25.11.1985

„Etwas ist faul im Garten Eden“

Tahiti aber ißt Frankreichs knuspriges Brot, und an jedem strahlenden Alltagsmorgen zieht durch Papeete die Prozession der Hausfrauen mit backofenfrischen Baguettes im Korb.
Tahiti, die Insel der Sehnsucht, dieser Südseetraum - das ist wie voller Sommer an der Cote d''Azur, wenn große Ferien sind und die Pariser kommen mit Kind und Kegel und alles überquillt von Menschen und Karossen. Auf dem Boulevard Pomare, am Mastenwald der ankernden Jachten vorüber, rollen und röhren die Peugeots, Renaults und Citroens, in den Seitenstraßen läßt sich ab acht kaum eine Parklücke mehr finden, und die Gendarmen in Khaki sind die gleichen Typen wie die Flics von Saint-Tropez.
"Das Außergewöhnliche hier sind nicht die Wasserfälle und die mondbeschienenen Strände. Das Ungewöhnliche, Beispiellose ist gerade das Fehlen aller Exotik, ist die liebenswürdige und sanfte Atmosphäre des französischen Mutterlandes, eine Atmosphäre, die so sehr französisch ist, daß man nach einigen Stunden die Pareos und die Haie in der Lagune völlig vergißt." So wußte Georges Simenon schon vor 50 Jahren zu berichten, als Tahiti noch ein idyllischer Flecken Erde und Papeete ein verlottertes Hafennest war, wie geschaffen zu sorglosem Schlendrian im Schatten der Flamboyants und Mangobäume.
Lebenslust, erfüllt von Gitarrenklang, und die Nächte durchweht vom Duft der Blume Tiare: Ein "Wunder" sei es, "ein Geschenk der Götter", schwärmte damals Simenon. "Ein altes Volk, das unbeschwert dahinlebte, ist von einem anderen alten Volk besucht worden, und es ist, als seien beide übereingekommen, nun gemeinsam ihre Tage auf einem fröhlichen Jahrmarkt zu beschließen."
Heute zeugt Papeete drastischer denn je vom Wesen und Wirken der Franzosen, doch die Zeiten des schläfrigen Glücks sind vorbei. Schnell ist das Leben geworden, seit der große Bauboom ein neues Papeete hervorzauberte, aus Betonfassaden und breitem Asphalt, der schon wieder zu eng wird - eine urbane Welt, deren Metastasen unaufhaltsam voranwuchern über die Vororte hinaus, die Küstenstraße längs nach Ost und Süd, und den Zugang zu den Gestaden verrammeln mit Mauern und Zäunen und Hecken, auch das erinnert sehr an die Cote d''Azur.
Die Sonnenkinder Tahitis haben wenig Zeit mehr für die Wonnen des Nichtstuns. Sie pflanzen kein Taro mehr an, sie fischen nicht mehr draußen vorm Riff. Denn Tahiti geht arbeiten von früh bis um fünf, für tariflich festgesetzte Löhne und Gehälter, im Baugewerbe, in der Gastronomie, in den öffentlichen Diensten, und die Nachgeborenen der jungen Naturgeschöpfe, wie Gauguin sie einst malte, nackt in üppiger Blütenpracht, servieren jetzt im "Beachcomber", sitzen an Bankschaltern, tippen in klimatisierten Büros und kurven auf Motorrollern heimwärts im wilden Feierabendverkehr.
Die Turbulenzen der Moderne rütteln mächtig an den alten Kulturen Ozeaniens, an der Eintracht der weitverzweigten Sippen im Frieden der Dörfer und wispernden Haine, in deren Geästen noch die Ahnengeister hausen. Aber nirgendwo sonst auf den polynesischen Inseln südlich der Wolkenkratzerschluchten Honolulus hat ein Volk so jäh und radikal sein Gesicht verändert wie das der tahitianischen Maohi.
"L''evolution" nennt man das, was sie in nicht einmal zweieinhalb Jahrzehnten samt und sonders herausriß aus ihrem altvertrauten Dasein von Bauern und Fischern und weit davontrug in die fremde Welt des Geldes. Das begann gleich mit den sechziger Jahren, als Tahitis Flughafen von Faaa entstand, als vor Papeete, auf Moorea und den Gesellschaftsinseln ringsum die neuen Hotels emporwuchsen für die goldenen Horden des anbrechenden Jet-Zeitalters, als die Trift der Jungen einsetzte von den Tarofeldern, hin zu den verlockenden Jobs in _(Beim Mururoa-Atoll. )
der erblühenden Bau- und Tourismus-Industrie.
Mit der "Meuterei auf der Bounty", so erzählt die Legende, habe das Ganze eigentlich angefangen, Anno 1961, als die Filmleute aus Hollywood einfielen und den Mythos vom glücklichen Tahiti neu erstehen ließen in Technicolor - ein Spektakel, das Tausenden von Inseltöchtern und -söhnen einen wunderbaren Segen an Gagendollars und der schönen Tarita noch dazu etliche Ehejahre mit dem "Bounty"-Helden Marlon Brando eintrug.
Doch das alles sollte nur Auftakt sein, nur Vorspiel zum großen Drama, das Präsident de Gaulle in Szene setzte. Erst er war es, der dem fröhlichen Treiben auf Tahitis Schützenfest, im "Liebesarchipel am Rand der Meridiane" (wie Simenon ihn pries), ein böses Ende bereitete, der die wahrhaft überstürzte, gewaltsame "Evolution" entfesselte zum Ruhme Frankreichs und seiner Force de frappe.
Was waren das für gemütliche Zeiten gewesen, als Paris sich noch den Teufel scherte ums ferne Territorium und es vergammeln ließ in schönstem Laisserfaire, all seinen Bewohnern zum Wohlgefallen. Es gab nichts zu holen, nichts zu tun, nichts wurde entwickelt, und nichts störte den Frieden, den die vielen Maohi mit den so erfreulich wenigen Popaa gemeinsam genossen.
646 Franzosen lebten, laut Volkszählung von 1946, auf den Inseln, die meisten auf Tahiti, die meisten Männer - Ladenbesitzer, Mechaniker, Koprahändler und dergleichen, lässige Gestalten, die eine ruhige Kugel schoben beim Boulespiel unter Flammenbäumen, sich die Nase begossen mit Pastis und mit ihren vahines weiter kleine "Demis" produzierten, wie das nun schon seit Generationen der Sitte entsprach.
Die Bombe aber hat alles verändert; seither ist es aus mit dem Idyll, vorbei auch mit der alten Kumpanei, die Maohi und Popaa verband, als wären sie ein Herz und eine Seele.
La bombe: Der General hatte sie kaum angekündigt, 1963, da landeten sie auch schon an, Transport auf Transport, die Fremdenlegions-Bataillone und Pionierkorps, die Aufgebote an Technikern und Ingenieuren nebst Abschirmeinheiten und Sicherheitsgarden, alles in allem 15 000 Mann, um das "Centre d''Experimentations du Pacifique", kurz CEP, zu errichten, und von den entlegenen Archipelen wurden 10 000 Arbeiter herangeschifft zum Bau von Straßen, Kaianlagen, Airstrips, Kasernen, Laboratorien, Depots und Verwaltungskomplexen auf Mururoa und um Papeete.
Und auf diese wahre Force de frappe, die über Tahiti hereinbrach, es in soziales Chaos und kollektive Psychose stürzte, folgte die noch schlimmere Heimsuchung, und es begann die Invasion der Zivilisten, ein Zustrom, der inzwischen 25 000 französische Immigranten, Siedler, echte Colons ins Territorium geschwemmt hat, fast alle nach Tahiti, und Jahr für Jahr kommen 1000 und mehr hinzu, um ihr Glück zu suchen im Paradies der Beamten, Lieferanten, Gastronomen und Kontraktoren.
Denn seit dort unten auf Mururoa die Bomben krachen, blühen in der Hauptstadt Handel und Wandel, florieren die Dienstleistungsbranchen, prächtig gedeiht das Importgeschäft dank unentwegt
freudigem Konsum, und es lächelt alles froh im statistischen Büro übers wachsende Bruttosozialprodukt und ein Pro-Kopf-Einkommen von rund 900 000 pazifischen Franc, an die 16 000 Mark, beispiellos hoch für die Inseln der Südsee (vom französischen Neukaledonien und dem exorbitant reichen Zwerg Nauru einmal abgesehen).
Eine Welt des Wohlstands, des Gewinnstrebens, der neuen Lebensqualitäten ist es, die sich seit dem Urknall von 1966 entfaltet hat. In den massiv gebauten Häuschen flimmern abends die Krimis und Western und "Dallas" natürlich, wenn das Fernsehen nichts Rechtes bringt, legt man Video auf. 10 000 Kraftfahrzeuge waren 1966 auf Tahiti registriert, jetzt sind es 70 000, eine Masse Blech für die 120 Straßenkilometer rund um die Insel herum, und alljährlich bleiben 50 bis 60 Leichen und 600 Schwerverletzte auf dem Pflaster, zur Strecke gebracht von der verwegenen Jagd des Gevatters Alkohol.
Nie wurde so gewaltig gesoffen, nie so genußreich und komfortabel gelebt unter dem schönen Tropenhimmel Tahitis. Wie nie zuvor aber auch nisten Armut und Elend in den düsteren Schluchten, den steil ansteigenden Tälern hinter den Lichtern von Papeete, Faaa und Arue, wo sie hausen in ihren Bidonvilles, dutzendköpfig eingepfercht in Ställe aus Wellblech und Spanplatten, ohne Leitungswasser, elektrisch Licht und Kanalisation, keiner kann sagen, wie viele es sind, ob 15 000 oder mehr.
La vie en rose und der Kampf ums Dasein: Im nuklearen Eden der hohen Löhne und höchsten Preise, auf der schwindelerregend teuersten Insel, die sich aus der Südsee erhebt, wächst mit dem statistisch nachweisbar feinen Lebensstandard die Bedrängnis, wachsen die Schulden der kleinen Familien, sondern sich die Privilegierten von der steigenden Zahl der Zukurzgekommenen, und es sind allemal Polynesier, die den kürzeren ziehen in dieser neuen Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, in der alles mit französischen Dingen zugeht.
Die Maohi haben den Franzosen die Freundschaft gekündigt. Entfremdet und entmündigt in ihrer Heimat fühlen sie sich. Mit starren Gesichtern blicken sie auf die Popaa, die ihnen diese moderne Welt heraufbeschworen haben und sie nun obendrein um deren Früchte prellen.
"Früher haben die Popaa uns unser Land und unsere Frauen genommen, jetzt nehmen sie uns auch noch die Jobs", so sagen sie und erzählen das Gleichnis von den Haien in der Lagune: "Früher, da kam nur ab und zu ein Räuber durchs Riff, er fraß ein paar Fische und ließ die anderen in Frieden schwimmen. Aber jetzt wimmelt es in der Lagune von weißen Haien, und sie fressen uns kleine Fische alle auf."
Französisch-Polynesien, das sich über eine Wasserfläche von der Ausdehnung Europas bis zu den westlichen Grenzen der Sowjet-Union erstreckt, umfaßt 130 teils "hohe" Eilande und teils Atolle. Sie bilden die fünf Archipele der Marquesas-, Tuamotu-, Gambier-, Austral- und Gesellschafts-Inseln, deren größte Tahiti ist, wo mehr als zwei Drittel der 170 000 Territorianer leben, 40 000 allein in Papeetes Agglomerationen.
Wie Neukaledonien und die kleinen südpazifischen Inseln Wallis und Futuna ist es ein "Territoire d''outremer" der Republik Frankreich, und seine Bewohner,
zu 70 Prozent Polynesier, 15 Prozent Europäer, 8 Prozent "Demis" und 7 Prozent Chinesen, sind französische Staatsbürger.
In der Territorialversammlung zu Papeete sitzen 30 demokratisch gewählte Abgeordnete, die ihrerseits den Chef der Territorialregierung wählen. Ein von Paris entsandter Hochkommissar repräsentiert Frankreichs hoheitliche Gewalt. Nach dem neuen Statut vom September 1984, das ihnen "interne Autonomie" verbrieft, dürfen die Französisch-Polynesier sich selbst verwalten, ausgenommen Kompetenzbereiche wie Verteidigung, Auswärtiges, Polizei, Justiz, Immigration, Währung, Bank- und Kreditwesen, Außenhandel, Luft- und Seeverkehr, Rundfunk und Fernsehen, weiterführende Schulerziehung, Forschung und 200-Meilen-Zone, so daß zum autonomen Regieren besonders viel nicht übrigbleibt.
Der zur Zeit amtierende Chef des Regierungsrats ist Gaston Flosse, Führer der gaullistischen Partei Tahoeraa Huiraatira, ein Demi, ein afa popaa wie so ziemlich alle, die in Tahiti das Geschäft der Politik betreiben. Seine Karriere hat ihn vom Schullehrer zum erfolgreichsten Versicherungsmakler in Papeete, Teilhaber auch an einigen Hotelunternehmen emporgetragen. Er ist kein Herold der Unabhängigkeit, er tutet wahrlich nicht in die Clairons der Opposition und wird in Paris als bewährter Freund geschätzt. Aber er ist auch Polynesier und erwartet, daß eine Hand die andere wäscht und die Staatsmacht sich erkenntlich zeigt für sein Wohlverhalten.
Vive la France! Vive la Republique! D''accord. Aber mehr Autonomie, wahre Autonomie, größere Vollmachten in der Ökonomie, im Handel, in der Fischereizone, in der Investitionspolitik erwartet und fordert Gaston Flosse für sein Regierungsamt, zum Gedeih des polynesischen Volks, dem in den vergangenen zwei Jahrzehnten so übel mitgespielt wurde und nach dessen eigenständiger Entwicklung kein gallischer Hahn kräht.
Wovon leben die Polynesier französischer Nation, ehedem so reich bedacht mit den Früchten der Erde und des Meeres? Ihre Landwirtschaft erzeugt keine fünf Prozent vom Bruttosozialprodukt. Die Kopraproduktion, hochsubventioniert, liegt im argen. Kokosnußöl als wichtigstes Ausfuhrgut und dazu die schönen schwarzen Zuchtperlen von den Tuamotu- und Gambier-Inseln bringen nur schmalen Erlös. Vernachlässigt ist der Anbau von Vanille und Kaffee. Unzureichend sind die Ernten von Taro, Yam, Maniok, Süßkartoffeln, Gemüse.
In immensen Schwärmen ziehen Albacore und Bonito durch die territorialen 200-Meilen-Zonen von insgesamt vier Millionen Quadratkilometern Ozean, aber dort fischen die Japaner, Südkoreaner und Taiwanesen, während Französisch-Polynesien sich nährt von importiertem Fisch aus Dosen und Tiefkühltruhen.
Fünf Milliarden pazifische Franc erbrachte 1984 der Export, auf 85,6 Milliarden belief sich die Einfuhr. 85 Prozent der im Territorium verbrauchten Nahrungsmittel werden importiert. Alles, was sich in den Supermärkten der Chinesen stapelt, was da glänzt in den Schaufenstern des Einkaufszentrums von Vaima - alles kommt von draußen rein, über die weite See, das meiste aus Frankreich, versteht sich, mit Supplementen aus Australien, Neuseeland, Fernost und Kalifornien.
Wovon lebt Französisch-Polynesien, wenn es nichts hervorbringt zum eigenen Unterhalt, wenn es nur konsumiert? Gewiß, da ist der Tourismus mit seinen 3000 Zimmern in den Hotels auf Tahiti, Moorea, Bora Bora, Huahine und Raiatea, nicht zu vergessen Marlon Brandos "Privatinsel" Tetiaroa. 4000 Arbeitsplätze sichert der Fremdenverkehr, 18 Prozent der Importausgaben holt er wieder zurück, und dies, obwohl es ihm bei günstigenfalls 120 000 Urlaubern im Jahr seit langem schon am rechten Auftrieb mangelt.
Den Tourismus vor allem hofft Gaston Flosse kraft überseeischer Investitionen weiterzuentwickeln - in gebührendem Maß und ohne Aussicht, jemals mit dem so viel erfolgreicheren Fidschi oder gar einem Traumziel wie Bali konkurrieren zu können, von Waikiki Beach ganz zu schweigen. Denn was der mythische Name Tahiti der Sehnsucht verheißt, kann alle Inselschönheit nicht erfüllen, und noch jedes australische Honigmondpärchen, das hier baden ging, dachte voll Heimweh an die paradiesischen Strände von Sydney und Queensland.
Ein paar tausend Angestellte in Gastronomie und Transport, ein paar tausend im Handel, ein kleines Heer von Domestiken und 15 000 bestallt im öffentlichen Dienst: Einen einzigen tertiären Sektor, vom Baugewerbe und den 2300 CEP-Handlangern abgesehen, bildet Französisch-Polynesiens Arbeitsmarkt. Es ist ein Markt, der erkennbar enger wird, wie es besonders die Schulabgänger zu spüren bekommen, die rumlungern ohne Job.
Und trotzdem, zurück auf die Felder, heim aufs geheiligte Land der Väter, hinaus auf die fernen Inseln, wo die Kokospalmen in den Himmel wachsen und es Arbeit gäbe in Hülle und Fülle, das wollen sie nun auch wieder nicht;
ihren Platz an der Sonne wollen sie in dieser neuen Konsumgesellschaft. Ihr Traum, das ist eine schwere Yamaha, auf der sie durch die Landschaft donnern wie die jungen Götter, mit nacktem Torso, den Sturzhelm auf dem Kopf und ihre Aphrodite im Rücken, brustwarzendicht, in flatterndem Pareo.
"Wir Polynesier", sagte Alfred Grand, ein Demi, der an der Sorbonne Geschichte studiert hat, "wir Polynesier müssen zurückfinden zu unseren Traditionen, zu unserer alten Lebensart, zurück zum einfachen Leben. Aber der materielle Wohlstand hat uns alle verdorben. Wir sind wie das Volk der Juden in der Wüste, als Mose auf den Berg stieg. Wir haben keinen Propheten mehr und tanzen ums Goldene Kalb."
Wenn man von Papeete aus die Küstenstraße nach Osten nimmt und nach zehn Kilometern bei Mahina links abbiegt, gelangt man zu der berühmten Landspitze, die Point Venus heißt.
Dort, in der riffgeschützten Bucht von Matavai, ließ Leutnant James Cook 1769 die Anker der "Endeavour" werfen und auf dem schwarzen Strand, gesäumt von Palmen und Kasuarinabäumen, ein Fort errichten, nicht zuletzt zur Sicherung teleskopischen Geräts, das dem Zweck diente, den sogenannten Transit der Venus durch die Sonnenscheibe zu beobachten - ein äußerst rares Phänomen, von dem sich die Astronomen in London erstmals genaue Daten über die Entfernung unseres Planeten zur Sonne versprachen.
Venus am Abendhimmel Tahitis hat die Hoffnungen der Wissenschaft enttäuscht, die Observationen erwiesen sich als unbrauchbar. Den Namen für Landeplatz und Standquartier jedoch konnte Cook trefflicher nicht wählen.
Denn was seine rauhbeinige Crew an den seligen Ufern von "O-Taheiti" erlebte, das, in der Tat, war Venus auf Erden, ein einziger Liebestraum, ein aphroditisches Märchen, mit venerischen Folgen allerdings auch - zwei Jahre zuvor war schon die britische "Dolphin" hier aufgekreuzt, und in der Bucht von Hitiaa an der Ostküste hatte vor einem Jahr ein französischer Flottenverband mit den Schiffen "La Boudeuse", "La Flute" und "L''Etoile" unter dem Kommando des Grafen Bougainville geankert.
Bougainville und sein Begleiter Commerson, sie zuvörderst waren es, die dem vom Geist der Aufklärung erleuchteten und zugleich so fortschrittsmüden Europa das Lob "Neu-Kytheras" sangen, wo "Venus die Göttin der Gastfreundschaft ist" und der "Naturmensch", "von Grund aus gut", "ohne Mißtrauen und Gewissensbisse den süßen Antrieben eines seiner selbst sicheren Instinktes folgt, welcher noch nicht zur Vernunft degenerierte".
Point Venus aber wurde Tahitis Point of no return. An der Bucht von Matavai begann für die offenbar so beneidenswert einfach und unbeschwert dahinlebenden "edlen Wilden" das Zeitalter der Zivilisation, herangetragen von den großen weißen Wunderschiffen, die immer ungeheuer freudige Aufregung, ein unendliches Entzücken hervorriefen, ähnlich vielleicht wie bei uns in lang versunkenen Kindheitstagen der Zirkus, wenn er in die ländlichen Einöden kam.
Dreimal noch kehrte James Cook nach Tahiti zurück auf seinen Fahrten durchs weite Unbekannte, bevor er tot niedersank in den Sand von Hawaii. Wenige Meilen von Point Venus, nach fünf glücklichen Monaten, während die Brotfruchtschößlinge hochwuchsen, die sie nach Westindien zu transportieren hatten, nahmen die Männer von der "Bounty" Abschied von ihren Vahines und gingen grimmig an Bord, erneut in die strenge Zucht ihres Captain Bligh. Doch sie kamen sehr bald schon wieder, als geächtete Galgenvögel, während William Bligh, mit 18 Getreuen ausgesetzt im offenen Boot, sechs Wochen lang über 3450 Seemeilen hinweg ums liebe Leben ruderte, halbverhungert und -verdurstet, durch Stürme und Sturzseen, von Fidschis Kannibalen gehetzt, bis er das rettende Timor erreichte. _(Mit seinen Schiffen "La Boudeuse", "La ) _(Flute" und "L''Etoile" am 6. April 1768 ) _(in der Bucht von Hitiaa. )
Und am Point Venus steht heute auch das Denkmal, das wie eine riesige Speerspitze gen Himmel weist und augenfällig den Dorn symbolisiert im Fleisch polynesischer Lebens- und Liebeslust, erinnert es doch daran, daß eben hier, am 5. März 1797, die ersten Sendboten der London Missionary Society erschienen und in Tahiti den Brückenkopf Gottes bildeten, von dem aus das Evangelium sich verbreitete über sämtliche Inseln im Stillen Ozean.
39 britische Puritaner, abgesetzt von der "Duff", darunter ein Tischler, ein Schmied, ein Maurer, Weber, Schneider, Schuster, Sattler sowie sechs Ehefrauen und drei Kinder, dazu vier ordinierte Geistliche: Das war die Vorhut der Christenheit, die mit Bibeln und Traktaten dem Meer entstieg vor "Neu-Kythera" und einzog ins Paradies, die Unschuld zu vertreiben.
Captain Cooks alter Freund, Häuptling Tu, dem die Feuerwaffen weißer Söldner zu königlicher Macht verholfen hatten, gewährte den Missionaren Tahitis Gastfreundschaft, bekehren ließ er sich nicht. Pomare, "Nacht des Hustens", nannte er sich inzwischen, zum Gedenken an seine älteste Tochter, die von der Schwindsucht dahingerafft worden war. Er folgte ihr nach ins Schattenreich der Ahnen, ein treuer Vasall der Götter Polynesiens.
Pomare II. jedoch empfing die Taufe, und er verbot Vielweiberei, Ehebruch, Kindertötung und Menschenopfer und zog in den heiligen Krieg gegen die verdammten Heiden von Moorea, deren Freilichttempel er verwüsten, deren Idole er zertrümmern ließ; und um den Herrn zu preisen in der Höhe und sich selbst in seiner Herrlichkeit, befahl er den Bau der längsten Kirche auf Erden, einer Kathedrale mit Wänden aus Holz und Palmblättern, 16,5 Meter breit und 217 Meter lang, in der querdurch ein Gebirgsbach rauschte.
Als "tristen Wüstling und Trunkenbold" hat Herman Melville den zweiten Pomare bezeichnet, der seine Delinquenten einmal rund um die Insel laufen ließ - barfuß übers Riff. Als er 1821, im Alter von 40 Jahren, das Zeitliche segnete, "infolge exzessiven Genusses geistiger Getränke", wie die Chronik meldet, waren alle Blößen bedeckt, kahlgeschoren die Schädel der Männer und Frauen, verklungen die wehmutsvollen Melodien Polynesiens, und kein lüstern lockender Tamure kündete mehr von des Meeres und der Liebe Wogen, der Tanz war aus.
Doch ein jegliches hat seine Zeit, sprach der Prediger, und nichts hienieden währet ewiglich. In den 1830er Jahren kamen in zunehmender Zahl die Walfänger, mehr als 50 im Jahr, und am Hafen von Papeete, jetzt bevorzugter Ankerplatz, reihten sich die Höhlen des Lasters, fügte sich Kneipe an Billard-Saloon. Immer öfter nun tauchten auch die Segel europäischer Kriegsschiffe auf, während Britanniens Konsul, der legendäre Missionar George Pritchard, verbissen gegen den wachsenden Einfluß der Franzosen ankämpfte.
Vergebens. 1842, angesichts der drohenden Schiffskanonen des Admirals Abel Dupetit-Thouars, akzeptierte die gute Königin Pomare IV. Frankreichs Protektion. Ihr Sohn, Pomare V., der von der Mutter die Spielleidenschaft und einen Haufen Schulden, vom Großvater die Trunksucht geerbt hatte und zu alledem geplagt war mit einer lebenslustigen Gemahlin, deren Appetit auf junge französische Marineoffiziere unersättlich schien, zog die letzte Konsequenz:
1880 trat er das kleine Reich endgültig ab, "in unserem eigenen Namen und namens all unserer Nachkommen, vollständig und für alle Zeiten", was ihm eine Jahrespension von 60 000 Franc eintrug. Sein Mausoleum in Arue, "ein unsagbar scheußliches Monument im scharfen Kontrast zu der schönen Natur" (wie Gauguin notierte, nachdem er den Obsequien für den letzten König Tahitis als Zaungast beigewohnt hatte), ist gekrönt von einer Urne, einer Schnapsflasche sehr ähnlich.
Viel hatte das Volk von Tahiti samt den benachbarten "Inseln unter dem Winde" der Pomare-Dynastie nicht nachzuweinen, und die Bewohner der fernen Archipele, die Frankreich zur Abrundung seiner winzigen Südsee-Domäne hinzuannektierte, konnten noch weniger klagen über die Herrschaft der Weißen - selten genug, daß sie mal einen Popaa zu Gesicht bekamen.
Milde waltete auf den Inseln der Kolonie, es herrschte die gähnende Indifferenz. In seinem Palast in Papeete signierte der Gouverneur Verordnungen, die kein Mensch zur Kenntnis nahm. Erst dies, mon Dieu, war das wahre Paradies, für Polynesier sowohl als Colons und Administratoren.
"Haere mai tamaa", komm und iß, riefen Madame und Monsieur dem Gendarm zu und winkten ihn in ihre offene Bambushütte, ins "Vogelkäfighaus" (so Robert Louis Stevenson), wo das stramme Töchterchen aufwartete. "Ich habe", schrieb Simenon, "einen Franzosen kennengelernt, der hier vor 70 Jahren geboren wurde ... Er hat Kinder und Enkel auf allen Inseln. Manche Kinder auf der Straße reden ihn mit Großpapa an, und er weiß gar nicht so recht, wer sie sind."
So vergreisten in trautem Müßiggang die Generationen, und neue Mädchenblüten reiften heran, während alles - fast alles - beim alten blieb in den damals so genannten Etablissements francais d''Oceanie und nichts geschah - fast _(Anläßlich der Abtretung an die Franzosen ) _(am 29. Juni 1880. )
nichts. 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erschienen vor Papeete Seiner Kaiserlichen Majestät Kreuzer "Scharnhorst" und "Gneisenau", versenkten die französische Fregatte "Zelee" und legten das hölzerne Geschäftsviertel der Stadt in Trümmer.
Ganz am Rand nur, in letzter Etappe, durchlebte Tahiti die Jahre nach Pearl Harbor, als Tausende von Seemeilen entfernt die Flotten und Armeen der USA und des Kaiserreichs Japan sich ihre gigantischen Schlachten lieferten. Einzig auf Bora Bora, wo die Amerikaner, höchst ungern geduldet von der französischen Administration, einen Luftstützpunkt errichtet hatten, saß ein verlorener Haufen von GIs und verpokerte seinen Sold im öden Eden.
Aber auch in Tahiti stand die Zeit nicht still, und aus dem Idyll unendlich trägen Daseinstrotts erwuchs den Tahitianern ein Prophet. Pouvanaa a Oopa, ein Zimmermann halb dänischer Herkunft, hochdekorierter Veteran des Ersten Weltkriegs, war ein Politiker von puritanischem Geist, der Reformen forderte und soziale Gerechtigkeit und dafür ins Gefängnis ging, vom Volk verehrt wie ein Märtyrer.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg aus der ozeanischen Kolonie ein Übersee-Territorium wurde, in dem demokratisch gewählt werden durfte, zog Pouvanaas "rassemblement" mit absoluter Mehrheit ein ins territoriale Parlament, eine Partei der Aufsässigen, der Reformer und Autonomisten, geführt von einem Mann, dem nichts so sehr am Herzen lag wie das Ende des Franzosen-Regimes.
Doch als 1958 de Gaulle die Kolonialvölker Frankreichs an die Urnen rief, ob sie weiter Schutz, Schirm und Hilfe des hoheitlichen Mutterlandes genießen oder fortan in Unabhängigkeit und ohne jeden technisch-finanziellen Beistand "ihr eigen Brot verdienen" wollten, da plötzlich stand Pouvanaa allein, verlassen von seinen engsten Getreuen - der jähe Sprung in die Freiheit erschien ihnen denn doch zu riskant.
Französisch-Polynesien blieb französisch; Pouvanaa wurde unter anderem wegen versuchter Brandstiftung vor Gericht gestellt, zu 8 Jahren Haft und 15 Jahren Exil verurteilt und nach Frankreich gebracht. Umjubelt kehrte er heim nach seiner Amnestierung 1968, die Polynesier wählten ihn zu ihrem Senator in die Pariser Nationalversammlung. Er starb 1977, 82jährig.
Und heute? Die antifranzösischen Kundgebungen und Gewaltakte der siebziger Jahre, als Papeetes Postamt in die Luft flog, gehören der Geschichte an. Ruhe herrscht im Territorium, Pouvanaas Nachfolger sitzen demokratisch gesittet in der Opposition und protestieren, unbeirrt und ungehört, gegen die Bombe, gegen die radioaktive Verseuchung der Südsee und des Himmels über ihr. Auch Gaston Flosse protestiert, etwas leiser. Das Volk auf der Straße aber guckt schief an den Popaa vorbei und schweigt.
Doch da ist einer, der herzhaft wie keiner in Frankreichs polynesische Suppe spuckt, Bengt Danielsson heißt der alte Schwede.
In seiner Jugend, 1947, war er mit dem Norweger Thor Heyerdahl und vier weiteren Gefährten von der Küste Perus aus durch den Pazifik gedriftet, um gegen alle wissenschaftliche Lehrmeinung die Theorie zu erhärten, daß die Inselwelt Polynesiens von südamerikanischen Indianern besiedelt worden sei. "Kon-Tiki" nannten sie ihr berühmtes Floß, das sie sich nach alter Inka-Technik aus Stämmen des Balsabaumes gebaut hatten.
102 Tage lang, über 8000 Kilometer hinweg trug sie der Südäquatorialstrom bis zum Tuamotu-Archipel, wo die "Kon-Tiki" am Riff des Raroia-Atolls zerschellte. Und dorthin, wo er gestrandet "das Himmelreich" fand, kehrte der Anthropologe Danielsson zurück, begleitet von Frau Marie-Therese, zur Erforschung von Arbeit und Leben auf der "Glücklichen Insel".
Er hat im Lauf seines Daseins vielerlei Ethnographisches verfaßt, unterhaltsam und mit Witz, über die Gemütsart, die Geschichte, das Brauchtum, den Alltag der Polynesier und die "Liebe in der Südsee", dazu Bücher über die "Bounty" und das Elend Paul Gauguins. Das bekannteste Werk aus dem Hause Danielsson indes, entstanden in ehelicher
Koproduktion, trägt den Titel "Mururoa mon amour".
Denn seit die Danielssons sich vor annähernd anderthalb Jahrzehnten fest auf Tahiti niederließen, erregt nichts so ihre Leidenschaft, ihren Zorn und Eifer wie die verfluchte Insel und die Big Bangs der Force de frappe; und nichts als Ärger haben seither Frankreichs Staats- und Militärmacht mit den beiden, die ungeniert und unermüdlich, etwa in ihrer Kolumne in "Pacific Islands Monthly", Erscheinungsort Sydney, in die weite Region und die ganze Welt hineinhecheln, was sich alles so tut in der "Nuklear-Kolonie".
Wäre Madame nicht Französin, man hätte sie und diesen widerborstigen Wikinger voran sich längst schon vom Hals geschafft, aber er genießt nun einmal standesamtlich beglaubigte Immunität, auch wußte er bislang noch alle ihm listig ausgelegten Fallstricke und Fußangeln zu vermeiden, denn er ist ein ebenso ehrbarer wie vorsichtiger Mann.
Kahl, mit eisgrauem Zottelbart, sitzt er auf seiner Domäne, in seinem Bücherparadies am Ufer der Lagune, ihm zur Seite sitzt Marie-Therese; und gemeinsam, in endlosen Fortsetzungen, schreiben sie am letzten Nachtrag zu Bougainvilles Reise - an der bösen Geschichte von Mururoa, dem "Ort eines großen Geheimnisses", wie der Name des Eilands besagt.
Den "gefährlichen Archipel" hat Bougainville die 83 weit über den Ozean verstreuten Koralleninseln der Tuamotus genannt, ihrer vielen tückischen Riffe wegen, an denen schon so manche Bark gescheitert ist. Zu den Tuamotus, im südöstlichen Zipfel Französisch-Polynesiens gelegen, 1300 Kilometer von Tahiti entfernt, zählt auch das Mururoa-Atoll.
Mururoa und das benachbarte Fangataufa, beide unbewohnt und ganz weit draußen am Rand der Welt: Sie sollten die auserwählten Inseln sein für Frankreichs nukleare Experimente, die zuvor, bis zur Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962, mit insgesamt sechs Explosionen in der algerischen Sahara stattgefunden hatten.
Als Charles de Gaulle 1963 seinen einsamen Entschluß der Nation und ihren polynesischen Bürgern verkündete, trat gerade der in Moskau unterzeichnete Vertrag über den Stopp von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser in Kraft.
Und zur selben Zeit, als nach 103 gezündeten A- und H-Bomben über Bikini und Eniwetok, der Johnston- und der Weihnachts-Insel (wo noch zusätzlich neun britische Atomkörper explodierten) die Amerikaner ihre Tests am Himmel Ozeaniens einstellten, um sie unterirdisch in der Wüste von Nevada fortzusetzen, begann mit der Landung des 5e Regiment Mixte du Pacifique, gebildet aus Fremdenlegionären und Pioniertruppen, das CEP-Abenteuer.
Die Volksvertreter, die politischen Parteien, die Kirchenführer des Territoriums protestierten heftig. "Wenn ihr meint, Atomwaffen zu eurer Verteidigung zu brauchen, dann nehmt auch die Mißlichkeiten und Risiken hin und testet sie gefälligst bei euch daheim", so begehrten sie auf - der Präsident der Republik blieb unbeeindruckt.
Sie gaben ihrer tiefen Besorgnis Ausdruck, daß die Bewohner des Tuamotu-Archipels der gleichen schweren Gefährdung von Leben und Gesundheit ausgesetzt sein würden wie die Mikronesier im weiten Umkreis von Bikini und Eniwetok - die zuständigen Minister und Staatssekretäre, die Generale und Admirale wischten Polynesiens Ängste souverän beiseite. Fürchtet euch nicht, sagten sie, wir zünden nur, wenn der Wind von Norden weht und alles nukleare Gewölk fortfegt, hinaus auf die offene See, Richtung Antarktis, wo keine Menschen wohnen, pas de probleme.
Im Juli 1966, drei Jahre nach dem Startschuß de Gaulles, war die CEP-Basis auf Mururoa operabel, und auf einem in der Lagune geankerten Boot entlud sich der erste Sprengsatz in einer frappanten Wasserorgel: Unversehens weggeblasen war die seichte See im Riffbassin, sie stieg in einer Sogsäule empor und schüttete wieder herab auf sämtliche Inselchen und Korallenbänke, mit einem Riesenhagel von Fischen und Muscheln, die noch wochenlang aasig zum Himmel stanken.
Doch das war gewissermaßen nur ein Knallfrosch zur Probe. Das große Eröffnungsfeuerwerk fand zwei Monate später statt, vor den Augen des aus Paris herbeigeeilten Präsidenten, als 600 Meter über der Lagune, an einem Ballon
gehängt, eine Ladung von 120 Kilotonnen Sprengkraft zerbarst, ein voller Erfolg diesmal mit weitreichendem Effekt: Die Strahlenmeßgeräte der neuseeländischen Beobachtungsstationen auf den Cook-Inseln, Niue, Westsamoa, Tonga, Fidschi und Tuvalu registrierten sofort enormen radioaktiven Fallout.
41 Bomben, von Versuch zu Versuch immer perfekter, immer gewaltiger, bis hin zu thermonuklearen Bomben im Megatonnen-Bereich, explodierten in der südostpazifischen Atmosphäre, während die Territorianer weiter Beschwerde führten und ihre Furcht bekundeten und die CEP-Ärzte und -Experten unbeirrt beteuerten: alles sicher, alles harmlos.
Demonstrativ, nur wenige Stunden nach einer Zündung, stieg Verteidigungsminister Michel Debre samt Gefolge zum Bad in die Lagune von Mururoa. Fangataufa allerdings, gefährlich kontaminiert, blieb sechs Jahre lang tabu, für jeden menschlichen Zutritt verboten. Die Observatorien in der weiten Nachbarschaft meldeten stetiges Ansteigen von radioaktiven Strontium- und Cäsium-Teilchen, besonders in der Milch.
Die jungen Inselstaaten Ozeaniens erhoben Protest gegen die Bedrohung ihres Lebensraums, vor tauben Ohren. In Australien und Neuseeland riefen die Gewerkschaften auf zum Boykott französischer Waren, Postsendungen, Flug- und Schiffslinien. 1973 führten die Regierungen von Canberra und Wellington Klage vorm Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Frankreich sprach dem Gericht die Kompetenz ab und bombte weiter.
Die Neuseeländer entsandten ein Kriegsschiff ins Versuchsgebiet, mit einem Minister und einer Gruppe von Journalisten an Bord. Sechs Wochen lang kreuzten vor Mururoa drei "Greenpeace"-Jachten und hielten den CEP-Betrieb auf - ein französisches Kommando enterte sie nach alter Piratenart und verprügelte ihre Mannschaften, in internationalen Gewässern.
Bis 1974 ballten sich die Wahrzeichen der modernen Südsee zum Firmament empor, ungeachtet aller schlechten Presse, aller regionalen Empörung und weltweiten Kritik, aller Verurteilungs-Beschlüsse von Uno-Umweltkonferenz und Uno-Vollversammlung. Dann zog ein neuer Präsident in den Elysee-Palast ein, und Giscard d''Estaing endlich versenkte die Bombe in den Untergrund, 600 bis 1000 Meter tief unters Mururoa-Riff.
Das Ärgernis freilich war damit nicht begraben. Denn kein Ort auf Erden, sagt Danielsson, sei dermaßen ungeeignet für Kernwaffenversuche im Souterrain wie ein Atoll mit seinen äußerst porösen Korallenschichten, aufgetürmt über einem Kegel-Fundament von brüchigem und schwachisolierendem Basaltgestein.
Die Amerikaner hatten dem Rechnung getragen und ihre Untergrund-Tests in die Nevada-Wüste verlegt. Warum folgten die Franzosen nicht diesem Beispiel? Warum (was doch viel bequemer und dazu fabelhaft kostendämpfend gewesen wäre) bohrten sie ihre Sprengschächte nicht im eigenen Land, etwa in _(rechts unten: kurz bevor die Franzosen ) _(das Greenpeace-Schiff enterten, die ) _(Greenpeace-Mitarbeiter Nigel Ingram und ) _(David McTaggart verprügelten und von ) _(Bord holten. ) _(Rechts oben: Auf dem französischen ) _(Zerstörer "De Grasse" am 11. September ) _(1966. De Gaulle trägt einen Spezialanzug ) _(zum Schutz gegen radioaktive Strahlen; )
die festen Felsformationen des Zentralmassivs? Frankreichs Botschafter in Canberra, von den Australiern unverblümt befragt, gab eine französische Antwort: weil "die Erschütterungen durch unterirdische Nuklearexplosionen historische alte Gebäude und Kirchen beschädigen würden".
Die atomaren Erdbeben von Mururoa, das ist wahr, konnten keine Kathedralen, Schlösser und Paläste erschüttern. Sie rissen jedoch tief unten, rund um die 100 bis 200 Meter breiten Detonationskammern, Sprünge und Kluften in den submarinen Berg aus Vulkanit, durch die ständig radioaktive Substanzen in den Ozean einsickerten und zugleich gasförmig durchs Korallengeflecht aufstiegen zum mehrdutzendfach gespaltenen Riff, das nach der Beschreibung des CEP-Chefingenieurs Claude Aycoberry bald einem Schweizer Käse glich.
Dabei gehörte dies alles noch zum mehr oder weniger kalkulierten Risiko. Desaster, verursacht durch menschliches Mißgeschick und Naturkatastrophen, kamen hinzu. 1979 klemmte ein Nuklearkörper von 150 Kilotonnen Sprengkraft im Schacht und wurde auf höherem Niveau gezündet als geplant. Eine Million Kubikmeter Basalt und Korallenboden brach ab vom Atoll und versank im Meer, eine riesige Flutwelle brandete über die Tuamotus hinweg.
Kurz darauf wurde Mururoa, das wie ganz Französisch-Polynesien seit 1906 keinen schweren Wirbelsturm mehr erlebt hatte, in rascher Folge von fünf verheerenden Zyklonen heimgesucht. Sie fegten den seit 1966 nachlässig aufgehäuften Atommüll davon, eine Deponiehalde von drei Hektar Umfang, deklariert als zone tres dangereuse, und trugen dazu 10 bis 20 Kilogramm versehentlich verschütteten Plutoniums in die See, eine der gefährlichsten radioaktiven Substanzen, mit einer Halbwertszeit von 24 400 Jahren.
Wie lange noch, fragt Danielsson, wird es gehen, bis das ganze Atoll im Ozean verschwindet? An die 120 Atom-, Wasserstoff- und Neutronenkörper sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten über und unter Mururoa und dem 40 Kilometer entfernten Fangataufa explodiert; eine Brisanz von insgesamt 180 Megatonnen, so gewaltig wie 1380 Hiroschima-Bomben, wurde dabei entfesselt. Doch auf der Insel des großen Geheimnisses, wo 3000 Männer und 12 Frauen Dienst tun, nimmt alles weiter seinen normalen Gang.
Denn absolut gefahrlos für Mensch und Umwelt seien die streng überwachten Tests, belehrt ein 1983 veröffentlichtes Kommunique der französischen Botschaft in Canberra: praktisch null der Fallout auf Mururoa, die Alpha-Strahlung auf Tahiti kaum erwähnenswert, minimal die künstliche Radioaktivität in lokal erzeugten Nahrungsmitteln und die Frequenz von Karzinomen keineswegs höher als in anderen Teilen der Welt, wobei Krebserkrankungen der am meisten strahlenempfindlichen Organe wie Blutzellen, Knochenmark und Schilddrüsen nicht häufiger vorkämen als andere Krebsarten.
Einen "schamlosen Versuch, die Regierungen und Völker des Südpazifik zu düpieren", haben die Danielssons diesen _(Nach dem Bombenanschlag durch ) _(französische Agenten im Hafen von ) _(Auckland, Neuseeland. )
Bericht genannt, der mit "dreisten Behauptungen", "glatten Lügen" und einem nachweislich falschen Krebsregister aufwarte. Die Wahrheit sei, beteuert Marie-Therese, daß seit Beginn der achtziger Jahre, wie zuvor schon auf den mikronesischen Inseln, in alarmierend zunehmender Zahl typisch strahlungsbedingte Krankheiten wie Leukämie, Schilddrüsenkrebs, Gehirntumoren und grauer Star aufträten.
An einer zuverlässigen Gesundheitsstatistik aber fehlt es bis heute im Territorium, dessen Gesundheitsbehörde, wie auch das allgemeine Hospital in Papeete, Militärärzten untersteht. Die wiederholt erhobene Forderung des Territorialparlaments nach einer unabhängigen Untersuchungskommission, gebildet von französischen und etwa neuseeländischen Zivilmedizinern und Radiobiologen, fand bislang ebenso wenig Gehör wie die nach einem örtlichen Strahlungsobservatorium.
Und das "nukleare Narrenspiel", wie der Schwede es nennt, dauert fort. Nichts daran hat sich geändert, seit 1981 in Paris ein Sozialist das Präsidentenamt übernahm. Derselbe Francois Mitterrand, der sich vor seiner Wahl als "entschiedener Gegner der Force de frappe" empfohlen hatte, herrscht heute steif und starr in der Pose de Gaulles und proklamiert: "Die Versuche im Pazifik gehen weiter, solange es die französische Regierung, und nur sie allein, für notwendig erachtet."
Doch indessen wächst in der Region auch weiter der Ingrimm, und es erhitzt sich das böse Blut über die rücksichtslos arrogante französische Nachbarschaft.
Im Juli versank im Hafen von Auckland die "Rainbow Warrior", Flaggschiff der "Greenpeace"-Umweltschutzorganisation, bevor sie Anker lichten konnte zur Fahrt nach Mururoa. Des Anschlags überführt und in Neuseeland vor Gericht gestellt wurden zwei französische Geheimdienstagenten. In Paris verloren Verteidigungsminister Hernu und Geheimdienstchef Lacoste ihre Ämter.
Im September, nachdem er seine Streitkräfte angewiesen hatte, das Testgebiet gegen "Greenpeace"-Störenfriede "notfalls mit Waffengewalt" abzuschirmen, flog Staatschef Mitterrand zum Atoll der strahlenden Wehr, um dort "mit Nachdruck und Entschlossenheit" auf Frankreichs souveräne Rechte in Ozeanien zu pochen: Niemand könne sie in Frage stellen, "ohne als Gegner zu erscheinen".
Die australische Regierung stellte sie ebenso entschieden in Frage wie die Regierung Neuseelands: In einer Note,
dem französischen Botschafter in Canberra überreicht, verurteilte sie die fortgesetzten Nukleartests auf Mururoa als "Beweis der Verachtung gegenüber den südpazifischen Nationen" und erhob Protest gegen Frankreichs Präsenz im Südpazifik.
"Die Unabhängigkeit kommt ganz bestimmt", so sagen sie alle in Tahiti, ob Popaa oder Maohi, und es fragt sich nur: wann?
"Die Unabhängigkeit, eines Tages wird sie sicher kommen, aber hoffentlich nicht morgen schon", sagte Willy, ein junger Demi, während er mich rund um "Groß-Tahiti von den vielfarbigen Wassern" herumchauffierte, durch einen pastoralen Sonntagmorgen. Vor den Kirchen standen ganz in Weiß unter breiten weißen Strohhüten die Matronen und tratschten, ihre Gauloises im Mundwinkel, zum Bimmeln der Glocken.
Willy war Lehrer im Staatsdienst und hatte triftigen Grund, am Bestehenden nicht zu rütteln, denn schließlich zahlte die nährende Mutter Republik ihm ein schönes Gehalt, doppelt so hoch wie einem Kollegen gleicher Besoldungsstufe in Nizza oder Angouleme, sodaß er auch bei Tahitis doppelt so hohen Preisen sorgenfrei und konsumfroh leben konnte mit Frau und Baby.
"Wir haben Angst vor der Zukunft", sagte Willy, "wir wissen nicht, was kommt." Und es sind gewiß nicht nur die wohlbestallten öffentlich Bediensteten mit Pensionsanspruch, die sich den Anbruch der Freiheit lieber noch für ein Weilchen aufgeschoben wünschten.
Die Tahitianer, von einem allzu jähen Fortschritt heimgesucht, sind ein verstörtes, ein verirrtes Volk. Wehmütig gedenken sie der Vergangenheit, als sie sich ihres Daseins noch erfreuten nach altem polynesischen Brauch, in der brüderlichen Solidarität des Gebens und Nehmens, doch in die erinnerungsverbrämt heile Welt der Väter führt kein Weg mehr zurück, und heute ist jeder sich selbst der Nächste.
Sie träumen vom Ende der Popaa-Herrschaft und bangen dabei zugleich schon dem Gespenst der Misere und sozialen Drangsal entgegen: Was, fragen sie sich, soll aus uns werden, wenn wir plötzlich allein dastehen, ohne Beistand, mit unserer kläglichen, unterentwickelten Wirtschaft, mit dem bißchen Kopra und einer von überseeischen Konzernen dirigierten und von vielerlei Unwägbarkeiten abhängigen Tourismusindustrie?
Aber gemach, noch sind sie ja da, die ungeliebten Franzosen, und wie ruppig auch die Australier und Neuseeländer ihnen am Zeug flicken mögen, so schnell werden sie wohl nicht weichen; und so lang noch Mururoa in seinen Fundamenten erbebt, muß Willy sich auch nicht sorgen um den morgenden Tag.
Noch rotiert ja weiter der gewissermaßen durch Kettenreaktion in Schwung gehaltene Dienstleistungsbetrieb, der den Bürgern dieses französischen Territoriums, statistisch verbürgt, einen Lebensstandard beschert, um den die Bewohner der jungen unabhängigen Inselstaaten sie nur zutiefst beneiden können.
Die Bombe? Für die Bombe haben die Tahitianer heute nur noch ein resigniertes Achselzucken übrig. "Was können wir tun?" Schicksalsergeben, auf ihre sanfte pazifische Art, nehmen sie das Unabänderliche hin. Sie haben sich, so gut es eben geht, arrangiert in dieser fremden Franzosenwelt im eigenen Land, diesem Supermarkt der großen Versuchungen, und ihr unverwüstliches Talent zur Lebenslust sucht nun Erfüllung in freudigem Konsum.
Politik ist ein schmutziges Geschäft. Am besten, man läßt die Finger davon. Der Aufstand der Kanaken gegen Frankreichs Staatsmacht in Neukaledonien hat in Französisch-Polynesien nur mäßiges Interesse erregt.
Im nächsten Heft
Neukaledonien, Frankreichs "Stein" im Pazifik - Aufstand der Kanaken - Des Nickels Fluch - Sträflinge und Rebellen - Busch gegen Stadt - Der Traum vom freien "Kanaky"
[Grafiktext]
DATUMSGRENZE POLYNESIEN MIKRONESIEN ÄQUATOR MELA-NESIEN FRANZÖSISCH POLYNESIEN FRANZÖSISCH POLYNESIEN MARQUESAS Bora Bora Raiatea Huahine Tetiaroa Tahiti TUAMOTU-INSELN Raroia GESELLSCHAFTS-INSELN AUSTRAL-INSELN Mururoa Fangataufa GAMBIER-INS. Kilometer Bucht von Matavia Point Venus Mahina Arue Papeete Faaa Moorea Tahiti Kilometer
[GrafiktextEnde]
Beim Mururoa-Atoll. Mit seinen Schiffen "La Boudeuse", "La Flute" und "L''Etoile" am 6. April 1768 in der Bucht von Hitiaa. Anläßlich der Abtretung an die Franzosen am 29. Juni 1880. rechts unten: kurz bevor die Franzosen das Greenpeace-Schiff enterten, die Greenpeace-Mitarbeiter Nigel Ingram und David McTaggart verprügelten und von Bord holten. Rechts oben: Auf dem französischen Zerstörer "De Grasse" am 11. September 1966. De Gaulle trägt einen Spezialanzug zum Schutz gegen radioaktive Strahlen; Nach dem Bombenanschlag durch französische Agenten im Hafen von Auckland, Neuseeland.

DER SPIEGEL 48/1985
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