03.02.1986

„Mist bis zum zweiten Stock hinauf“

Peter Brügge über die 100-Jahrfeiern bei Daimler-Benz in Stuttgart *
In einer für die Gäste von Daimler-Benz bestimmten Stuttgarter Bar trugen die Cocktails unvergessene Auto-Namen wie Benz-Viktoria, Silberpfeil oder 300 SL. Aber so besoffen wie vom Automobil, dem "Selbstbeweger" selber, hätte davon keiner werden können.
Mildernde Umstände erheblichen Grades gibt es zu reklamieren, unter anderem für den regierenden Demokraten Lothar Späth und dessen öffentliche Beteuerung, er wisse "keine Einrichtung, die dem Menschen soviel Freiheit und Mobilität" gebracht habe wie das eigene Kraftfahrzeug.
Ja, noch einen Martin Walser hat dieser Jahrestag zu der von Daimler sogleich verbreiteten Frage hingerissen: "Wo gibt es mehr Freiheit als in einem abbezahlten Auto"?" Im Kolonnen-Verkehr der Wochenenden kann sich dieser Autor hundert Jahre nach den Entdeckungen von Benz und Daimler seinem PKW "auf die höchstmögliche Weise verbunden" fühlen, "vielleicht so wie der Kreuzritter seinem Pferd".
Da zählt es kaum noch, wenn Stuttgarts Oberbürgermeister Manfred Rommel die unter dem Stern von Untertürkheim entwickelte Maßarbeit sogar in einen Zusammenhang mit dem Jesuskind bringt. Falls dieses nämlich wahrhaftig, wie eine pietistisch-schwäbische Lesart das deutet, gar nie gespielt, sondern unverzüglich in Haus und Werkstatt geholfen haben sollte, so wäre bereits darin sagte Rommel, die für den "wirtschaftlichen Erfolg" erforderliche "Grundhaltung" erkennbar geworden.
Gurt ab zum Gebet. Hundert Jahre nach Autos Geburt ist es vorige Woche in Stuttgart so zugegangen. Der unter Kühlerhauben wirkende "Mikrokosmos modernster Technologie", so sagt der zum Dienst am Auto anreisende Bundespräsident, setze "Kinder in Entzücken" und lasse "Erwachsene zu Kindern werden". Peter W. Schutz, der Boß der gleichfalls schwäbischen Firma Porsche, hatte längst zuvor die für ihn und seine Abnehmer gültige Andachtsformel entsprechend geprägt: "Wäre ich ein Auto, dann wäre ich ein Porsche." Aber die Herren von Daimler wollen natürlich was Besseres sein.
Immerhin vergaßen sie vor Begeisterung über ihre Autos, mit denen sie zur Eröffnung der Ausstellung "Welt mobil" ihren Kanzler Kohl haben spielen lassen, daß auch Frau Kohl mit von der Partie und bei dem Männerrummel irgendwo in der Menge einfach untergegangen war, Werner Breitschwerdt, der Chef des Hauses, lenkte den vom Kanzler angekurbelten ersten Benz und war glücklich. Und Kohl, bei aller Größe, fand sogar am winzigen Stadtauto Gefallen, welches Breitschwerdts Leute zu Studienzwecken entwickelt haben. Für den Freiheitsdrang aufs Land hinaus, gab er zu, wäre das vielleicht nicht das Wahre. Breitschwerdt bat zu bedenken, daß einer mit nur einem Auto bald ähnlich arm daran sein werde wie mit einem einzigen Paar Schuhe. Davon habe "jetzt jeder auch mindestens sechs Paar".
Mit etwas Mühe fände auf den Fahrersitzen der in diesem Lande rollenden Personenwagen ja erst die Hälfte der fahrbereiten Bevölkerung Platz. Doch das wird sich, lehrt uns "Welt mobil", gewaltig bessern, und zwar nach der Devise: Einerseits immer mehr schnellere Autos, andererseits immer weniger Abgase und Tote.
"Abgasmoleküle" im Format von Mottenkugeln hüpfen in durchsichtigen Gefäßen lehrreich vermindert auf und nieder. Die Toten - 1970 waren das auf unseren Straßen 19193, voriges Jahr etwa 8200 - werden ähnlich augenfällig gemacht. Ein haushoher Plexiglasbehälter ist randvoll mit schwarzen Plastikstöpseln; ein zweiter bleibt gottlob halbleer: so bessern sich die Zeiten.
Als eine Art Mengenlehre kann auch diese überaus optimistische Ausstellung den Tod verkraften. Ich, vielleicht nur weil mein Vater bei Kilometer 218,5 der Autobahn Pforzheim-Stuttgart wegen eines Bremsversagens ums Leben kam, konnte den Ausstellern bei soviel glatter Abstraktion nicht folgen.
Seinem Autovolk das bedrohliche Tempo-Limit vom Halse geschafft zu haben, dessen konnte sich in "Welt mobil" der Kanzler unter dem Jubel der Autobauer rühmen. Und die klatschten da vielleicht gar nicht so sehr für sich. Sie selber, bis zum Großhändler herunter, hatten eigenem Fluggerät bei der Anreise den Vorzug gegeben.
Doch auch damit war dem Protest nicht völlig auszuweichen. Auf dem Weg zur Ballett-Gala mußten die Automacher an Naturschützern vorbei, die mit Fackeln und Meßgewänden kultisch einen güldenen Daimler umkreisten. Vor den Pforten zur Fernseh-Revue lauerte in Waldes Namen eine Jugend, die dem Kraftfahrt-Establishment mit Fäusten und Fichten-Schößlingen drohte.
Nach solchen Unannehmlichkeiten gestand der VW-Chef Hahn seinem Kollegen Breitschwerdt, wie sehr ihn doch dies Umweltgerede befremde, wo "doch in den Städten die Leute bald alle 80 werden". Breitschwerdt seinerseits hatte öffentlich bereits darauf verwiesen, daß der Wagen für jede Person nicht einmal bei Verwendung der veralteten Pferdekraft umweltfreundlich zu liefern gewesen _(Mit Ross Harris, Niki Lauda, Hansjörg ) _(Felmy. )
wäre. London, habe man errechnet, steckte für diesen Fall jetzt "bis zum zweiten Stock im Mist". Und soviel Mist, wem könnte das gefallen?
Unverhofft wurde diese Frage ausgerechnet durch das TV-Spektakel in gewisser Weise aktualisiert, das Michael Pfleghar den Automachern für satte 15 Millionen Mark Subvention angerichtet hatte.
Unter dem Titel "Die Zukunft hat Geburtstag" räumte die ARD damit erstmals einer Branche ein, was sie sich sonst allenfalls für die Verkündigung der Kirchen oder die Bundesliga abringt: Unbeschnittene Selbstdarstellung samt Verlängerung von erst 105 auf letztlich 165 Minuten Sendezeit.
Zu Recht sangen Wencke Myhre und Karel Gott da etwas wie "Unterwegs in die Freiheit", und als der neue Mercedes 300 E vor die Kamera kam, war das begleitet von "Freude, schöner Götterfunken..."
Was anderntags die leichtgläubigen Chefs der ARD in Fieber setzt, hat Augenzeugen in halb Europa eingeschläfert. Centomobil, ein angeblich für die Zukunftspiele bei Daimler erzeugtes Computer-Vehikel, vollgespeichert mit dem Wissen von Untertürkheim und Niki Lauda, lieferte nur unverdauliche Mixed Pickles aus ganz unverfänglichen Vergangenheiten unserer Motorisierung.
Zur Zukunft hätte Niki Lauda höchstens eine völlig unerwünschte Aussage machen können: Dieser höchstbezahlte Raser ist für ein Tempo-Limit, wie in seiner Heimat. "Absolut vernünftig" findet er das.
Mit Ross Harris, Niki Lauda, Hansjörg Felmy.
Von Peter Brügge

DER SPIEGEL 6/1986
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