03.03.1986

„Wir werden sehen, ob sie ernst macht“

SPIEGEL-Reporter Olaf Ihlau über die Erwartungen der Filipinos an Corazon Aquino *
Die Sieger geben sich gnädig. Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile, der mit seinem Frontwechsel Marcos den Coup de grace versetzte, scheut sich nicht, dem Ex-Präsidenten ein Wort der Anerkennung ins Exil nachzurufen "für die Einsicht und Güte", die er bei seinem Untergang gezeigt habe. Kardinal Sin, Kopf der gegen den Marcos-Clan aufbegehrenden katholischen Kirche, fordert bei einem der Dankgottesdienste zum Gebet für den gestürzten Autokraten auf: "Möge er seinen Seelenfrieden finden."
Nach bang durchwachten, dann rauschend durchfeierten Nächten weicht die Euphorie in Manila allmählich psychischer Erschöpfung. Aber noch immer strömen täglich Tausende zum Präsidentenpalais. Sie werden aus den Vorstädten herangekarrt in Korsos von Jeepneys, den grellbunten Sammeltaxis.
In den zertrampelten Parkanlagen um den Malacanang-Palast feiert das Volk seinen Erfolg. 20 Jahre lang ist es den Filipinos verboten gewesen, dem streng bewachten Domizil ihres verschwenderischen Herrscherpaares nahe zu kommen. "Nun hat sich das Volk den Palast zurückgeholt", kommentiert die vormals Marcos-treue Zeitung "Bulletin Today" den nächtlichen Sturm von Plünderern und Souvenirjägern auf die Residenz.
Damit sich so etwas nicht wiederholt, bewachen freundlich lächelnde Soldaten den leeren Palast. An den Läufen ihrer Uzi-Maschinenpistolen hängen gelbe Seidenschleifen. Gelb ist die Modefarbe der Stunde, die Farbe der siegreichen Marcos-Kontrahentin Corazon Aquino. "Love Cory" heißt es auf gelben Luftballons, gelben Stirnbändern, gelben T-Shirts.
Die daneben am häufigsten auftauchende Parole preist den Triumph von "People's Power". Denn dieser "revolutionäre" Machtwechsel sei, verkündete Corys Vizepräsident und Premier Salvador Laurel pompös, "durch Gottes Wille ein Sieg des philippinischen Volkes".
Wirklich? Wer in die Slums von Tondo, Navotas oder Dagatan hinausfährt, der wird von Volkesfreude wenig spüren, keine gelben Fahnen und Transparente finden. Zweieinhalb der rund sieben Millionen Einwohner zahlenden größten Metropole Südostasiens vegetieren in dem erbärmlichen Hütten- und Kloakengewirr dieser Elendsviertel.
Dort ist schon glücklich, wer nicht täglich die Müllhalden nach etwas Brauchbarem durchwühlen muß und über ein Monatseinkommen von 800 Pesos verfügt, rund 80 Mark. Damit lassen sich zwei 50-Kilo-Säcke Reis erstehen.
Das Los der Armen und Arbeitslosen zu verbessern sei ihre "Hauptsorge", kündigt Corazon Aquino bei der Vorstellung ihres Kabinetts an. "Wir werden sehen, ob sie mit ihren schönen Versprechen ernst macht", bleibt Trinidad Herrera, die in den "Barrios" als Königin der Armen verehrt wird, skeptisch. Unter Marcos war die abgehärmte Sozialarbeiterin und Symbolfigur der Slum-Selbsthilfegruppe "Zoto" wegen Verdachts der kommunistischen Subversion inhaftiert und gefoltert worden.
Die Wahlen boykottierten Trinidad Herrera und ihre Freunde vom linken Bündnis "Bayan", weil sie sich keine faire Chance von diesem Urnengang versprachen. Als aber Ferdinand Marcos wankte und seinen rapiden Machtverfall mit einer Gewaltaktion aufhalten wollte, stellten sich auch die Slumbewohner den Panzern in den Weg.
Nein, nicht das Volk habe mit dem Verschwinden von Marcos gesiegt, glaubt Trinidad Herrera, "sondern eine andere Gruppe aus der kleinen Oligarchie der Superreichen, die fast das ganze Volksvermögen kontrollieren. Richtig ist, daß Cory Aquino einer Familie der alten feudalen Elite angehört; daß sie zwar die Vollendung der Agrarreform, die Auflösung der Zucker- und Kokosmonopole propagiert, dabei jedoch Mitbesitzerin der Hacienda Luisita ist, einer der größten Zuckerrohrplantagen im westlichsten Land des Fernen Ostens.
Allerdings, und dies empfindet Trinidad Herrera als ermutigend, lebt Cory betont bescheiden. Bestimmt ist ihr nicht jene Prunksucht eigen, die Imelda Marcos verleitete, wie ein mit erlesenen Brillanten aufgeputzter Christbaum in die Gossen der Slums hinabzusteigen, "damit die kleinen Leute einen Stern sehen, zu dem sie aufblicken können".
Wo es geht, kassiert die Sippschaft des gefallenen Regenten auch noch bei ihrem Abgang skrupellos ab. Imeldas Schwester erleichtert die Nationalbank vor der Abreise um 17 Millionen. Der Fahrer ihres Bruders "Bejo" Romualdez wird von der Polizei dabei erwischt, wie er 13 Holzkisten mit frisch gedruckten 100-Peso-Scheinen im Wert von 130 Millionen abtransportieren will.
Offenbar gut versorgt besteigen die Günstlinge des Marcos-Regimes die Privatjets und steuern ihre Besitzungen im Ausland an - Folgen eines Machtwechsels, welche die Filipinos eher amüsieren denn in Rage bringen.
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 10/1986
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