29.07.1985

KUBAEin Stockfisch

Mit der Exotik der kubanischen Revolution scheint es endgültig vorbei zu sein: Fidel Castros Bruder, der Stalin-Verehrer Raul, soll die Insel auf Moskauer Kurs bringen. *
Revolutionsheld Fidel Castro, 58, Staats- und Parteichef in einer Person, hat ausgerechnet im amerikanischen Häschenblatt "Playboy" laut über seinen Nachfolger nachgedacht: "Mein Bruder Raul, weil er der Fähigste ist und zahlreiche revolutionäre Meriten hat."
Bleibt es dabei, dann soll nun auch auf Kuba dem Herrscher ein Nachfolger gleichen Namens folgen - eine Dynastie, wie für rechte und linke Diktaturen nicht mehr ungewöhnlich.
Hat doch auf den Philippinen Diktator Ferdinand Marcos schon seit langem seine Frau Imelda als Nachfolgerin aufgebaut. Im kommunistischen Nordkorea zieht sich Alleinherrscher Kim Il Sung zugunsten seines Sohnes Kim Tschong Il aufs Altenteil zurück, und im roten Rumänien hat der vom Volk ungeliebte Führer Nicolae Ceausescu nicht nur seine Frau Elena, sondern den ganzen Familienclan in der Partei- und Staatsführung untergebracht.
Daß der grauhaarig gewordene Altpartisan Fidel, der mit seinem Revolutionssieg vor 26 Jahren ein "Leuchtfeuer für die Menschheit" entzünden wollte, inzwischen den Spaß an der Politik verloren hat, ist nicht neu.
Schon vor drei Jahren bei einem Empfang für den kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträger Garcia Marquez klagte der Revolutionär: "Ich komme mir nur noch wie ein Zahnrad in einem größeren Mechanismus vor. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich keine Politik mehr machen."
Weiter Fidel: "Ich stehe auf dem Standpunkt, daß es sich lohnt, uns selbst zu opfern, alles für die Politik zu opfern, wenn man mit Politik etwas erreichen kann. Heute aber ist das nicht mehr der Fall."
Was er unter Politik verstand, war die Befreiung Kubas von amerikanischer Abhängigkeit und von dem korrupten Diktator Batista. Dafür haben ihm die Kubaner zugejubelt.
Doch der Enthusiasmus für den "comandante en jefe", den Obersten Befehlshaber, der seine Guerilla-Uniform nie abgelegt hat, ist längst verflogen, genauso wie die Träume, unter Fidels Führung den ersten Staat Lateinamerikas ohne Fremdherrschaft und Abhängigkeit, frei von Armut und Unterdrückung, aufzubauen.
Die Kubaner stecken seit dem Sieg der Revolution in einer wirtschaftlichen Dauerkrise, sind noch immer arm, im Westen mit 3,4 Milliarden Dollar verschuldet
und müßten, wenn die Sowjet-Union nicht Hilfsgüter im Wert von 32 Millionen Mark täglich nach Kuba schicken würde, längst hungern.
So hat der jetzt von Fidel genannte Nachfolger vor allem etwas mit dem Entschluß der neuen Kremlführung zu tun, Moskaus aufwendige politische Caritas für Fidels kostspieliges Revolutionsexperiment auf ein Mindestmaß einzuschränken.
Denn Raul Castro, fünf Jahre jünger als sein Bruder, gehört zwar auch zu den Veteranen der Revolution und hat die Politik auf Kuba entscheidend mitbestimmt; doch was deren Ziele angeht, waren Raul und Fidel stets Antipoden.
Schon am gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba am 26. Juli 1953 nahmen beide Castro-Brüder teil; Raul war der einzige Kommunist unter den 150 Guerrilleros, eingetragenes Mitglied der moskautreuen Studentenorganisation "Juventad Socialista".
Beide Castros, Söhne eines spanischen Einwanderers, der es zum Großgrundbesitzer gebracht hatte, wurden gefaßt und zu langen Zuchthausstrafen verurteilt. Raul flog aus dem Studentenverband, der den Handstreich als Aktion von "Putschisten und Terroristen" verurteilte.
Nach kurzer Zeit begnadigt, gingen die Brüder nach Mexiko und bauten dort jene Widerstandsgruppe auf, die unter der Führung von Fidel im Dezember 1956 mit dem inzwischen legendären Motorboot "Granma" im Südosten Kubas landete.
Doch die Invasion wurde verraten, nur 12 von 82 Befreiungskämpfern überlebten die Landung, unter ihnen Fidel, Bruder Raul und der Argentinier Che Guevara, der wie Fidel für die Befreiung Lateinamerikas kämpfen wollte, aber wenig vom orthodoxen Kommunismus hielt.
Das Trio stand auch an der Spitze, als Fidels Guerillatruppe schon zwei Jahre später unter dem Jubel der Bevölkerung ins befreite Havanna einzog. Die Revolution hatte gesiegt, doch nun mußten die Comandantes regieren statt kämpfen.
Dabei erwies sich Raul als der Geschicktere. Fidel, der unbekümmerten Stil des Buschkriegs auch in Politik und Verwaltung übertragen wollte, landete ebenso schnell im Chaos wie sein Freund Che, dem als Chef der kubanischen Nationalbank die Abschaffung des Geldes wichtiger war, als die dringend nötigen Investitionen für leistungsfähige Betriebe aufzutreiben.
Raul, jetzt offiziell Verteidigungsminister und Vizepremier, wußte, wo er Geld und Unterstützung für eine schlagkräftige Armee bekommen konnte. Er reiste schon im Juli 1960 nach Moskau und Prag, erklärte dort die Vereinigten Staaten zum "imperialistischen Todfeind der kubanischen Revolution" und sorgte dafür, daß Kubas Altkommunisten in Schlüsselpositionen der neuen Führung aufstiegen.
Trotz Rauls Flirt mit Moskau glaubte Fidel noch immer, sich die Wahl zwischen einem Arrangement mit den USA und einer Annäherung an das Sowjet-System offenhalten zu können. Erst nach dem vom amerikanischen Geheimdienst CIA inszenierten und mißlungenen Invasionsversuch der Exilkubaner in der Schweinebucht im Frühjahr 1961 erklärte Fidel Castro Kuba zum sozialistischen Staat.
In seiner Rede zum 1. Mai gab er das Scheitern seiner Pläne zu: "Man muß sich klarmachen, daß es ein Zwischending zwischen Kapitalismus und Sozialismus nicht gibt."
Ein Jahr später wurde aus Fidels Befreiungsbewegung eine marxistisch-leninistische Kaderpartei, und Bruder Raul handelte in Moskau ein Militärabkommen über die Stationierung von Sowjet-Raketen aus, das die Welt an den Rand eines neuen Krieges brachte.
Insider behaupten, bei Rauls verbohrter Moskau-Liebe habe das unterschiedliche Ansehen der Brüder auf der Insel eine wichtige Rolle gespielt. Raul, der sich nach dem Sieg sofort seinen revolutionären Bart abnahm und sich am liebsten mit wenigen Freunden aus dem Militär umgab, habe immer unter Fidels Popularität und Charisma gelitten.
Nur in Moskau habe man den Verteidigungsminister richtig ernst genommen. Während Fidel vom Volk den Beinamen "Maximo lider" bekam, blieb Raul auf der Insel stets nur der "Raulito", der Kleine: ein Thema für Freudianer.
Che, der Raul wegen seines ideologischen Starrsinns verspottete, nannte ihn nur "Bacalao", den Stockfisch. Der Castro-Kenner Carlos Franqui, einst Mitkämpfer, heute Kritiker des kubanischen Regimes, erzählt in seinem Buch "Familienporträt mit Fidel", wie der angetrunkene Raul ihn zu erschießen drohte, weil Franqui an Stalin Kritik geübt hatte.
An Stalin-Methoden erinnern die Säuberungen, die Raul auf Kuba gegen "konterrevolutionäre Aktivitäten", gegen Prostituierte, Zuhälter, Hippies und Homosexuelle gestartet hat: Zehntausende wurden verhaftet.
Raul war es angeblich auch, der einen adäquaten Preis für die Unterstützung der Sowjet-Union fand, der mehr wert war als der Export von Zucker: den Einsatz der kubanischen Armee zur Unterstützung kommunistischer Regime im Ausland.
Mehr als ein Fünftel der 125000 Mann starken Armee - der stärksten in Lateinamerika - stand nach amerikanischen Schätzungen in Angola, Syrien, Südjemen und Äthiopien schon im Kampf. Gerüchte, nach denen Kubaner sogar in Afghanistan eingesetzt waren, wurden nie dementiert.
Auch die Einsätze von Militärberatern auf Grenada und in Nicaragua gehen auf Rauls Vorschläge zurück: Kubaner als Legionäre - wenn nicht im Auftrag, so doch mit Billigung Moskaus.
So lag es nur nahe, daß im März bei den Begräbnisfeierlichkeiten für den verstorbenen sowjetischen Parteichef Tschernenko Raul auftrat und als Abgesandter mit dem Nachfolger Gorbatschow die ersten Gespräche führte.
Noch aber steht nicht fest, ob Fidel bereits ausgespielt hat. In seinem Interview mit dem "Playboy" meldete er neue Pläne an: "Ich habe nicht die Absicht, bald zu sterben, und hoffe, für die Revolution noch nützlich zu sein."
Wenige Tage nach dem Interview wurde der für November geplante kubanische Parteitag auf den Februar des kommenden Jahres verschoben. Offizielle Begründung: "Rückstand in den Vorbereitungen".
Und letzte Woche wurde bekannt, daß er neun hochrangige Funktionäre gefeuert hat: kubanische Routine vor Parteitagen.

DER SPIEGEL 31/1985
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