03.03.1986

Die Philippinen sind neu geboren

SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani über den Machtwechsel in Manila *
Seinen letzten Kampf als Herrscher über 55 Millionen Filipinos konnte der Diktator Ferdinand Marcos nicht gewinnen - denn Gott verliert keine Schlacht, und Gott war nicht auf Marcos'' Seite.
So sehen es immer noch sehr viele Filipinos. Für sie war die Auseinandersetzung zwischen dem das Land seit 20 Jahren ausbeutenden Autokraten Marcos und Corazon Aquino, Witwe des vor zweieinhalb Jahren ermordeten Oppositionspolitikers Benigno Aquino, von vornherein weniger ein politischer als ein religiöser Kampf.
Selbst Jaime Kardinal Sin, Erzbischof von Manila, gab der religiösen Inbrunst seinen Segen. "Dies ist ein Kampf der Mächte der Finsternis gegen die Mächte des Lichts", ergriff der philippinische Oberhirte Partei gegen den Präsidenten.
Als dann am Dienstag voriger Woche das Ende tatsächlich kam, Marcos mit seiner Familie aus dem Malacanang-Palast floh, umlagert von Tausenden von Menschen, die Knüppel schwangen und Kruzifixe, auch unzählige Statuetten der Jungfrau Maria mit sich führten, da war, nach allgemeiner Auffassung ein "Wunder" geschehen: Das philippinische Volk hatte sich befreit.
Doppeltes Wunder, daß die Befreiung ohne Gewalt und fast ohne Blutvergießen gelang. Und Corazon Aquino, die "einfache Hausfrau und Mutter", die es gewagt hatte, den vormals allmächtigen Diktator herauszufordern, und die schließlich über ihn triumphierte, wurde plötzlich zu einer Heiligen, einer Art Jeanne d''Arc. Filipinos verehren Plaketten mit ihrem Konterfei wie Ikonen.
Für die große Mehrheit der Filipinos war die "Februar-Revolution", die sie der Diktatur entledigte, ein schier unbegreifliches, übernatürliches Ereignis. Wichtigstes Ergebnis war nicht einmal so sehr, daß Marcos verjagt wurde, sondern, wie der Kolumnist Francisco Tatad in der Zeitung "Business Day" schrieb, "die Rückkehr Gottes in das Tun der Menschen".
Die tiefreligiöse Cory ("Herzchen"), wie Frau Aquino fast nur genannt wird, hatte sich in ihrem Kampf gegen den Despoten Marcos immer wieder auf Gott berufen. Das kam an in dem einzigen christlichen Land Asiens, in dem sich - Erbe jahrhundertelanger spanischer Kolonialzeit - 85 Prozent der Bevölkerung zur katholischen Kirche bekennen. "Gott ist ihr eine persönliche Realität", sagt ein Verwandter, "und kann in jeder Frage um Rat gebeten werden."
Es waren keine politischen Themen, mit denen Cory den alternden Diktator Marcos attackierte, sie packte ihn moralisch, verbreitete ihre schlichte, doch wirksame Botschaft von Ehrlichkeit, Anständigkeit, Wahrhaftigkeit. Im Volk erweckte sie damit etwas, was ihm seit langem schon verloren schien: Hoffnung.
Dem hatte Marcos nichts entgegenzusetzen. Ungeachtet der Wahl vom 7. Februar, die Marcos für sich entschieden haben wollte, Cory aber auch, war der Diktator längst in eine Ecke gedrängt, aus der es kein Ausbrechen gab. Zuerst verlor er seinen Mythos - der strahlende Kriegsheld entpuppte sich als Lügner -,
dann verlor er das Volk, die Kirche, die amerikanischen Verbündeten, schließlich seine eigene Armee. Am Ende hielt Marcos viele Fäden in der Hand, aber keine Marionetten mehr daran, die er hätte bewegen können.
Der Ferdinand Marcos, der am vergangenen Montagmorgen noch einmal in seinem Amtssitz, dem Malacanang-Palast, eine internationale Pressekonferenz gab, war ein Mann, der nur noch die Rolle des Präsidenten zu spielen suchte, der er schon nicht mehr war.
Eine Szene wie auf der Theaterbühne: Hinter einem kleinen Holztisch sitzt Marcos in dem goldenen Präsidentensessel, zu seiner Linken Ehefrau Imelda, ein Enkelkind auf dem Schoß, zu seiner Rechten Sohn und Tochter. Die gestellte Familieneintracht sollte Gerüchte zerstreuen, die seit Stunden durch Manila schwirrten, wonach Marcos das Land bereits verlassen hätte. Mit der Impromptu-Konferenz wollte Marcos dokumentieren, wer Herr im Hause sei.
Das Pressegespräch wird landesweit über Fernsehkanal 4 ausgestrahlt, den Regierungssender, der sich im Wahlkampf dadurch hervorgetan hatte, daß er die Herausforderin Corazon Aquino nicht einmal erwähnte.
Szenenwechsel nach der Familienshow: Marcos, nunmehr allein im Bild, verhängt in wenigen Sätzen den Ausnahmezustand über die Philippinen. Herein stürmt General Fabian Ver, Stabschef der Streitkräfte, Marcos'' treuester Vasall. Ver, in voller Kampfmontur, wird von zwei weiteren Generälen begleitet. Er nimmt Haltung an, salutiert.
Ein Journalist fragt Marcos, ob er die Kaserne "Camp Crame" stürmen lassen wolle. In Camp Crame, bis dahin Polizeihauptquartier, haben sich gegen Marcos rebellierende Militäreinheiten verschanzt, angeführt von Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile und Vize-Stabschef General Fidel Ramos, die sich zwei Tage zuvor von ihrem Präsidenten losgesagt hatten.
Bevor Marcos antworten kann, mischt sich General Ver ein: "Herr Präsident, das ist kein Problem ... Ich kann die Luftwaffe schicken." Marcos reagiert wütend: "Nein, nein, das werden Sie nicht tun. Ich habe angeordnet, daß nur leichte Waffen eingesetzt werden." Die Journalisten fragen weiter; Ver versucht mehrmals, vor Marcos zu antworten, vom ständigen "Nein, nein" des Präsidenten unterbrochen.
Schließlich gibt Ver nach: "Ich verstehe, Herr Präsident, ich werde mich darum kümmern ... Nur leichte Waffen." Pathetischer Abgang der Generäle; in der Aufregung verliert einer von ihnen seine Pistole, sie landet krachend auf dem Parkett.
Marcos beruhigt sich langsam, spricht von Entschlossenheit und Stärke. Plötzlich verschwimmt sein Bild auf dem Fernsehmonitor vor ihm. Die Leitung ist tot. Erneute Aufregung; jemand reicht dem Präsidenten eine kleine Notiz. "Sie haben Kanal 4 eingenommen", sagt Marcos in die Mikrophone. Er weiß: Die ganze Nation, die er gerade überzeugen wollte, daß er alles unter Kontrolle habe, erkennt in diesem Augenblick, daß er alles verloren hat.
Doch Marcos bleibt stur: "Ich denke nicht daran, zurückzutreten. Ich bin der rechtmäßig gewählte Präsident, und ich werde es bleiben." Jemand fragt Imelda Marcos, ob es nicht besser wäre, wenn ihr Mann zurückträte. Wütend fährt sie ihn an: "Das weiß ich nicht. Ich bin nur eine Hausfrau." Ihre Assistenten, jeder mit einer Maschinenpistole unterm Arm, geleiten sie hinaus.
Zu diesem Zeitpunkt war allen Beteiligten im Malacanang-Palast längst klar, daß das Ende nahte. Hilfesuchend rief Imelda Marcos in Washington an, sprach mit Nancy Reagan. Doch die Frau des US-Präsidenten konnte der philippinischen First Lady nur raten, Blutvergießen zu vermeiden, und sie trösten, auch sie sorge sich um die Sicherheit der Marcos-Familie.
Spät in der Nacht telephonierte auch Ferdinand Marcos mit Washington, verlangte Senator Laxalt, einen Freund beider Präsidenten, zu sprechen. "Was soll ich denn bloß tun?" fragte Marcos. "Machen Sie Schluß. Die Zeit ist gekommen", gab Laxalt zurück. Nach einer langen Pause darauf Marcos: "Ich bin sehr enttäuscht."
In Camp Crame, dem wenige Kilometer vom Malacanang-Palast entfernten Rebellen-Hauptquartier, werden die Zufahrtsstraßen von riesigen Menschenmassen blockiert. Nur durch ein Labyrinth schmaler Trampelpfade ist ein Zugang zur Kaserne möglich. Auch diese Wege sind durch Sperren abgeriegelt, auf denen junge Männer hocken. Die Rebellen-Armee unter Minister Enrile und General Ramos wird von Zehntausenden unbewaffneter Zivilisten geschützt. Viele führen Kruzifixe und Bildnisse der Jungfrau Maria mit.
In der Kaserne herrscht Jubel über den erfolgreichen Angriff auf den Fernsehsender Kanal 4. Der Widerstand war gering gewesen, nur drei Soldaten der Marcos-loyalen Truppen wurden verwundet. Stabschef Ver hat neue Einheiten geschickt, den Sender zurückzuerobern. Doch die sind alle sofort zu Ramos übergelaufen.
In den Räumen des Camps, überfüllt mit schwerbewaffneten Soldaten, singen Nonnen geistliche Lieder, bereiten Frauen Essen für die vielen hundert Helfer und Soldaten. Ein Aufschrei der Freude, als Kanal 4 wieder zu senden beginnt. Jetzt "im Namen des Volkes". "Wir müssen uns entschuldigen, wir sind noch nicht so gut organisiert", sind die ersten Worte der Ansagerin im befreiten Funkhaus.
An einer Seite des Sportplatzes ist ein riesiges Schild aufgestellt:
"Defection Center. Welcome". Einzelne Soldaten oder ganze Militäreinheiten, die sich den Rebellen anschließen wollen, sollen sich hier melden. Es kommen bald immer mehr. Am Montagmorgen war die gesamte philippinische Luftwaffe bei den Rebellen. Marcos hatte lediglich noch zwei Hubschrauber unter seinem Befehl.
Doch der Diktator tat immer noch so, als sei er weiterhin Herr der Lage. Am Dienstagvormittag ließ er sich in seinem Palast vom obersten Richter des Landes, den er selbst eingesetzt hatte, als siebter Präsident der Philippinen für eine Amtszeit von sechs Jahren vereidigen. Ein gespenstisches Schauspiel: Nur die engste Marcos-Familie und wenige Berater nahmen an der Feierlichkeit teil. Nicht einmal Arturo Tolentino, Marcos'' designierter Vizepräsident, war zur Inauguration seines Chefs erschienen. Tolentino später: "Es gibt Zeiten, da ist es besser, zu denken als zu reden."
Im ganzen Land sollte seine Amtseinführung über Kanal 9, den einzigen noch verbliebenen Regierungssender, ausgestrahlt werden. Aber gerade als er die Hand hob und "ich schwöre" sagte, kippte das Bild mal wieder von den TV-Geräten. Rebellen hatten die Antennen gekappt.
Noch am selben Abend floh die Marcos-Familie aus der Hauptstadt. Seinen getreuen Stabsgeneral Ver nahm der Diktator mit ins amerikanische Exil, vorerst nach Hawaii.
Nur wenige Stunden dauerte so der absurde Zustand, daß die Philippinen zwei Präsidenten hatten. Denn fast gleichzeitig mit Marcos hatte sich Corazon Aquino vereidigen lassen - im mondänen Country-"Club Filipino" in Manilas Vorort Green Hills, wo die reiche, alteingesessene Oberschicht wohnt.
Hunderte von Gästen drängten sich im Ballsaal, als Cory ihren Eid auf die Verfassung der Philippinen ablegte. Die Gäste gaben ein lebendes "Who is who" der feinen philippinischen Gesellschaft ab; keine der elitären Familien des Landes, deren Name schon stets Synonym für Reichtum und damit politischen Einfluß war, fehlte.
Corazon Aquino, geborene Cojuangco, entstammt selbst diesem Milieu. Ihr Vetter etwa, Eduardo Cojuangco, galt als der reichste Mann der Philippinen; ihm war von Marcos das Monopol über die Kokos-Industrie, größte Exportbranche der Philippinen, zugeschanzt worden. Vetter Eduardo ist mit dem Diktator ins Exil geflohen.
Bei Corys Vereidigung als Staatspräsidentin war von Revolution, von Herrschaft des Volkes, nichts zu spüren. Hier wehte der Hauch der Restauration. Die von Marcos vorübergehend in die Ecke gedrängte Oligarchie alter Familien feierte sich selbst.
Cory Aquino ist keine Politikerin, sagt sie, und unklar ist bislang folglich geblieben, welche Politik sie denn gestalten will.
"Hier ist Cory Aquino. Ich bin gekommen, um euch zu sagen, daß der Tag der Befreiung nahe ist", rief sie Millionen von Filipinos während des Wahlkampfs immer wieder zu. Über Politik oder Programme hat sie sich kaum je geäußert. Auf konkrete Probleme angesprochen, reagierte sie oft verwirrt und unfähig, deutlich Position zu beziehen. Zwar hielt sie einige vorzügliche politische Reden, doch die schrieben ihre Berater, von Marcos verächtlich "die 50 Gespenster" geschmäht.
Diese Berater machen wohl die wirkliche Politikerin Cory Aquino aus: eine Gruppe von Verwandten, Priestern und Geschäftsleuten, alle mit Diplomen der besten Universitäten des Landes oder der USA. Cory selbst studierte Französisch und Mathematik am Mount St. Vincent College in New York. Corys Reden entwirft ein Jesuitenpater, ihre Wirtschaftsprogramme entstammen ebenfalls der Feder eines Jesuiten sowie einem Team von Harvard-Ökonomen, ihre Kulturpolitik formulierten die Dominikaner-Priester der Santo-Tomas-Universität.
Als persönliche Sekretäre und Assistenten beschäftigt sie ihren Bruder Peping Cojuangco, zwei Schwäger und eine Gruppe von Damen aus guten Familien, zumeist verwandt mit den Aquinos.
Hinter Corazon Aquinos Jeanned''Arc-gleichem Kreuzzug für Gerechtigkeit und Freiheit lassen sich mehrere Motive vermuten: Da ist sicher der Versuch, die soziale Ungerechtigkeit auf den Philippinen zu mildern, um so die kommunistische Untergrundbewegung einzudämmen. Da ist der nachdrückliche Wunsch der Kirche, auf den Philippinen wieder eine führende Rolle nicht nur moralisch, sondern auch politisch zu spielen. Und da ist schließlich das spürbare Verlangen einiger alter Familien, mit Parvenüs vom Schlage Marcos und seiner Satrapen, die sich zwei Jahrzehnte lang auch auf ihre Kosten bereicherten, abzurechnen.
"Steht Cory politisch links oder rechts?" wurde ein alter Priester in der Provinz Batangas gefragt. Seine Antwort: "Und die Jungfrau Maria - welcher Partei gehörte sie an?"
Am 16. Februar verkündete Cory bei einer Demonstration in Manilas Luneta Park mit über zwei Millionen Menschen ihre Pläne für zivilen Ungehorsam, um so das wackelnde Marcos-Regime zu fällen. Sie rief dazu auf, Banken und gewisse Firmen zu boykottieren. Dabei zeigte sich, wie sehr sie der reichen oberen Mittelschicht, der sie entstammt, verhaftet ist, wie wenig sie tatsächlich die Probleme der Massen, deren Begeisterung sie nach oben getragen hat, versteht.
Die Boykott-Aufforderungen machten wenig Sinn für die Armen in den Barrios, die keine Ersparnisse haben, die sie von einer Marcos nahestehenden Bank abziehen könnten; die keine Marcos unterstützenden englischsprachigen Zeitungen kaufen; und die sich auch nur so selten ein "San Miguel"-Bier aus der Brauerei von Eduardo Cojuangco leisten können, daß für sie ein Boykott sinnlos scheint.
Die Massenaufmärsche und Demonstrationen, die Scharmützel mit Polizei und Militär vor dem Präsidenten-Palast - das war für die Jungen und Armen des Volkes ihr Anteil an der Revolution. Durch den Boykott einiger Zeitungen, _(Nach der Machtübernahme vorigen Mittwoch ) _(bei einer Besprechung mit der alten ) _(Regierung. )
Biermarken und Banken schwelgten Mittel- und Oberschicht in dem Gefühl, teilzuhaben an der "Revolution".
Aber was für einer Revolution?
Cory ist umgeben von Leuten der alten, selbst korrumpierten Bourgeoisie. Als sie vergangenen Mittwoch die Namen ihrer Minister bekanntgab, klang es, als sei sie eine große Koalition mit Marcos eingegangen, nur eben ohne Marcos. Jeder dritte in ihrem 18köpfigen Kabinett hatte unter Marcos wichtige Regierungsposten eingenommen. Der prominenteste Mitläufer: Juan Ponce Enrile, über 20 Jahre lang Marcos'' treuer Weggefährte, bis Samstag vorletzter Woche Marcos'' Verteidigungsminister, Architekt des Kriegsrechts, mit dem Marcos das Volk acht Jahre lang knutete, von Marcos als sein Nachfolger ausersehen.
Seine Rebellion in letzter Minute, als er wußte, daß Marcos sich nicht halten konnte, machte ihn zum mächtigsten Mann in Corys Kabinett: Er ist wieder Verteidigungsminister.
Neben Enrile ist Vizepräsident Salvador Laurel, 57, der einflußreichste Mann im Kabinett. Nicht nur, daß er gleichzeitig auch Ministerpräsident und Außenminister ist. Er gilt als der politische Kopf, der plant und denkt, was Cory sagen darf. Auch Laurel - sein Vater war philippinischer Staatspräsident während der japanischen Besatzung - war lange ein Marcos-Mann. Laurels Familie hatte 1965 den bis dahin kaum bekannten Anwalt Ferdinand Marcos auf den Schild gehoben, ihn auch mit finanzieller Unterstützung zum Präsidenten gemacht. Erst 1981 sagte sich Laurel von Marcos los und schwang sich zum Sprecher der Opposition auf.
Alle Minister in Corys Kabinett entstammen wohlhabenden, traditionsreichen Familien. Auf die Frage, warum sie keinen Vertreter der Arbeiter oder Bauern in ihrer Regierung habe, der Massen also, die sie im Wahlkampf getragen haben, antwortete die frischgekürte Präsidentin: "Gebt mir Zeit. Ich weiß, daß ich meine Wahl dem Volk verdanke."
"Dies ist nur ein Übergangskabinett", meint ein enger Berater der Präsidentin. "Leute wie Enrile können vielleicht einen Monat bei uns bleiben, nicht länger."
Die Regierung der Corazon Aquino lebt von und mit Widersprüchen. Das wurde gleich bei der ersten Pressekonferenz der Präsidentin am vergangenen Mittwoch deutlich. "Was wird mit den politischen Gefangenen geschehen? Wie viele gibt es überhaupt?" fragte ein Journalist. "Da muß ich meinen Verteidigungsminister konsultieren", erwiderte Cory und wandte sich Enrile zu. Gelächter: Denn Ponce Enrile ist eben der Mann, der unter Marcos verantwortlich dafür war, daß einige hundert Oppositionelle hinter Gitter kamen.
Noch geht bei den Reichen die Angst vor einem Umsturz, vor einer wirklichen Revolution um. In der Marcos-Ära sind die Kampfverbände der kommunistischen Untergrundbewegung von ein paar hundert Guerrilleros auf eine Armee von mehr als 15000 Mann angeschwollen. Bei mindestens einer Million Filipinos finden sie Unterstützung.
Doch die Wahl hat schon einige Gruppen am linken Rand des politischen Spektrums davon überzeugt, daß es besser sei, sich in den demokratischen Prozeß einzugliedern. 12 von 15 Unterorganisationen der "Bayan", einer linken Gruppe, die als Fassade der verbotenen Kommunistischen Partei gilt, schlossen sich der Aquino-Bewegung an. Cory hat eine Amnestie für alle Guerrilleros angekündigt, sofern sie die Waffen niederlegen. "Die Filipinos sind Idealisten und keine Ideologen", sagt Oberst Alex Flores, Experte für die Bekämpfung der Guerilla, "die Hälfte der Untergrundkämpfer sind doch nur dem Namen nach Kommunisten. Wir werden bald erleben, daß viele heimkehren."
Doch dann darf Corazon Aquino die in sie gesetzten Erwartungen nicht enttäuschen. Wenn aber, wie zu erwarten, die "Heilige" sich als fehlbarer Mensch erweist, könnte die Flucht junger Filipinos in die Berge gar noch zunehmen.
Vor allem aber: Kann Corazon Aquino sich durchsetzen? Ihre politische Unerfahrenheit und die Präsenz ränkegeübter starker Männer in ihrer Regierung stimmen eher skeptisch. Nicht nur Ponce Enrile und Salvador Laurel haben nie ein Hehl aus ihren Ambitionen gemacht, selbst Präsident zu werden. "Ihren Gegner hat Cory besiegt", sagt der Verleger Maximo Soliven, "kann sie auch ihre Freunde besiegen?"
Noch überwiegt die Freude über das Ende einer langen, verhaßten Diktatur. "Die Philippinen sind neu geboren", meint Pater Donelan von der Ateneo-Universität, "aber das Leben von Neugeborenen ist immer in Gefahr."
Nach der Machtübernahme vorigen Mittwoch bei einer Besprechung mit der alten Regierung.
Von Tiziano Terzani

DER SPIEGEL 10/1986
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