16.12.1985

ÖLKONZERNEFett halten

Der teuerste Urteilsspruch in der amerikanischen Rechtsgeschichte bedroht den Ölmulti Texaco in seiner Existenz. *
Die Szenerie war gespenstisch, der Gegenstand bizarr, und die Folgen könnten verheerend sein. Mit zum V-Zeichen erhobener Hand posierte Hugh Liedtke, Chef der texanischen Mineralölfirma Pennzoil, vor Reportern, als wäre er der Geist Winston Churchills persönlich.
Liedtke feierte den größten Sieg, den je ein Unternehmer vor Gericht über einen Konkurrenten erfochten hat. Der Ölmulti Texaco, Nummer 5 in der Rangordnung der Petroleumkonzerne, soll an Liedtkes Pennzoil 11,1 Milliarden Dollar zahlen - 7,5 Milliarden als Schadenersatz, 3 Milliarden als Strafe, plus Zinsen.
Mit diesem Verdikt, ausgesprochen vom texanischen Distriktrichter Solomon Casseb, ist ein Urteil bestätigt worden, das bereits vor vier Wochen den von New York aus geführten Ölmulti Texaco erschüttert hatte. Texaco müßte, wenn die Milliarden wirklich fällig werden, eine zwölf Milliarden-Dollar-Anleihe auflegen, die an den Märkten nur schwer unterzubringen wäre.
Der teuerste Urteilsspruch in der amerikanischen Rechtsgeschichte geht auf den zweitgrößten Unternehmenszusammenschluß in der US-Wirtschaftsgeschichte zurück. Im vergangenen Jahr hatte Texaco für 10,1 Milliarden Dollar Getty Oil gekauft und damit einen unterschriftsreifen Übernahmevertrag zwischen Pennzoil und den Getty-Erben ausgehebelt. Pennzoil-Chef Liedtke, der ein Jahr lang mit dem Clan des 1976 gestorbenen Öl-Milliardärs verhandelt hatte, klagte daraufhin wegen Vertragsbruchs auf Schadenersatz und Strafe.
Mit dem Urteilsspruch des Solomon Casseb ist das Gefecht zwischen den ungleichen Kontrahenten nicht beendet. Weder das Gericht noch die Prozeßparteien halten es für möglich, daß Texaco tatsächlich die volle Elf-Milliarden-Summe an Pennzoil zahlen wird.
Während nämlich Texaco, in dessen Konzern die Getty-Anlagen inzwischen so eingebaut sind, daß sie sich nur schwer wieder lösen lassen, mit der Elf-Milliarden-Zahlung finanziell auszubluten droht, könnte die kleinere Pennzoil ihren eigentlichen Geschäftsbetrieb künftig als Liebhaberei betreiben und im übrigen vom Geldverleih leben: Der brächte ihr jährlich mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn.
Texaco will das Urteil anfechten. Liedtke handelte mit den Texaco-Anwälten daraufhin ein Stillhalteabkommen aus, das den Ölmulti am Leben erhält, aber gleichzeitig Pennzoils Ansprüche im Grundsatz bestätigt.
"Wir wollen das Kalb fett halten", erklärte Pennzoil-Anwalt James Kronzer. Ginge Texaco pleite, würde Pennzoil kein Geld sehen, denn die Konkursforderungen wären nicht bevorrechtigt.
Liedtke sieht den Richterspruch denn auch als einen Druck auf die Prozeß-Parteien an, "aufeinander zuzukommen, die Sache zu diskutieren und etwas Sinnvolles daraus zu machen". Allerdings, so Liedtke, "hatten wir damit bei Texaco vorher nicht viel Glück gehabt".
Das jedoch kann sich unter der Tyrannei der Umstände ändern: Texaco steht unter Verhandlungsdruck, weil auf die Milliardenforderung zehn Prozent Zinsen fällig werden und eine volle Zahlung ebenfalls den Kollaps der Firma bedeuten könnte.
"Ich glaube nicht", kommentiert Andrew Grey von der Anwaltsfirma Pershing & Co. die Pennzoil-Strategie, "daß Liedtke als der Mann in die Geschichte eingehen will, der Texaco umgebracht hat". In vergleichbaren Fällen, so Grey, hätten sich die Prozeßparteien am Ende stets zwischen fünf und zehn Prozent der ursprünglichen Urteilssumme getroffen.
Die Aussicht, die Ansprüche der Pennzoil auf einen Bruchteil herunterzuhandeln, treibt Texacos Manager zu besonderer Eile. Je länger sie sich nämlich in gerichtliche Händel einlassen, desto unsicherer steht die Firma da, und desto größere Zweifel können bei den Bankiers über die Kreditwürdigkeit des Unternehmens aufkommen.
An der New Yorker Börse hat die Kurve des Texaco-Papiers den sinkenden Firmenwert schon signalisiert. Der Wert der Texaco-Aktie sank seit Mitte November um 30 Prozent, während Pennzoil-Papiere etwa 30 Prozent teurer wurden.

DER SPIEGEL 51/1985
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