03.03.1986

ÄGYPTENAllahs Zug

Aufgestachelt von religiösen Extremisten, meuterten Tausende schlechtbezahlter Sicherheitspolizisten - ein Warnzeichen für Präsident Mubarak. *
Soldaten in schwarzer Wolluniform setzten das Hotel in Brand. Entsetzte Schweizer und französische Touristen flohen über den Zaun des Bungalow-Hotels "Jolieville" und suchten Sicherheit im nahen Fellachen-Dorf Kardasa.
Etwa sechs Hundertschaften der ägyptischen "Amn markasi" (Zentrale Sicherheitstruppe) stürmten mit Petroleumfackeln in zwei weitere nahe gelegene Luxusherbergen, "Holiday Inn Sphinx" und "Holiday Inn Pyramids". Erst beim Angriff auf das älteste Renommierhotel des Nahen Ostens, das "Mena House" am Fuß der Cheops-Pyramide, stießen die Meuterer auf Widerstand. Eine Polizeieinheit eröffnete das Feuer auf ihre brandschatzenden Kollegen.
Vier weiße Fiats rasten inzwischen über die elf Kilometer lange Pyramiden-Straße zum Zentrum von Kairos westlicher Trabantenstadt Giseh und riefen die Bevölkerung über eilig montierte Lautsprecher dazu auf, die Randalierer zu unterstützen: "Öffnet dem Zuge Allahs Wege und Tore", und: "Satans Herrschaft ist am Ende." Mehrere Nachtklubs am Wege etwa das bei saudiarabischen
Kunden beliebte Kasino "El-Lail" (Die Nacht), gingen in Flammen auf. So spontan und zufällig, wie die plötzlichen Ausschreitungen zunächst schienen, war die Gewalteruption nicht: Fast auf die Minute genau brachen ähnliche Unruhen in Kairos nördlichem Vorort El-Kaljubia und in den Städten El-Ismailia, Asjut und Sohag aus.
Zum ersten Mal seit dem Sturz des Königsregimes 1952 rollten kampfbereite Panzer durch die ägyptische Hauptstadt. Sturmtruppen errichteten Straßensperren an den Ausfallstraßen und im Stadtzentrum. Als auch im Süden und Osten der Zwölf-Millionen-Stadt Angehörige der Schutzpolizei auf die Straße gingen und zu plündern begannen, ließ die Luftwaffe Kampfhubschrauber aufsteigen. Reguläre Armee-Einheiten setzten Scharfschützen und Tränengasbomben ein. Mindestens 40 Menschen kamen zu Tode, über 300 erlitten Verletzungen.
Der Anlaß des für Ägypten unerhörten Geschehens (Tageszeitung "Al-Achbar": "Wir sind doch nicht im Libanon") war simpel: Unbekannte stachelten die 120000 Mann der Zentralen Sicherheitspolizei mit dem Gerücht auf, ihre dreijährige Dienstzeit solle um weitere zwölf Monate verlängert werden.
Diese überwiegend aus dörflichen Rekruten zusammengesetzte Truppe führt ein kärgliches Dasein. Zwar garantiert der Staat den Sicherheitspolizisten Kleidung und Verpflegung. Doch statt in Kasernen schlafen sie in Zelten, müssen ihre Wäsche selber waschen (graugelbe Armeeunterhosen, die auf Stacheldrahtverhauen trocknen, künden gewöhnlich von einem Camp der Staatsschützer) und beziehen einen spärlichen Sold von 14 ägyptischen Pfund (etwa 25 Mark).
Daß diese Leidenszeit verlängert werden könnte, gar um ein ganzes Jahr, wirkte auf die Schwarzuniformierten wie eine Provokation. Angeschärft wurde der Aufruf zur Rebellion mit islamischen Parolen - für die Ägyptens Fellachen ohnehin besonders empfänglich sind.
Die plötzlichen Unruhen zeigten zugleich, wie wenig stabil die ägyptische Gesellschaft ist. Gut ein Fünftel der etwa 50 Millionen Ägypter lebt unter dem Existenzminimum, darunter viele Beamte und Akademiker. Auch islamische Fundamentalisten, denen Präsident Mubaraks prowestliche und nach innen relativ liberale Politik nicht paßt, rühren sich immer stärker.
Daß religiöse Eiferer hinter den Unruhen standen, zeigte sich an den Zielen der erbitterten Staatsschützer: Prediger mit wallenden Bärten und weiten weißen Gewändern lenkten die Meuterer auf das, was sie für Sündenpfuhle halten. Fast alle Nachtlokale der Touristenregion zwischen Sphinx, Pyramiden und dem westlichen Nilufer gingen in Flammen auf. Geschäfte, die Bier und anderes Teufelsgetränk verkaufen, wurden zertrümmert.
Im südlichen Vorort Tura erzwangen die frommen Rädelsführer die Freilassung mehrerer hundert Insassen des Untersuchungsgefängnisses, vor allem staatsgefährdender religiöser Ultras, die sich dem Kampf gegen Andersgläubige und gegen den "gottlosen" Staat verpflichtet haben.
Die meisten der rund 2000 festgenommenen Rebellen hatten Bündel druckfrischer Zehn-Pfund-Noten bei sich. Von den anonymen Spendern wurde berichtet, daß sie Bärte trugen - in Ägypten gewöhnlich das Erkennungszeichen religiöser Extremisten.
Mitglieder der unter der Nasser-Diktatur verfolgten militanten Moslem-Bruderschaft hatten seit ihrer Entlassung aus den Gefängnissen 1970 mit der Untergrundarbeit begonnen. Sie nutzten die Frustration der militärisch gedemütigten und wirtschaftlich gebeutelten Ägypter und konzentrierten ihre Propaganda vor allem auf die unteren Ränge der Polizei und anderer Sicherheitsorgane.
Ihr erster Erfolg war der Aufstand der Unteroffiziere und Kadetten der "Technischen Militärschule" 1974. Im August 1981 verhinderten Sympathisanten der frommen Streiter in Geheimdienst und Innenministerium die rasche Beilegung der Zusammenstöße zwischen Moslems und Kopten im Kairoer Armeleute-Viertel El-Sauja el-Hamra. Ihr bisher größter Triumph war die Unterwanderung des Unteroffizierskorps einer Armee-Einheit, womit die Ermordung von Präsident Anwar el-Sadat erst möglich wurde.
Nährboden für die religiös verbrämte Hetze sind vor allem die sozialen Gegensätze des Landes. Zwar führten die Ankurbelung der Privatwirtschaft und die Überweisungen von etwa vier Millionen ägyptischen Gastarbeitern aus den Golfstaaten in den letzten Jahren zu einem Boom, der den Lebensstandard der Massen rasch ansteigen ließ.
Auch profitieren alle Ägypter davon, daß Mubarak seit Jahrzehnten überfällige Verbesserungen der Infrastruktur anordnet. Kairos Verkehrschaos wird im nächsten Jahr durch eine U-Bahn gebessert, die vor einem Vierteljahrhundert geplant, aber erst jetzt gebaut wird. Milliarden werden in den Bau von Telephonnetzen, Abwässerkanälen und Sozialwohnungen investiert.
Doch das änderte nichts an der Misere vor allem der unterbezahlten Staatsdiener, die auch in Mubaraks Ägypten bisher zu kurz gekommen sind.
Mubarak weiß, daß er mit Härte allein den "schweigenden Marsch" (so das religiöse Hetzblatt "a-l'tisam") nicht aufhalten
kann, wenn er nicht auch die Gründe für die Unzufriedenheit bekämpft: Entgegen den Empfehlungen von Weltbank und Währungsfonds müßte nach Ansicht ägyptischer Wirtschaftler die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln und staatlichen Dienstleistungen nicht nur beibehalten, sondern ausgeweitet werden. Die Gehälter der Beamten und Angestellten der verstaatlichten Betriebe müßten angehoben und an die Inflation (offiziell 20 Prozent) angepaßt werden.
Für politische Entlastung könnte Mubarak sorgen, wenn er den Oppositionsparteien größeren Spielraum gewährte. Immer mehr Kritiker verlangen vom Präsidenten, den Vorsitz über die Regierungspartei NDP (Nationaldemokratische Partei, eine Erfindung seines autoritären Vorgängers Sadat) aufzugeben und sich mit der Funktion eines "Schiedsrichters über allen Parteien" zufriedenzugeben - auch wenn das mit einer gewissen Machteinbuße verbunden wäre.

DER SPIEGEL 10/1986
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