03.03.1986

WEHNERLeben und Leiden

Ein 13 Monate altes Interview Herbert Wehners sorgt für politischen Wirbel. *
Das schien ein gefundenes Fressen für die Wahlkampfstrategen der Union: Der 79jährige Herbert Wehner, das Urgestein der Sozialdemokratie, meldete sich öffentlich aus dem Altenteil, in das er sich Anfang 1983 zurückgezogen hatte - und das mit einem Interview-Rundschlag gegen seine SPD und deren amtierendes Führungstrio.
Wehner über Willy Brandt: Der "kennt nur sich und läßt nur die Leute rankommen, mit denen er kann".
Über Hans-Jochen Vogel, seinen Nachfolger im Fraktionsvorsitz: Mit dieser "typischen 'Nummer eins'" habe er "nicht ins Gespräch kommen" können, "das war nicht drin". Und: "Ich sage nur, daß der mich ganz schlimm behandelt hat."
Pikant Wehners Urteil über Johannes Rau, den Kanzlerkandidaten: "Das ist zwar ein Mann, der in diesem großen Parteibereich Nordrhein-Westfalen eine Rolle spielt, aber sonst in Wirklichkeit nichts von sich gibt."
Das und noch viel mehr an Grobheiten und Bitterkeiten erschien letzte Woche in der zweiten Nummer von "Tempo", einer poppigen Zeitschrift für die flotte Jugend.
"Bild" blies die Wehner-Sprüche zum "Vermächtnis" auf und startete eine "neue große" Serie: "Onkel Herbert - Leben und Leiden für die SPD". Die endete schon mit der zweiten Folge, aber hochdramatisch: "Nun hat der große alte Mann der SPD seine Verzweiflung hinausgebrüllt. Und das Echo aus der Partei? Keines. Welch furchtbares Ende."
Tatsächlich ist beklemmend, welches, Ende dem großen, kranken alten Mann jene zugedacht haben, die an der "Tempo"-Version eines langen Gesprächs mit dem Onkel im schwedischen Domizil auf Öland fingerten. Gesprächspartner in den ersten Januartagen 1985 war Knut Terjung, achteinhalb Jahre lang unter Wehner Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und jetzt ZDF-Korrespondent in Athen. Das Gespräch ist einleitendes Kapitel einer Sammlung älterer Wehner-Interviews und Reden, die in den nächsten Tagen unter dem Titel "Der Onkel" im Verlag Hoffmann und Campe erscheint.
Der Buchverlag gehört wie die Zeitschrift "Tempo" zur Hamburger Ganske-Gruppe; da lag es nahe, der neuen Zeitschrift mit einem Vorabdruck der Wehner-Invektiven zum zitierträchtigen Knüller zu verhelfen.
Vergeblich legte Terjung, dem das Szene-Blatt nicht seriös genug erschien, Einspruch ein. Die Veröffentlichung bestätigte seine Ahnungen: Die "Tempo"-Redaktion hatte Terjungs 60 Seiten lange Buch-Fassung freihändig zusammengestrichen, teilweise geändert, jeden Hinweis auf den Zeitpunkt unterlassen und auch noch den Rau-Verriß aus dem Ursprungsmanuskript gebracht. Den hat Terjung nicht ins Buch aufgenommen, weil der Onkel inzwischen "sehr positiv" über den Kandidaten denke.
Nun klagt Wehners Ex-Sprecher über "betrügerische Machenschaften"; aus einem "langen, intensiven Gespräch" seien "nur Fetzen" erschienen.
Die Buch-Version ist - Wehner-konform - ähnlich fetzig. Sie läßt an Terjungs Behauptung zweifeln, Wehner sei damals "in guter Verfassung" gewesen.
So fragt der Journalist, wie die SPD "besser verdienende Facharbeiter" an sich binden könne. Antwort: _____" Da kann ich keinen Rat geben. Ich kann denen nur " _____" sagen, organisiert das Zusammenwirken, das " _____" Miteinander-Sprechen, das Einander-reifer-Machen für " _____" organisierende Arbeit. Das ist zu probieren, das ist aber " _____" kein Beruf, der von außen angesetzt wird. Die Zahl der " _____" wirklichen Arbeitnehmer mag so oder so geschätzt werden, " _____" aber es sind eine Menge, die arbeiten müssen, wenn sie " _____" mit ihrer Familie weiterkommen wollen. "
Die schlichte Frage, welche Beziehung er zum Geld habe, beantwortet der Onkel "sehr laut" so: _____" Ich bin für Arbeiterbewegung, können Sie das nicht " _____" begreifen? Arbeiterbewegung war eine Bewegung, die " _____" miteinander rang gegen andere, nicht? Das hab' ich nie " _____" versucht zu leugnen oder irgendwo ganz andere zu finden. "
Da muß der Interviewer mit eigenen Worten einfügen, wie selbstlos sich der Onkel als Fraktionschef "materiell schlechter stellte" im Vergleich zu seinen Stellvertretern, da er auf eine Aufwandsentschädigung verzichtet habe. Terjung erwähnt nicht, daß dies eine vom Onkel gehegte Legende war - Wehner verfügte, sagen Freunde, über einen "gesunden Erwerbssinn", hier: über eine Ministerpension, die er außer den Diäten erhielt.
Terjung im Buch über seinen Interview-Partner: "Die Sprache, derer er sich bedient, wirkt jetzt noch verdichteter, wuchtiger, stakkatohafter, holzschnittartiger". Bisweilen ist wohl auch Terjung etwas unheimlich.
Da beklagt sich Wehner über die Undankbarkeit der SPD und fügt dann hinzu: "Ich habe kürzlich einen, hier ist das Ding, einen Orden bekommen von Polen, aber noch nie etwas Entsprechendes von den Deutschen, nein ..." Terjung weiß es schließlich besser: "Aber Sie haben doch das Bundesverdienstkreuz bekommen ..." Wehners knappe Antwort: "Ja."
Zweimal versucht Terjung, seinem früheren Chef Kommentare zu Spenden- und Bestechungsaffären zu entlocken; vergebens: Wehner schweift sogleich ab zur "Arbeiterbewegung". Daß er selber 1981 mittat, für die Spendensammler unter den Politikern eine Amnestie durchzusetzen - keine Frage, kein Wort.
Ein Mann in "guter Verfassung"? Alte Vertraute, die - anders als Terjung - mit dem Onkel ständig in Verbindung stehen, wissen, wie schlecht es um den schwerkranken Diabetiker steht: Er vergißt inzwischen von einem Tag auf den anderen, manchmal binnen Stunden, mit
wem er gerade gesprochen, was er eben getan hat.
Nur so ist Wehners böse Behauptung zu erklären, er habe zu seinem Nachfolger überhaupt keinen Kontakt. Hans-Jochen Vogel gehört zu jenen (wenigen), die den bitteren Alten regelmäßig besuchen und anrufen.
Da verwundert es nicht, daß Wehner letzte Woche zwei Besuchern erklärte, er könne sich an das Gespräch mit Terjung nicht erinnern.
Dem Verlag aber, der ein Vorausexemplar übersandt hatte, schrieb Ehefrau Greta am 22. Februar - und Wehner setzte seinen Herbert darunter -, sie hätten das Buch "mit großem Interesse gelesen" und sich "darüber gefreut".

DER SPIEGEL 10/1986
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