03.03.1986

CHEMIEExperten und Bosse

Jahrelang haben europäische Chemiekonzerne die Preise für einen wichtigen Grundstoff abgesprochen. Deutsche Unternehmen waren dabei. *
Der Direktor des britischen Chemiekonzerns ICI hatte genaue Anweisungen für seine Dienstreise. Als "Besuchsziel" hatte er sich notiert: "Höchsten Druck zum 1. September ausüben."
Die Tour führte ihn zu 16 Konkurrenzfirmen in acht Staaten Europas, darunter auch in die Bundesrepublik. Stets stellte der britische Chemiemanager dieselben Fragen, so wie sie auf seinem Spickzettel standen: "Meinen Sie es wirklich ernst?" - "Würden Sie den Absatz auf jeden Fall beschränken?" -"Welche Unternehmen machen Ihrer Ansicht nach Probleme?"
Die Umfrage sollte allen angesprochenen Firmen Nutzen bringen: Die ICI hatte Mitte 1982 die Aufgabe übernommen, eine europaweite Preisabsprache zum 1. September zu organisieren - und das gelang. Schon einen Monat später stiegen die Preise.
Doch was den Chemiekonzernen Gewinne bringen sollte, könnte nun teuer für sie werden. Die Wettbewerbshüter der EG-Kommission kamen den Kartellgenossen auf die Schliche, und die Anklageschrift ist bereits fertig.
Bei dem Kartell ging es um Polypropylen (Branchenkürzel PP), einen aus Rohöl gewonnenen wichtigen Grundstoff. Er ist Vormaterial für eine Reihe von Produkten wie Verpackungsfolien, Klebebänder und Schnüre, er wird in der Bekleidungs- und in der Automobilindustrie verwendet.
Die europäischen Chemiekonzerne produzieren jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen PP im Verkaufswert von rund vier Milliarden Mark. Da lohnt es, den Wettbewerb außer Kraft zu setzen. Machen alle mit, bringt ein Preisaufschlag von zehn Pfennig pro Kilo - wie im September 1982 abgesprochen - den Herstellern 200 Millionen Mark Mehrerlöse.
Die Preisabsprache vor dreieinhalb Jahren war nicht der erste und auch nicht der letzte Fall. Die Wettbewerbsbehörde der Brüsseler EG-Kommission will lückenlos nachvollziehen können, daß sich nahezu alle europäischen Produzenten von Polypropylen mindestens seit Mitte 1977 über Mengen und Verkaufspreise verständigt haben.
Nach Kenntnissen der EG-Ermittler gehörten in der Bundesrepublik, wo das meiste Polypropylen verarbeitet wird, die Firmen Hoechst, BASF und die Chemischen Werke Hüls, eine Tochter der Veba, zum Kartell. Im Ausland sollen unter anderen ICI und Shell dabeigewesen sein, ANIC und Montedipe in Italien, die in Belgien ansässigen Firmen Hercules, Solvay und Petrofina sowie Frankreichs Atochem und Rhone-Poulenc. Auch Produzenten aus Österreich, den Niederlanden und Norwegen machten mit.
Die europäischen Wettbewerbswächter hatten die petrochemische Branche schon seit Mitte der siebziger Jahre in Verdacht. Die Preise für Polypropylen nämlich waren auffällig überall gleichzeitig in Europa angehoben worden.
Doch erst im Oktober 1983 fanden die Ermittler handfeste Beweise, nachdem EG-Generaldirektor Manfred Caspari die aufwendigste Durchsuchungsaktion seiner Behörde organisiert hatte. Unterstützt von nationalen Kartellämtern, verschafften sich die Fahnder aus Brüssel gleichzeitig Zutritt zu rund drei Dutzend Firmenzentralen und schleppten kofferweise Beweismaterial ab. Die Ausbeute: Protokolle über regelmäßige Geheimtreffen sowie Aufzeichnungen über die vereinbarten _(Abdeckung des Motorraums zur ) _(Schalldämpfung und gegen Steinschlag. )
"Zielpreise" und "Zielmengen", "Quoten und Bestrebungen".
Besonders aufschlußreich waren die detaillierten Berichte der britischen ICI. Sie trugen zwar den Geheimhaltungsvermerk "Persönlich - keine Kopie für die Ablage". Doch die ICI-Manager hatten die Niederschriften gewissenhaft in ihren Aktenordnern aufbewahrt.
Die sichergestellten Unterlagen belegen, daß die am Markt etablierten Konzerne ihr verbotenes Spiel begannen, als sieben neue Hersteller in den Wachstumsmarkt Polypropylen drängten. Zuwachsraten von rund 20 Prozent jährlich hatten Mitte der siebziger Jahre auch Außenseiter in Spanien und Norwegen zur Produktion ermuntert. Die Zeit schien günstig, weil von 1976 an die hauptsächlich von den Italienern gehaltenen Herstellungspatente ausliefen.
Um Großkunden aus dem Verarbeitungsgewerbe zu erobern, unterboten die Neulinge zunächst alle Preise. Da die "Großen Vier", wie Hoechst, ICI, Shell und Montedipe branchenintern genannt wurden, ihre Marktanteile von 65 Prozent nicht kampflos abgeben wollten, sackten die Preise für Polypropylen. Alle Anbieter gerieten mit ihrer PP-Produktion tief in die roten Zahlen.
Die Vier Großen, so die EG-Ermittler, übernahmen die Initiative, um den ruinösen Wettbewerb zu beenden. In einer "Mindestpreisvereinbarung" verabredeten die Kartellbrüder zunächst, den Preisrutsch zu beenden. Dann sollten die Preise in Etappen um 30 Prozent heraufgesetzt werden. Die Manager von Hoechst in Frankfurt verlangten sogar, Notizen von Kollegen zufolge, eine Erhöhung von 40 Prozent.
Als es gleich beim ersten Mal klappte, fanden die Teilnehmer Spaß an den unerlaubten Praktiken. Nun galt es, die Spielregeln zu verfeinern. Ein ausgeklügeltes Kontrollsystem sollte dafür sorgen, daß die Firmen sich an die verabredeten Vorgaben hielten.
Am Spiel beteiligt waren "Bosse" und "Experten". Die "Bosse", Chefmanager der Konzernsparte Polypropylen, trafen sich bis zu zweimal jeden Monat, um Preise festzusetzen und den Markt aufzuteilen. Nach solchen Treffen kamen die "Experten" zusammen, die Vertriebsleute. Sie achteten darauf, daß keiner die anderen hereinlegte.
Die Branchenriesen mißtrauten vor allem den Neulingen so sehr, daß sie heimlich ein Nebenkartell installierten. Ohne Wissen der anderen trafen sich die "Großen Vier" vor den "Bosse"-Sitzungen, um sich auf eine einheitliche Sprachregelung einzuschwören.
Sie bestimmten, wem die Rolle des Vorreiters zufallen sollte. Um Kundschaft und Öffentlichkeit auf die geplanten Preiserhöhungen vorzubereiten, sollte einer der Großen zunächst in der Fachpresse Meldungen über die bevorstehende Teuerungswelle streuen und dann seine Aufschläge ankündigen.
Als Sprachrohr diente das Fachblatt "European Chemical News" ("ECN"). Die britische ICI protokollierte zum Beispiel: "Shell führend. ECN-Artikel in zwei Wochen." Genauso kam es. Die Marktlage, schrieb "ECN", sei "zunehmend angespannt". Shell beabsichtige, die Preise in zwei Etappen zu erhöhen.
Das Absprachesystem funktionierte allerdings nicht reibungslos. Sobald Druck aus dem oberen Management ausblieb, verschleuderten die Vertriebsabteilungen ihre Ware, die reichlich auf Lager lag. Zu den "aufsässigen" und "zersetzenden" Firmen, so ein interner Vermerk eines Konzernmanagers, zählten vor allem die Italiener.
Um die Schwachstellen zu beseitigen, wollte der Absprachering schließlich das sogenannte Nullpreis-Prinzip anwenden, das in der Baubranche oft praktiziert wird. Dabei offeriert die Firma, die den Auftrag bekommen soll, den niedrigsten Preis, den abgesprochenen Nullpreis. Die Mitbewerber verlangen mehr. Überdies sollte jede Firma nur noch eine begrenzte Menge produzieren dürfen.
Als die Reihen endlich geschlossen waren, flog der Geheimbund auf. Doch es dauerte weitere zwei Jahre, bis die EG-Beamten ihre Anklageschrift fertig hatten: Die Konzerne stritten jeglichen Wettbewerbsverstoß ab.
Die Unternehmen, so argumentierten ihre Anwälte, hätten zwischen 1975 und 1983 rund drei Milliarden Mark Verlust eingefahren. Das sei Beweis genug dafür, daß die Chemiefirmen keine ungerechtfertigten Gewinne eingestrichen hätten. Der Hoechst-Konzern legte der EG-Behörde seitenlange Preiskurven vor. Damit sollte bewiesen werden, daß Hoechst sein Polypropylen zu 80 Prozent unter den von der Kommission ermittelten Kartellpreisen verkaufte.
"Es mag sein", meint dagegen ein Experte aus Casparis Wettbewerbsabteilung, "daß in einigen Aspekten und in gewissen Zeitabschnitten das Element des Einvernehmens fehlte." Aber die Zusammenarbeit habe fortgedauert und zu einer aufeinander abgestimmten Verhaltensweise geführt. Die Verluste seien durch Überkapazitäten und die gestiegenen Ölpreise verursacht worden.
Weil "ein besonders schwerer Wettbewerbsverstoß" vorläge, so die Kommission, müsse sie "erhebliche Geldbußen" verhängen. Rund 150 Millionen Mark, das höchste je von der EG-Behörde
wegen Kartellabsprachen verhängte Bußgeld, sollen die Chemiekonzerne zahlen, mehr als die Hälfte davon allein die Großen Vier.
Es dürfte den Wettbewerbssündern leichtfallen. Inzwischen nämlich haben die Konzerne durch Fusionen Kapazitäten abgebaut, und der Rohstoff Öl ist so billig wie seit Jahren nicht mehr. Seit die Unternehmen "zum freien Spiel der Wettbewerbskräfte" zurückgekehrt sind, registrieren die EG-Ermittler, machen sie wieder Gewinne.
Abdeckung des Motorraums zur Schalldämpfung und gegen Steinschlag.

DER SPIEGEL 10/1986
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