23.09.1985

Die neue Herrlichkeit von Emden

SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über Henri Nannen und seine Kunsthallen-Stiftung *
Die Geschichte ist viel zu schön, um ohne weiteres geglaubt zu werden: Daß der Marinemaler Ludolf Backhuysen, der aus Emden stammte und in Amsterdam zu Erfolg gekommen war, vor seinem Tode 1708 erst noch den Wein für die eigene Leichenfeier probiert, bezahlt sowie versiegelt und außerdem ein Säckchen voll Gulden für die Trauergemeinde bereitgelegt haben soll - dieser Überlieferung pflegen Kunsthistoriker nicht besonders viel Vertrauen zu schenken.
Aber wo käme man hin ohne jene Histörchen und Mini-Mythen, die den Lauf der Menschheitsgeschichte schön farbig und leicht faßlich aufbereiten? Erfreulicherweise hat die Backhuysen-Vermächtnis-Story neuerdings ein größeres Stück Wahrscheinlichkeit für sich, und zwar als Folge von Recherchen und Archivstudien eines Mannes, der dazu wie kaum ein anderer berufen war. Schon deswegen, weil er ebenfalls in Emden zu Hause ist und es anderswo zu was gebracht hat.
Des weiteren allerdings fängt der Vergleich ein bißchen zu hinken an. Es ist wahr: Auch Henri Nannen, früher "Stern"-Chef und jetzt (unter anderem) Backhuysen-Forscher, sorgt vor, daß ihm bei seinem Ableben ein freundliches Gedenken sicher ist. Aber solche Vorsorge betreibt er nicht etwa am Ort seiner weithin sichtbaren Triumphe in Hamburg, sondern daheim am äußersten grünen, flachen, ostfriesischen Ende der Bundesrepublik. Und auf ein Guldensäckchen können die Hinterbliebenen bestimmt nicht rechnen. Nannen wird sein Geld gründlich verpulvert haben.
So gut wie alles an Besitz, was der einstige Illustrierten-Macher, nun 71, in einen aktiven Lebensabend mitgenommen hat, soll künftig in Emden der "Förderung des Verständnisses für die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts und", ja: und "der Gegenwart" zugute kommen. Den lokal verwurzelten Barockmaler Backhuysen, dem dank Nannen-Engagement derzeit eine große Ausstellung im Emder Rathaus gewidmet ist, schiebt der Förderer in einer taktischen Goodwill-Aktion als sein "Trojanisches Pferd" vor sich her.
Backhuysen gibt denn auch den Schutzheiligen eines Kunstvereins in Emden ab. 1983 auf Nannens Betreiben gegründet, hat diese "Backhuysen-Gesellschaft" schon zehn Ausstellungen mehr oder weniger moderner Kunst veranstaltet und damit über 50 000 Besucher angelockt. Bis zum 13. Oktober stellt sie nun, ausnahmsweise und damit die Emder Bürger noch mehr Vertrauen fassen, den eigenen Namenspatron vor, über den auch eine von Nannen herausgegebene und zum Gutteil selbstverfaßte Buchpublikation erschienen ist.
Aber richtig wird sich die Bestimmung des Vereins erst erfüllen, wenn er vom nächsten Jahr an in einer neuen Kunsthalle tätig wird - zusammen mit der gemeinnützigen "Stiftung Henri Nannen" (auch von 1983), die dieses Haus erbaut und die es betreiben soll. Sie schluckt dafür sechs Millionen Nannen-Mark in Geld und Wertpapieren, zuzüglich der - vorwiegend expressionistischen - Kunstsammlung des Stifters im Wert von rund sechseinhalb Millionen.
Gemessen an solchem Einsatz, nehmen sich andere Spenden und Zuschüsse bislang bescheiden aus, sogar die 830 000 Mark des Landes Niedersachsen. Im Mäzen-Regelfall der Ludwig, Hack oder Buchheim gibt ja jemand Kunst, womöglich nur leihweise, und erwartet dann ein Museum von der öffentlichen Hand. Und auch dies muß, warum nicht von Nannen selbst, einmal gesagt werden: Es dürfte einzigartig sein, daß einer "da alles reinsteckt, was er hat".
Er hat dafür nun auch "wahnsinnig viel Spaß". 1980 ist Nannen als Chefredakteur ausgeschieden, 1983 auch aus dem "Grüßaugust"-Amt eines "Stern"-Herausgebers. Konsequent auf einen Ruhestand bedacht, der diesen Namen nicht verdient, konnte er auf gar nichts Besseres verfallen als darauf, Kunst in seine abgelegene Heimat zu tragen. Er holt sich so, in mehrfacher Hinsicht, ein Stück Jugend zurück.
Schließlich hat Nannen als junger Mann in München ein Studium der Kunstgeschichte angefangen, mit dem er nicht fertig wurde, weil er, so seine Erinnerung, mehrfach bei der Obrigkeit aneckte. Allerdings hat er zwischendurch und zur "Bewährung" (Nannen) auch ein paar haarsträubend führetreue Kunstbesprechungen veröffentlicht.
Mit ihren Anfängen, ein paar Nolde-Blättern, reicht Nannens Sammlung, wie er sagt, in jene dreißiger Jahre zurück. Seinerzeit "gut gekannt" habe er zum Beispiel Gabriele Münter, die Gefährtin Wassily Kandinskys aus den - auch damals schon zwei Jahrzehnte zurückliegenden - Tagen des "Blauen Reiters".
Aber wirklich angefangen für Nannen hat alles doch in Emden, im schöngeistigen Elternhaus einer jüdischen Jugendfreundin, die nun als einzige Überlebende ihrer Familie in Haifa wohnt. Das Haus stand weniger als hundert Meter von Nannens jetzigem Kunsthallen-Bauplatz entfernt. Und der wiederum trug eine Villa, in der dann die Gestapo Quartier bezog. Das Terrain ist "mit Erinnerungen belastet".
Außerdem kann es jede Zuwendung gebrauchen. Mit jener im 16. Jahrhundert berühmten "Herrlichkeit von Emden", die sich, beim Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe, der Doktor Faustus als einen Inbegriff irdischer Pracht vom Teufel erbittet, ist es nicht mehr weit her. Die Grachtenstadt holländischen Gepräges ist im Zweiten Weltkrieg derart zusammengebombt und nachher derart aufgebaut worden, daß man es sich kaum schlimmer vorstellen kann. Die für die Region sprichwörtliche
Kunstabstinenz ("Frisia non cantat") kann dabei nur bestärkt worden sein. Emder "Kultur vor Nannen", von der nun der Oberbürgermeister jovial redet, wurde wesentlich durch die "vaterländischen Altertümer" im "Ostfriesischen Landesmuseum" verkörpert.
Mit dem und dessen Publikum hat es Nannen keinesfalls verderben wollen. Sein Einstieg war die 400 000-Mark-Anschaffung eines Flottenbildes von Backhuysen. Es ging als Dauerleihgabe der neuen Backhuysen-Gesellschaft in die Museumsräume im Rathaus, wo jetzt die Ausstellung gezeigt wird. Zur Kaufsumme hatte Nannen selber beigesteuert, außerdem aber energisch Spenden eingetrieben - von einem anderen großen Sohn der Stadt, Otto Waalkes, ebenso wie von VW oder, auch in kleinen Beträgen, von Einzelgebern am Ort. Noch zwei Backhuysen-Werke sind seither in die Stiftung eingegangen.
Die Entdeckung seines Schnorrer-Talents ging mit einer kritischen Selbsterkenntnis Nannens einher: "Ich eigne mich nicht für Kunsthandel." Zu Anfang hatte er seine musischen Pensionärsaktivitäten hauptsächlich in diese Richtung lenken wollen und war dabei von so rührenden Vorstellungen ausgegangen wie der, "wenn man ein Bild verkaufen wollte, müßte man es besitzen".
Das schien im Einzelfall gutzugehen, wenn Nannen etwa ein Gemälde des Expressionisten Heckel für 130 000 Mark ein- und binnen kurzem für 180 000 Mark wieder verkaufte. Die Genugtuung darüber schwand indessen, als er dann das Bild bei einem Sammler sah, der 600 000 Mark dafür bezahlt hatte.
Zudem ist ja privater Kunsthandel, noch dazu ohne eigene Ausstellungsräume betrieben, ein sehr diskretes Geschäft: kein Scheinwerfer, kein Applaus. Als Mäzen von Emden hat Nannen sich zwar eine bescheidene Bühne ausgesucht, auf der aber eine Starrolle, die ihn voll fordert.
Schon der Erwerb jenes Grundstücks, auf dem nun der Ziegelbau der Kunsthalle, ein Entwurf des hannoverschen Architekten Friedrich Spengelin, entsteht, wuchs sich zu einer Geschichte aus, "die bis in die Kriminalität hineinreicht". Mit dem Horrorpreis von je 300 Mark hat sich die Bundesvermögensverwaltung die reichlich 2000 Quadratmeter bezahlen lassen, weil ein anderer Interessent das auch biete. Dann mußte Nannen dort auch noch nach etwaigen Blindgängern forschen und 160 Bohrlöcher in den Grund treiben lassen. Es kamen aber nur ein Kühlschrank und ein Fiat 500 ans Licht.
Nannen in Emden: Er hat da eine Wohnung gemietet, ohne freilich sein Haus in Hamburg aufzugeben. Und er bringt weltläufige Souveränität in die Stadt, in der man auch abends noch mit "Mojn" grüßt. Er pflückt mit leichter Hand das Strafmandat von der Windschutzscheibe seines falsch geparkten Mercedes und wundert sich, wie die Verkehrspolizei bei so mäßigen Bußen zurechtkommt. Er verdonnert den vorsichtigen Museumsdirektor, der die Backhuysen-Ausstellung in gar zu trübem Schummerlicht halten möchte, gefälligst noch ein paar Lux zuzugeben.
Nannen zeigt seinen Mitbürgern, wie man sich reinschafft. Er hat, was nun wirklich nicht sein Job war, den Torbogen des Rathauses eigenhändig von angeklebten Zettelresten freigeschrubbt und die Passanten-Frage "Mutten Se dat maken?" klar bejaht. Er karrt provisorische Wände für Ausstellungen der Backhuysen-Gesellschaft herbei und streicht sie auch noch selber an. Seine Sorge ist bloß, einem künftigen Kunsthallendirektor könnte derlei handfestes Engagement schwerfallen.
Denn die Nannen-Stiftung muß ja auch für eine Zeit nach Nannen gerüstet sein. Noch hat sie nicht genügend Geld, um außer dem Bau auch, aus rentierlichem Vermögen, den laufenden Betrieb der Kunsthalle zu bezahlen (nur eine einbezogene Kindermalschule trägt sich _(Oben: "Die Übergabe des Oberbefehls über ) _(die Flotte der Generalstaaten an den ) _(Admiral Michiel de Ruyter am 18. August ) _(1665". ) _(Unten: "Schwestern" von Karl ) _(Schmitt-Rottluff (1914). )
dank Teilnehmerbeiträgen selbst). Für den Stifter ist das ein Appell zu "ungeniertem Betteln".
Mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, der seine Taschen umgedreht hat, redet er den sparsamen Stadtvätern ins Gewissen, spricht bei Industriellen vor und hebt in Anzeigen das Aquavitglas. Dabei hat er nicht nur sein Honorar, das in die Stiftung fließt, hochgehandelt, sondern den Werbern auch eine Lobrede auf seine Kunsthalle als Annoncentext aufgedrängt.
Nannen hat auch schon mehrere Bildhauer-Erbinnen bewogen, Dauerleihgaben nach Emden zu schicken. Seine eigene Kollektion aus rund 120 Gemälden und Graphiken ist ja etwas klassischeinseitig; nur punktuell reicht sie über den Expressionismus hinaus. Aber dieser Bestand soll kein Programm sein. Er soll schließlich auch immer wieder, ganz oder teilweise, ins Depot, um für Wechselausstellungen Platz zu machen.
Das Programm wird, zusammen mit dem Direktor, ein "Stiftungsrat" bestimmen, in dem Nannen nur eines von 16 Voten hat und in dem unter anderen Museumsdirektoren aus Stuttgart, Düsseldorf und München sitzen. Und da könnte es durchaus passieren, daß auch manches in die Kunsthalle gerät, was der Stifter schlicht für "Mumpitz" hält, wie zum Beispiel das Schaffen von Joseph Beuys. Er sieht dem gefaßt ins Auge.
Schließlich ist er auch kein bißchen peinlich berührt gewesen, als Beamte ihm drucksend Bericht erstatteten, Unbekannte hätten doch tatsächlich an den Bauzaun der Kunsthalle gesprayt: "Kujau ist auch Kunst." Na und?
Wie aber in Emden die Dinge liegen, war der ungehörige Schriftzug dann doch sehr rasch getilgt.
Oben: "Die Übergabe des Oberbefehls über die Flotte der Generalstaaten an den Admiral Michiel de Ruyter am 18. August 1665". Unten: "Schwestern" von Karl Schmitt-Rottluff (1914).
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 39/1985
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