16.12.1985

JAPANEhrbare Menschen

In einem mörderischen Machtkampf bekriegen sich mehrere Unterwelt-Syndikate. Gegen die Gangsterbanden mit ihren mehr als 100000 Mitgliedern ist die Polizei hilflos. *
Die schwere Mercedes-Limousine stoppte vor dem Polizei-Hauptquartier in Osaka. Der Chauffeur, weiß behandschuht, sprang heraus und öffnete unter tiefer Verbeugung den Schlag. Die Insassen, drei dunkel gekleidete Herren, schritten würdevoll zum Wachraum.
Sie seien "Yakuza" (Gangster), eröffneten sie den verdutzten Polizisten, legten ihre Pistolen ab und erklärten sich gemeinsam des Mordes an drei Menschen für schuldig.
Nicht plötzliche Rechtseinsicht oder gar Reue hatte die Killer im Nadelstreifen dazu gebracht, sich der Justiz zu stellen. Sie suchten Schutz bei der Polizei - vor ihresgleichen.
Denn in der Unterwelt war ein hohes Kopfgeld auf das Trio ausgesetzt worden. Tausende ihrer Gangster-Kollegen gierten danach, sich die Prämie zu verdienen. Das Vergehen der Revolvermänner:
Sie hatten drei Kollegen ermordet - Masahisa Takenaka, 51, Boß des Crime-Multis "Yamaguchi-gumi", und zwei seiner engsten Getreuen.
Seit über 50 Jahren ist die Yamaguchigumi Japans größtes Verbrechersyndikat. Sie operiert überall im Land, unterhält Auslandsfilialen in den USA, auf den Philippinen, in Hongkong und zählt etwa 11000 Mitglieder.
Nach dem Herztod des legendären Oberpaten Kazuo Taoka, der die Bande 35 Jahre lang beherrscht hatte, war vor vier Jahren in der Yamaguchi-gumi ein Machtvakuum entstanden. Erst im Sommer vergangenen Jahres konnten sich die Unterdirektoren auf einen neuen "Kumicho" (Gesellschaftsvorsitzenden) einigen, Takenaka eben.
Sein Gegenkandidat, der bei der Vorstandswahl unterlegene Hiroshi Yamamoto, 60, mochte sich mit dem neuen Boß nicht abfinden: Er erklärte - spektakulär vor Fernsehkameras - seinen Austritt aus der Organisation und gründete mit über 3000 Anhängern seine eigene Unterwelt-Firma, die "Ichiwakai". Geschäftsbereich: Erpressung, Prostitution, Glücksspiel.
Yamamoto, da sind sich die Ermittler sicher, befahl denn auch Anfang dieses Jahres, seinen übermächtigen Rivalen umzubringen. Als Yamaguchi-Boß Takenaka zu Grabe getragen wurde, gaben ihm zwar - vom Fernsehen live übertragen - 1400 ehrenwerte Vertreter fast aller japanischen Syndikate das letzte Geleit. Der Ichiwakai-Chef aber fehlte, er hatte noch nicht einmal Blumen geschickt.
Der mörderische Machtkampf hat Nippons Unterwelt in Aufruhr gestürzt und eine Eskalation von Gewalt ausgelöst, wie sie im fernöstlichen Inselreich bislang unbekannt war. Rivalisierende Banden lieferten sich in einem halben Jahr fast 200 Feuergefechte. Allein in den Nachbarstädten Kobe und Osaka, den Hochburgen des organisierten Verbrechens, starben binnen drei Monaten bei den Schießereien mindestens 24 Menschen.
Kugelsichere Westen, sagt Osakas Polizei, sind der Verkaufsschlager der Saison. Die ungewöhnliche Nachfrage hat den Schwarzmarktpreis für Handfeuerwaffen von 800 auf 1600 Dollar hochgedrückt.
Mehrere Gangster der Yamaguchi-gumi, darunter auch der jüngere Bruder des ermordeten Takenaka, wurden im September im US-Bundesstaat Hawaii festgenommen, als sie versuchten, sich mit Schießgerät aller Art - darunter fünf Maschinengewehren und drei tragbaren Raketenwerfern - einzudecken.
Japans Polizei, schon seit jeher unfähig oder unwillig, das Bandenwesen einzudämmen, scheint machtlos: Sie kommt gegen die schiere Zahl der Gangster nicht mehr an. Nach Polizeistatistiken gehen derzeit exakt 93910 Yakuza ihren illegalen Geschäften nach. Organisiert
sind sie in 2278 Syndikaten, den sogenannten Familien.
Doch die Statistik erfaßt nur solche Yakuza, wie ein Polizeisprecher in Tokio einräumt, die "schon mal erkennungsdienstlich behandelt worden sind". Ein Kenner der Szene, selbst "oyabun" (Vater) einer rund 100 "kobun" (Kinder) umfassenden Gangster-Familie, schätzt die Zahl der allein im Großraum Tokio operierenden Gangster auf über 60000. Das ergäbe hochgerechnet für das Land eine Unterwelt von mehreren hunderttausend: Das gängigen Klischees nach so disziplinierte und sichere Japan ist, unbestreitbar, ein Gangster-Dorado.
Trotzdem stimmt, daß Japans Millionen-Metropolen weitgehend frei von Gewaltkriminalität sind. Tokio ist eine der sichersten Großstädte der Welt. Bezogen auf die Einwohnerzahl, werden in New York jährlich 12mal mehr Morde begangen als in der japanischen Hauptstadt, finden 279mal mehr Raubüberfälle statt, wird 14mal häufiger vergewaltigt.
Paradox genug: Gerade die straff organisierten Banden machen die Städte vergleichsweise sicher. Ihre strenge Hierarchie, ihr von romantischen Samurai-Idealen ("giri" etwa, "Verpflichtung", oder "ninkyo", "Ritterlichkeit") beherrschter Korpsgeist sind normalerweise ein stabiles Bollwerk gegen kriminellen Wildwuchs.
Die Yakuza bieten, was brave Bürger in Japan auf legalem Weg nicht haben können, doch haben möchten: Prostitution, Glücksspiel, Drogen, Pferdewetten, Schutz gegen Konkurrenten. Ein einträgliches Geschäft. Mindestens fünf Milliarden Dollar beträgt der Jahresgewinn der Syndikate, schätzt die Polizei.
Physische Angriffe aber auf wohlanständige Mitmenschen verstoßen traditionsgemäß gegen den Yakuza-Komment. Nicht einmal die Polizei fand es abwegig, als sich der Oberpate Taoka vor Jahren brüstete: "Tagsüber schützt die Polizei den Bürger, nachts übernehme ich den Schutz."
Gar mit dem Schießeisen auf jemanden loszugehen galt geschichtsbewußten Yakuza als besonders verwerflicher Stilbruch: Taoka schoß niemals auf seine Widersacher, immer hieb er, ganz Samurai, mit dem Kurzschwert zu.
Die Polizei greift häufig nicht ein, wenn sie meint, Schlimmeres damit verhindern zu können. Harte Drogen, vor allem Heroin, sind in Japan nie zu einem so erschreckenden Problem geworden wie in anderen westlichen Industriestaaten. Der Grund: Mehrere Unterweltsyndikate sprachen sich freiwillig gegen das Heroingeschäft aus.
Taoka hatte gar vor rund zehn Jahren mit Millionenaufwand eine Stiftung gegen den Heroin-Mißbrauch gegründet, in deren Vorstand er angesehene Professoren und Politiker holte.
Die Polizei war's zufrieden - und störte die Yakuza fortan kaum noch beim lukrativen Geschäft mit weichen Drogen, von Haschisch bis zu Amphetaminen.
Die Yakuza, von der japanischen Gesellschaft seit Jahrhunderten als sozialer Bodensatz akzeptiert, verstecken sich auch nicht vor der Öffentlichkeit. Ihre Geschäfte lenken sie von Büros aus, die offen als Banden-Niederlassungen gekennzeichnet sind und im Telephonbuch nachgeschlagen werden können. Über dem Büroeingang prangt nicht selten groß und bunt das Banden-Emblem.
Die Gangster-Familien verstehen sich als Lebensgemeinschaften: Aus den unauflöslichen Männerbünden, die ihren Mitgliedern Schutz und Fürsorge bis ans Lebensende gewähren, gibt es keinen Austritt. Allein schon der Wunsch auszusteigen könnte tödlich sein.
Um die Unwiderruflichkeit ihrer Berufswahl zu demonstrieren, ließen sich die Yakuza traditionell tätowieren, vom Oberschenkel bis zum Hals in ein Kaleidoskop aus Blumen, Drachen und Phantasieornamenten verwandeln.
Tätowierter = Gangster ist eine heute noch gültige Formel in Japan. Doch die Liebhaber der Hautverzierungen ("Schnitzwerk" nennt der Tätowierungs-Großmeister Horinishiki I. seine Kunst) werden weniger. Moderne Yakuza geben sich lieber an der Kleidung zu erkennen. Sie scheinen allesamt US-Gangsterfilmen der 30er Jahre entsprungen: extrem kurze Stoppelfrisur; breitschultrige, zweireihige Anzüge in Nadelstreifen; knallbunte Hemden, die großgemusterte Krawatte dazu möglichst grell und geschmacklos, gehalten von einer Diamantnadel.
Wie der durchschnittliche japanische Angestellte sein Firmenzeichen im Knopfloch, so trägt auch der Berufsverbrecher seinen Yakuza-Status offen zur Schau. Daß er auf diese Weise von jedem Polizisten an der Straßenecke als Gangster erkannt wird, schadet nichts. Denn: "Solange wir ihn nicht auf frischer Tat ertappen", sagt ein Polizeisprecher in Tokio, "ist jeder Yakuza ein ehrbarer Mensch."
Das Schisma im Hause Yamaguchi hat nun die Ordnung gestört. Der Bandenkrieg mit seinen mörderischen Feuerüberfällen auf offener Straße oder in Lokalen ist zu einer Bedrohung auch für unbeteiligte Bürger geworden.
In Osaka und Kobe stellte die Polizei mehrere hundert Beamte ab, um die Banden-Büros rund um die Uhr zu bewachen. Erstmals auch haben sich im Land Bürgerinitiativen formiert, mit dem Ziel, die Gangster aus den Städten zu vertreiben.
So marschierten in Kochi auf der Insel Schikoku rund 1000 Bürger - Gouverneur und Bürgermeister an der Spitze - durch die Straßen. Sie hatten eine gemeinsame Resolution verfaßt, die sie als Handzettel verteilten: "Habt keine Angst vor den Gangstern, gebt ihnen kein Geld, sucht keine Hilfe bei ihnen."
Bürger-Abordnungen zogen vor die Büros von Yamaguchi und Ichiwakai und lasen den dort versammelten Yakuza öffentlich die Leviten. Die zeigten sich wenig beeindruckt.
Spektakuläre Razzien der Polizei brachten meistens nichts ein; mehr als momentane Scheinerfolge im Kampf gegen die Banden sind offensichtlich nicht drin. So wurden zwar in diesem Jahr schon an die 50000 Yakuza festgenommen, doch waren das fast immer kleine Kriminelle, die nach wenigen Stunden oder Tagen wieder freigelassen wurden.
An die großen Bosse ist die Polizei noch nie herangekommen.

DER SPIEGEL 51/1985
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