gewisser Kreise herrscht, daß es eventuell zu einem sehr starken Bolschewismus kommen könnte, wenn hier nicht eine bedeutende internationale Persönlichkeit wie Kreisky an der Spitze ist."
Es hatten keine Auslandsösterreicher gesammelt. Das Geld kam von schweizerisch-liechtensteinischen Briefkastenadressen, die just an solchen Häusern standen, in denen bei anderen Briefkastenfirmen zuvor Schmiergeld-Millionen aus Wien eingegangen waren.
An der Donau mußten nämlich immer mehr 45er ihren Club mit dem Knast vertauschen - der AKH-Skandal platzte. So gut wie alle Hauptbeteiligten waren Mitglieder im Club 45 gewesen oder hatten dort verkehrt. "Dort ist das alles ausgekocht worden", sagt ein Insider.
Abhanden gekommen sind dabei gut zwei Milliarden Schilling. Bisherige Verfahren konnten erst einen kleinen Teil des Geldschwundes klären. Wo der Rest hingekommen ist, darüber könnte der Hausherr des Vereins am besten Bescheid wissen und darüber Unterlagen deponiert haben, in dem die Chose ausgekungelt wurde - Udo Proksch.
Er aber ist über sein bisher bizarrstes Geschäft in eine Klemme geraten, aus der er nicht herauskommt, obwohl ihm mächtige Freunde bis zur Selbstverleugnung beistehen: die Affäre um den Untergang des Frachters "Lucona", bei dem es um eine Versicherungssumme von 212 Millionen Schilling und sechs Tote geht: Die unter panamaischer Flagge laufende MS "Lucona", ein 1200-Bruttoregistertonnen-Frachter, machte bei schönem Wetter gute Fahrt im Indischen Ozean auf ihrer Route von Chioggia bei Venedig nach Hongkong.
Kapitän Jacob Puister lag in der Koje seiner Kabine und hielt Mittagsruhe. Seine Frau saß auf der Brücke und nähte.
Plötzlich krachte, ratschte und dröhnte es, Scheiben barsten, Luken brachen, Qualm- und Dunstwolken zogen auf, in knapp zwei Minuten dann soff die 75 Meter lange "Lucona" mit Steuerbord-Schlagseite und sechs Menschen an Bord über den Bug ab.
Vier Mann der Besatzung sowie der Kapitän und seine Frau konnten sich noch rechtzeitig auf ein Floß retten. Zehn Stunden später fischte der türkische Öltanker "Sapem 1" die Schiffbrüchigen aus dem Meer.
Die Katastrophe ereignete sich am 23. Januar 1977, 15.50 Uhr Ortszeit, unweit der Malediven. Doch juristisch geregelt und finanziell erledigt ist die Angelegenheit auch nach achteinhalb Jahren nicht.
Vielmehr, je länger sich die Causa, wie die Österreicher gern sagen, durch die Instanzen schleppte, um so mehr gedieh sie zur Cause celebre, zum bisher _(Nach der Zeugenaussage für Udo Proksch. )
größten, längsten und teuersten Zivilverfahren der Alpenrepublik.
Prominente Politiker hängten sich ins laufende Ermittlungsverfahren. Außenminister Leopold Gratz wie Innenminister Karl Blecha (beide SPÖ) und Justizminister Harald Ofner (FPÖ) stellten sich mit ihrem ganzen Gewicht vor die zentrale Figur der "Lucona"-Affäre - vor Udo Proksch, den Demel-Cafetier.
Die ganze Regierung geriet in den Ruch der Kabinettsjustiz. Anhänger der konservativen ÖVP-Opposition im Nationalrat boten in zahlreichen provokanten Parlamentsanfragen ihre Deutung für die Eingriffe: Der hochrangige Beistand solle wohl verhindern, daß allerlei Leichen exhumiert würden, die in den Club-Räumen der ehemaligen k.u.k.-Hofzuckerbäckerei Demel angefallen sein dürften. Hausherr Proksch wisse wahrscheinlich zuviel und könnte, von seinen Freunden in arger Bedrängnis alleingelassen, sich rächen und plaudern.
Nicht das Ableben von sechs Menschen löste die jetzt anhängige strafrechtliche Untersuchung des Hergangs aus. Der Verlust des Schiffes wurde zunächst ohne große Ursachenforschung abgedeckt: Die "Lucona" war kaskoversichert. Die holländische Versicherung "Roelofs" zahlte nach kurzer Verhandlung in Rotterdam drei Millionen Gulden - klagt aber jetzt auch gegen Proksch.
Im harten prozessualen Schlagabtausch um die Versicherungssumme für die versunkene Ladung wurden Kripo, Staatsanwalt und Strafrichter bemüht - zur Vorbereitung der nächsten Zivilgerichtsrunden. "Auf Regimentskosten wird hier der Zivilprozeß aufbereitet", formulierte der Proksch-Bevollmächtigte, Anwalt Dr. Heinz Damian.
Sein Mandant werde am Ende der Ermittlungen allemal fein raus sein und zumindest einen Teil der Versicherungssumme kassieren. Denn der Jurist ahnt: "Selbst wenn das Schiff explodiert sein sollte, eine Kausalität wird sich nie nachweisen lassen."
Die Gegenseite schätzt die Beweislage anders ein - für sie ist ein Betrug längst offen- und aktenkundig.
Gestritten wird um ein Vermögen von über 30 Millionen Mark, dazu Zinsen seit Frühjahr 1977, Prozeß- und Anwaltsgebühren sowie Nebenkosten beispielsweise für Detektive, alles in allem zusätzliche Beträge in zweistelliger Millionenhöhe.
Klägerin ist eine in der Schweiz ansässige "Zapata"-Aktiengesellschaft, hinter der Proksch steht, Beklagte die Wiener Versicherungsanstalt der österreichischen Bundesländer, eine von der ÖVP beherrschte AG, bei der es mit der Rückversicherung hapert. Für den ebenso umtriebigen wie hartnäckigen Rechtsvertreter der betroffenen Assekuranz, den Wiener Rechtsanwalt Dr. Werner Masser, ist die trotz des langwierigen Verfahrens ungeklärte Kernfrage - Wie kam es, daß ein seetüchtiges Schiff, Baujahr 1966, bei schönstem Wetter plötzlich absoff? - längst zu beantworten. Masser: "Die ''Lucona'' mußte sinken, weil sie wegen der Beschaffenheit ihrer Ladung niemals den Bestimmungshafen erreichen durfte."
Konkret meint der Anwalt, statt einer teuren Uranerz-Aufbereitungsanlage, wie seinen Mandanten vorgetäuscht, habe der Frachter billigen Schrott befördert. Der Ablauf sei von vornherein auf Versicherungsbetrug angelegt, das Schicksal des Schiffes folglich schon bei dessen Auslaufen besiegelt gewesen.
Sachverständige, wie gehabt, widerlegen oder stützen die These. Einer meint, das Schiff könnte auf ein unter Wasser treibendes Wrack gelaufen sein, ein anderer Experte hält "die Vermutung", daß eine gewollte Sprengstoffexplosion die "Lucona"-Katastrophe verursacht hat, "nicht für unrealistisch". Auch von "Fernzündung" ist die Rede, "technisch ohne weiteres möglich".
Proksch-Anwalt Damian räumt denn auch ein: "Es war halt ein typisch dilettantisch gemachtes großes Ostasien-Geschäft."
Vor nunmehr zehn Jahren, im Juli 1975, hatte die Schweizer Gesellschaft Zapata, so legte die zunächst dar, mit der North Pacific Trading Ltd., Hongkong, der späteren Nebenklägerin im Streit gegen die Versicherung, einen Vertrag abgeschlossen. Danach verkaufte die Zapata für rund 32 Millionen Schweizer Franken eine komplette technische Anlage zur Aufbereitung von uranhaltigem Erz "nebst Know-how" (70 Kilo Pläne) sowie Maschinen und Geräte für die Errichtung und den Betrieb der Anlage.
Verschiedene Zulieferungen für das Werk sollten im niederösterreichischen Piesting zusammengestellt werden, auf dem Fabrikgelände der Firma "Pinosa Ges.m.b.H", einer österreichischen Tochter der Zapata. Von dort war Weitertransport über Land in den italienischen Hafen Chioggia vorgesehen, Zwischenlagerung und alsdann Verschiffung nach Hongkong:
Mit dieser Darstellung wandte sich am 6. Mai 1976 Udo Proksch an die Bundesländer-Versicherungsanstalt, bei der er nach eigenen Angaben schon "64 andere Policen" hatte. Der gesamte Vorgang möge versichert werden. Ende Juni wurde die Police ausgestellt. Die Versicherungssumme belief sich auf die immer noch umstrittenen 31360725 Schweizer Franken. Die Prämie betrug 281275 Franken und wurde in Raten bezahlt.
Am frühen Morgen des 6. Januar 1977 war die "Lucona" mit Kisten und Containern, laut Zapata rund 700 Tonnen, beladen und lief ein paar Stunden später Richtung Hongkong aus.
Als der Versicherungsfall am 23. Januar eingetreten war und die Zapata prompt Kasse machen wollte - gleich mal 15 Millionen Franken a conto -, wurde die "Bundesländer" förmlich. Sie verlangte interne Unterlagen, um den Schaden überprüfen zu können. Die Zapata legte zögerlich einen geringen Teil der gewünschten Papiere vor, berief sich im übrigen auf Geschäftsgeheimnisse.
Die Versicherung holte zwei Gutachten darüber ein, wie die Uranerz-Aufbereitungsanlage nach den von der Zapata ausgehändigten Dokumenten zu bewerten sei. Übereinstimmendes wie erstaunliches Fazit: Die Rechnungsangaben lägen im Schnitt sechs- bis achtfach über dem wirklichen Wert der Ware.
Solche Erkenntnisse veranlaßten die Versicherung, vor einer etwaigen Leistung auf weiterer Abklärung zu beharren. Die Zapata erhob Klage. Die Käuferin North Pacific Trading, die sieben Millionen Franken angezahlt haben will, schloß sich als "Nebenintervenient" an.
Bereits in diesem ersten Verfahren vor dem Wiener Handelsgericht zeichnete sich ein trüber Hintergrund ab.
Ein zur Ortsbesichtigung auf das Pinosa-Areal in Piesting entsandter Sachverständiger fand dort bloß "ein Chaos von Stahl und Schutt". Einst auf Harzverwertung zugeschnittene Einrichtungen wie Bunker, Kocher, Waschanlagen könnten "einer Nutzung überhaupt nicht zugeführt werden".
Die beklagte Versicherung wiederum recherchierte: Die Verkäuferin (Zapata) sei eine reine "Domizilgesellschaft", eine Scheinfirma, die "keine sichtbaren Geschäfte tätigt und keine Angestellten beschäftigt". Deren Tochter Pinosa - auf "die Erzeugung von chemischen Fettwaren" spezialisiert - "übt nur sporadisch eine Geschäftstätigkeit aus".
Die Käuferin der Uranerz-Anlage, trug die Versicherung weiter vor, die NPT in Hongkong, gebe als Geschäftszweck den Im- und Export von Bekleidung, Pelzen, Handtaschen und Accessoires an. Ihr Haftungskapital betrage 100000 Hongkong-Dollar, von denen 20 eingezahlt wurden - von Proksch-Bekannten.
Die Kläger wurden abgewiesen, insgesamt dreimal. Beim Wiener Oberlandesgericht errangen sie jedoch nach Jahren einen erheblichen Teilerfolg. Die Oberrichter befanden, der Anspruch gegen die Versicherung bestehe "dem Grunde nach" zu Recht.
Auf Beschluß des Obersten Gerichtshofs jedoch wurde der komplette OLG-Senat, der den Spruch gefällt hatte, wegen Besorgnis der Befangenheit abgelöst. In neuer Besetzung verwies das Oberlandesgericht die Sache zum vierten Mal an das Handelsgericht "zur weiteren Verhandlung und neuerlichen Entscheidung" zurück.
Die "Bundesländer" baut nun auf die beamteten Erheber. Denn wie die Oberlandesrichter wußten, liefen zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung, am 30. Dezember 1984, längst strafrechtliche Ermittlungen gegen Udo Proksch und andere wegen Betrugsverdachts.
Im Zivilverfahren hatte Anwalt Masser einer Schweizer "Ercona AG", sprich dem Privatdetektiv Dietmar Karl Guggenbichler, Ermittlungsauftrag wegen "Versicherungsbetruges" erteilt - mit dem aufschlußreichen Hinweis, daß seine Mandanten nur "auf legalem Wege" beschafftes Beweismaterial verwerten könnten.
Guggenbichler "alias Bartaloff" - so Proksch alias Kirchhofer - gelang es mit _(Im niederösterreichischen Piesting. )
gewiß nicht immer koscheren Einsätzen, grelles Licht in die internationale Erz-Affäre - und vor allem amtliche Untersuchungen auf den Weg zu bringen.
Im Juli 1983 erstattete Guggenbichler Strafanzeige gegen Proksch und persönliches Umfeld - im "schwarzen" Salzburg, da er sich im "roten" Wien nur Schwierigkeiten davon versprach. Die Kripo meldete einen Monat später der Staatsanwaltschaft konkreten Mord - und Betrugsverdacht. Die Versicherung schloß sich als "Privatbeteiligte" dem Verfahren an.
"Nach grober Sichtung" von knapp 100 Aktenmappen, die während Haussuchungen bei Proksch und Daimler beschlagnahmt worden waren, meldete die Kripo der Staatsanwaltschaft: Es ergäben "sich zahlreiche Widersprüche" zu dem "Sachverhalt, wie er im Zivilprozeß dargestellt" worden sei.
Im entsprechenden Bericht an den Strafrichter heißt es schon deutlicher, die "Vorgänge" um das Schifferlversenken begründeten "den Verdacht des Betruges". Angebliche Konstruktionspläne seien lediglich von sichergestellten Vorlagen und Prospekten abgepaust oder abgemalt und nachträglich mit Daten versehen, andere Dokumente durch Kopieren "manipuliert worden".
Immer neue Beweise zwangen die Zapata und Partner, ihre ursprüngliche Version von der Geschäftsabwicklung des "Project UPP 101, XB 19 T 75, CHIH-MA" (so Prokschs Kürzel für den Deal) ratenweise umzugestalten: *___Nicht die Zapata habe die Anlage hergestellt, sondern ____das Schweizer Unternehmen "Decobul AG" eines Erwin ____Egger, gegen den in der Schweiz ein Verfahren läuft; *___nicht diese Firma (die sonst "Scharniere für ____Schmuckkästen" fertigt) sei die Produzentin, sondern ____ein N.N.; *___der wirkliche Produzent müsse unter allen Umständen ____geheim bleiben, auch die NPT Hongkong sei in Wahrheit ____nicht Endabnehmerin, vielmehr vorgeschaltet, um den ____schutzwürdigen Käufer abzudecken.
Verheerend für Proksch und Partner waren Geständnisse, die zwei ehemalige Handlanger Ende Juli und Anfang August vergangenen Jahres ablegten. Der frühere Prokurist einer Spedition, die vielfältige Zulieferungen für die Erz-Anlage transportiert haben soll, gab zu, daß er "gefälligkeitshalber" etliche "Lieferscheine" und "Pro-forma-Rechnungen" ausgestellt habe. Die angeführten "Verladungen" hätten nie stattgefunden.
Der Zolldeklarant einer anderen Firma bekannte, daß auch er aus "Gefälligkeit" gemauschelt habe. Im Zivilprozeß aber hatte die zollmäßige Abfertigung der Ware als Beweis für die korrekte Beladung der "Lucona" gegolten. Nun stellte sich aber heraus, "daß der Deklarant die aufgrund der Papiere zollmäßig behandelten Container" gar nicht selbst gesehen hatte. Er wußte auch nicht, ob tatsächlich "die ihm früher mal gezeigten Maschinenteile in die Container gekommen waren". Nach der Aussage erlag er einem Herzanfall.
Zur handfesten Belastung kam bedenkliches Beiwerk. Ein Gendarm entdeckte, was der Bundesländer nicht aufgefallen war: daß sich Proksch-Anwalt _(In einem Demel-Salon vor dem Porträt des ) _(jungen Kaisers Franz Joseph I. )
Damian nach dem Unglück bei der Versicherung mit einer spezifischen Vollmacht für den etwaigen Versicherungs-Fall gemeldet hatte, die vom 22. Dezember 1976 datierte - als das Schiff noch nicht einmal beladen war.
Je tiefer Proksch in Verdacht geriet, um so massiver wurde ihm namhafter Beistand zuteil. Beispielsweise griff Innenminister Karl Blecha am 19. November vergangenen Jahres ein.
"Über Weisung des Herrn Bundesministers" wurde aus seinem Haus fernschriftlich "verfügt, daß die Erhebungen in der Strafsache Udo Rudolf Proksch ... mit sofortiger Wirkung einzustellen sind". Nach dieser "Ungeheuerlichkeit" fragten die Abgeordneten Graff, Lichal und Kollegen den Minister im Parlament, ob er seine "gesetzeswidrige Weisung aus eigenem Antrieb erteilt" habe oder "dazu von jemanden veranlaßt" worden sei und "welche Konsequenzen" er wegen der "schweren Rechtsverletzung" ziehen werde. Blecha erklärte die "ungeheuerlichen Behauptungen" zum schieren Mißverständnis.
Justizminister Ofner wiederum ließ sich über den Stand der Strafsache von Anfang an laufend informieren, seit sie begonnen hatte. Im August 1983 stellte er die Angelegenheit "im Hinblick auf die Publizität" unter Berichtspflicht.
So war der Minister auch im Bilde, als der Wiener Staatsanwalt Wolfgang Mühlbacher bei der ihm vorgesetzten Oberstaatsanwaltschaft im vergangenen Herbst entschieden darauf drängte, eine richterliche Voruntersuchung beantragen zu dürfen. Weiteres Zaudern sei "sachlich nicht vertretbar". Oberstaatsanwalt Wasserbauer blockte ab - "mangels eines konkreten und ausreichenden Tatverdachts gegen Proksch und Daimler" und empfahl zunächst "Vernehmungen im Ausland".
Der frühere Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Herbert Löbenstein urteilt: "Die rechtswidrigen Weisungen, die es in der Affäre Proksch gab, rütteln an den Grundsäulen des Rechtsstaates. Daß gegen Kriminalbeamte, Staatsanwälte und U-Richter, die in der ''Lucona''-Affäre tätig wurden, wegen des Verdachts des Amtsmißbrauchs untersucht wird, während gegen die Verdächtigten nicht einmal eine Voruntersuchung eingeleitet werden darf, ist ein Skandal."
Wegen dieses Vorgangs unter anderem erlaubte sich denn auch Versicherungs-Anwalt Masser, "zur allfälligen Überlegung zu stellen": Ofner möge sich wegen seiner "Befangenheit" künftig gefälligst aus der Strafsache Proksch heraushalten.
Der Wiener Richter Wilhelm Tandinger war aber ohnehin nicht zu bremsen. Am 15. Februar dieses Jahres ließ er nach vergeblichen Vorladungen den Konditorei-Besitzer und seinen Freund Daimler verhaften. In den Taschen des festgenommenen Proksch fanden sich Banknoten in neun Währungen, ein Flugticket nach New York sowie ein sowjetisches Visum.
Die Festnahme des Wiener Originals erregte die Gemüter politischer und privater Proksch-Fans, als sei im Stephansdom ein Sakrileg geschehen. Die Köche, Kellnerinnen und Konditoren des Demel hängten eine schwarze Fahne heraus und verfaßten eine Protestresolution gegen die "willkürliche" Festnahme des "Herrn Udo, von dessen Unschuld wir überzeugt sind". Ex-Ehefrau Erika Pluhar und Geschäftsfreund Niki Lauda erwiesen Proksch im Knast die Ehre.
Und unter dem 17. Februar schrieb Außenminister Gratz, der Proksch noch zwei Tage vor der Verhaftung getroffen hatte, eigenhändig auf Amtsbogen seine Richter-Schelte nieder: "Lieber Udo! Laß Dich durch diese unbegreifliche Vorgehensweise nicht entmutigen. Die Wahrheit wird an den Tag kommen - und ich hoffe, daß dies rasch geschieht."
Über ein Interview in der Zeitung "Kurier" bot sich Gratz als Entlastungszeuge für seinen langjährigen Freund an. Einen Tag vor der auf den 28. Februar anberaumten Haftprüfung sagte der Minister aus - reine Zeitvergeudung, nach dem Protokoll zu urteilen.
Er sei im Oktober, eventuell aber auch im August 1976, im Hafen Chioggia gewesen und mit Proksch und Daimler durch eine Halle geschritten. "Im Vorbeigehen" habe er "Stangen", "Motoren", "Maschinen" sowie "größere Holzkisten" gesehen. Über die Art der Maschinen wisse er lediglich, "daß die beweglichen Teile gelb, die anderen Teile möglicherweise grau lackiert waren". In die Kisten habe er "nicht hineinsehen" können. Dennoch, "daß es sich bei der verschifften Ware um Schrott gehandelt haben soll", treffe seiner "Rückerinnerung nach keineswegs zu".
Fast einen Umschwung im Verfahren bewirkte dann aber eine Aktivität des Außenministeriums: Staatsanwalt und Richter erhielten Eilpost aus Rumänien.
Auf die Bitte des Proksch-Verteidigers - vom Minister persönlich befürwortet - hatte die österreichische Botschaft in Bukarest Dokumente "rumänischer Stellen" entgegengenommen. Und die lieferte sie prompt "per Kurierpost" via Außenministerium bei der Wiener Justiz ab.
Das Paket enthielt die vom rumänischen Staatsnotariat beglaubigte Übersetzung eines Vertrages, nach dem Decobul-Inhaber Egger die Uranerz-Aufbereitungsanlage von der rumänischen Firma Uzinexportimport bezogen hatte. Das lange gehegte Geheimnis, wer wirklich der bislang mysteriöse Produzent der Apparatur gewesen sei, schien gelüftet.
Tags darauf wurde Proksch prompt aus der Haft entlassen und begründete in derselben "Profil"-Nummer, die auf einem Dutzend Seiten den "Kriminalfall Lucona" detailliert dokumentierte: "Deshalb bin ich unschuldig." Proksch: "Wenn man mich des Versicherungsbetrugs bezichtigt, muß man mich auch des sechsfachen Mordes verdächtigen. Alle Menschen, die mich kennen, haben eine solche Tat in keiner Sekunde für möglich gehalten."
Die Versicherung und ihr Vertreter Masser halten bei Proksch alles für möglich. Sie zitierten den rumänischen Überläufer Haiducu, wonach es in Rumänien mit der Geheimdienstfirma "Argus" einen Spezialisten für solche Gefälligkeitsrechnungen gebe. Anwalt Masser fand heraus: Die Uzinexportimport berechnete laut Vertrag 4312000 Schweizer Franken für vier Turbinengeneratoren, die von der Zapata für 2512000 Franken, also mit fast zwei Millionen Verlust, weiterveräußert worden seien.
Masser meint genau zu wissen, womit die "Lucona" vor bald zehn Jahren tatsächlich beladen worden und untergegangen sei: mit einem Sammelsurium aus teilweise aufpolierten Bruchstücken überholter Technik, allenfalls zwei Millionen Schilling wert, nicht mal ein Hundertstel der Versicherungssumme.
Von der stillgelegten Harzfabrik in Piesting habe man tonnenschwere Rührwerke, Tanks und Kessel, später "silbergrau" gespritzt, abgekarrt. Ausgedientes, von Proksch nachweisbar gesammeltes, ihm später angeblich gestohlenes Militärgerät, wie Kräne und Flugzeugmotoren,
sei zerlegt und nach Chioggia geschafft worden.
Den größten Teil der Fracht hätten Proksch und Daimler aus dem Inventar eines 1967 geschlossenen Bergwerks in Höflein zusammengestellt, das eine Zapata-Tochterfirma 1971 erworben hatte. Alles, so Masser, landete in Piesting und verwandelte sich dort in das wundersame Atom-Ding.
Die Wiener "Wochenpresse" tat schließlich im fernen Tokio den ehemaligen Demel-Konditorlehrling Minoru Kayanuma auf, der auf Tonband sprach, er sei Anfang Januar 1977 mit Proksch nach Chioggia gefahren und habe nach Udos Order - "du bist jetzt Chinese" - etwas unterschrieben. Die ungelenke chinesische Unterschrift eines angeblichen "Inspekteurs der Hongkonger NPT" ziert ein Schriftstück, das nach Zapata-Argumentation die Seriosität der Uranmühlen-Transaktion bezeugen soll.
Proksch hingegen sieht sich durch das Wühlen der "Haupthetzfigur Masser, der seinen ''Jaguar'' vor Schreck an die Wand geknallt hat, als er mich zum ersten Mal sah", allein aus politischen Motiven diffamiert - Masser gehört dem Cartell-Verband an: "Klar, i hab'' a paar Freunde gehabt in der Regierung. Bin auch dem Kreisky nahegestanden ..."
Unabhängige Zeitungen und Zeitschriften, vor allem die "Wochenpresse" und "Profil", dessen Enthüllungs-Spezialist Worm sich bisher insgesamt 700 Prozesse einhandelte (von denen er keinen verlor), haben in dokumentierten Details über den Affären-Abgrund berichtet - ohne greifbares Ergebnis. Im September soll ein Buch über den "Fall Proksch" erscheinen, verfaßt von dem Wiener Journalisten Hans Pretterebner.
Der Bundeskanzler aber bewirtet Staatsgäste - wie bei der Staatsvertragsfeier - nach wie vor mit Demel-Buffets.
Der Außenminister beteuert nach wie vor, Freund Udo "könnte nicht einmal einer Fliege etwas zuleide tun".
Der Justizminister behindert weiter den Fortgang der Untersuchungen, hat den korrupten Staatsanwalt Moser zum Anlaß genommen, um auch den mit dem Fall Proksch befaßten Staatsanwalt wieder schärfer unter Kontrolle zu nehmen. Proksch selbst hat sich beim U-Richter für vier Wochen nach Mallorca abgemeldet, um dort "den Kreisky zu treffen". Der Altkanzler hat auf der Baleareninsel seinen Ruhesitz und empfing den auf Gelöbnis aus der Haft Entlassenen dort tatsächlich zum Plaudern über die alten "Geschichten vom Dr. Kreisky". Wenn er das Geld hätte, so Kreisky jetzt laut Proksch, würde er es zurückzahlen.
Langsam dämmert den Österreichern selbst, daß sie in einer Skandalrepublik leben, daß ihr so sehr auf den Fremdenverkehr angewiesenes Land seinen guten Ruf verliert, den es tatsächlich hatte - etwa als sie den vier Großmächten ihren Staatsvertrag abtrotzten oder als sie 1956 über 200000 Ungarnflüchtlinge aufnahmen.
Aber während Proksch die Österreicher noch täglich in Atem hielt, brach über sie und ihren Kanzler Sinowatz der verheerende Weinskandal herein.
Schon werden sie bis Amerika als Giftmischer verschrieen. Oppositionsführer Mock mußte darauf verzichten, US-Präsident Reagan bei einem Besuch die vorgesehene Kiste österreichischen Weines mitzubringen. Die "taz" ätzte: "Wer reist jetzt noch in die Speiermark, Würgenland oder nach Kotzbühl?" "Angesichts der österreichischen Skandalschwemme hat es nicht einmal ein Thomas Bernhard mit seinen monströsen Bösartigkeiten leicht - beim Übertreiben", schrieb die "Wochenpresse". Der notorische Nestbeschmutzer nennt Österreich in seinem neuen Theaterstück "die Eiterbeule Europas".
Während die Gendarmerie noch eifrig dabei ist, die Weinpanscher einzusammeln - bisher etwa 40 -, während einzelne Panscher ihre Giftbrühe, umgefüllt und neu etikettiert, wieder anbieten, denkt der verantwortliche Minister Günter Haiden nicht an Rücktritt.
Denn in Wien gilt die "Steherqualität" eines Ministers mehr als das in anderen Demokratien übliche Stehen zur Verantwortung, das den rheinland-pfälzischen Staatssekretär Stark des österreichischen Weines wegen zum Rücktritt bewog. In Kakanien werden Affären ausgesessen, sind kein Anlaß zum Rücktritt.
Wie lange noch? Der Überdruß vor allem der Jugend an der Politik wird immer deutlicher. Ganze 4 Prozent junger Österreicher können sich noch einen Politiker als Vorbild vorstellen - vor einem Jahrzehnt waren es 30 Prozent. Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, ein durch und durch integrer Mann, beschwor seine Landsleute vor einem betreten schweigenden Publikum: "Wir müssen diese Periode der Skandale unterbrechen. Wir müssen den Kavaliersdelikten ein Ende setzen, die das Gewissen grobmaschig gemacht haben."
Wiens ÖVP-Obmann und Vizebürgermeister Erhard Busek fürchtet: "Die Zweite Republik büßt ihre Würde ein."
Einige Politiker denken schon laut über eine "Dritte Republik" nach.
Wir lebten dem Genusse und freuten uns am Wein und jeder wollt am
Schlusse ein kleiner Rothschild sein. Josef Weinheber in "Wien
wörtlich"
Der Ruf Österreichs als kleines, aber angesehenes Land mit tüchtigen
und anständigen Menschen ist bedroht. Kanzler Sinowatz in "Bild"
Ich habe mich mein Leben lang geschämt, ein Österreicher zu sein.
Karl Kraus
Nach der Zeugenaussage für Udo Proksch. Im niederösterreichischen Piesting. In einem Demel-Salon vor dem Porträt des jungen Kaisers Franz Joseph I.
Von S. Kogelfranz und A. Jeschke

DER SPIEGEL 35/1985
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„Die Republik büßt ihre Würde ein“

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