03.03.1986

„Die Vergangenheit holt uns ein“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über die Kleinstadt Korschenbroich und den Antisemitismus
Dann ist da eine ausgesprochen blödsinnige und unsinnige und für mich auch unerträgliche Bemerkung von einem Bürgermeister einer kleinen Gemeinde im Rheinland gefallen. Dort kümmert sich die örtliche Partei darum. Das nimmt seinen Lauf, das nimmt einen vernünftigen Lauf. Da gibt es für mich gar keinen Zweifel. Bundeskanzler Helmut Kohl im ZDF am 13. 2. 1986
Die weißbetuchte Tafel im Saal des Gasthofes Deuß ist mit zartrosa Nelken geschmückt. Dreiunddreißig würdig gewandete Herren sowie zwei angemessene Damen und drei Lümmel in Pullovern, links hinten in der Kinderecke, stieren blankäugig vor sich hin, als ob ein Erbonkel verblichen wäre. Sicher wird gleich der hausgebackene Napfkuchen aufgetragen.
Es wird aber in der rheinischen Stadt Korschenbroich statt dessen am letzten Dienstag der Schreinermeister Heinrich Mühlen (CDU) zum neuen Bürgermeister gewählt. Einstimmig von allen drei kleinbürgerlichen Fraktionen; nur von denen im Pullover nicht, den Grünen. Der silberhaarige Mühlen, gefragt, ob er die Wahl annehme, bekennt mit bewegter Stimme: "Ich habe den Mut dazu."
Warum es den aber braucht, um derzeit die 27000 Bürger der Stadt zu regieren, warum der Achtundsechzigjährige, rüstig zwar, aber in seiner Schreinerei doch mit dem Altenteil liebäugelnd, überhaupt so plötzlich auf den Amtssitz gelangte und warum sogar das Fernsehen dazu angerückt ist - zu alledem verliert der Meister kein Wort.
Das weiß schließlich alle Welt. Darüber zu reden bringt nur neuen Streit.
Die SPD, typisch, tut es aber doch. Der Diplompädagoge Joachim Bartjes übernimmt die Unbequemlichkeit, Heinrich Mühlen als Nachfolger des unsäglichen Degenhardt Wilderich Graf von Spee-Mirbach kenntlich zu machen, jenes Grafen, der vor vier Wochen gemeint hatte, um die Haushaltsprobleme der Stadt Korschenbroich zu lösen, müsse man "einige reiche Juden erschlagen".
Das hatte der örtlichen SPD nicht gefallen. Es löste aber - so Bartjes - auch Ereignisse aus, die "sowohl dem Verhältnis zwischen deutschen und jüdischen Mitbürgern und den Juden in aller Welt als auch dem Ansehen der Stadt Korschenbroich schweren Schaden zugefügt" haben.
An dieser Stelle tönt von der CDU-Seite des Ratstisches her ein "Haha". Aber das hört wohl keiner, es hätte auch nicht gepaßt. Schließlich ist doch alles wieder gut, juchhe.
"Hier muß jetzt vor allem erst mal Ruhe rein", findet der neue Bürgermeister. Heinrich Mühlen hat keine Zweifel, daß er dafür der richtige Mann ist.
Hat er das nicht elf Jahre als Bürgermeister des Dorfes Pesch vorgeführt, das jetzt Teil von Korschenbroich ist? Selbst mit den "Kumpels" von den Sozialdemokraten, die in der rabenschwarzen Gemeinde "die Roten" heißen, bis Dienstagabend sogar "die roten Säue", hat er nach politischen Auseinandersetzungen an der Theke ein Bier getrunken. Achtung vor Andersdenkenden verlangt Heinrich Mühlen von sich und anderen: "Wir sind doch alle Menschen."
Mühlen macht Politik, um Gutes zu tun, hat für alle und alles Verständnis, auch für seinen Vorgänger. Den beschreibt er als "kantig, aber korrekt", er sei "immer zu Scherzen aufgelegt" gewesen. Gewiß, die mißbilligte Bemerkung - obwohl eine gängige Redensart hierzulande - hätte der Graf im Amt nicht machen dürfen: "Das verurteilen wir tief." Aber: "Menschlich war der immer sauber."
So auch Heinrich Mühlen. Der war nicht mal in der HJ, war zu katholisch, um sich direkt einzulassen mit den Nazis - wie die meisten in Korschenbroich. Bei der Wahl im März 1933 stimmten noch 54,4 Prozent für das Zentrum und nur 28,6 Prozent für die NSDAP. Von da haben die Korschenbroicher wohl einen Teil ihrer schrecklichen Unbefangenheit gegenüber judenfeindlichen Redensarten.
Aber Antisemitismus? Beileibe nicht: "Wir sind eine sehr konservative Gemeinde." Mit zwei Korschenbroicher Juden, den Winter-Jungens, ist Mühlen zur Schule gegangen. Was aus denen geworden ist, weiß er nicht. "Wir haben ja selber großes Leid gehabt." Eine Splitterbombe traf das Haus, die Oma und ein Bruder sind dabei "tot geblieben". Ein anderer Bruder fiel an der Front.
Heinrich Mühlen behagt es nicht, daß alles wieder hochkommt. Nur weil eine rausgerutschte Bemerkung seines geschätzten Vorgängers "dergestalt hochgespielt" wird.
Hochgespielt. Aufgebauscht. Breitgetreten. An die große Glocke gehängt. Aus allen Proportionen gerissen. Eine
Schweinerei ist das. Eine Schande. Nur einmal am Dienstag vergangener Woche, als sich eine Bürgerin mit kaum verhaltener Wut über die "vielen lächelnden Gesichter" wundert, die nach der Mühlen-Wahl im Rat zu sehen sind, kommt eine Ahnung auf von jener geifernden Treue zum Grafen, die drei Wochen zuvor die Ratssitzung zum Skandal gemacht hatte.
Mit Blumen, Küssen und stehendem Applaus hatten am 4. Februar mehr als 4000 Korschenbroicher den Grafen gefeiert, der damals auch schon öffentlich von außerörtlichen Parteifreunden zum Rücktritt gedrängt wurde. "Lieber schwarz-braun als rot", hatten die fassungslosen Sozialdemokraten dabei zu hören gekriegt: "Die roten Schweine muß man schlachten." Für einen Siebzehnjährigen von der Jungen Union bekamen da zum ersten Mal die Filmbilder von den Reichsparteitagen eine reale Dimension: "Ich hatte ehrlich das Gefühl, so könnte es damals gewesen sein."
Für die Beteiligten aber, auch den Grafen und seine CDU-Fraktion, hatte das mit Antisemitismus höchstens insofern zu tun, als der durch das "Hochspielen" einer Bagatelle überhaupt erst gezüchtet werden könnte. Was war denn geschehen? "Ein Kraftausdruck" war dem Grafen im Zorn entschlüpft - "einfach so Klatsch", wie er hinterher sagte, ein Ausdruck, an dem er selbst allenfalls zu beanstanden hatte, daß er "jede Eleganz vermissen läßt".
Aber sonst? Als Graf Spee am Ende nach einer Larifari-Entschuldigung dann doch zurücktritt, ist er ganz Märtyrer: "Die wiederholte und aus jedem Zusammenhang gelöste Verbreitung meiner mißbilligten Äußerung ist geeignet, Schaden für unser Land und die Stadt Korschenbroich zu bringen."
So denken viele Bürger, nicht nur CDU-Mitglieder. Ist die Stadt die Hochburg eines neuen dreisten Antisemitismus? "Ein Ort namens Korschenbroich ist nicht Deutschland", tröstet vorletzte Woche das ZDF. Nein?
"Wir sind hier saunormal", findet Stadtdirektor Willi Esser. Er meint das nicht speziell in Hinblick auf Antisemitismus, von dem er glaubt, daß es ihn in Korschenbroich nicht gebe. Sondern mehr allgemein: gute Wohngegend zwischen Düsseldorf und Krefeld, prosperierende Wirtschaft, meist mittelständische Betriebe. Die Gemeinde wirkt wohlhabend und ist hoch verschuldet.
Die Arbeitslosigkeit liegt bei fünf bis sechs Prozent, geringer als anderswo. Jugendliche finden meist eine Lehrstelle. Das Schulsystem ist der Stolz nicht nur der Ratsmehrheit, die seit Anbeginn der Republik die CDU stellt: Derzeit mit satten 53,1 Prozent, im Rat sind das 21 von 39 Sitzen. Die Gegend war bis Kriegsende rein katholisch.
Sauber und ordentlich, aber schmerzhaft unharmonisch liegt in dieser Kunststadt
am Rande Mönchen-Gladbachs alles nebeneinander: Wasserschlösser, Kirchen und Einkaufszentren, Villen- und Bungalowviertel. Triste Reihensiedlungen, Fußgängerzonen, Industriehallen und plötzlich idyllische Fachwerk-Dorfkerne, preisgekrönt. Vielfalt ohne Einheit, ohne Zentrum, zusammengehalten von der Stadtverwaltung in der Post neben dem Gymnasium.
Eigentlich müßte es Spannungen geben, fruchtbare oder ärgerliche, zwischen Städtern und Bauern, evangelischen Zugezogenen und der katholischen Altbevölkerung. Aber nichts da. Den Einheitston "optimistisch und zukunftsorientiert", wie der Personalchef der "Kaiser's Kaffee"-Kette, Stadtrat Willy Schellen, als Sprecher der CDU-Fraktion bei der Etatdebatte sagt, bestimmt die Union.
Probleme? Hier ist alles bewältigt. Natürlich auch die Vergangenheit. Der Stadtplan verzeichnet eine Geschwister-Scholl- und eine Stauffenberg-Straße. Der von einer hohen Steinmauer umgebene jüdische Friedhof, gegenüber den Tennisplätzen, ist makellos gepflegt, wenn auch mit einer Kette versperrt: "Schlüssel abholen bei Danners". Die evangelische Gemeinde hat im vergangenen Jahr einen jüdischen Liederabend veranstaltet. Der Stadtdirektor, der auch Jugend-Trainer ist, bereitet seit Monaten einen Besuch von 322 jungen Leichtathleten in Israel vor. Am 12. März soll es losgehen, nach Ranana bei Tel Aviv.
Bis auf den "Ausrutscher" des Grafen lebt die Gemeinde mit sich und ihrer Vergangenheit in einem satten Frieden.
Gewiß, Vorkommnisse kommen vor, wie überall. "Das halte ich auch für in Ordnung, daß uns die Vergangenheit wieder einholt", sagt Willi Esser, der Stadtdirektor: "Dem muß man sich stellen."
Esser ist Jahrgang 40, hat "nur den Rest mitbekommen" und weiß sich geborgen in der Gnade der späten Geburt. Natürlich gehört er zu den Christdemokraten. "Es gibt nur eine Chance", sagt er und kriegt vor lauter Aufrichtigkeit einen starren Blick. "daß wir ehrlich sagen, was wir denken. Die Ehrlichkeit kann keinen verletzen."
Also ehrlich: "Man darf die Leute hier um Gottes Willen nicht so bös ansehen, wie es manchmal den Anschein hat." Vor allem die Jugend sei in Ordnung, besonders sportlich.
Natürlich wird er nicht den Schüler meinen, der mit "Heil Hitler" zur Turnstunde antritt. Und nicht die Sportsfreunde, die sich mit Sprechchören auf das nächste Heimspiel der Bundesligatruppe von Mönchen-Gladbach vorbereiten: "SS-SA-Borussia."
Man muß nicht lange herumfragen, um Eltern zu finden, die entsetzt darüber sind, daß ihre Kinder mit Judenwitzen von der Schule nach Hause kommen. Kennste den von der Aschenbahn? Viele Türkenwitze erfahren derzeit wieder eine personelle Umbesetzung: "Über Ostfriesen werden doch auch Witze gemacht", hat eine Frau so etwas ins WDR-Mikrophon hineingerechtfertigt.
Daß unter Schülern antisemitische Verse kursieren, daß Kinder in Schulstunden Hakenkreuze malen, daß zehn- und elfjährige Oberschüler mit zum "Deutschen Gruß" gereckten Arm in den Bus klettern, erzählen Eltern und Schüler.
Es gibt auch Lehrer in Korschenbroich, die es nicht in Ordnung finden, wenn sie ihren Namen plus Judenstern an der Wandtafel sehen. Alt ist ja schon, daß manche Schüler Themen über die Nazizeit ablehnen, weil alle das alles immer schon gehabt haben.
Daß aber, kommt es dennoch zu einer Diskussion über Graf Spee, ein 17jähriger Gymnasiast, Sohn eines prominenten Bürgers, "Na und" sagt, wenn er an sechs Millionen Juden erinnert wird, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, das ist neu.
Einzelfälle? Aufgebauscht? Aus dem Zusammenhang gerissen?
Im Zusammenhang gesehen. Der war bisher an Männer-Stammtischen und in Frauen-Hobby-Kreisen versteckt. Jetzt ist er deutlicher als allen lieb ist.
Wird er harmloser dadurch, daß - wie ein CDU-Mandatsträger versichert - am Tor des Grafen-Schlosses unlängst ein
Hakenkreuz geprangt habe nebst Aufschrift: "Nazi verrecke"?
Viele sind erschrocken über den Sud, der aus der Vergangenheit hochkocht. Aber nur wenige wagen ihre Erkenntnis so klar zu formulieren wie der stellvertretende Bürgermeister Karlheinz Nierwetberg: "Ja, es gibt einen Antisemitismus hier. Ich hätte das nicht für möglich gehalten."
Nierwetberg ist aber Sozi. Und daß "die Roten den Grafen nur loswerden wollten, damit sie mit dem alten Mühlen machen können, was sie wollen", das kriegte seine Frau beim Friseur schon vor der Wahl wutentbrannt vorgehalten. An jeder Theke kann man hören, "daß die Sozis hier immer hinterherhinken und nun froh sind, daß sie mal was haben".
Sie haben aber nichts, und froh sind sie schon gar nicht. Sie finden sich als Denunzianten denunziert und als Störenfriede gebrandmarkt.
Ist schon die Geschwindigkeit beachtlich gewesen, mit der sich der trutzige Graf Spee in ein mitleidheischendes Opfer von überregionaler Presse und lokalen Sozis verwandelte - die Scham- und Rücksichtslosigkeit seiner Unionsspezis in Rat und Bevölkerung ist atemberaubend.
Mit Unterstellungen, Einschüchterungen, Klagen, Drohungen und Telephonterror wird jede ernsthafte Auseinandersetzung über Heute und Gestern abgewürgt. Um unliebsame Störenfriede zu isolieren, gibt es in Kleinstädten wie Korschenbroich subtile Methoden. Und wer den Mund aufmacht, hat den Stempel weg.
Der in Düsseldorf beamtete Dietmar Plewe, der sich am Jubel-Abend schämt und das ins Mikrophon sagt, wird mit dem Zwischenruf "SPD" eingeordnet. Der IG-Metaller und stramme Antikommunist Alfred Buschmann ist als "rote Sau" gezeichnet, seit er mit einem SPIEGEL-Menschen gesehen wurde. Was er dabei gesagt hat, wird sehr genau studiert werden - besonders von dem Kollegen der "Neuß-Grevenbroicher Zeitung".
Der Ratsherr Friedhelm Nießen, der einmal eine Gedenktafel für die in der Reichs-Kristallnacht zerstörte-Synagoge haben wollte, wird jetzt im Rat gewarnt: Die CDU werde sorgfältig darauf achten, ob er politisches Amt und seinen Beruf als Architekt sauber auseinanderhalte. Gewarnt? Gedroht hat der CDU-Sprecher Willy Schellen in der vorletzten Sitzung.
Den SPD-Fraktionsvorsitzenden Heinz Domröse hat der Graf Spee angezeigt, weil der Rote im Rat gesagt hatte:
Doch die Äußerung des Bürgermeisters beläßt es nicht bei dem Gedanken an die reichen Juden, von dem etwa das Geld für den Haushaltsausgleich geliehen werden konnte. Nein, er spricht davon, die Juden zu erschlagen, offenbar, um sich in den Besitz ihres Reichtums zu setzen.
Daran weiß Spees Anwalt Friedrich Graf von Westphalen zu bemängeln:
Mein Mandant hat weder dem Wortlaut nach noch dem Sinne nach behauptet, man müsse "die Juden erschlagen". Vielmehr hat mein Mandant "von 'nem reichen Juden" gesprochen. Darüber hinaus hat mein Mandant - nachweislich - seine Äußerung in bezug auf den Ausgleich des Haushalts getan. Weder dem Wortlaut nach noch dem Inhalt nach hatte er damit zum Ausdruck gebracht, daß es darum gehe, "sich in den Besitz" des Reichtums "der Juden" zu setzen. Denn eine wie auch immer geartete Bereicherungsabsicht ist unter keinen denkbaren Umständen den Worten meines Mandanten zu entnehmen.
Natürlich hat es andere Störenfriede gegeben. Den evangelischen Pfarrer Manfred Jung etwa, der in seiner Predigt verlangte, auch nach dem Rücktritt des Grafen dürfe die Diskussion nicht vorbei sein. Das Presbyterium der evangelischen Kirche hat gemahnt; der CDU-Kreisvorsitzende und Landtagsvizepräsident Hans-Ulrich Klose, dessen Familie selbst Opfer in Auschwitz beklagt, schloß sich dabei nicht aus.
"Dies war eine Stadt im Dornröschenschlaf", sagt Alfred Buschmann, der seit fast sieben Jahren in Korschenbroich lebt, "und der Spruch des Grafen hat was in Bewegung gebracht." Herrschaft ist in Gefahr. Privilegien, Rituale, Tabus werden berührt.
Nur zu einem geringeren Teil hat der Wirbel mit der Person des Grafen zu tun, obwohl alle das Gegenteil behaupten. Viel angst- und aggressionsauslösender ist das Thema: Denn es sind ja tatsächlich einige reiche Juden aus Korschenbroich erschlagen worden.
Noch 21 Korschenbroicher jüdischen Glaubens, fünf Familien, lebten 1933 in
der Stadt. Nicht alle konnten sich durch Emigration retten. Wer die gequälten Anstrengungen alter Korschenbroicher und ihrer Kinder erlebt, zu erklären, daß es etwa Hermann und Rosalia Schwarz, einst Mühlenstraße 34, immer gutgegangen sei, der spürt, daß hier nichts "bewältigt" ist. Am Ende sind sie eben doch "umgekommen". Woanders. Niemand hier hat etwas damit zu tun.
Oder Hilde Lewy-Klein, Hochstraße 29, und ihre Eltern Benny und Julia. Zwar hätten sie mit ansehen müssen, wie in der Nacht zum 10. November 1938 ihr Eingemachtes auf die Straße flog, Scheiben und Möbel zertrümmert wurden. Aber die Heimatchronik vermerkt, fast triumphierend: "Plünderungen und Körperverletzungen kamen nicht vor". Am Ende sind auch die Kleins "umgekommen", bloß nicht in Korschenbroich, außer Mutter Julia. Die ist "rechtzeitig" gestorben.
"Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird", hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai letzten Jahres gesagt: "Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit." Zu große für die meisten, nicht nur in Korschenbroich.
Vergangenheit und ihre "Bewältigung" erscheinen in der rheinischen Gemeinde vorzeigbar makellos, aber bei näherem Hinsehen nur als Alibi. Ja, es gibt einen Judenfriedhof, aber nicht im Stadtplan. Ja, es gab eine Synagoge. Aber die Gedenktafel in der Mühlenstraße 34, wo sie stand, sollte es nicht geben.
Und die Sport-Reise nach Israel? Israelis sind etwas anderes als "die Juden". "Die Juden ", abstrakt, sind etwas anderes als der Jude Paul Mirkos aus Korschenbroich, der am 4. Februar plötzlich nach der Jubelfeier für den Grafen am Saalmikrophon steht und alle jene, die dem Bürgermeister das Vertrauen ausgesprochen haben, mit hartem Siebenbürger Akzent auffordert, ihm in die Augen zu sehen: "Ich bin derjenige, den man erschlagen müßte."
Warum er denn habe reden müssen, schrillt später eine Frau ins Mikrophon des WDR-Reporters Christoph Lütgert, es sei ihm doch gutgegangen? Warum ist er nicht unsichtbar geblieben, ein Phänomen von früher?
Genauigkeit ist tödlich für eine Welt, die nur bei angestrengtem Weggucken heil ist. Graf Spee hat an einem besonders heiklen Punkt unfreiwillig das traditionelle Machtgefüge bloßgelegt.
Denn nach dem Muster der Vergangenheit wird auch die Gegenwart bewältigt - durch teils freiwillige, teils gelenkte Verstümmelung der Wirklichkeit. Phrasen decken zu, was fehlt.
"Menschlichkeit läßt sich nicht in Programme pressen", sagt Stadtdirektor Esser auf die Frage, was die Stadt denn nun tun wolle. Ein schöner Satz, als Antwort heißt er: nichts.
Der glatte, joviale Angestellten-Typ Esser und der Graf galten als das "dynamische Duo". Zur Not grob und arrogant, nach Möglichkeit aber formvollendet freundlich haben sie ein feudal-bürokratisches System etabliert, unter dem bequem leben konnte, wer die gleichen Scheuklappen trug wie die beiden.
Spannungen blieben unter einem dicken schwarzen Teppich. Nahtlos fügen sich in Korschenbroich traditionelles Kleinstadtleben und katholische Liberalitätsfeindlichkeit zusammen. Die Ähnlichkeit mit Helmut Kohls Wende-Welt ist nicht zufällig.
Frauen sind Mütter und stricken. Falls sie arbeiten, dienen sie. Wenn ihnen
Gedanken kommen, können sie die im Bibelkreis loswerden. Die Jungen sind etwas wert, wenn sie wie die Alten sind. Sonst taugen sie nicht.
Hier wird vor allem die Form gewahrt. Daß der Graf die Uneleganz seiner Bemerkung bedauert, ist kein Zufall. Jeder wird mit Titel angeredet, Funktionen in den 181 Vereinen zählen wie der regelmäßige Kirchgang. Auf Leistung wird gepocht; Preise. Auszeichnungen, Medaillen, noch neunte Ränge bei Bundeswettkämpfen sind Statussymbole.
Nur ganz selten kommt Spannung auf, wird Stärke gezeigt. Etwa im letzten Jahr, als der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer das 7. Artillerie-Regiment aus Dülmen und Wuppertal zum öffentlichen Gelöbnis lud. Der Protest war so ungewöhnlich massiv, daß die Verantwortlichen 2000 Polizisten und 500 Feldjäger aufboten, um 137 Rekruten zu schützen und ein paar hundert Demonstranten einzuschüchtern.
Natürlich verlief die Vereidigung störungsfrei. "Wer will uns daran hindern", protzte Wimmer. Sicher nicht zugereiste, wie der Graf sagte, "Chaoten und Kinderverderber", die friedlich demonstrierten. Es wurden aber auch Einheimische gesehen, die sich nicht einschüchtern ließen. Der Grüne Dirk Stratmann erinnert sich: "Daß der Standesbeamte und der Friseur dabei waren, das tat weh."
Jetzt ist Karlheinz Nierwetberg, 61, dabei, Ratsherr der SPD, als Sohn eines katholischen Lehrers eigentlich einer aus dem anderen Lager. Sozialdemokrat ist er erst seit 1964. Erfahrungen mit Widersprüchen zwischen christlichen Worten und Taten trieben ihn zu den Roten.
Nur noch halb hörte Nierwetberg am 16. Januar nach sechsstündiger Beratung dem Schlußwort zu, das Bürgermeister Graf Spee zum Haushalt sprach, sein "Wort zum Sonntag", wie die Ratsherren spötteln. Aber als er die Worte vernahm, "einige reiche Juden erschlagen", schrieb er sie spontan nieder.
Denn plötzlich habe er sich zurückversetzt gefühlt an den Vorabend seines vierzehnten Geburtstages, in die Hochstraße 17, als der begeisterte Pimpf Karlheinz, geweckt von Männergrölen, Scheibenklirren und Spitzhackenschlägen, erschrocken aus seinem Bett fuhr. Und dann gellten "Hildes Hilfeschreie" durch die Straße. Hilde Lewy-Klein, die damals 27jährige Nachbarin, schrie vergeblich.
"Keiner hat ihr geholfen", sagt Nierwetberg heute, "alle waren zu feige, auch meine Eltern." Der Hitlerjunge Karlheinz verdrängte die Kristallnacht. Mit 17 Jahren meldete er sich freiwillig zu den Fallschirmjägern, "um bei der Siegesparade in Berlin dabeizusein".
48 Jahre später kam die Erinnerung an die Nacht bei der Rede des Grafen wieder. "Ich bin da ein sehr empfindsamer Mensch, das ist mir an die Nerven gegangen", sagt Nierwetberg. Zwar habe er keinen "Eklat" gewollt, wohl aber Konsequenzen.
Der Graf hat auch ihn verklagt. Nierwetberg hat seine Aufzeichnung der Staatsanwaltschaft überlassen. Am letzten Dienstag nahm er dem Nachfolger des Grafen den Amtseid ab.
"Aber unsere Kinder habt ihr noch nicht." Angst und Triumph zittern in der Stimme der Frau, die vor der Saaltür nach der Wahl des neuen Bürgermeisters
einem Sozialdemokraten diesen Satz hinschleudert. Es gehört zum Denken der auf Besitz fixierten konservativen Korschenbroicher, daß sie ihre Kinder, samt deren Gedanken, als ihr Eigentum betrachten.
Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könnten sie die Gymnasiasten Michael, 17, Peter, 18, und Christian, 18, fest auf ihr Haben-Konto verbuchen. Alle drei sind Mitglieder der Schüler-Union. Christian und Peter nicken, als Michael trotzig sagt: "Ich habe nichts damit zu tun. Was gehen mich die Alten an?" Sein Vater ist Gewerkschaftsfunktionär, Betriebsratsvorsitzender in einer Maschinenfabrik.
Alle drei möchten gern stolz sein auf ihr Land. Alle drei, besonders Christian, Sohn eines Arztes und von Mutters Seite französischer Herkunft, sind es leid, in Paris oder in Holland als "Nazi-Schweine" angemacht zu werden: "Aber sagst du das hier einem Lehrer, bist du auch gleich 'Neo'."
Sie fühlen sich mit dem "Nazi-Kram" überfüttert. Daß Judenverfolgung und Krieg kein Grund seien, um auf Deutschland stolz zu sein, brauche man ihnen nicht immer wieder zu sagen. Aber mit "Made in Germany" könne man sich wohl sehen lassen.
Im Fernsehen läuft eine Diskussion zu den Geschehnissen in Korschenbroich. Der jüdische CDU-Stadtverordnete Michel Friedmann aus Frankfurt glaubt, daß die "dritte Generation" eine Chance zur Verständigung habe. Michael seufzt: "Es ist alles so tief." Sein Vater war einer von vier Bürgern, die den Rücktritt des Grafen gefordert hatten. Peter, dessen Eltern eine Bäckerei haben und dessen Onkel für die CDU im Stadtrat sitzt, möchte die Nazi-Zeit am liebsten "ganz aus unserer Geschichte ausklammern", aber da protestieren die beiden anderen heftig.
Eine Chance habe die "dritte Generation", glaubt Friedmann, weil die Eltern "einen Puffer" zu den Zeitgenossen Adolf Hitlers bildeten. Christian lacht. Sein Großvater war Arzt in Stalingrad, "der ist immer noch begeistert". Er nicht, er hat Dachau besucht. Aber seine Eltern, die aus ihm "den schönsten Wehrdienstverweigerer machen wollten, die sind auch schwer auf die Nase gefallen".
Gibt es eigentlich, außer der Vergangenheit, einen Grund für sie, auf ihr Land nicht stolz zu sein? Michael muß nicht lange nachdenken: "Daß wir immer mehr zum Polizeistaat werden."
Da werden auch die beiden anderen Unionsfreunde lebhaft, das polizeistarrende Gelöbnis steckt ihnen noch in den Gliedern. In wieviel Computern sie jetzt gespeichert sein mögen, fragen sie sich. Wer alles Bilder von ihnen hat? "Achtmal bin ich gefilzt worden", sagt Christian, "nur weil ich jung bin."
Nicht nur schlechte Nachrichten aus Korschenbroich.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 10/1986
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