03.03.1986

GRÜNEStarker Abgang

Wiesbadener Staatsanwälte erforschen eine Psycho-Affäre bei den hessischen Grünen. *
Der Verschollene meldete sich per Luftpostbrief aus der Pension "Casa Ingeborg" in Paraguays Hauptstadt Asuncion - Unterschrift: "Herzlichst Raphael".
Auf viereinhalb engbeschriebenen Seiten, Poststempel 17. Februar, teilte Raphael Keppel, 37, Assistent der grünen Fraktion im Wiesbadener Landtag, mit, er wisse nicht, wie es ihn in die südamerikanische Diktatur verschlagen habe: "Warum nach Paraguay?"
An den Fastnachtsdienstag, den 11. Februar, erinnere er sich, vage auch an einen Stopp in Rio. Aber insgesamt, gab Keppel an, fehlten ihm vier Tage.
Immerhin: Daß er von einem "Dr. Guarisi" "mit Spritzen und Pillen" traktiert worden sei, wußte er noch. Er habe sich, folgerte Keppel, im Landtag "wohl zu sehr um Korruption und Geheimmaterial bemüht". Deshalb mutmaßte er düster, "daß man mich von offizieller Seite verschwinden lassen will".
Die abstruse Verschwörungstheorie überraschte den Empfänger der Luftpost, den grünen Landtagsabgeordneten Jan Kuhnert, nicht. Kuhnert, Fundamentalist wie der im Oktober letzten Jahres bei den Grünen ausgetretene Keppel und wie dieser ein erbitterter Gegner der grünen Regierungsbeteiligung in Wiesbaden, fühlte sich vielmehr bestätigt.
Schon vor Ankunft der Post aus Paraguay hatte Fundi Kuhnert eine Art grüne Dolchstoßlegende aufgebaut. Bei Staatsanwälten und Journalisten erweckte er den Eindruck, die "mysteriösen Umstände" bei Keppels Verschwinden seien auf ein Zusammenwirken von grünen Realpolitikern und Verfassungsschutz zurückzuführen. Kuhnert: "Alle Umstände sind so, daß nicht auszuschließen ist, daß Raphael Keppel in irgendeiner Weise Zwang (vielleicht Entführung) bzw. Gewalt angetan wurde."
Unter dem scheinheiligen Vorwand, "jeglichen Gerüchten vorzubeugen, bereiteten Kuhnert und seine fundamentalistischen Freunde in einem "öffentlichen Aufruf" ("Wir suchen Raphael Keppel") die Generalabrechnung mit den ungeliebten Realpolitikern vor.
Dem Appell beigeheftet waren allerlei Kopien. Sie sollten belegen, daß die SPD einer Reihe von Spitzenrealos wie dem Bundestagsabgeordneten Otto Schily, dem hessischen Umweltminister Joschka Fischer und dessen Staatssekretär Karl Kerschgens insgeheim eine "neue hochdotierte Heimat" versprochen habe, weil sie die Grünen "zur Schwesterpartei der SPD" machen wollten. Keppel habe sich zuletzt mit Informanten, offenbar aus dem Verfassungsschutz, getroffen. Seither seien die Beweise und Keppel selber "spurlos verschwunden".
Die merkwürdigen Mitteilungen der Fundis hatten allerdings einen Schönheitsfehler. Das zentrale Begleitdokument, das angebliche Schreiben eines Bundestagsabgeordneten mit geschwärztem Absender, war erkennbar gefälscht: Auf den Briefbögen unter echtem Kopf und Bundesadler war ein maschinenschriftlicher Text mit belastenden Informationen gegen die prominenten Realos einkopiert worden.
Trotz der windigen Erklärungen leitete die Wiesbadener Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein - "wegen des Verdachts der Verschleppung, erpresserischen Menschenraubs und Geiselnahme". Die Strafverfolger ließen sich zunächst von einem Arrangement beeindrucken, das Kuhnert in Keppels Landtagsbüro vorgefunden hatte.
Der Aktenkoffer war aufgebrochen, sein Notizbuch hatte Keppel zurückgelassen. Verschwunden waren 3500 Mark, mit denen Keppel angeblich seine _(Am 26. Februar in Frankfurt. )
Informationen vom Verfassungsschutz bezahlen wollte.
Daß Keppel nach seinem starken Abgang in Asuncion auftauchte, paßt akkurat zur Theorie von der Zusammenarbeit deutscher Geheimdienste mit dem südamerikanischen Diktator Alfredo Stroessner. Als erstes klärte sich jedoch bald auf, wo Keppels Geld abgeblieben war. Ein einfacher Flug von Deutschland nach Paraguay, erfuhren die Strafverfolger im Reisebüro, kostet 3113 Mark. Den Restbetrag, so stellte die deutsche Botschaft in Asuncion fest, führte Keppel bei sich.
Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Karlheinz Zahl wurde mißtrauisch. Ihm fiel dann auch auf, wie geschickt die Fundis mit der Justiz umgingen. Vieles deutet darauf hin, daß eine Straftat vorgetäuscht worden ist. Das freilich wird nur geahndet, wenn Keppel selber "einer Behörde gegenüber seine falschen Angaben macht" (Zahl).
Das hat der Fraktionsassistent, der am Mittwoch voriger Woche freiwillig nach Frankfurt zurückkehrte, "bisher nicht getan" (Zahl). Und daß seine Fundi-Freunde öffentlichkeitswirksam ihre Sorge um den vermeintlich Entführten verbreitet haben, ist nicht strafbar.
Daß der politische Tiefschlag gegen die grünen Realos mißlang, liegt womöglich an den schwachen Nerven Keppels. Er hatte sich schon früher als "unberechenbar" und als "Neurotiker" eingestuft, der manchmal "kurz vor einer Psychose" stehe.
Diese Selbsterkenntnis gab Keppel in einem Buch zum besten, das er nach seiner ersten spektakulären Aktion veröffentlichte. Damals, im September 1979, hatte er eine Lufthansa-Boeing auf dem Weg nach Köln gekapert, um die Bundesregierung zu einer menschlicheren Politik zu bewegen: "Ich habe ein Ziel, das Humanität heißt."
Die grüne Wiesbadener Landtagsgruppe nahm den Hijacker, der zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war, nach der Haft unter die Fittiche - "im Wege eines therapeutischen Akts", so ein Grüner. Für 4800 Mark netto im Monat durfte Keppel als Assistent arbeiten. Nun keimt in der Fraktion der Verdacht, Keppel habe mit seinem mysteriösen Ausflug auch Reklame für ein neues Buch machen wollen.
Tatsächlich droht Keppel schon seit zwei Jahren, er werde seine Tagebuchnotizen aus der Landtagszeit veröffentlichen und damit "Korruption, Verlogenheit und Wählerbetrug" der grünen Realpolitiker entlarven.
Die Aufregung freilich lohnt nicht: Die "detaillierten Aufzeichnungen" (Keppel), die der Autor dem SPIEGEL vorab in Auszügen überließ, teilen nur Kleinkariertes mit - über interne Streitereien um "höhere Aufwandsentschädigungen" und über Versuche der verhaßten Realos, "sich selbst ins Fernsehen zu bringen".
Am 26. Februar in Frankfurt.

DER SPIEGEL 10/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/1986
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GRÜNE:
Starker Abgang

  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?
  • Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"
  • Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit