28.10.1985

„Etwas ist faul im Garten Eden“

SPIEGEL-Redakteur Gunar Ortlepp über das Ende der Traumwelt Südsee (I) *
Aloha Oe! Es war ein Abschiedsblick hinaus auf die Südsee.
Es war ein letzter Blick zurück aus Wolkenkratzerhöhen, aus einer der kaum noch zu zählenden Riesenlogierwaben, in den Himmel betoniert für Honolulus jährliche fünf Millionen Touristen, und insektenhaft wirkte das Menschengewimmel dort unten auf dem berühmten Sand von Waikiki Beach, winzig erschienen die Wellenreiter im Schaum der Brandung. Hinter dem aquamarin-smaragdenen Farbenspiel der zum Bad ladenden seichten Riffwasser aber begann die schier unendliche Einöde des Pazifischen Ozeans.
Doch was heißt da Unendlichkeit. Was, im Zeitalter der Jets und Telekommunikationssatelliten (von Interkontinentalraketen ganz zu schweigen), bedeuten noch gewaltige Distanzen. Zusammengeschrumpft auf Flugstunden sind die pazifischen Weiten, die ich überquert hatte, über Rassen-, Sprach-, Kultur- und Zivilisationsgrenzen hinweg, inselhüpfend von Airport zu Airport durch ein Ozeanien, das sich dem seit Generationen so beharrlich genährten europäischen Südseetraum nun schon gar nicht mehr anpassen will.
Die westliche Technologie hat die Region des Stillen Ozeans revolutionär verändert, und sie entzaubert sie zusehends auch vor den Augen der ganzen Welt. Das schöne alte Märchen von den paradiesischen Inseln schwindet dahin in einer globalen Fernseh-Moderne, deren Medium über die halbe Erdkugel hinweg ein neues, ernüchterndes Südseebild in Europas Wohnzimmer strahlt, und das zur abendlichen Revue der Tageskatastrophen. Wer hätte je gedacht, daß auch ein Neukaledonien da drüben liegt im Meer der Reverien, daß dort tatsächlich Menschen wohnen, die sich stolz Kanaken nennen?
Die Südsee ist in den Nachrichten, und jedermann daheim vorm Bildschirm hat sie gesehen, die schwarzen Rebellen von "Kanaky" auf den Barrikaden der Eisenbrücke vorm Nickelminennest Thio. Jeder kennt das Wrack der "Rainbow Warrior": Kaum gesunken im Hafen von Auckland, in den Grund gebohrt von einem französischen Agenten-Pärchen, tauchte sie, 18 000 Kilometer entfernt, in "Tagesschau" und "heute" auf. Jeder hat Mitterrand miterlebt bei seiner Landung im krisengeschüttelten Neukaledonien, hat ihn im Blickfeld gehabt beim Blitzbesuch auf dem Nuklear-Atoll Mururoa, wo er for show, vor Kameras und Journalisten, auf Frankreichs souveräne Rechte im Südpazifik pochte.
In Paris wackeln die Sessel, und es bröckelt weiter am Sockel des statuarischen
Staatspräsidenten, des ungeliebten, weil in der Südsee Frankreichs koloniale Bastionen wanken. Wenn jedoch die Kanaken in blutigem Aufruhr sich vom französischen "Mutterland" lossagen und eine unabhängige sozialistische Republik ausrufen; wenn vor Mururoa die Schiffe von "Greenpeace" kreuzen und jeder Fernsehzuschauer nur noch darauf wartet, daß Mitterrands Marine das Feuer eröffnet, dann sind das wahrlich nicht nur Elysee-Probleme.
Der Pazifische Ozean, trotz allem, ist noch immer, was sein Name besagt: ein Meer des Friedens. Aber er ist auch geopolitisch in seiner Stille eine trügerische Wettergegend, unheimlich wie die windstillen Zonen längs des Äquator, wo sich säuselnd "El Nino" zusammenbraut, das kleine Kind der großen tropischen Wirbelstürme, die zwischen November und April mit verwüstender Gewalt über die Archipele der Südsee fegen, mal hier, mal dort, man weiß nie, wann, man weiß nie, wo.
Ein immenses Spannungsfeld zwischen zwei Welten bildet er, zwischen Ost und West, Amerika und Asien, zwischen den Machtblöcken, dem Rüstungsgiganten USA und einer Sowjet-Union, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten an ihren pazifischen Küsten ein ungeheures Potential aufgestellt hat für die letzten Tage der Menschheit, an Landstreitkräften, Flotteneinheiten, strategischen Luftgeschwadern, an Lang- und Mittelstreckenraketen.
Sicher, mag die Rote Flotte auf ihm manövrieren, mögen sowjetische Hochseetrawler
seine Gewässer durchpflügen, radargerüstet und wohl kaum bloß auf harmlosen Fischfang aus: Der Pazifik ist ein westliches Meer, und noch kein Moskauer Botschafter hat bis jetzt Fuß fassen können in der Inselwelt der jungen Mini-Staaten. Doch er bleibt dabei stets auch für Washington, Canberra und Wellington ein Meer der Sorgen, der Schreckensvisionen, daß aus ihm jählings ein pazifisches Kuba oder Grenada erwachsen könnte.
Als das Mittelmeer eines neuen Zeitalters der unbegrenzten Möglichkeiten, so hatte schon Präsident Theodore Roosevelt diesen weiten Ozean gepriesen. "Die mediterrane Ära starb mit der Entdeckung Amerikas; die atlantische Ära ist jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung ... die pazifische Ära, dazu bestimmt, die größte von allen zu sein, beginnt gerade erst heraufzudämmern", verkündete der imperialistische Rauhreiter 1903, als über Hawaii, Guam und den Philippinen bereits die Sternenbanner wehten.
Es war der gleiche pazifische Traum, den bald auch Japan träumen sollte, das gleiche Zukunftsbild von einem neuen, unerschöpflich riesigen Wirtschaftsraum, das die Militärstrategen des jungen Kaisers Hirohito zur Eroberung einer "Großostasiatischen Wohlstandssphäre" beflügelte. Es war der gleiche Anspruch auf Macht und Vorherrschaft, der schließlich den Zweiten Weltkrieg in die Südsee hineintrug, und wohl jeder Tourist, der nach Honululu kommt, fährt eines schönen Morgens über den Kamehameha Highway hinaus nach Pearl Harbor, um sich das Arizona Memorial anzusehen.
Denn dort draußen in der Hafenbucht vor Ford Island, unter dem weißen Brücken-Monument aus Beton, liegt sie erkennbar in der Tiefe, die "Arizona", einst mächtigstes Schlachtschiff der US-Flotte im Pazifik, zum Gedenken an jenen "Day of Infamy", 7. Dezember 1941, als bei Tagesanbruch japanische Bomber "von Südwesten her Welle für Welle durch den wolkenbedeckten Morgenhimmel heranwogten und ihre Geschosse schleuderten auf eine Stadt in tiefem Sabbat-Frieden" - "WAR!", meldete das Extrablatt des "Honolulu Star-Bulletin".
In diesem großen Krieg brach auf den kleinen Inseln Ozeaniens mit all seinen Schrecken und Verheißungen, seinem Fluch und Segen das technische Zeitalter an. Die abendländische Legende von der glücklichen Südsee aber dauerte fort.
Palmenstrände und blaue Lagunen und die schäumende See am Korallenriff: Auch Goethe hat davon geträumt, vom einfachen Leben unter heiterem Himmel, in Harmonie mit der Natur.
"Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein, ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen", so sagte er zu Eckermann, bei trauriger Betrachtung des "Elends unserer Zeit", der künstlichen, komplizierten und verderbten Verhältnisse, der wachsenden Übel im alten Europa.
Das Gesicht Europas und der Welt, erleuchtet vom kalten Geist des Fortschritts, hat sich seit dem klassischen Weimar gewaltig verändert, und auch die Wilden sind nicht mehr das, was sie einstmals waren. Doch geblieben, wie das Mißvergnügen unter dem grauen Himmel des Nordens, wie das große Unbehagen in der Kultur, wie die Sehnsucht nach Wärme und Licht, nach Heil und Ursprung und unwiederbringlich verlorener Unschuld, ist der Traum von den seligen Inseln, geborgen in der Einsamkeit des endlosen Ozeans.
Wahrhaft irdischen Paradiesen gleich, in jungfräulichem Glanz, so sind sie vor zwei Jahrhunderten aufgetaucht am Horizont europäischen Bewußtseins, von Völkerschaften bewohnt, die, nach den verzückten Schilderungen ihrer weißen Entdecker, spielend in einem wunderbaren Menschheitsfrühling dahinlebten, die weder Mangel kannten noch Sündenpein und mit Leib und Seele zu bezeugen schienen, was Jean-Jacques Rousseau gepredigt hatte: daß der Mensch in naturhaftem Zustand, unversehrt vom Fluch der Zivilisation und ihrer Niedertracht, Heuchelei und Herzenskälte, edel, gut und glücklich sei.
Als die Gestade eines "unendlich glücklicheren Daseins", gesegnet mit "all den verschwenderischen Gaben der Natur" und einem immerwährenden "tropischen Juni, der gerade in den Juli übergeht", hat der "Moby Dick"-Autor Herman Melville sie erfahren, den es 1842 auf ein Eiland in den Marquesas verschlug. Als die besseren Küsten eines "anmutigen, leichten, ausschweifenden Gefühlslebens", so pries sie 1928
die Anthropologin Margaret Mead.
"Kein anderer Erdteil übt einen ähnlichen Zauber auf den Besucher aus", schrieb romantischen Gemüts der Schotte Robert Louis Stevenson, der in Samoa begraben liegt, und wohl kein Märchenorient, kein Lotusland hat die Fluchtphantasien westlicher Asphaltbürger je schöner beflügelt - bis in die Gegenwart hinein, umflimmert von Filmfabeln, verewigt in den Blumenmädchen Gauguins, durchweht von Hawaiigitarrenklang, ist der Mythos unverblichen, der dort, wo die Südsee rauscht und noch immer die "Bounty" durch die Wogen geistert, die paradiesischen Strände des Friedens, der Muße und der unverfälschten Erdenfreuden verheißt.
Aber dieses Eden in verklärter Ferne, das auch zu Goethes Zeit mehr Wunschbild war als Wirklichkeit, ist lang dahin. Die Paradiese sind erobert und zu westlicher Räson gebracht. Es gibt keine abgeschiedenen Südseeinseln mehr und keine edlen Wilden, keine stolzen Kannibalen, die am zähen Fleisch von Missionaren nagen. Es gibt keine rettenden Ufer mehr, die Zuflucht böten vorm Unheil der Moderne und ihrem benzinumdünsteten Fortschritt von Asphalt, Beton, Plastik und Blech.
"Unglückliches Volk!" Schon Melville hatte schaudernd "die verderblichen Laster und die schlimmsten Begleiterscheinungen der Zivilisation" vor Augen, die "allen Frieden und alles Glück aus dem Tal vertrieben". Heute rollen Toyotas und Peugeots über geteerte Inselstraßen, an den Kaimauern machen die weißen Traumschiffe fest, und auf den Flughäfen entladen die Boeings ihre Frachten von Package-Touristen, die das Südseeparadies unter Hotelpalmen am Swimming-pool genießen und bei polynesischer Folklore im Fackelschein zum kalten Buffet.
"Es wäre weit besser gewesen für diese armen Leute, sie hätten uns nie gekannt", notierte Captain Cook, als er Abschied nahm von Tahiti. Heute, nach den Siegeszügen der weißen Gehirntiere, nach Generationen der Kolonialherrschaft, nach den Stahlgewittern und fernen Wetterleuchten des großen Kriegs, der durch den Pazifik tobte, suchen die Völker Ozeaniens ihr Heil in einer Welt, von fremden Spielregeln diktiert, der sie einverleibt und ausgeliefert sind auf Gedeih und Verderb.
Es ist die neue Welt der parlamentarischen Systeme, der Schulerziehung, der Geldwirtschaft, der Entwicklungsstrategien, der sozialen Unrast mit ihren Landfluchten und wachsenden Städten - eine dynamische Welt des revolutionären Wandels, in der die alten Südsee-Kulturen, ihre seit Ewigkeiten überlieferten Sitten, Bräuche und Mysterien, ihre sanfte pazifische Lebensart vollends unterzugehen drohen, so als zerfiele alles zu Staub und ginge dahin zu den Vätern.
Der Pazifische Ozean, der sich von den Westküsten der beiden Amerikas bis zu den Rändern Asiens und Australiens, vom Beringmeer bis zur Antarktis ausdehnt, bedeckt ein Drittel der Erdkugel, und die Landmassen aller Kontinente fänden gut in ihm Platz.
Über seine tropischen Zonen, die man etwas vage die Südsee nennt, sprenkeln sich, dichter formiert im Westen, in die Weiten des Meeres hinein immer weiter verstreut, an die 10 000 Inseln - winzige Sandbänke und Riffe, kleine Atolle, flache Korallenplateaus, erloschene Vulkane, ausgedehnte Gebirgslandschaften mit breiten Strömen und immergrünem Regenwald, auch das riesige Neuguinea zählt dazu.
Es sind die "Schwarz"-, die "Klein"- und die "Vielinsel"-Welten Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens, und nirgendwo sonst auf Erden leben so wenige Menschen von so vielen Sprachen und Kulturen so weit verteilt wie diese knapp sechs Millionen auf ihren Sporaden in einer Wasserfläche von der mehrfachen Größe der Sowjet-Union.
Ihre Vorfahren, so lehren die Ethnologen, kamen aus Südostasien. Am Ende der letzten Eiszeit, vor etwa 20 Jahrtausenden, wanderten negride Völker in den Meeresraum ein, besiedelten den melanesischen Inselbogen zwischen Neuguinea und Neukaledonien und drangen bis nach Fidschi vor.
Vor mehr als 4000 Jahren folgten ihnen hellhäutige Volksgruppen mongoliden und europäiden Typs nach. Sie gelangten zu den Inselketten Mikronesiens, erreichten um 1000 vor Christus die Archipele von Tonga und Samoa und eroberten sich von dort auf großen Doppelkanus, durch die Nächte navigierend nach dem Stand der Gestirne, die immense Region des "Polynesischen Dreiecks" zwischen Hawaii, Neuseeland und der Osterinsel.
An ihren Stränden, umbrandet von der Unendlichkeit, lebten die Bewohner des Ozeans über Millennien hinweg als Bauern und Fischer im ewigen Sommer, im Einklang mit der Schöpfung der Götter, unverändert wie die Generationen, die vor ihnen da waren und die nach ihnen kamen, denn "die Koralle wuchert, die Palme
wächst, der Mensch vergeht", sagt ein polynesisches Lied.
In streng hierarchischen Dorfgemeinschaften lebten sie, von Häuptlingen und Priestern regiert, doch zugleich urkommunistisch, indem sie teilten, was sie besaßen an Land und Gut; und ihr Unvermögen, zwischen mein und dein zu unterscheiden, hat dann die weißen Eindringlinge oft genug in Rage gebracht.
"Islas de los Ladrones", Inseln der Diebe, taufte Magellan, Generalkapitän Kaiser Karls V., die heutigen Marianen. Er war der erste Europäer, der auf seiner Weltumseglung, 1519 bis 1521, mit einer Flotte von fünf Karavellen das von ihm so genannte "Mar pacifico" durchquerte, wobei "wir während der ganzen Fahrt keinen Sturm erlebten". Er war der erste, den die Heiden erschlugen, als er sie mit Waffengewalt zum Christentum bekehrten wollte.
Mit Magellan begann die Erforschung und Eroberung des "friedlichen Meers". Im 16. Jahrhundert, von den Küsten der Neuen Welt aus, brachen die Spanier auf, unterwarfen die Philippinen und setzten sich auf den Inseln Mikronesiens fest. Im 17. Jahrhundert erkundeten die Holländer, Männer wie Abel Tasman, das große Unbekannte.
Der berühmteste aller Südsee-Entdecker aber ging im 18. Jahrhundert auf Fahrt. Auf drei langen Reisen hat James Cook, der Landarbeitersohn aus Yorkshire, den Pazifik von der Antarktis bis zur Beringstraße durchsegelt und für die Karten des Abendlands vermessen. 1779 wurde er am Strand Hawaiis im Streit um ein gestohlenes Boot von Insulanern erdolcht.
Captain Cook und der französische Edelmann Louis Antoine de Bougainville: Sie waren es, die diese fernste aller Weltgegenden ins Blickfeld Europas rückten. Auf Suche nach der terra australis incognita, dem legendären Kontinent des Südens, hatten beide die pazifischen Wasserwüsten durchirrt. Was sie fanden und dann so überschwenglich priesen, war die Schönheit der Königin Polynesiens, und es begann der Traum von der glücklichen Südsee.
"Unter dem schönsten Himmel geboren, sich nährend von den Früchten einer ohne menschliches Zutun fruchtbaren Erde, regiert eher von Familienvätern als von Königen, kennen die Bewohner Tahitis keinen anderen Gott als den der Liebe. Alle Tage werden ihm geweiht, die ganze Insel ist sein Heiligtum, alle Frauen sind seine Altäre und alle Männer seine Oberpriester."
So berichtete der Naturforscher Philibert de Commerson, ein Begleiter Bougainvilles, dessen "Boudeuse" 1768 neun Tage lang vor Tahiti lag. Im Jahre zuvor schon hatte die britische "Dolphin" unter Kapitän Samuel Wallis dort Besuch gemacht, im folgenden Jahr ging vor dem schwarzen Palmenstrand von Matavai Cooks "Endeavour" vor Anker, und jedesmal öffnete sich den Teerjacken nach sauren Monaten auf rauher See ein Garten der Lüste.
Denn was sie erlebten auf dieser zauberhaften Insel, unter diesen schönen (und so phantastisch tätowierten) Menschen, war ein unaufhörliches Liebesfest. "Da üben", rühmte Commerson, "Schamgefühl und Züchtigkeit ihre Tyrannei nicht mehr aus." Freudig, mit Blumen bekränzt, gaben sich die glutäugigen vahines den weißen Fremdlingen für einen einzigen Zimmermannsnagel hin, so daß sich an Bord bald keine Hängematte mehr festhaken ließ und die Schiffsplanken wackelten.
Hier, auf der anderen Seite der Erdkugel und Äonen entfernt von Europa, lag Arkadien, lag (so Bougainville) "Neu-Kythera", wo noch einmal die Göttin Aphrodite dem Meeresschaum entstieg. Hier, an den Gestaden primitiver Daseinswonnen, lag das Land der edlen Wilden Rousseaus.
Zwar klauten sie alles, was ihnen zwischen die flinken Finger geriet, Taschentücher, Socken, Töpfe, Schnupftabaksdosen, Fernrohre, einen Quadranten, eine Muskete, einen Degen, doch sie stahlen ja in aller Unschuld. Sanftmütig waren sie, gastfreundlich, zutraulich, ohne Arg. Sie kannten keine Krankheiten und Gebrechen außer dem Siechtum des Alters und lebten anscheinend sorglos dahin im trägen Rhythmus der Tage.
Daß dieses Idyll durch viele Tabus verdüstert wurde, daß Despotentum und
Sklaverei herrschten, daß die Insulaner einander in stetigen Stammesfehden abschlachteten samt Weib und Kind und auf den Kultstätten die Schädel von Menschenopfern sich türmten: Bougainville, der Begründer des Tahiti-Märchens, hat es wohl erkannt, ernüchtert in seiner Bewunderung hat es ihn nicht. "Lebe wohl, glückliches und weises Volk. Bleibe immer so, wie du jetzt bist", trug er zum Abschied ein in sein Tagebuch.
Als im Jahr darauf Cooks "Endeavour" absegelte, umgeben von Kanus voll wehklagender Männer und Mädchen, hatte die Hälfte der Besatzung die Franzosenkrankheit an Bord gebracht, ein Souvenir an die Jungs von der Königlichen Fregatte "La Boudeuse", die wiederum ihre Vorgänger von der "Dolphin" der Urheberschaft bezichtigten.
In seinem "Nachtrag zu Bougainvilles Reise" aber schrieb der französische Philosoph Denis Diderot: "Weint, unglückliche Tahitianer, weint ruhig; aber weint über die Ankunft und nicht über die Abfahrt dieser ehrgeizigen und bösen Menschen. Eines Tages werdet ihr sie besser erkennen ... Eines Tages werden sie wiederkommen, um euch in Ketten zu legen, euch niederzumachen oder euch ihren Ausschweifungen und Lastern zu unterwerfen. Eines Tages werdet ihr unter ihnen dienen, ebenso verdorben, niedrig und unglücklich wie sie."
"Wir haben es von unsern Vätern und von den Vätern unserer Väter gehört. Sie kamen wie die Lämmer und sprachen sanft. Wohl mochten sie sanft sprechen, denn wir waren viele, und wir waren stark, und alle Inseln gehörten uns ... Das war der Anfang", erzählt in einer Geschichte Jack Londons ein Hawaiianer, den die eingeschleppte Lepra zerfressen hat.
Den Anfang machten die Robben- und Walfänger, die desertierten Matrosen, die entflohenen Sträflinge, die Glücksritter und Desperados, das Strandgut von allen Wasserkanten. Mit List und Tücke, mit Rum und Feuerwaffen, mit Syphilis und Pocken suchten sie die Inseln heim. Auf 40 000 Seelen wurde zu Cooks Zeiten die Bevölkerung Tahitis geschätzt, um 1840 war sie auf 6000 geschrumpft.
Und es kamen die steiflippigen Sendboten des Christentums, um die alten Götter und Geister zu vertreiben, die Nackten zu kleiden, die Heiden zu erlösen vom Übel der Sinnenlust. Von Tahiti aus, wo 1797 die "Duff" mit ersten Predigern der London Missionary Society vor Anker ging, verbreiteten sie die frohe Botschaft über alle Archipele im Stillen Ozean. "Auf O-Taheiti, auf O-Waihi", klagte der Dichter Adelbert von Chamisso, der 50 Jahre nach Bougainville mit einer russischen Expedition durch den Pazifik reiste, "verhüllen Missionshemden die schönen Leiber, alles Kunstspiel verstummt, und der Tabu des Sabbats senkt sich still und traurig über die Kinder der Freude."
Und hinzu kamen die Siedler, die kleinen Händler und die Agenten der Handelshäuser in Bordeaux, Hamburg, Manchester und San Francisco, die Faktoreien begründeten und den "Kanaken" ihr Land abgaunerten, um Phosphatfelder auszubeuten und Plantagen anzulegen, für die sie, vielfach von Seelenverkäufern rekrutiert, Arbeiter heranschaffen ließen von anderen Küsten, von Neuguinea, den Salomonen und den Neuen Hebriden, oder Kulis aus China und Britisch-Indien.
Und als auf den Inseln Unruhe und Unsicherheit wuchsen und der Groll gegen die Fremden und ihre Tricks und Ränke immerfort schwelte und böses Blut schuf, als Aufruhr, Gewalt und Chaos herrschten und die Stammesmassaker kraft moderner Waffen immer bedrohlicher wurden, kamen den Häuptlingen in ihrer Bedrängnis weiße Berater zu Hilfe, die nach den Regeln westlicher Justiz und Administration für Frieden und Ordnung sorgten und sich dabei oft zu den wahren Machthabern im Land aufschwangen.
Vor den tropischen Stränden indes kreuzten die Kriegsschiffe zum Schutz _(Daguerreotypie aus dem Jahre 1845. )
der Europäer und ihrer Palmenhaine, Baumwoll- und Zuckerrohrfelder, Kaffee-, Kakao- und Bananenpflanzungen, und daß Flagge dem Handel folgte und die Großmächte sich balgten um pazifische Häfen, um Kohle- und Kabelstationen, war nur eine Frage der Zeit.
Schon 1842 hatten die Franzosen von Tahiti und den übrigen Gesellschaftsinseln Besitz ergriffen und ihren Herrschaftsbereich anschließend über die benachbarten Archipele ausgedehnt. 1853 annektierten sie Neukaledonien, das ihnen über Jahrzehnte als Sträflingskolonie diente, unter anderem für die Pariser Kommunarden. 1887 wurden die kleinen Eilande Wallis und Futuna französisches Protektorat.
Queen Victorias Empire-Erbauer, obwohl die Region direkt vor ihren Domänen Australien und Neuseeland lag, zögerten anfangs, in Erwägung des Für und Wider von Verwaltungskosten und Profit. Erst nach langem Widerstreben, 1874, stellten sie Fidschi auf Ersuchen des Inselkönigs unter die Hoheit der britischen Krone. Doch ihr Elan nahm beträchtlich zu, als ihnen aus dem jüngst gegründeten Deutschen Reich ein ehrsüchtiger Rivale erwuchs, der nach Weltgeltung strebte und Anspruch erhob auf seinen "Platz an der Sonne".
So begann, wie zuvor in Afrika, und wieder forciert durch imperialistische Eifersucht, auch in Ozeanien das große Gerangel um Kolonien und Schutzgebiete, in das sich zum Schluß noch die Yankees einmischten, und als das 20. Jahrhundert anbrach, waren auch die Weiten der Südsee parzelliert und ihre Territorien aufgeteilt unter den Nationen des Westens.
Im südöstlichen Neuguinea, auf den südlichen Salomonen, auf den Gilberts und den Cooks, auf Tokelau und Niue, den Ellice-, Phönix-, Line- und Ocean-Inseln saßen die Briten, britisch war das ferne kleine Pitcairn, wo die Nachkommen der "Bounty"-Meuterer lebten. Das unabhängige Königreich Tonga stand unter britischem Schutz, die Neuen Hebriden bildeten ein britisch-französisches Kondominium.
Die USA hatten sich 1898, nach dem gewonnenen Spanisch-Amerikanischen Krieg, die Philippinen sowie Guam angeeignet und bei der Gelegenheit, um klare Verhältnisse zu schaffen, gleich Hawaii mit vereinnahmt, das längst von amerikanischen Zuckerkönigen beherrscht und in seinem polynesischen Lebensstil schon gründlich deformiert war. Ostsamoa mit dem feinen Hafen von Pago Pago fiel ein Jahr später unter die Verwaltung des US-Marineministeriums. Die Osterinsel wurde 1888 von Chile annektiert.
Das nordöstliche Neuguinea aber, jetzt Kaiser-Wilhelms-Land genannt, der Bismarck-Archipel, die nördlichen Salomonen, die Marshalls und die winzige Phosphat-Insel Nauru - das alles waren seit den 1880er Jahren "unsere Kolonien". Die Marianen, die Karolinen und Palau, 1899 den Spaniern abgekauft, kamen noch hinzu, und im Westen des geteilten Samoa (wie bis zum heutigen Tag auf einem Gedenkstein dort zu lesen ist) "wurde am 1. März 1900 die deutsche Flagge gehißt".
Doch die Farben Schwarz-Weiß-Rot sollten nirgendwo lange wehen. 1914, als der Erste Weltkrieg begann, rückten im Süden Australier und Neuseeländer in des Kaisers Kolonien ein und übernahmen sie später als Mandatsgebiete. Auf die Inselketten im mikronesischen Norden hingegen drang nun, nach den Spaniern und den Deutschen, eine ostasiatische Kolonialmacht vor, die neue Konstellationen schuf: Japan.
Am Morgen des 7. Dezember 1941, fünf Minuten vor acht, erschienen über der Hawaii-Insel Oahu Luftgeschwader mit dem Emblem der aufgehenden Sonne an den Tragflächen und bombardierten die in der Hafenbucht von Pearl Harbor ankernde US-Flotte von 96 Schiffen, von denen sie 18 versenkten oder schwer beschädigten, 2403 Amerikaner
fanden den Tod. Über den Stillen Ozean brachen die Zyklone der Zivilisation herein.
Vorstoß der Japaner zu den Philippinen, Eroberung von Guam und Wake, Angriff auf den Bismarck-Archipel, Neuguinea und die Salomonen; Gegenoffensiven der Alliierten, Seeschlachten im Korallenmeer und bei den Midways, Kampagnen auf Guadalcanal, Bougainville, Neu-Britannien, Rückeroberung der verlorenen Inseln, Vormarsch Richtung Japan: An die vier Jahre währte das Inferno, das desperate "Froschhüpfen" noch nach kümmerlichsten Atollen, nach Brückenköpfen und Luftstützpunkten. Am Strand von Tarawa auf den Gilberts verrotten die Monstren des Verderbens bis heute in Sand und See, und auf der Marianen-Insel Tinian erinnern zwei Tafeln daran, daß hier, im August 1945, zwei Bomber vom Typ B-29 mit ihrer Atomfracht starteten zum Flug nach Hiroschima und Nagasaki.
Damals, bis in die letzten Etappen des riesigen Aufmarschgebiets Südpazifik, begann für die Völker Ozeaniens die Moderne. Bis dahin hatten sie die Weißen nur als Einzelwesen erlebt. Jetzt fielen zu Hunderttausenden die jungen Amerikaner ein in die britischen und französischen Besitzungen zwischen Neukaledonien und dem 4500 Kilometer davon entfernten Bora Bora. Mit Panzern und Kanonen landeten sie, mit Jeeps und Trucks, mit Bulldozern, Baggern und Kränen, um ihre Heerlager und Nachschubbasen zu errichten, um Hafenanlagen zu zementieren, Straßentrassen durch den Busch zu walzen, Pisten zu bauen für die Silbervögel der U.S. Air Force. Sie brachten lockere Sitten und einen sagenhaften Segen von Dollar und PX-Rationen ins verschlafene Dasein der Selbstversorger und nährten den Unmut gegen die Kolonialherrschaft.
Und als der Krieg zu Ende war, sah auch auf den pazifischen Inseln die Welt ganz anders aus. Die Insulaner hatten viel dazugelernt, und ihre Führer mischten nun kräftiger mit im politischen Spiel. Die weißen Herren waren milder und nachgiebiger geworden in ihrem Regiment und ließen mit sich handeln über mehr Mitbestimmung, über Selbständigkeit.
1962 ging aus dem von Neuseeland verwalteten Westsamoa der erste souveräne Staat in der Region hervor. Die meisten anderen der britisch dominierten Gebiete sind ihm seither in die Unabhängigkeit nachgefolgt. Neue exotische Namen tauchten auf. Die Ellice-Inseln heißen jetzt Tuvalu. Die Gilbert-, Phönix- und Line-Inseln bilden die Republik Kiribati (sprich: Kiribas). 1980, nach schweren Unruhen, entstand aus dem französisch-britischen Kondominium der Neuen Hebriden das freie Vanuatu. In Ozeanien brach ein neues Zeitalter an.
Ein neues Zeitalter: Der Krieg war kaum vorüber, da stieg über Bikini der erste Atompilz empor. Die 167 Bewohner des Atolls, zu den Marshall-Inseln gehörig, wurden 400 Meilen weiter südlich auf dem viel kleineren Kili angesiedelt, wo ihre Gemeinde auf nunmehr 1100 Seelen angewachsen ist. Ein paar Bikinier trieb es vor Jahren zurück in die
alte Heimat, radioaktives Cäsium zwang sie zur Umkehr.
103 Atom- und Wasserstoffbomben zündeten die USA auf Bikini, Eniwetok, der Johnston- und der Weihnachts-Insel, bevor sie 1958 ihre Versuche im Stillen Ozean einstellten. Nun experimentieren seit fast zwei Jahrzehnten in den Tuamotus die Franzosen, ungeachtet aller Proteste der benachbarten Inselvölker und ihrer großen Brüder in Wellington und Canberra, die einen "nuklearfreien" Südpazifik fordern, frei von Atomtests, Atomwaffen-Depots und dem Müll japanischer Atomkraftwerke auf dem Meeresgrund.
Die Zeiten haben sich gewandelt, die alten Mächte sind geblieben. Geblieben ist Frankreich, das seine pazifischen Domänen wie ferne Provinzen des Mutterlands regiert.
Die nördliche Inselwelt vom US-Bundesstaat Hawaii bis zum US-Territorium Guam beherrschen die Amerikaner: Die vormals spanischen, dann deutschen, dann japanischen Kolonien Mikronesiens sind Treuhandgebiet der Vereinigten Staaten, und die Republiken, die sich mittlerweile in ihm herangebildet haben, wollen auch künftig in einem "Compact of Free Association" eng mit den USA verbunden bleiben.
Die Meeresbreiten zwischen Papua-Neuguinea und den Cook-Inseln aber bewachen nach dem Niedergang des Empire die Australier und Neuseeländer als ihren Teich; und wo sie inzwischen abgedankt haben als Kuratelherren oder Statthalter der britischen Krone, empfehlen sie sich nun als die größeren Nachbarn, als Beschützer und Helfer der jungen Kleinstaaten und Commonwealth-Partner, mit denen sie seit 1971 den Klub des "South Pacific Forum" bilden zur Pflege politischer und wirtschaftlicher Zusammenarbeit in der Region.
Koloniale Dependenzen und "frei assoziierte" Länder mit innerer Selbstverwaltung, Übersee-Territorien und neun souveräne Nationen - in 22 politische Einheiten (Hawaii nicht gerechnet) zerfällt die Inselflur der neuen Südsee. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kranken sie alle an einem Gebrechen: Sie können kaum, wenn überhaupt, auf eigenen Füßen stehen.
Politische Freiheit für die pazifischen Inseln ist ein riskantes Abenteuer und Autarkie oft nur ein schöner Traum - allzu klein und zersplittert die Flecken Erde und zu dürftig vielfach die Ressourcen. Über Bodenschätze wie Kupfer, Eisenerz, Kobalt, Mangan verfügen nur die geologisch begünstigten "kontinentalen" Inselgruppen Melanesiens. Die Länder der polynesischen und mikronesischen Vulkan- und Koralleninseln bleiben vor allem angewiesen auf die Erträge ihrer Landwirtschaft und vielfach ausschließlich auf den Export des einen Produkts, das vom Baum des Lebens kommt: Kopra.
Die 4600 Bürger der Republik Nauru natürlich können nicht klagen; ihr Eiland, ganze 22 Quadratkilometer umfassend, ist eine einzige Phosphatgrube, deren Abbau ihnen eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen auf Erden beschert, freilich nur noch bis etwa zum Jahr 2000, dann wird die Bonanza an verwittertem Vogelmist erschöpft sein. Neukaledonien ist der Welt viertgrößter Nickel-Lieferant. Fidschi hat ertragreiche Zuckerrohrfelder und neben weiteren wachstumskräftigen Industrien ein florierendes Tourismus-Gewerbe und bestreitet mittlerweile seinen Staatshaushalt zu 90 Prozent aus eigener Kraft.
Fidschis Nachbarn indes dürfen für lange Zeiten, und manche wohl für immer und ewig, nur hoffen auf den Beistand der Großen und der Reichen, auf die Gelder der westlichen Industrieländer, die Hilfe von Uno und EG, die Kredite und Darlehen der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank, auf die Subsidien insbesondere der alten oder noch herrschenden Metropolmächte. Für das Budget seines ehemaligen Mandatsgebiets Papua-Neuguinea kommt zu 30 Prozent Australien auf. Und nur allzu gern verharrt ein Territorium wie Amerikanisch-Samoa unter der Obhut Washingtons und erfreut sich der Unterhalts-Millionen, die Onkel Sam ihm spendiert.
Denn wie, wenn nicht dank massiver Fremdhilfe, soll ein Land sich über Wasser halten, wenn seine Handelserlöse nicht einmal ausreichen, die Rechnungen fürs importierte Erdöl zu bezahlen? Wie die Finanzen aufbringen für Regierung, öffentliche Dienste und Förderung des Gemeinwohls, für den Bau von Schulen, Krankenhäusern, Straßen, den Ausbau von Flughäfen, Kaianlagen, Uferbefestigungen, die Modernisierung seiner Agrikultur, die Einrichtung von Ölmühlen und Kleinindustrien, die Entwicklung von Schiffahrt und Telekommunikation, den Wiederaufbau nach Hurrikan-Desastern, die in manchen Gegenden fast jährlich die Inseln heimsuchen?
Wie, ohne fremde Unterstützung, könnte Kiribati überdauern, dessen 33 Atolle und Korallenplateaus, von 60 000 Menschen bewohnt, sich längs des Äquators über fünf Millionen Quadratkilometer Ozean verteilen? Die Phosphatbrüche
auf Banaba, die vor dem Unabhängigkeitsjahr 1979 über 88 Prozent des Exportvolumens ausmachten, sind abgebaut. Seither sickern dem Land nur noch Einnahmen zu aus dem Export von Kopra, dem Verkauf von Briefmarken, den Überweisungen seiner etwa 1000 Seeleute, die unter fremden Flaggen fahren, und aus Kiribatis Fischbestand.
Doch auch Fisch bringt den pazifischen Inseln nicht mehr den reichen Segen wie zu den alten Zeiten, als es in den Lagunen noch wimmelte von marinem Leben. Die Küsten- und Riffgewässer sind zumeist leergefischt. Für hochseetüchtige Boote fehlt es ebenso an Kapital wie für elektrische Kühlanlagen. Nur Fidschi hat in den letzten Jahren eine einträgliche Fischerei-Industrie aufgebaut.
Den großen Fang für die großen Märkte aber machen die hochtechnologisch ausgerüsteten Trawler-Flotten aus Japan, Kalifornien, Taiwan und Südkorea, die im tropischen Pazifik nach Thunfisch jagen, und von ihnen dürfen nun auch die Südsee-Länder profitieren. Denn wie verbrieft in der neuen (von den USA nicht unterzeichneten) Seerechtskonvention, haben sie das Meer vor ihren Küsten in 200 Seemeilen Breite zu "exklusiven Wirtschaftszonen" erklärt - ein ungeheurer Zugewinn an potentiellem Nutzungsraum, der ihnen immerhin Lizenzgebühren für Fischereirechte einträgt.
Seit September 1983 sind die in den 200-Meilen-Zonen operierenden Trawler aufgefordert, der "Forum Fisheries Agency" in der Salomonen-Hauptstadt Honiara jeden Mittwoch per Radio Position und Fangquoten zu melden. Zur Überwachung der riesigen Gebiete allerdings fehlen wiederum Kontrollboote und -flugzeuge, und die vereinnahmten Gebühren sind karg. So verfügen beispielsweise die Cook-Inseln, mit einer Bodenfläche von 238 Quadratkilometern, über 1,4 Millionen Quadratkilometer Ozean; von den Fischzügen der Koreaner und Taiwaner in ihren Gewässern fallen für sie jährlich rund 100 000 Dollar ab.
Derweil, bei leeren Kassen und unaufhaltsam wachsenden Außenhandelsdefiziten, importieren die Länder Ozeaniens Jahr für Jahr für viele Dollar-Millionen Lebensmittel, und dazu gehört der von Insulanern höchst begehrte Dosenfisch, gefangen zum Großteil im Südpazifik, verpackt in Japan oder den USA.
"Unter dem schönsten Himmel geboren, sich nährend von den Früchten einer ohne menschliches Zutun fruchtbaren Erde": Jene Zeiten paradiesischer Selbstgenügsamkeit, wie Commerson sie einst sah mit romantischem Blick, sind längst versunken, dahingeschwunden unter den Triumphmärschen westlicher Zivilisation. Die Südsee ist heute eine der teuersten Gegenden der Welt, denn die Transportwege sind lang und die Einfuhrzölle hoch - für Autos, Maschinen und Ersatzteile, für Textilien, Chemikalien, Haushaltswaren, Gebrauchsartikel, Bücher, Tabak, Alkohol.
Sicher, draußen auf dem Land, im geruhsamen Rhythmus dörflichen Daseins, nährt die Natur die Ihrigen üppig wie von alters her, mit Taro, Yam, Maniok und Süßkartoffeln, mit Brotfrucht, Kokosnüssen und Bananen, und dazu dem fetten Fleisch der schwarzen Schweine. Noch immer wird gefischt für lokalen Bedarf. Bei Ebbe wandern die dicken Matronen riffwärts durchs Korallenwatt und sammeln Muscheln und Krebse und spießen Tintenfische auf und Seegurken fürs Abendmahl.
Doch auch in den Gemeinden von Selbstversorgern, für die ehedem nur der Tauschhandel galt, geht es mittlerweile ganz gehörig um bare Zahlung. Hinter den Tresen der Krämerläden stapeln sich die bunten Büchsen voller Corned beef aus Neuseeland. In den nähergerückten Städten, in die man nun mit Pickups und Bussen fahren kann, locken die Supermärkte und Duty-free-Shops mit den gleißenden Sachen des Wohlstands.
Alles kostet Geld. Der Pfarrer hält ewig die Hand auf, die Hochzeitsfeste und Leichenfeiern sind schier unerschwinglich geworden. Sogar die sechs, acht Kinder, früher ein reiner Gottessegen an zusätzlicher Arbeitskraft, liegen heutzutage schwer auf der Tasche. Sie brauchen Schuluniformen, erfordern Schulgebühren. Und wenn sie erst einmal von den Schulen kommen, belesen und belehrt, wie es den Eltern nie vergönnt war, dann wollen sie auch nicht mehr schuften wie die Alten unter glühender Sonne auf den Feldern, bis sie selber grau und zahnlos sind.
Sie erhoffen sich Besseres von der Zukunft. Fort wollen sie von daheim, hinaus ins schönere, freiere Leben, zu den Lichtern der Städte, Geld verdienen; und fraglich bleibt nur, wo der Job sich finden läßt, da doch bezahlte Arbeitsstellen so verdammt rar sind auf den Inseln, in den öffentlichen Diensten, in den winzigen Industrien, im kümmerlichen Fremdenverkehrsgewerbe mit den paar Hotels.
Und so sitzen sie abends unter Palmen am Strand und träumen von den Paradiesen jenseits des großen Ozeans, in der reichen weißen Welt. Im gelobten Neuseeland, im goldenen Kalifornien, wo nun schon viele Zehntausende von Polynesiern leben, kann man gute Dollars machen. In Auckland, in San Francisco wartet das Glück.
Im nächsten Heft
Fidschi, Nabel der Südsee - Die Keule des Häuptlings Cakobau - Britanniens Vermächtnis - Sonntag auf Tongatapu - Majestät sucht Investoren - Petroleum in der Lagune
[Grafiktext]
NEUES SPANNUNGSFELD ZWISCHEN OST UND WEST Die Inselwelt der Südsee PAZIFIK CHINA TAIWAN JAPAN Nagasaki Hiroschima Tokio PHILIPPINEN GUAM (USA) INDONESIEN NORD-MARIANEN WAKE ENIWETOK BIKINI MARSCHALL-INSELN FÖDERATION MIKRONESIEN KAROLINEN PALAU PAPUA-NEUGUINEA BISMARCK-ARCHIPEL BOUGAINVILLE GUADALCANAL NAURU GILBERT-INSELN PHOENIX-INSELN LINE INSELN WEIHNACHTSINSEL BANABA KIRIBATI TOKELAU (NEUSEEL.) SALOMONEN TOVALU Pago Pago COOK-INSELN NIUE (NEUSEEL.) VANUATU NEUE HEBRIDEN FIDSCHI TONGA BORA BORA TUAMOTU-INSELN MARQUESAS FRANZ.-POLYNESIEN TAHITI MURUROA NEU-KALEDONIEN (FRANZ.) WALLIS UND FUTUNA (FRANZ.) WEST SAMOA AMERIK. SAMOA PITCAIRN (BRIT.) OSTER-INSEL (CHILE) AUSTRALIEN Canberra Sydney Auckland NEUSEELAND Wellington MIDWAY-INSELN HAWAII Honolulu HAWAII San Francisco USA
[GrafiktextEnde]
Daguerreotypie aus dem Jahre 1845.
Von Gunar Ortlepp

DER SPIEGEL 44/1985
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