03.03.1986

„Sonntags vor dem Kirchgang“

Presseecho auf den SPIEGEL-Titel „Verstrickt“ *
Süddeutsche Zeitung
Die Mitarbeiter des Bundeskanzlers haben in den letzten Tagen alle Eventualitäten des Ermittlungsverfahrens gegen ihren Chef durchgespielt und dabei einige Tips für alle Lebenslagen herausdestilliert ... der Kanzler müsse es "durchstehen" ...
Die Nervosität, die sich in den oberen Rängen des Kanzleramts ausgebreitet hat, kommt vor allem darin zum Ausdruck, daß die Lagebesprechungen zu Beginn eines jeden Arbeitstages von Spannungen begleitet sind. Die Teilnehmer der Runde bei Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble, darunter die Regierungssprecher Friedhelm Ost (CDU), Norbert Schäfer (CSU) und Herbert Schmülling (FDP), sind sich nämlich nicht mehr sicher, ob ihr üblicher Routinevortrag noch den Anforderungen des Regierungschefs genügt.
Bisher hatte Kohl unwidersprochen behauptet, er lese schon seit Jahr und Tag "das Magazin" nicht - gemeint ist der SPIEGEL - und gebe dessen Mitarbeitern auch keine Interviews. Daß letzteres zutrifft, davon können sich die Leser selbst überzeugen. Daß Kohl aber nicht weiß, was im SPIEGEL steht, glaubt ihm keiner mehr. Denn es hat sich herumgesprochen, daß Kohl, wenn er das Wochenende im heimischen Oggersheim verbringt, sonntags vormittags noch vor dem Kirchgang seinen Vertrauten Eduard Ackermann in Bonn anruft und sich aus einem Vorausexemplar die ihn betreffenden Passagen vorlesen läßt.
Doch seitdem es Schily und "das Magazin" darauf angelegt haben, "die Handlungsfähigkeit der Bundesrepublik zu mindern" (so Dregger), liest der Chef - angeblich - selber. Journalisten, denen dies zu Ohren gekommen war, fragten am Montag den Regierungssprecher, wie Kohl auf die Titelgeschichte des SPIEGEL reagiert habe. Darauf erwiderte Ost, Kohl habe sich das "Titelblatt heute morgen nicht angeschaut". Dennoch hält sich hartnäckig das Gerücht, Kohl habe sich noch in Oggersheim ein SPIEGEL-Exemplar besorgen lassen, dieses auf der Fahrt eingehend studiert und es bei einem kurzen Halt vor Bonn in einen Abfalleimer geworfen, um nicht bei der heimlichen Lektüre ertappt zu werden.
DIE ZEIT
Montag, 24. Februar. Auf dem Titel des SPIEGEL prangt das Photo eines Trios im Netz: Eberhard von Brauchitsch, Helmut Kohl und Juliane Weber. Das Magazin, das der Kanzler nicht liest, in dem Wolfgang Schäuble in einem Interview aber noch einmal alle Widersprüche zu erklären versucht, wartet auch noch mit einer anderen Story auf: "Die Marketenderin". Gemeint ist Juliane Weber, Kohls langjährige Sekretärin, heute seine persönliche Referentin.
Auf den ersten Blick handelt das Problem davon, daß die Kanzler-Mitarbeiterin im Dezember 1977 möglicherweise eine Spende von 30000 Mark bei der Firma Flick abgeholt hat, deren Verbleib aber nicht aufgeklärt ist. Kohl sei vor dem Ausschuß im übrigen nicht danach gefragt worden, ob Juliane Weber in seinem Auftrag einen solchen Gang zu Eberhard von Brauchitsch erledigt habe, heißt es.
Bei näherer Betrachtung müßte man sich gründlicher mit dem Sinn von Tabus in der Politik befassen. Es ist richtig, daß das Privatleben tabuisiert wird und nicht jeder auf jeden mit Fingern zeigen darf. Hoffentlich bleibt es so. Kohl denkt ähnlich und hat sich gegenüber anderen ähnlich verhalten. Aber auch in der Union ist jetzt manchmal zu hören, bei ihm vermischten sich Politik und Privates zu sehr. Und darin stecke denn auch der wirkliche Sprengsatz.

DER SPIEGEL 10/1986
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