26.08.1985

„Würden Sie Ihrer Tochter dazu raten?“

SPIEGEL-Interview mit Thomas Wessinghage über die Krise der deutschen Leichtathletik Der Arzt Thomas Wessinghage, 33, zählt seit mehr als zehn Jahren zu den besten deutschen Leichtathleten. 1982 wurde er Europameister über 5000 Meter. *
SPIEGEL: Die deutschen Leichtathleten, Frauen wie Männer, haben in diesem Jahr enttäuscht, zuletzt beim Europacup in Moskau. Hat man sich jahrelang einem frommen Selbstbetrug über die eigene Stärke hingegeben?
WESSINGHAGE: Die Erfolge bei den Europameisterschaften 1982 und bei den Olympischen Spielen von Los Angeles im vergangenen Jahr, bei denen allerdings die besten Ostblock-Athleten fehlten, haben zu einer Fehleinschätzung geführt. Man hat verkannt, daß trotz einzelner Spitzenleute - Harald Schmid, Patriz Ilg, Ulrike Meyfarth zum Beispiel - der Abstand zur Weltelite insgesamt größer geworden ist.
SPIEGEL: Und immer größer wird?
WESSINGHAGE: Es sieht so aus. Bei den Frauen haben wir jetzt in Moskau das schlechteste Ergebnis erzielt, seit es den Europacup gibt, und daß bei den Männern doch noch ein dritter Platz heraussprang, könnte dazu führen zu sagen: Na ja, so schlimm war's gar nicht. Doch das wäre wirklich frommer Selbstbetrug, wenn man sich ansieht, wie weit wir hinter der DDR und der Sowjet-Union zurücklagen.
SPIEGEL: Wir haben genug Athleten, die einmal im Jahr bei irgendeinem Abendsportfest gute Leistungen bringen. Der Eindruck entsteht, daß sie nur dann stark sind, wenn ihnen keine Weltklasse-Konkurrenz im Nacken sitzt.
WESSINGHAGE: Wissen Sie, Abendsportfeste wie vor zehn Jahren finden heute nicht mehr statt. Bei jedem großen Meeting wird gnadenlos gekämpft, weil immer ein paar aus der Weltelite am Start sind, die unbedingt siegen wollen.
SPIEGEL: Aber es gibt doch jede Menge bundesdeutscher Athleten, die den Vergleich mit der internationalen Spitze scheuen wie der Teufel das Weihwasser?
WESSINGHAGE: Jeder hat sicher seine Gründe, warum er nicht so oft an großen Sportfesten teilnimmt. Es gibt heute berufliche Belastungen, die nicht einfach mit einer Handbewegung wegzuwischen sind, bei der Lage auf dem Arbeitsmarkt und an den Universitäten. Auch familiäre Gründe können einen Athleten bewegen, nicht ständig auf Achse zu sein. Trotzdem bin ich der Meinung, daß der permanente Kontakt mit der Weltspitze nötig ist, damit man sich und seine Leistungen richtig einordnen kann und Nervenflattern in großen Wettkämpfen vermeidet.
SPIEGEL: Der Sprinter Christian Haas nimmt offenbar seinen Beruf als Industriekaufmann sehr ernst. Wie soll er da gleichzeitig ein Spitzenläufer sein?
WESSINGHAGE: In so einem Fall müssen Mittel und Wege gefunden werden, den Sportler - sagen wir für drei Jahre - finanziell soweit zu unterstützen, daß er seine beruflichen Belastungen reduzieren kann.
SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor?
WESSINGHAGE: Der Leichtathletik-Verband spricht mit dem Arbeitgeber von Haas, ob es möglich ist, daß der Christian anstelle von 40 Stunden nur 28 oder 25 arbeitet. Den Verdienstausfall trägt die Sporthilfe oder der Verband.
SPIEGEL: Mit diesem Modell wollen Sie auch junge Talente für die Spitzen-Leichtathletik gewinnen?
WESSINGHAGE: Ja. Zur Zeit finden Gespräche vom Verband mit jungen Athleten statt, denen man den Sprung nach ganz vorne zutraut. Sie sollen sich verpflichten, für einen überschaubaren Zeitraum den Beruf zugunsten des Sports hintanzustellen, gegen Ausgleich der finanziellen Belastungen und Einbußen.
SPIEGEL: Wie viele Sportler sind im Gespräch?
WESSINGHAGE: Zwanzig Männer und so acht bis zehn Frauen.
SPIEGEL: Und dann arbeiten diese Talente leistungsbereit und trainingsfleißig wie so viele deutsche Leichtathleten auf einen Saisonhöhepunkt hin, bei dem sie dann furchtbar einbrechen. Wie die 400-Meter-Läufer bei den Olympischen Spielen in Los Angeles.
WESSINGHAGE: Wie gesagt, wer Wettkämpfen aus dem Weg geht, lernt nicht, mit dem Lampenfieber vor großen Entscheidungen fertig zu werden. Obwohl man andererseits feststellen muß, daß die DDR-Athleten es offenbar fertigbringen, nur ein- oder zweimal pro Jahr groß aufzutreten, dann aber wie! Die sind dann wirklich heißgemacht.
SPIEGEL: Vielleicht weil sie für ihr sozialistisches Vaterland streiten?
WESSINGHAGE: Kann sein, daß das bei ihnen tatsächlich eine zusätzliche Motivation ist. Wir laufen für unser kapitalistisches Vaterland, aber offenbar ist das nicht das gleiche. Prinzipiell meine ich, wer in guter Form ist, ist das nicht nur für eine Woche oder 14 Tage. Deshalb sollten wir uns an Vorbildern orientieren, die uns vom Gesellschafts-System und der Mentalität näherstehen als die DDR, an den Briten und den Amerikanern. Die machen viele Starts und bauen sich dadurch auf.
SPIEGEL: Seit mehr als zehn Jahren hat die bundesdeutsche Leichtathletik
bei den Männern einige Disziplinen, in denen sie hoffnungslos hinterherhinkt. Weitsprung, zum Beispiel, 110-Meter-Hürdenlauf, Stabhochsprung. Warum?
WESSINGHAGE: Darüber kann ich als Langstreckenläufer wenig sagen. Aber für den Spezialfall Weitsprung, wo alles von einer hohen Anlaufgeschwindigkeit abhängt, könnte ich mir vorstellen, daß einige von den Sprintern, die knapp hinter der nationalen Spitze liegen, sich in dieser Disziplin versuchen sollten, anstatt auf einen Platz als Ersatzläufer der 4x100-Meter-Staffel zu spekulieren.
SPIEGEL: Bei den Frauen ist die Pleite allgemein. Ein dritter Rang im Weitspringen, mit einer international mäßigen Leistung, war die beste Placierung in Moskau.
WESSINGHAGE: Die Frauen-Leichtathletik ist eine ganz spezifische Sache. Wir haben ja durchaus Sportlerinnen vom Leistungsvermögen etwa einer Heide Rosendahl. Nur ist man damit heute nicht mehr wie vor 10 oder 15 Jahren Weltspitze. Das hat vor allem mit gewissen medizinischen und pseudomedizinischen Maßnahmen zu tun, die in anderen Ländern "leistungsbegleitend", wie es so schön heißt, ergriffen werden.
SPIEGEL: Sie meinen Doping und Hormon-Kuren?
WESSINGHAGE: Genau, davon rede ich. Wenn ich mir anschaue, wie man auszusehen hat, um über 65 Meter den Diskus zu werfen oder über 20 Meter die Kugel zu stoßen, ist die Frage berechtigt: Würden Sie ihrer Tochter dazu raten?
SPIEGEL: Würden Sie?
WESSINGHAGE: Nein, aber ich würde ihr genausowenig raten, Turnen als Leistungssport zu betreiben. Der Deutsche Leichtathletik-Verband sollte das Gewicht darauf legen, mehr Läuferinnen, vor allem im Mittel- und Langstreckenbereich, herauszubringen. In den Wurfdisziplinen, abgeschwächt auch im Sprint, wird es aus den genannten Gründen schwer sein, mit der Sowjet-Union, der DDR, der CSSR oder Bulgarien mitzuhalten. Auch die Zuschauer werden akzeptieren müssen, wenn ein Mädchen im Kugelstoßen da lieber mit 17 als mit 22 Metern zufrieden ist. Darunter sollte unser Nationalstolz nicht leiden.
SPIEGEL: Endgültiger Abschied vom Welt-Niveau also?
WESSINGHAGE: Bei den Frauen in weiten Bereichen ja.
SPIEGEL: Sie sind 33 Jahre alt. Auch Ihr Abschied steht bevor?
WESSINGHAGE: Nächstes Jahr will ich noch bei den Europameisterschaften in Stuttgart meinen Titel über 5000 Meter verteidigen. Eine gute Placierung dort wäre ein runder Abschluß.
SPIEGEL: Sie haben 15 Jahre Leistungssport hinter sich. Was hat sich in dieser Zeit geändert?
WESSINGHAGE: Mein Training wurde immer intensiver. Nicht länger, ich komme immer noch mit drei Stunden pro Tag aus, aber heute arbeite ich in diesen drei Stunden viel härter. Das ist aber auch nötig: Früher konnte man bei Sportfesten in mäßiger Zeit durch einen guten Endspurt gewinnen. Heute sind bei allen Meetings die Weltrekorde in den Köpfen der Sportler, Zuschauer und Journalisten präsent. Und einer versucht fast immer, Rekord zu laufen.
SPIEGEL: Das Leben der Leichtathleten ist schwerer geworden. Aber doch auch lukrativer?
WESSINGHAGE: Natürlich. Vor allem für die Spitzenleute. Wenn Harald Norpoth, der Silbermedaillen-Gewinner über 5000 Meter bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio, seinerzeit für die Teilnahme an größeren Sportfesten 500 Mark bekam, würde er heute das Zehnfache kriegen.
SPIEGEL: Das heißt, soviel wie Europameister Wessinghage heute auch kassiert?
WESSINGHAGE: Vor zwei Jahren vielleicht. Im Moment nicht ganz so, weil ich eben nicht ganz so weit in der Spitze drinstehe. Der Markt reagiert da sofort.

DER SPIEGEL 35/1985
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